Vernunft und Glaube im Heiligen Qur’an

Vorwort des Übersetzers

Die zwanzigbändige Qur‘anexegese „Al-Misan“ (Die Waage) von Allamah Tabatabai gehört zu den wichtigsten qur‘anwissenschaftlichen Publikationen des 20. Jahrhunderts. Sie ist nicht nur in inhaltlicher Reichhaltigkeit und logischer Schärfe mit kaum einer anderen Qur‘aninterpretation zu vergleichen sondern zeichnet sich auch dadurch aus, dass die schwierigsten philosophischen, mystischen, theologischen und qur’anischen Inhalte mit dem alltäglichen Leben der Muslime in Beziehung gesetzt werden und dem Leser dadurch die immerwährende Aktualität des Heiligen Qur’ans in klarem Licht erscheint. Dazu entspringt Al-Misan dem Blick eines Menschen, der Philosophie, Mystik und Theologie harmonisch in sich vereint und als unterschiedliche Aspekte einer Realität wahrnimmt. Letzteres verleiht diesem Werk zwar eine unglaubliche Vollständigkeit, erschwert aber zum Teil sein Verständnis, weil es eine ähnlich beschaffene Perspektive des Lesers erfordert.

Doch da ein außergewöhnliches Werk wie Al-Misan in gleicher Weise Weg und Ziel ist, wurde der folgende Abschnitt aus Band 5 zum Thema Vernunft ins Deutsche übertragen, um einige Fragen zum Verhältnis von Vernunft und Glauben im Islam zu beantworten. Im Titel – „Abhandlung über das Denken, zu welchem der heilige Qur’an anleitet, unter Berücksichtigung von Philosophie und Tradition“ – spiegelt sich das Anliegen Allamah Tabatabais wieder, diese Thematik aus einer allgemein menschlichen Perspektive zu behandeln. Daher verdeutlicht er zu Beginn, dass die Vernunft für jeden Menschen der Schlüssel zu einer erfolgreichen Lebensführung ist und der Heilige Qur’an, obzwar ein göttliches Buch, zur vernünftigen Erschließung seiner Lehren auffordert, und eine erzieherische Wirkung auf dieses höchste menschliche Vermögen hat. Vernunft und Glaube leiten gemeinsam auf den geraden Weg, der, wie sollte es anders sein, in jeder Hinsicht vernünftig und frei von Widersprüchen ist.

Spricht der Heilige Qur’an, so Allamah Tabatabai, von Vernunft, versteht er darunter jene formalen und inhaltlichen Regeln der Logik, die sich jeder Mensch entsprechend seines unveränderlichen Wesens zunutze macht, um sein Wissen zu erweitern und einer vernünftigen Begründung zuzuführen, was ohne selbstevidente Begriffe und Aussagen, die keiner Definition und Begründung bedürfen, unmöglich wäre. Dieser Vernunftbegriff ist gegen jede Form der Skepsis immun, da diese selbst nicht ohne Rekurs auf logische Regeln und Gesetze formuliert werden kann. Allamah Tabatabai geht nach dieser allgemeinen Widerlegung der Skeptiker ausführlich auf viele unterschiedliche Einwände ein, die im Laufe der islamischen Geschichte und in der westlichen Philosophie, gegen „den Weg der Vernunft“, wie er ihn nennt, erhoben wurden und beantwortet jede einzelne mit besonderer Sorgfalt und logischer Genauigkeit. Aufgrund des großen Umfangs wurde dieser Teil nicht übersetzt. Anhand von einigen Versen aus dem Heiligen Qur’an wirft Allamah Tabatabai anschließend die Frage auf, welche Rolle Gottesfurcht bei wahrer Erkenntnis spielt.

Er orientiert sich hier an einem weiteren qur’anischen Wissensbegriff, der den Menschen erst dann wahre Einsicht zuspricht, wenn diese in der Praxis also seinen Handlungen in Erscheinung tritt. Die Differenzierung zwischen rein theoretischem Wissen und einer Erkenntnis, die das Herz miteinschließt und daher ohne Gottesfurcht nicht zu realisieren ist, liegen den weiteren Erörterungen zugrunde. Ebenso wenig wie Gottesfurcht, so Allamah Tabatabai weiter, eine unabhängige Erkenntnisquelle darstellt, kann ein verdorbenes Leben, welches im einseitigen Gehorsam einem Trieb (Vermögen) gegenüber besteht, das theoretisch logische Wissen außer Kraft setzen, vielmehr tritt dadurch eine innere Desensibilisierung bzw. Abstumpfung ein, die auf letzter Stufe in vollkommener Ignorierung wahrer und richtiger Erkenntnisse mündet. Hier ist zu beachten, dass die Möglichkeit, etwas zu ignorieren, Wissen voraussetzt. Daher ist Gottesfurcht sowohl ein Mittel zur Bewahrung wahrer Erkenntnisse als auch Voraussetzung zu deren Wahrnehmung, die nur dann stattfindet, wenn das menschliche Naturell erhalten ist, d. h. aristotelisch gesprochen seine goldene Mitte – die Waage (Al-Misan) – nicht verloren hat.

