Gesellschaftliche Partizipation durch Erwerbstätigkeit?

In den Diskurs um Berufstätigkeit und Chancengleichheit von Frauen gehört selbstverständlich neben der Erörterung von rechtlich‐politischen, soziologischen und psychosozialen Aspekten vor allem auch die Klärung von theologisch‐historischen Fragen. Fragen nach den religiösen Selbstverständnissen von Frauen ziehen unabdingbar eine Diskussion um Bildung, Ausbildung und Berufstätigkeit, ihre Vereinbarkeit mit Familie und Mutterschaft als Teil eben dieses religiösen Selbstverständnisses nach sich. Dafür müssen religiös‐historische Vorbilder wahrhaft dargestellt und in die aktuelle Zeit übersetzt werden. Die sich daraus kristallisierenden Rollenbilder müssen in innerreligiösen Diskursen betrachtet und vereinbart werden. Hierfür ist eine nach innen gerichtete Perspektive maßgeblich, losgelöst von den konkreten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Demgegenüber lenkt eine Außenperspektive den Blick in die Einwanderungsgesellschaft, wie sie Deutschland faktisch ist. Hier stehen gesamtgesellschaftlich die strukturell gewährten Partizipationsmöglichkeiten und Handlungskompetenzen einer mittlerweile bedeutsamen sozialen Gruppe, nämlich der muslimischen Frauen mit selbst erlebter oder familiärer Migration im Fokus. Bildungspolitisch stehen neben dem Aspekt der Chancengerechtigkeit für muslimische Schülerinnen und Studentinnen im schulischen und beruflichen Bildungssystem Fragen der Zusammenarbeit von Migrationsfamilien, insbesondere auch der Mütter, mit den verschiedenen Bildungsinstitutionen bezüglich der Erziehung und Bildung ihrer Nachkommen im Focus.

Die psychosozial prekären Lebenssituationen eines nicht geringen Teiles der   muslimischen Frauen müssen dabei ebenso in Augenschein genommen werden und   dürfen gerade von muslimischen Organisationen nicht ausgeblendet werden. Hiermit ist ein breiter, keineswegs jedoch vollständiger Katalog von Aspekten zusammengestellt, der unmöglich in diesem Rahmen umfassend erörtert werden kann.

Die vorliegende Arbeit konzentriert sich daher auf folgende Themenbereiche:

  • die Wahrnehmung und Darstellung muslimischer Migrantinnen im Laufe der letzten 50   Jahre
  • Einwanderung im Rahmen von Forschung, Medien und Politik
  • faktische Chancen bei Bildungsabschlüssen und Erwerbstätigkeiten
  • Diskriminierungsproblematik

Die Erörterung der religiös‐historischen Aspekte wird in dieser Arbeit bewusst ausgespart. Ich hoffe, dass das Zusammentragen der verschiedenen Argumentationsstränge zu einem fruchtbaren Austausch beiträgt. Die vorliegende Arbeit soll als Anregung für weitere angesehen werden. Diese Arbeiten könnten beispielsweise die psychosozialen Auswirkungen von Bildung und Berufstätigkeit sowie den Einfluss prekärer Erwerbstätigkeit oder im Gegenzug dazu vorenthaltene Anerkennung von ausländischen Qualifikationen auf Frauen mit Migrationshintergrund und ihre Familiensoziologien aufgreifen. Damit sollte langfristig ein lösungsorientierter Diskurs in Gang gesetzt werden.

Die weibliche Migration im Fokus der Forschung, der Medien und der Politik

Mit den seit Mitte des letzten Jahrhunderts weltweit signifikanten Wanderungsprozessen gehen in den unterschiedlichen Einwanderungsländern gesellschaftliche In- bzw. Exklusionsprozesse einher. Diesbezüglich hat die Forschung relativ lange das Phänomen der weiblichen Migration ausgeblendet, die jedoch von Anfang an stattgefunden hat und nun mit dem Begriff ‚Feminisierung der Migration’ bezeichnet wird[1]. Eine nicht unerhebliche Anzahl von Frauen und Familienmüttern entschloss und entschließt sich aus den unterschiedlichsten Gründen, den Weg der Migration zu gehen. Die Lebensumstände immigrierter Frauen werden erst seit jüngster Zeit näher untersucht, womit die Auswirkungen der Migration auf ihr Leben differenzierter als bisher dargestellt werden können.