Fällt nun richtiges Wissen auf fruchtbaren Boden, kann die Pflanze wahrer Erkenntnis wachsen und bringt mit göttlicher Hilfe irgendwann die Frucht der Gewissheit hervor, die den Menschen mit der göttlichen Existenz vereint und deren Süße und Schönheit nur den besten und gottesfürchtigsten Dienern vorbehalten ist. Nach diesem kurzen Überblick über die Worte Allamah Tabatabais folgen nun ein paar abschließende Bemerkungen. Dieser Übersetzung liegen der arabische Ursprungstext und vereinzelte persische Übersetzungen zugrunde. Obwohl die inhaltliche Übereinstimmung das größte Anliegen des Übersetzers war, wurde in Ansätzen versucht, den eigens gewählten Schreibstil Allamah Tabatabais beizubehalten. Alle Ergänzungen des Übersetzers wurden in eckige Klammern gesetzt. Die Überschriften der einzelnen Kapitel wurden zwecks inhaltlicher Orientierung des Lesers hinzugefügt.

Allamah Tabatabai

1. Richtiges Denken als Voraussetzung glücklichen Lebens

Es besteht kein Zweifel, dass das menschliche Leben ein vernünftiges ist, welches nur durch das Vermögen, welches wir „Denken“ nennen, existieren kann. Die Konsequenz daraus, dass das [menschliche] Leben auf dem Denken basiert, ist nun folgende: Je richtiger, korrekter und vollkommener das Denken ist, umso besser und stabiler gestaltet sich das Leben des Menschen. Also fußt jedes erfolgreiche Leben, ungeachtet welchen Maximen und welchem Weg es folgt und unabhängig davon, ob dieser Weg bereits begangen wurde oder neu zu beschreiten ist, auf richtigem Denken. Je größer der Anteil des Lebens am richtigen Denken ist, umso maßvoller und glücklicher ist es und umso größer ist seine Beständigkeit. Auch im Heiligen Qur’an erwähnt Allah diesen Sachverhalt in verschiedenen Formen und Akzentuierungen:

  • „Ist denn einer, der tot war, und den wir dann zum Leben erweckt haben, und dem wir ein Licht gegeben haben, mit dessen Hilfe er unter den Menschen umhergeht, dem gleich, der in der Finsternis ist und nicht aus ihr herauskommen kann?“ (Heiliger Qur’an 6:122)
  • „Sag: Sind etwa die Wissenden den Nichtwissenden gleich? Niemals, doch nur diejenigen, die Verstand haben, lassen sich mahnen.“ (Heiliger Qur’an 39:9)
  • „[…] so erhöht auch Gott diejenigen von euch, die glauben, und die, denen das Wissen gegeben wurde, um Rangstufen.“ (Heiliger Qur’an 58:11)
  • „So verkünde die frohe Botschaft meinen Dienern, * die auf das Wort hören und dem Besten davon folgen. Das sind die, die Gott rechtgeleitet hat, und jene, die Verstand haben.“ (Heiliger Qur’an 39:18)

Viele andere Verse könnte man hier noch anführen, doch die zitierten belegen zur Genüge, dass am Gebot des Heiligen Qur’ans, die Menschen zum richtigen Denken einzuladen und den Weg des Wissens zu verbreiten, nicht gezweifelt werden kann.

1.1 Der heilige Qur’an als Rechtleitung auf den Weg der Vernunft

Zwar erwähnt der Heilige Qur’an, dass sein Weg einer von mehreren möglichen vernünftigen ist, aber: „Wahrlich, dieser Qur’an leitet zum wirklich Richtigen.“ (Heiliger Qur’an 17:9) Ungeachtet dessen, ob unter dem wirklich Richtigen ein Gesetz, eine Tradition oder Lebensweise gemeint ist, der Heilige Qur’an spricht hier über einen lebenswichtigen Weg, dessen vollkommene Richtigkeit, sich vom richtigen Denken, auf dem er beruht, ableiten lässt. An anderer Stelle heißt es: م „Ein Licht und ein offenkundiges Buch sind von Allah zu euch gekommen. * Allah leitet damit diejenigen, die nach seinem Wohlgefallen streben, die Wege des Friedens und bringt sie – mit seiner Erlaubnis – aus der Finsternis heraus ins Licht und führt sie auf einen geraden Weg.“ (Heiliger Qur’an 5:15-16) Der gerade ist ein offensichtlicher und klarer Weg, der nach außen und innen jeden Widerspruch von sich weist. Weder widerspricht er dem gewünschten und wahrhaftigen Ziel des Menschen noch sind Teile von ihm einander entgegengesetzt.

1.2 Untrennbarkeit von Glaube und Vernunft

Der Heilige Qur’an allerdings bestimmt das richtige Denken nicht, zu welchem er vielerorts aufruft, sondern verweist zur weiteren Klärung auf das, was die Menschen mit Hilfe ihrer von Gott gegebenen Vernunft verstehen und einsehen können. Jeder, der das göttliche Buch liest und über seine Verse nachdenkt, wird sehen, dass Gott vielleicht an mehr als 300 Stellen, die Menschen zum Nachdenken, Hinterfragen und zur vernünftigen Reflexion aufruft oder aber dem Propheten (s.a.s.) das Argument zum Beweis einer Wahrheit und zur Widerlegung einer Unwahrheit eingibt, wie in folgendem Vers: „Ungläubig sind gewiss diejenigen, die sagen: Gott ist Christus, der Sohn Marias. Sprich: Wer vermag denn gegen Gott überhaupt etwas auszurichten, wenn Er Christus, den Sohn Marias, und seine Mutter und diejenigen, die auf der Erde sind, allesamt zugrunde gehen lassen will? Gottgehört die Herrschaft über Himmel und Erde und allem, was dazwischen ist. Er erschafft, was Er will. Und Gott hat Macht zu allen Dingen.“ (Heiliger Qur’an 5:17)

In einem anderen Vers wiederum erzählt der heilige Qur’an von einem Beweis aus dem Munde der Propheten (s.a.s.) und Gottes nahestehender Diener wie Noah, Abraham, Moses und anderer großer Gesandter (s.a.s.). „Ihre Gesandten sagten: Ist denn ein Zweifel möglich über Gott, den Schöpfer der Himmel und der Erde?“ (Heiliger Qur’an 14:10) Von den Ratschlägen Loghmans an seinen Sohn berichtet der Heilige Qur’an unter anderem: „Und als Loghman zu seinem Sohn sagte, indem er ihn ermahnte: O mein lieber Sohn, geselle Allah nichts bei. Ihm andere Götter beiseite zu stellen, ist ein gewaltiges Unrecht.“ (Heiliger Qur’an 31:13) Auch von den Worten eines Gläubigen aus der Sippe des Pharaos gibt uns Allah Kunde: „Ein gläubiger Mann von den Leuten des Pharao, der seinen Glauben verborgen hielt, sagte: Wollt ihr denn einen Mann töten, nur weil er sagt: „Mein Herr ist Gott“, wo er doch mit den deutlichen Zeichen von eurem Herrn zu euch gekommen ist? Wenn er lügt, so schadet ihm die Lüge nur selbst. Wenn er aber die Wahrheit sagt, wird euch etwas von dem, was er euch androht, treffen. Gott leitet den nicht recht, der maßlos und ein Lügner ist.“ (Heiliger Qur’an 40:28) Von der Antwort der Zauberer auf die Drohung des Pharaos, berichtet Allah in folgendem Vers und dessen [hier nicht zitierter] Fortsetzung: „Sie sagten: Wir werden dir nicht den Vorzug geben vor dem, was an deutlichen Zeichen zu uns gekommen ist, und vor dem, der uns erschaffen hat. So entscheide, was du entscheiden magst. Du entscheidest nur über dieses irdische Leben.“ (Heiliger Qur’an 20:72)