Arbeitsmigration nach Deutschland war von Anfang an zu einem beträchtlichen Teil weiblich und muslimisch – 1972 waren 23 % der nach Deutschland eingewanderten Arbeitskräfte muslimische Frauen aus der Türkei. 15 % dieser Frauen waren noch unverheiratet und entschlossen sich aufgrund prekärer wirtschaftlicher Verhältnisse in ihrer Heimat zur Auswanderung. Dass diese sogenannten ‚Pionierimmigrantinnen’ häufig qualifizierte Abschlüsse in ihrer Heimat erlangt hatten, wurde sowohl von der Öffentlichkeit als auch von der Wissenschaft ignoriert. Ihre Zahl wuchs in den siebziger Jahren weiter an, weil die deutsche Industrie nach billigen Arbeitskräften rief[2]. Lange Jahre dominierte in der Öffentlichkeit das Bild der unterdrückten und dem Ehemann folgenden Frau, der ‚Rückständigkeit und Unzivilisiertheit’ als Attribute angeheftet wurden[3].

Stellvertretend für alle muslimischen Frauen stand sie, die ‚türkische Frau mit Kopftuch und vielen Tüten und vielen Kindern’. Es wurde ihr grundlegend jegliche Kompetenz, die eigenen Kinder angemessen zu erziehen und diese in ihrem schulischen und gesellschaftlichen Integrationsprozess aufmerksam zu begleiten, abgesprochen. Die Fähigkeit, sich selbst auf irgendeiner Ebene zu integrieren, erschien erst recht nicht vorhanden zu sein. Sie war die ‚stimm- und sprachlose präsente Fremde’[4], der mit Ablehnung und Unverständnis begegnet wurde.

Im weiteren Verlauf konzentrierten sich Veröffentlichungen auf die vermeintlich konfliktbeladene Situation der Töchtergeneration. In verstärktem Maße wurde hier die Zerrissenheit der ‚zwischen den Kulturen’ aufgewachsenen muslimischen Mädchen und Frauen thematisiert. Dabei interessierten weniger die prekären Schul- bzw. Ausbildungslagen, also auch und vor allem das Unvermögen des Bildungssystems sich adäquat auf diese neue soziale Gruppe einzustellen, als vielmehr die Lebenssituation der nicht außerhäuslich erwerbstätigen Frauen mit dem Schwerpunkt Isolation, Identität und ihren psychischen Krisen[5].

Auch wenn mittlerweile nicht wenige Wissenschaftler dieses Bild der sich unterordnenden muslimischen Migrantin zu korrigieren versuchen, besteht es weiter in den Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft. Begriffe wie Ehrenmord und Zwangsheirat komplettieren nun seit einigen Jahren die Berichterstattung und so verwundert es nicht, dass 93% der Befragten einer repräsentativen Studie des Allensbach Instituts aus dem Jahr 2004 zufolge mit dem Islam die Unterdrückung der Frau assoziieren.

Im Gegensatz zu den vielschichtigen, differenzierten und komplexen Erkenntnissen, die zu den unterschiedlichen Aspekten der Teilhabe deutscher bzw. einheimischer Frauen an Berufen, also ihrer tatsächlichen beruflichen Positionierung in der Gesellschaft vorliegen, fehlen für Frauen mit Migrationshintergrund zu vielen Fragestellungen empirisch untermauerte Aussagen. Bis vor wenigen Jahren mangelte es noch an grundlegenden Analysen und an aktuellen Zahlen sowohl für Frauen mit Migrationshintergrund insgesamt als auch differenziert nach Zuwanderer-Generation und Migrationstypus oder auch im Vergleich zu einheimischen Frauen[6].