In keinem einzigen Vers des Heiligen Qur’ans fordert Allah seine Diener auf, blind an Ihn oder eine Sache, die von Ihm kommt, zu glauben bzw. blind und ohne Überlegung, einen Weg einzuschlagen. Ja, im Gegenteil, Er begründet viele seiner Gesetze und Bestimmungen, die mithilfe der Vernunft nicht erkannt werden können. Nur Allah kennt deren Gründe und kann sie preisgeben, was Er tut, um dem Menschen vernünftige Maßstäbe Seines Handelns zur Verfügung zu stellen, die den Platz von Begründungen einnehmen. Deutlich kommt dieses Anliegen in folgenden Versen zum Ausdruck: „Und verrichte das Gebet! Denn wahrlich das Gebet verbietet das zu tun, was abscheulich und verwerflich ist.“ (Heiliger Qur’an 29:45) Der Zweck des Fastens, so heißt es an anderer Stelle, liegt in der Gottesfurcht bzw. Selbstkontrolle, die im Zuge dieser Handlung erreicht und gestärkt werden soll: „O ihr, die ihr glaubt, vorgeschrieben ist euch, zu fasten, so wie es denen vorgeschrieben worden ist, die vor euch lebten, auf dass ihr gottesfürchtig werdet.“ (Heiliger Qur’an 2:183) Neben vielen anderen Versen, die hier Erwähnung finden könnten, sei an den Vers erinnert, in dem der Zweck der Gebetswaschung (arab. Wudhu) deutlich wird: „Allah will euch nichts auferlegen, was euch bedrückt. Vielmehr will er euch rein machen und seine Gnade an euch vollenden, auf dass ihr dankbar sein möget.“ (Heiliger Qur’an 5:6)

1.3 Rolle der menschlichen Natur in der rationalen Erkenntnis

Rationale Erkenntnis, das ist der Weg richtigen Denkens, auf welche auch der Heilige Qur’an rekurriert und auf die er die Anerkennung der Wahrheit, des Guten und Nützlichen und die Ablehnung des Falschen, Schlechten und Schädlichen zurückführt, kann nur durch das Naturell des Menschen [arab. Fitrah] und sein eigentliches Wesen, das unveränderlich ist und worüber niemals ein Mensch mit einem anderen verschiedener Meinung sein kann, erreicht wird. Angenommen es träte eine derartige Differenz zutage, so wäre sie mit dem Einspruch gegen selbstevidente Aussagen gleichzusetzen, welchem entweder eine fälschliche inhaltliche Vorstellung nur einer Seite oder beider Seiten des Disputs zugrunde liegt. Was nun sollen wir unter dem Weg oder der Methode des richtigen Denkens, die wir durch unser menschliches Naturell einsehen, verstehen? Wenn wir an Dingenzweifeln, so doch nicht daran, dass es Tatsachen und Sachverhalte in der Außenwelt gibt, die von [uns und] unseren Handlungen unabhängig sind wie etwa die Antworten auf Fragen wie oder woher wir kommen und wohin wir gehen, sowie andere mathematische und physikalische Wahrheiten.

Wenn wir diese Sachverhalte mit Gewissheit und Sicherheit erkennen wollen, müssen wir sie auf selbstevidente Aussagen zurückführen, welche jeglichen Zweifel ausschließen oder auf Sätze, die ebenfalls notwendig und allgemeingültig sind. Wir ordnen sie in logischer Reihenfolge an und kommen so zum gewünschten Ergebnis. Sagen wir: „A ist B“ und „Alle B sind C“ so folgt: „A ist C“; oder „Wenn A ist B dann C ist D“, und „Wenn C ist D dann E ist F“, so folgt: „Wenn A ist B dann E ist F“; oder „Wenn A ist B dann C ist D“, und „Wenn C ist D dann E ist F“, aber „E ist nicht F“, so folgt: „A ist nicht B.“ Diese formalen Regeln und primären Inhalte sind allesamt selbstevidente Tatsachen, an denen kein Mensch mit gesundem Verstand zweifeln kann, außer sein Erkenntnisvermögen ist schwer beeinträchtigt, wodurch ihm die Einsicht in notwendige Wahrheiten unmöglich wird und er an die Stelle notwendiger und selbstevidenter Begriffe und Aussagen, andere Begriffe und Aussagen setzt, was mehrheitlich der Fall ist, wenn an evidenten Wahrheiten gezweifelt wird.

1.4 Widerlegung der Skeptiker

Wenden wir uns nun jenen zu, die Einwände gegen den Weg der Logik und Vernunft erheben und ihn in Zweifel ziehen, so sehen wir, dass allesamt zum Beweis ihres Anliegens (das ist die Widerlegung der Logik) auf jene Regeln und Gesetze vertrauen, die in der Logik als formale und inhaltliche bekannt sind. Führen wir aber deren Aussagen auf jene ersten Sätze zurück, welche sie zur Voraussetzung haben, wird klar, dass auch sie den formalen und inhaltlichen Regeln der Logik entsprechen. Würden wir einige ihrer Prämissen formal oder inhaltlich derart verändern, dass aus logischen Erwägungen heraus keine Konklusion mehr gezogen werden könnte, ergäben ihre Ausführungen keinen Sinn mehr und sie selbst würden sich mit diesem Ergebnis nicht zufrieden geben. Das zeigt sehr schön, dass auch jene, die Zweifel an den Gesetzen der Logik und Vernunft anmelden, durch ihr menschliches Naturell bedingt die Richtigkeit dieser logischen Grundprinzipien einsehen müssen und gar keine andere Wahl haben, als sie anzuwenden. „Und sie verleugneten sie aus Ungerechtigkeit und Überheblichkeit, obwohl ihr Inneres darüber Gewissheit hegte.“ (Heiliger Qur’an 27:14) […]

2. Drei Methoden der Argumentation

Für den heiligen Qur’an ist die Vernunft das Mittel der Erkenntnis des Menschen, welches er seinem Wesen entsprechend anwenden soll, indem er sein Wissen speziell anordnet und auf diese Weise Unbekanntes erkennbar macht. Die Bestimmung und das Wesen der Vernunft sind es, auf Basis von wahren, allgemeingültigen und gesicherten Prämissen, wahre Schlussfolgerungen zu ziehen. Dies ist der logische Beweis. Stützt sie sich aber auf Prämissen, die das Handeln des Menschen, – Glück und Unglück, Gut und Schlecht, Nutzen und Schaden – also den Bereich seines Lebens betreffen, in dem er sich für etwas entscheiden bzw. nicht entscheiden soll, und die als Konventionen teils allgemein und teils eingeschränkt anerkannt sind, haben wir es mit einem rhetorischen Argument zu tun (arab. Dschadal), in dem es primär um einen Überzeugungstransfer geht. Ein weiteres Argument, welches aus Prämissen gleicher Kategorie besteht, deren Richtigkeit aber nur mehr auf Wahrscheinlichkeit beruht, und den alleinigen Zweck hat, den anderen zum vermuteten Guten zu überreden oder vor wahrscheinlichem Übel zu bewahren, bezeichnet der Heilige Qur’an als „Ermahnung“ (arab. ´iza). „Ruf zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung, und streite mit ihnen auf die beste Art.“ (Heiliger Qur’an 16:125) Der Vers legt nahe, den Begriff Weisheit mit dem logischen Beweis zu identifizieren. [Das Versende bezieht sich auf das rhetorische Argument.]

3. Wissen und Gottesfurcht

Zu logischem Denken und vernünftiger Reflexion sind derUngläubige und Gläubige und der Gottesfürchtige und Übertreter gleichermaßen bemächtigt. Wie sind also die qur’anischen Verse zu verstehen, welche den Leuten, die Unglauben praktizieren, wahres Wissen und richtige Einsicht und Besinnung absprechen? „Und doch besinnt sich nur der, der bereut.“ (Heiliger Qur’an 40:13) „Und wer Gott fürchtet, dem schafft Er einen Ausweg.“ (Heiliger Qur’an 65:2) „Wende dich nun von denen ab, die sich ihrerseits von unserer Mahnung abkehren, und denen der Sinn nur nach dem diesseitigen Leben steht! * Das ist nun einmal der Stand des Wissens, den sie erreicht haben. Dein Herr weiß sehr wohl, wer von seinem Weg abirrt, und wer rechtgeleitet ist.“ (Heiliger Qur’an 53:29-30) Auch viele Überlieferungen (des Propheten und der Imame (s.a.s.)) belegen, dass nützliches Wissen nur über gute Taten erworben werden kann, von deren Erwähnung ich an dieser Stelle absehe.

3.1 Gottesfurcht – keine unabhängige Erkenntnisquelle

Dass der Heilige Qur’an und die Sunna des Propheten (s.a.s.) der Gottesfurcht einen besonderen Stellenwert neben dem Wissen beimessen, ist nicht zu leugnen, heißt aber nicht, dass sie Gottesfurcht, die mit Einsicht einhergeht, zu einer unabhängigen Erkenntnisquelle außer der Vernunft erklären, deren Erkenntnisse für den Menschen unverzichtbar sind. Wäre dem so, würden alle qur’anischen Widerlegungen der Ungläubigen und Götzendiener sowie all jener, die unaufhörlich übertreten und nicht der Wahrheit folgen, ins Leere gehen, weil jene nicht verstehen könnten, was Gottesfurcht und wahre Einsicht ist, solange sie ihre Lebensweise nicht änderten und in ihrem Zustand verharrten. Im Falle ihrer Rückkehr zu Rechtschaffenheit und Gottesfurcht blieben solche Verse ebenfalls sinnlos. Das gleiche gilt auch für viele Überlieferungen, die gegen verschiedene Richtungen und falsche Schulen argumentieren.