Diese Lücke, die durch das Ausblenden der Thematik in der Forschung entstand, wurde über Jahre, und wird nach wie vor zum einen ausgefüllt von medial inszenierten Diskursen, deren Erkenntnisse sich also bei genauer empirischer Betrachtung selten aufrechterhalten lassen, die nichtsdestotrotz mehr denn je die Bilder von unterdrückten, unmündigen und unselbständigen muslimischen Frauen bestimmen. Zum anderen bedingte der fehlende Diskurs in der Forschung einen fehlenden politischen Diskurs und somit für lange Zeit auch das Versäumnis, notwendige politische Rahmenbedingungen zu gestalten. Das mittlerweile durchaus erwachte Interesse der Politik und der fast ausschließlich unter dem Deckmantel der Integration geführte Diskurs müssen jedoch auch differenziert betrachtet werden.

Es mischt sich ein mehr als bitterer Geschmack bei, wenn Fragen der Integration und Teilhabe von Frauen mit Migrationshintergrund, das heißt Fragen ihrer Würde und Selbstbestimmung als Mensch und Bürger, zum einem mit dem Hinweis auf die alarmierend schlechte demographische Entwicklung in Deutschland und zum anderen mit dem dramatischen Fehlen von Fachkräften in Deutschland verbunden werden. Migrantinnen sichern mittlerweile in Deutschland die Geburtenrate, weil in Migranten-Familien, auch wenn dies rückläufig ist, deutlich mehr Kinder geboren werden als in einheimischen Familien.

Auch fehlt der Hinweis, Deutschland könne sich eine Verschwendung von Fachkräften nicht mehr leisten, in nahezu keinem politischen Untersuchungsbericht oder anderen wissenschaftlichen Studien. Selbst feministische Wissenschaftlerinnen scheuen sich mittlerweile nicht, die berufliche Integration von Frauen mit Migrationshintergrund zu fordern und zu deren Ermöglichung ebenfalls eine radikale Ausweitung von Betreuungsangeboten für deren Kinder mit dem Hinweis auf die ökonomische Sicherung der Zukunft in Deutschland zu verlangen[7]. Hier darf und muss provokativ gefragt werden, ob Menschen zu nichts anderem als zu Humanressourcen degradiert werden und damit nur noch förderungswürdig erscheint, wer die Zukunft Deutschlands ökonomisch sichert?

Diese Strategie der rechtlichen und sozio-ökonomischen Inklusion bzw. Exklusion von Menschen mit Migrationshintergrund je nach hiesigem wirtschaftlichen Bedarf hat Methode in der Migrationsgeschichte Deutschlands und muss bei jedem Diskurs ins Auge gefasst und als solche auch benannt werden.

Bildungsabschlüsse und Erwerbstätigkeiten – Zahlen und Fakten

Die Realitäten im Bildungsbetrieb seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, also dem ungefähren Beginn der Arbeitsmigration, haben sich zwar signifikant gewandelt, jedoch finden zwei parallel laufende Gegenentwicklungen statt, die auch mit den ureigenen Besonderheiten des deutschen Schulsystems zusammenhängen. Ein nicht unerheblicher Teil der Schüler mit Migrationshintergrund macht enorme Fortschritte und ist äußerst leistungsorientiert, ein weiterer, viel größerer Teil gehört nach wie vor zu den sogenannten Bildungsverlierern. Dabei gibt es konkrete Zahlen zu den unterschiedlichen Herkunftsländern und zu dem Grad der Migration, d.h. es ist nicht unbedingt der Schüler, welcher bereits in 3. Generation hier lebt und von Beginn an das deutsche Bildungssystem durchlaufen hat gegenüber dem Einwandererkind aus Afghanistan oder Iran, welches mit 15 Jahren hierher kam, im Vorteil.

Gerade Iraner, Afghanen und Iraker weisen einen enormen Bildungswillen auf und gehören zu den sogenannten Bildungsgewinnern. Der Leistungsgedanke und der schulische Ehrgeiz der Schüler und Schülerinnen hängen offensichtlich signifikant mit dem Bildungsniveau der Elterngeneration zusammen. Hier setzt auch die Kritik am hiesigen Schul- und Bildungssystem an. Sowohl die UNESCO als auch viele internationale Vergleichsstudien kreiden dem Bildungssystem in Deutschland diesen gravierenden Mangel an: In fast keinem anderen Land weltweit hängen die Bildungswege der Kinder und Jugendlichen so eng mit der sozialen Herkunft und dem Bildungsstand der Eltern zusammen wie hier.