3.2 Wissen und Gottesfurcht aus ethischer Sicht

Der Wert von Rechtschaffenheit und Gottesfurcht besteht vielmehr darin, die denkende Seele des Menschen zu ihrem natürlichen Gleichgewicht zurückzuführen. Durch seine Körperlichkeit bedingt, besitzt der Menschentgegengesetzte tierische Vermögen [Triebe], die mit dem Körper vereint sind und von welchen jedes durch eine besondere Handlung nach Verwirklichung strebt, ohne dabei auf andere Vermögen Rücksicht zu nehmen, mögliche Behinderung und Neutralisierung durch andere Vermögen ausgenommen. So befiehlt das Essvermögen dem Menschen, zu essen und zu trinken, ohne ihn nur im Geringsten zur Mäßigung anzuhalten. Das begrenzte Fassungsvermögen des Magens oder die Erschöpfung der Kaumuskeln geben möglicherweise den Ausschlag, das Essen einzustellen, wozu das Essvermögen aus sich heraus keinen Anlass findet. Das können wir an uns selbst sehr schön beobachten.

Wenn der Mensch einem Vermögen nun im Übermaß nachgibt und immer wieder seinen Befehlen folgt, ergreift es die Oberhand und löscht dadurch andere Vermögen entweder teilweise oder zur Gänze aus. So hindert eine maßlose Auslebung des Ess- und Geschlechtstriebes den Menschen, seinen anderen Verpflichtungen, privater, familiärer oder gesellschaftlicher Natur, nachzukommen. Das Gleiche trifft auch auf andere Vermögen der Anziehung und Abstoßung zu. Auch das kann man im Laufe seines Lebens an sich selbst und an anderen beobachten.

Über- und Untertreibung bringen den Menschen in gleicher Weise dem Untergang entgegen. Der Mensch hat die Aufgabe, die Vermögen der Seele unter seine Kontrolle zu bringen und alle in ihren Handlungen auf den Weg der Glückseligkeit im Diesseits und Jenseits zu führen, was nichts anderes ist als ein intellektuelles Leben in Vollkommenheit. Daher hat der Mensch keine andere Wahl als jedem Vermögen soweit nachzugeben, dass es andere Vermögen nicht behindert, geschweige denn völlig auslöscht. Der Mensch wird erst dann der Menschlichkeit gerecht, wenn er seine verschiedenen Triebe mäßigt und für alle den Mittelweg sucht. Das Kriterium der Mäßigung und des Ausgleichs ist für jedes einzelne Vermögen das, was wir Tugend nennen. Eigenschaften wie z. B. Weisheit, Mut, Keuschheit etc. sind allesamt unter die Tugenden der Mitte zu rechnen.

Sowohl der Prozess der ersten Wissensaneignung des Menschen als auch seine Wissenserweiterung wird durch die Handlungen und Neigungen dieser Vermögen gesteuert, d. h., der Mensch kommt aus Sicht des Wissens als unbeschriebenes Blatt auf diese Welt, verspürt jedoch in seinem Inneren ziemlich bald die Bedürfnisse seiner Vermögen, was dazu führt, dass er nach Mitteln zu ihrer Befriedigung sucht. Von diesem anfänglich noch sehr primitiven Bewusstsein nimmt das menschliche Wissen seinen Ausgang und wird durch Abstraktion und Konkretisierung sowie Synthese und Analyse schrittweise erweitert bis es die Stufe des spezifisch menschlichen Denkens erreicht. Jetzt kann der Leser bereits intuitiv begreifen, dass die einseitige Befriedigung eines von vielen gegensätzlichen Trieben bzw. Vermögen und die Entäußerung des eigenen Willens an die Bedürfnisse eines Vermögens zur Abirrung des Denkens und der Erkenntnisse der Vernunft führen, da sie den Neigungen eines Triebes unbedingt zustimmt, andere aber außen vor lässt, ja diese nicht einmal mehr entsprechend wahrnimmt.

Auch die Erfahrung bestätigt das eben Gesagte. Wir können diese Form der Abirrung und Abweichung an Menschen erkennen, die verschwenderisch leben und an Hedonisten, die sich zu den Verbündeten ihrer tierischen Triebe gemacht haben, sowie an unterdrückenden Machthabern, die ganzen Gesellschaften in den Ruin treiben. Diese Menschen, die den Wolllüsten ihrer Triebe ausgeliefert sind und außer Essen, Trinken und Sex kein Ansinnen haben, sind kaum mehr in der Lage über die Pflichten eines Menschen als Menschen und ehrwürdige Angelegenheiten nachzudenken, auf die sich nur großartige Menschen einlassen können, weil das Feuer der Triebe sie zur Gänze erfasst hat und ihr Sitzen, Stehen, Zusammenkommen und Auseinandergehen bestimmt. Am deutlichsten aber zeigt sich dasan arroganten und unterdrückerischen Machthabern, deren versteinerte Herzen es ihnen unmöglich macht, Mitleid, Nachsicht, Barmherzigkeit, Demut und Unterwürfigkeit zu empfinden, auch nicht dort, wo diese Eigenschaften geboten wären.