Dies bedeutet, dass der Struktur des Bildungssystems eine Benachteiligung von sozialen Randgruppen immanent ist, die dem Prinzip der Chancengerechtigkeit und -gleichheit des Bildungssystems grundlegend widerspricht. Bildungswissenschaftliche Studien und Vorschläge dazu, wie dieser Zustand zu verändern wäre, gibt es zu Genüge, jedoch lässt sich aufgrund der in Deutschland geltenden Länderhoheit in Bildungsfragen nur wenig Grundsätzliches in absehbarer Zeit verändern. Es werden zwar zunehmend Schritte in die richtige Richtung unternommen und Verbesserungen erzielt, sie reichen jedoch bei weitem nicht aus.

An dieser Stelle soll nicht weiter auf die bildungswissenschaftlichen Diskussionen eingegangen werden, es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Festzuhalten bleiben jedoch folgende Fakten:

  • Es leben mittlerweile 15,7 Millionen Menschen in Deutschland mit ethnischen und familiären Wurzeln im Ausland. Davon hat gut die Hälfte eine deutsche Staatsbürgerschaft. Die größte Gruppe bilden türkischstämmige Menschen.
  • Bei den unter 5-jährigen Kindern in Deutschland weisen fast 35 % einen Migrationshintergrund auf, was auf einen weiteren Anstieg der Gruppe insgesamt hinweist, da sie deutlich jünger ist als der Rest der Bevölkerung.
  • Positiv zu vermerken ist, dass sich die Bildungssituation der Schüler mit Migrationshintergrund deutlich verbessert hat.
  • Fast 85 % besuchen ab dem dritten Lebensjahr den Kindergarten, so dass sich deren Sprachentwicklung im Vorschulalter deutlich verbessert hat, auch wenn die Sprachstandsüberprüfungen qualitativ weiterhin deutlich optimiert und bundesweit vereinheitlicht werden müssen. Zu häufig wurden Kinder mit Migrationshintergrund von den Regelschulen auf Sonder- und Förderschulen geschickt, obwohl sie keinerlei psychologischen oder Sonderförderbedarf hatten. Dies erfolgte teils aus der Not heraus, nämlich wegen nicht finanzierbarer Sprachfördermaßnahmen, teils aufgrund von Vorurteilen der Lehrkräfte.
  • In Deutschland geborene Jugendliche besuchen mittlerweile signifikant häufiger die gymnasiale Oberstufe. Der Anteil der Schüler ohne deutschen Pass, die eine Fachhochschulreife erlangen, ist bereits um ein Drittel gestiegen. Insgesamt jedoch sind es nur ein Sechstel aller Schüler mit Migrationshintergrund, die das Abitur erreichen, gegenüber zwei Dritteln bei deutschen Schülern.
  • Auch die Situation am Lehrstellenmarkt sieht ähnlich aus: der Anteil junger Menschen mit Migrationshintergrund ist zwar deutlich gestiegen, doch doppelt so viele gleichaltrige deutsche Jugendliche haben einen Ausbildungsplatz.
  • Diese Entwicklung setzt sich auch im Arbeitsmarkt weiter fort: trotz einer relativ guten Konjunkturentwicklung sind es nicht die Menschen mit Migrationshintergrund, die hiervon profitieren. Die Tatsache, ob mit deutschem Pass oder ohne, spielt hierfür kaum eine Rolle. Mehr als die Hälfte aller Arbeit suchenden Menschen mit Migrationshintergrund weisen keinen qualifizierten Berufsabschluss auf, was auch daran liegen kann, dass ausländische Abschlüsse nach wie vor nur sehr schwer angeglichen und anerkannt werden. Die letzten politischen Entscheidungen in dieser Hinsicht wollen diesem Tatbestand wegen des bereits erwähnten Fachkräftemangels entgegen wirken. Es bleibt abzuwarten, ob diese politischen Bekundungen auch auf der Ebene der Praxis rasch die richtige Umsetzung finden[8].
  • An diesen Zahlen lässt sich deutlich die ambivalente Entwicklung ablesen, von der bereits die Rede war: Migranten mit und ohne deutschen Pass bemühen sich immer mehr um ihre Bildungswege und arbeiten an ihren sozialen Aufstiegschancen. Auch Eltern ohne eigenen Bildungsabschluss vermitteln ihren Kindern immer stärker einen ausgeprägten Bildungswillen, wodurch die Schulabbrecherzahlen stark gesunken sind und die Zahl der Migranten mit höheren Schulabschlüssen kontinuierlich anstieg. Die Kehrseite ist jedoch, dass demgegenüber der Anteil dieser am Arbeits- und Beschäftigungsmarkt signifikant gering bleibt.

Der Schritt in die Selbständigkeit bleibt hier der häufigste Ausweg für die Erwachsenen. Diese Tatsachen können eigentlich nur so gedeutet werden, dass eigene Anstrengung und Bemühen nicht ausreichen, sondern Benachteiligungsfaktoren, die gesellschaftlich fundiert sind, eine Rolle spielen. Dazu gehören laut vielen Studien eindeutig diskriminierende Tendenzen, die nicht nur im zwischenmenschlichen Bereich wirken, sondern auch strukturell und institutionell begründet sind. An diesem Punkt soll der Blick auf die jungen Mädchen und Frauen gelenkt werden.

Muslimische Frauen in der Arbeitswelt – zwischen Potential und Ausgrenzung

So lautete der Titel einer Fachtagung, die 2011 in Düsseldorf stattfand und verschiedene Ebenen der Diskriminierungsthematik betrachtet hat. Muslimische Frauen scheinen, dafür sprechen alle Zahlen und die vorliegenden Studien, aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft und aufgrund ihrer Religion gesellschaftlich benachteiligt. Dabei können die unterschiedlichen Diskriminierungsphänomene analytisch nicht voneinander losgelöst betrachtet werden. Religiöse, ethnische und geschlechtsspezifische Diskriminierungen ergeben ein Konglomerat aus Faktoren, welches neue Ausgrenzungsmechanismen entstehen lässt. Peucker vergleicht diese Phänomene mit Hürden: nicht mit solchen, die gleich hoch, nacheinander aufgestellt sind und einzeln überwunden werden können, sondern Hürden, die addiert eine komplett andere zu überwindende Höhe erreichen[9]. Einen Faktor dabei auszublenden, würde der Problematik nicht gerecht werden.

Auch zu dem Themenkomplex Diskriminierung ist die Forschungslage noch sehr unklar und meistens erfüllen die Immigranten mit türkischen Wurzeln die Funktion von Platzhaltern für alle Muslime, was weder der großen Vielfalt unter den türkischstämmigen noch der Vielfalt aller anderen Muslime hier gerecht wird. Was den Arbeitsmarkt anbelangt, geben die Zahlen des Mikrozensus eindeutig Auskunft. Personen mit muslimischem Hintergrund sind relativ häufig von Arbeitslosigkeit betroffen und innerhalb dieser Gruppe wiederum überdurchschnittlich die Frauen. 2010 veröffentlicht das Statistische Bundesamt, dass sich ‚vor allem für Frauen türkischer Herkunft und aus dem Nahen / Mittleren Osten (…) eine unterdurchschnittliche Beteiligung am Arbeitsmarkt konstatieren lässt’. Bei ihnen ist eine erhöhte Arbeitslosenquote und eine deutlich niedrigere Erwerbstätigenquote im Vergleich zu anderen Migrantengruppen oder Deutschen festzustellen[10]. Die Indizien, dass hier tendenziell muslimische Frauen von Benachteiligungen und Diskriminierungen betroffen sind, sind trotz lückenhafter Forschungsergebnisse eindeutig. Nicht eindeutig ableitbar sind die Ursachen für diese Benachteiligung.