Jeder Lebensbereich dieser Unmenschen ist ein Spiegel ihrer inneren Verdorbenheit, ob sie nun sprechen oder schweigen, hinschauen oder wegschauen, annehmen oder ablehnen etc.. Sie haben den falschen Weg in ihrem Denken eingeschlagen und jede ihrer Gruppierungen steckt so tief in ihrem falschen Wissen und verdorbenen Gedanken, dass sie alles außerhalb übersehen und wahrhaft nützliches Wissen und wahre Erkenntnisse nicht mehr wahrnehmen. Vor diesem Hintergrund kommen wir zur Schlussfolgerung, dass wahre Erkenntnisse und nützliches Wissen dem Menschen nur dann zugute kommen, wenn er ein rechtschaffendes und tugendhaftes Leben führt, d. h. Gottesfurcht [arab. Taqwa] praktiziert. Gutes Handeln also schützt den guten Charakter und dieser ist der Garant für die Bewahrung des richtigen Denkens und wahrer Erkenntnisse. Denn Wissen, ohne zu handeln, nützt nichts.

3.3 Wissen und Gottesfurcht aus qur’anischer Sicht

Wir haben dieses Thema zwar aus wissenschaftlich ethischer Sicht behandelt, weil ich der Meinung war, dass eine ausführliche Erklärung notwendig ist. Der Heilige Qur’an aber fasst diesen Exkurs in nur einem Vers zusammen: „Halte das rechte Maß in deinem Gang.“ (Heiliger Qur’an 31:19) Das rechte Maß, von dem Allah hier spricht, ist ein Hinweis auf den Mittelweg, an dem sich der Mensch im Laufe seines Lebens orientieren soll. „Oh ihr, die ihr glaubt! Wenn ihr Allah gegenüber gottesfürchtig seid, so wird Er euch ein Unterscheidungsvermögen gewähren (, durch das ihr Wahr und Falsch und Gut und Schlecht auseinanderhalten könnt).“ (Heiliger Qur’an 8:29) „Und versorgt euch mit Wegzehrung. Aber die beste Wegzehrung ist die Gottesfurcht. Und fürchtet Mich, oh ihr, die ihr Verstand habt!“ (Heiliger Qur’an 2:197) Weil ihr Leute seid, die Verstand habt und in eurem Denken auf Gottesfurcht angewiesen seid, ist Gottesfurcht euer bester Proviant. „Und bei der Seele und bei dem, der sie geformt hat * und ihr hierauf ihre Lasterhaftigkeit und Frömmigkeit eingegeben hat. * Dem wird es wohlergehen, der sie läutert, * und der wird enttäuscht sein, der sie mit Missetaten zudeckt.“ (Heiliger Qur’an 91:7-10) „Und fürchtet Allah, auf dass es euch wohl ergehe.“ (Heiliger Qur’an 3:130)

In anderer Akzentuierung sagt Allah hierzu im heiligen Qur’an: „Es folgten dann nach ihnen Nachfolger, die das Gebet vernachlässigten und den Begierden nachgingen. So werden sie den Untergang finden, * außer denen, die umkehren und glauben und Gutes tun.“ (Heiliger Qur’an 19:59-60) In zitiertem Vers spricht Allah davon, dass der Kniefall vor den Begierden ins Verderben führt. „Abweisen werde Ich von meinen Zeichen diejenigen, die sich auf der Erde zu Unrecht hochmütig verhalten. Wenn sie auch jedes Zeichen sehen, glauben sie nicht daran. Und wenn sie den Weg des rechten Wandels sehen, nehmen sie ihn sich nicht zum Weg. Wenn sie den Weg der Verirrung sehen, nehmen sie ihn sich zum Weg. Dies, weil sie unsere Zeichen für Lüge erklären und sie unbeachtet lassen.“ (Heiliger Qur’an 7:146) Allah erinnert in diesem Vers daran, dass jenen Menschen, die Gefangene ihres Zorns und ihrer Wut sind, die Annahme und Gefolgschaft der Wahrheit verwehrt bleibt und dass sie auf den Irrweg geführt werden. Hierauf sagt Er, dass dieses Schicksal in deren Ignorierung der Wahrheit seine Begründung findet.