Wiederum Peucker berichtet von sogenannten Testingstudien in Frankreich, die ansatzweise auch in Deutschland, jedoch nur mit männlichen muslimischen Testnamen, stattfanden. Die Untersuchungen zielen darauf ab, das Verhalten von Personalchefs in großen und kleinen Betrieben zu beobachten, wenn sie Bewerbungen mit einheimischen, ausländisch-christlichen oder ausländisch-muslimischen Personennamen begutachten. Die eingereichten fiktiven Lebensläufe wiesen immer identische Qualifikationen auf. Die Studie von Adida aus 2010 konnte zeigen, dass Bewerbungen mit dem französischen Namen ‚Aurélie Ménard’ gegenüber einer senegalesischen Christin mit dem Namen ‚Marie Diouf’ mit 27% gegenüber 21% positiv beantwortet wurden.

Hieß die senegalesische Bewerberin jedoch ‚Khadija Diouf’, also hatte sie einen eindeutig muslimischen Vornamen, so bekam sie nur 8% positive Antworten gegenüber 25% bei der Französin. Auf 100 positive Antworten für die christliche Senegalesin kamen also lediglich 38 für die Muslimin. Diese faktischen Ausgrenzungsmechanismen entstehen nicht im ‚luftleeren’ Raum. In qualitativen Interviews befragt geben die Personaler neben dem Pflichtgefühl gegenüber den einheimischen Bewerberinnen eindeutig auch ihre antiislamische Haltung als Grund an. Das Kopftuch wird als deutliches Symbol einer islamistischen Gesinnung gesehen und diese als Vorwand genommen, eine solche Bewerberin keineswegs im Betrieb dulden zu können. Weiter wird mit den medial vermittelten Bildern argumentiert, muslimische Bewerber hätten in der Regel eine ‚geringere Bildungsaspiration, wären weniger bildungsorientiert, integrationsfähig oder unwillig’[11].

Die wie Mantren ewig repetierten Bilder der unterdrückten, konfliktbeladenen, bekopftuchten muslimischen Frau haben also ohne Zweifel großen Einfluss auf diese Haltungen und somit auf die dadurch entstehenden sozialen Ausschlussverfahren. Soziale Ausschlüsse sind Prozesse, in denen soziale Akteure den Versuch unternehmen, Ressourcen, Privilegien, Macht und Prestige zu monopolisieren und andere Akteure davon auszuschließen[12]. Wenn also von sozialen Schließungen die Rede ist, dann muss zur Kenntnis genommen werden, dass der muslimischen Frau über die permanente Definition als ‚Fremde’ der Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen, wenn nicht schon institutionell verhindert, dann zumindest gesellschaftlich erschwert wird. Dabei zeigt die politische Verfasstheit der Gesellschaften ihre paradigmatisch deklarierte Haltung zur Gleichheit aller Menschen eine deutliche Diskrepanz zur faktischen Durchsetzung und Manifestierung von Ungleichheitsverhältnissen[13].

Die sich in Bezug auf das Phänomen der ‚Unterschichtung’ durch ethnische Minderheiten etablierte Sozialstruktur der Bundesrepublik[14] hat auch geschlechtsspezifische Verschiebungen zur Folge gehabt. Mit Unterschichtung einer Gesellschaftsstruktur wird der Prozess bezeichnet, dass Zu- bzw. Einwanderer eine vorhandene Unterschicht so stark auffüllen, dass sie sie faktisch ersetzen, während die vorherige Unterschicht sozial relativ aufsteigt. Gerade auch unter Frauen fand eine soziale Unterschichtung statt. Bei diesen Prozessen sieht Rommelspacher die ‚einheimischen’ Frauen seit zwei Jahrzehnten deutlich gegenüber den eingewanderten Frauen im Vorteil. Es vollzog sich eine ‚lautlose Verdrängung’ der Migrantinnen auf dem Arbeitsmarkt, die ohne Zweifel zwar auch multifaktoriell bedingt ist; Rollenklischees über die Migrantin im Allgemeinen und die muslimische Migrantin im Besonderen haben jedoch hohe Barrieren für eine berufliche Integration geschaffen[15]. Diese etablierten Strukturen geraten nun zunehmend ins Wanken.

‚Deshalb war auch das muslimische Kopftuch so lange kein Problem, solange es nur die Putzfrau oder die Fließbandarbeiterin trugen. Jetzt, da es auch Ärztinnen, Rechtsanwältinnen und Lehrerinnen anlegen, ruft es heftigen Widerstand hervor’[16]. Welch negative Vorbildfunktion der Staat mit den Kopftuch-Gesetzen für Beamtinnen einnimmt, zeigt sich zunehmend auch bei privaten Arbeitgebern, die diese Verordnungen als Legitimation zur Ungleichbehandlung sehen. Indem also muslimische Frauen u.a. das Symbol der Fremdheit für sich positiv besetzen und gleichzeitig eine Integration fordern und z.B. als Lehrerinnen in den Staatsdienst aufgenommen werden möchten, lösen sie „eine Krise der hegemonialen Repräsentation aus, wie sie gerade über die Massenmedien vermittelt wird“[17].

Rommelspacher erkennt ‚eine grundlegende Paradoxie in der Debatte (…) darin, dass die muslimischen Frauen im Namen ihrer Emanzipation von attraktiven gesellschaftlichen Positionen fern gehalten werden. Insofern liegt eine wesentliche Schwierigkeit für die Mehrheitsgesellschaft darin, zu sehen, dass ihr Konzept von Emanzipation selbst repressiv und dass Widerstand gegen ihre Emanzipationsvorstellungen selbst emanzipatorisch sein kann[18].

Schluss

Vorliegende Arbeit hat versucht die Thematik aus einer Doppelperspektive heraus zu beschreiben. Eingangs sollte deutlich geworden sein, dass zunächst in innerreligiösen Diskursen religiöse Selbstverständnisse und Rollenbilder geklärt werden müssen. ‚Das Streben nach Wissen ist eine Pflicht für jeden Muslim und jede Muslima’ (Prophet Mohammad s.a.).

Diese religiöse Verpflichtung, mehr noch das religiöse Recht eines jeden Menschen zu einer selbstbestimmten Lebensplanung, sein Streben nach Wissen und Bildung, stehen im Islam keineswegs in Widerspruch zu einer gesunden und intakten Familienplanung. Die Verantwortung des Einzelnen, die Vereinbarkeit beider Lebensbereiche eigenständig abzuwägen und demgegenüber die Verantwortung der Gesellschaft, dafür zuträgliche und erforderliche Rahmenbedingungen zu schaffen, ist in dieser Arbeit bewusst ausgeklammert worden. Gezeigt werden sollte zunächst, dass gesamtgesellschaftlich vor allem in medial ausgetragenen Diskursen ‚die Gleichstellungsfrage von Mann und Frau im Islam zu einem Prüfstein für die Akzeptanz des Islam in den westlichen Gesellschaften geworden’ ist[19].

Im Umkehrschluss kann jedoch die Aufnahmebereitschaft der Gesellschaft, die strukturelle, berufliche, soziale und emotionale Integration der vielen qualifizierten muslimischen Schülerinnen, Studentinnen und Frauen als Prüfstein für die ihnen entgegengebrachte Wertschätzung und Akzeptanz gesehen werden. Außerdem erscheint die Verbindung von demographischen und rein ökonomischen Aspekten mit der nunmehr als erforderlich angesehenen Integration als äußerst fragwürdig und problematisch. Es bleibt darauf hinzuweisen, dass der Titel der Arbeit als Frage formuliert ist. Nicht ohne Sinn! Erweitert hätte die Frage auch lauten können: Gesellschaftliche Partizipation ‚nur’ durch Erwerbstätigkeit? Losgelöst von religiöser Zugehörigkeit muss demnach der Diskurs über die Wertigkeit und Wertschätzung der Arbeit von vielen Frauen, die sich bewusst nur für Betreuung und Arbeit für die Familie entscheiden, weiter geführt werden. Der Verdacht liegt nahe, dass hier das Maß gesellschaftlicher Partizipation dieser Frauen kleingeredet bzw. nicht anerkannt wird.