„Wir haben viele von den Dschinn und Menschen für die Hölle geschaffen. Sie haben Herzen, mit denen sie nicht begreifen; sie haben Augen, mit denen sie nicht sehen; und sie haben Ohren, mit denen sie nicht hören. Sie ähneln dem Vieh, vielmehr sind sie in ihrer Verirrung noch niedriger. Das sind die, die (die Wahrheit) unbeachtet lassen.“ (Heiliger Qur’an 7:179) Die Ignoranz bezieht sich in diesem Vers auf jene wahren Erkenntnisse, die für den Menschen als Menschen bestimmt sind, daher sind die Herzen, Augen und Ohren nicht in der Lage, das zu erlangen, was ein glückseliger Mensch infolge seiner Menschlichkeit erhält, sondern ihr Ertrag beschränkt sich auf das, was wilde Tiere erringen bzw. ist sogar geringer. Denn er besteht aus nichts mehr als dem Wissen eines wilden Tieres (auf der Suche nach Befriedigung). Aus den Erläuterungen geht klar hervor, dass der heilige Qur’an Gottesfurcht zur Bedingung von Einsicht, Reflexion und rationalem Denken macht und Wissen mit Tat verknüpft, damit der Mensch richtige Gedanken fassen kann, wahres Wissen erreicht und von tierischen Trugbildern und teuflischen Eingebungen frei bleibt.

3.4 Gewissheit als letzte Stufe der Gottesfurcht

Ja, man kann die Qur’anische Tatsache nicht leugnen, dass der Eintritt des Menschen in die göttliche Führung und seine Annäherung an die Schwelle seiner Heiligkeit und Größe ihm eine Tür in die inneren Dimensionen der Himmel und Erde eröffnen, durch die er Zeuge Allahs großer Zeichen und der niemals erlöschenden Feuer Seiner Gewaltigkeit wird, was anderen verborgen bleibt. Imam Sadiq (s.a.s.) sprach: „Wenn die Teufel nicht die Herzen der Menschen umgarnten, sähen sie die inneren Sphären der Himmel und der Erde.“ Und in einem anderen Ausspruch des Propheten (s.a.s.), der oft überliefert wurde, heißt es: „Wenn Ihr nicht so viel sprächet und eure Herzen nicht orientierungslos, verwirrt und abgelenkt wären, dann sähet ihr, was ich sehe und hörtet das, was ich höre.“ Allah, unser Herr, sagt im heiligen Qur’an: „Diejenigen aber, die sich um unseretwillen abmühen, werden wir unsere Wege führen. Allah ist mit den Rechtschaffenen.“ (Heiliger Qur’an 29:69) Der folgende Vers bestätigt die Überlieferung des Propheten (s.a.s.), weil in ihm der Gottesdienst zu einer Voraussetzung der Gewissheit gemacht wird. „Und diene Deinem Herrn, bis die Gewissheit zu dir kommt. “ (Heiliger Qur’an 15:99)

Ein anderer Vers gibt uns Aufschluss darüber, was unter Gewissheit zu verstehen ist. Gewissheit erreicht der Mensch dann, wenn er die inneren Sphären der Himmel und Erde betrachten kann. „Und so zeigten Wir Abraham das Reich der Himmel und der Erde, damit er einer von denen sei, die Gewissheit hegen.“ (Heiliger Qur’an 6:75) „Noch einmal: Nein, ihr werdet es noch zu wissen bekommen. Nein, wenn ihr es nur mit Gewissheit wüsstet! Ihr werdet bestimmt die Hölle sehen. Noch einmal: Ihr werdet sie mit völliger Gewissheit sehen.“ (Heiliger Qur’an 102:4-7) „Nein, das Buch der Frommen befindet sich in der Hohen Stätte (arab. `Illiyun). Und woher sollst du wissen, was die Hohe Stätte ist? Es ist ein deutlich geschriebenes Buch, das diejenigen schauen, die Gott in seine Nähe gebracht hat.“ (Heiliger Qur’an 83:18-21) Was wir hier gesagt haben, stellt das Vorhergehende in keiner Weise in Frage. Der heilige Qur’an bestätigt den Weg des natürlichen Denkens, mit welchem er den Menschen erschaffen und auf dessen Fundament er das menschliche Leben errichtet hat. Dieser hier beschriebene Weg ist kein intellektueller, sondern dieses Wissen ist ein göttliches Geschenk, mit dem Er jene auszeichnet, die Er will. Wahrlich ein frohes Ende gebührt nur den Gottesfürchtigen.