Fatima Emari

Literaturverzeichnis

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Emari, Fatima: Das Bild der muslimischen Migrantin in den Medien – Realitätsabbildung oder Differenzkonstrukt?, Fernuniversität-Hagen, Bildungswissenschaft, 2009.

Farokhzad, Schahrzad: Exotin, Unterdrückte und Fundamentalistin. Konstruktionen der ‚fremden Frau’ in deutschen Medien. In Massenmedien, Migration und Integration, Hrsg.

Christoph Butterwegge und Gudrun Hentges, 55-86. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenwissenschaften, 2006.

Firat, Güsün: Der Prozeß der Hausfrauisierung am Beispiel der Migration von Frauen aus der Türkei in die Bundesrepublik Deutschland. Saarbrücken 1987.

Granato, Mona Dr.: Feminisierung der Migration – Chancengleichheit für (junge) Frauen mit Migrationshintergrund in Ausbildung und Beruf, BiBB, Bonn 2004.

Herwartz-Emden, Leonie & Waburg, Wibke: Mutterschaft und Mutterbilder. Migrantinnen im Spannungsfeld der Vereinbarkeit von Familie und Beruf (2012), Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Online-Forum 2012. Verfügbar unter: http://forum.sexualaufklaerung.de/index.php?docid=1147

Hoffman-Nowotny, Hans-Joachim: Gastarbeiterwanderungen und soziale Spannungen. In: Gastarbeiter, Hrsg. Helga Reimann und Horst Reimann, 46-66. Opladen: Westdeutscher Verlag 1987.

Huth-Hildebrandt, Christine: Das Bild von der Migrantin. Auf den Spuren eines Konstrukts, Frankfurt/Main 2002.

Jacobsen, Lenz & Bognanni, Massimo: Das verschenkte Potential der Migranten, ZEITonline 2010. Verfügbar unter: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-10/fachkraeftemangel-migranten-berufsabschluss

Parkin, Frank: Strategien sozialer Schließung und Klassenbildung. In: R. Kreckel (Hg.): Soziale Ungleichheiten. Soziale Welt, Sonderband 2. Göttingen 1993.

Peucker, Mario: Diskriminierung aufgrund der islamischen Religionszugehörigkeit im Kontext Arbeitsleben- Erkenntnisse, Fragen und Handlungsempfehlungen. Erkenntnisse der sozialwissenschaftlichen Forschung und Handlungsempfehlungen. Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS), Berlin 2011.

Rommelspacher, Birgit. Zur Emanzipation „der“ muslimischen Frau Polarisierungen und Ambivalenzen in einer kontroversen Debatte. Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann, verfügbar unter: http://www.goethe.de/ges/phi/prj/ffs/the/ger/de7089015.htm

Terkessidis, Mark. Der lange Abschied von der Fremdheit. Kulturelle Globalisierung und Migration. Aus Politik und Zeitgeschichte (B12). Bundeszentrale für politische Bildung 2002. Verfügbar unter: http://www.bpb.de/publikationen/AXUE2O,0,Der_lange_Abschied_von_der_Fremdheit.html

[1] Granato, 2004.  [2] Firat, 1987.  [3] Farokhzad, 2006.  [4] Emari, 2009.  [5] Huth-Hildebrandt, 2002.  [6] Granato,2004.  [7] Vgl. Herwartz-Emden & Waburg, 2012.  [8] Quelle: 9. Integrationsbericht der Bundesregierung, 2012.     [9] Peucker, 2011.  [10] Peucker, 2011.  [11] Peucker, 2011.  [12] Parkin, 1993.  [13] Rommelspacher, 2002.  [14] Hoffman-Nowotny, 1987.  [15] Rommelspacher 2002.  [16] Rommelspacher, 2009.  [17] Terkessidis, 2002.  [18] Rommelspacher, 2009.  [19] Rommelspacher, 2011.