Aschura als Spiegel eines neuen weiblichen Selbstbewusstseins

Die Botschaften und Lehren von Aschura tragen wesentlich zu einem religiösen Selbstbewusstsein von Musliminnen und Muslimen bei, die sich als Anhänger des Propheten und seiner Familie verstehen. Es gibt viele verschiedene Aspekte in diesem Ereignis, deren Analyse wertvolle Perspektiven eröffnet. Ein Aspekt, der jedoch besonders viel Aufmerksamkeit verdient, ist der traditionsbrechende Auftritt der Frauen der Ahlul-Bait, der Familie des Propheten und der Gefährten Imam Hussayns (a.s.), der zahlreiche Botschaften für die Frauen der Gegenwart und Zukunft in sich trägt und noch einmal eindrucksvoll versucht, die durch den Propheten ausgelösten Errungenschaften vor dem Verfall zu schützen.

Der Aufstand von Aschura kann als zufälliges historisches Ereignis, das eben durch gewisse Umstände der damaligen Zeit zu Stande gekommen ist, betrachtet werden. Dieser Aufstand, für den es eindeutige Hinweise gibt, dass er nicht wie jeder andere Kampf in die Geschichte eingereiht werden kann, kann aber auch als Bühne für Botschaften gesehen werden, auf der die Protagonisten keineswegs zufällig auftreten, sondern jeder bewusst und mit seiner Botschaft ausgerüstet, weise angeordnet durch einen höheren Planer, seine Rolle spielt.

Was wollte Aba Abdillah Hussayn, der Sohn Imam Alis (a.s.), verändern und erreichen und welche Strukturen benötigte er dafür? Welche Ausrüstung und welche Methodik hat er für diesen Aufstand ausgewählt? Welches System zur Verbreitung seiner Botschaft hat er ausgesucht, damit Aschura in der Wüste von Karbala nicht ungehört versickert?

Imam Hussayn (a.s.) hat eine breite Perspektive möglicher und tatsächlicher Probleme beim Verfall des Menschen aufgezeigt und die eigentliche Wurzel der Krise benannt, damit das Ausmaß der Krise nicht auf den Aufstand von Aschura beschränkt werden kann, sondern vor allem als Ausdruck der Lage der damaligen muslimischen Gemeinschaft verstanden wird. Imam Hussayn (a.s.) hat durch eine geschickte Informationspolitik die starke Zensur der Herrschenden sowie Gerüchte und falsche Vermutungen durchbrochen und so verhindert, dass die Religion den Einfluss auf die Gesellschaft verliert. Er hat durch seinen Widerstand verdeutlicht, dass das Prinzip Welayat – die Führerschaft durch den unfehlbaren Propheten und die unfehlbaren Imame – das Geheimnis der Untrennbarkeit von Religion und Politik umfasst.

Der dritte Imam hat in seiner Strategie alle ihm zur Verfügung stehenden Hebel zur Verhinderung gegnerischer Politik, die die Religion in ihrer wahren Version ein für alle Mal aus dem Leben der Muslime verbannen wollte, eingesetzt. Einer dieser Hebel war zweifellos der wirksame Auftritt der Frauen am Tag von und nach Aschura. Die neue weibliche Sichtweise der damals noch jungen Religion, die versucht hatte, der Frau einen Weg ohne Diskriminierung und Erniedrigung zu eröffnen, war ernsthaft gefährdet. Im Konzept der damaligen Herrscher wurde die Frau nicht als eigenständiger, unabhängiger, selbstständig denkender und würdevoller Mensch betrachtet, sondern als willenloses Wesen, das die Erwartungen der Gesellschaft und insbesondere der Herrscher sang- und klanglos erfüllen sollte. Um dies zu verhindern, wurde die Aufmerksamkeit der Menschen, nicht zufällig bei dem Ereignis von Aschura, unter anderem auch auf die Frau als werteorientierten und bewussten Menschen gelenkt. Das Ergebnis der Bemühungen der Ahl-ul-Bait zeigte sich in der 2. Generation: Die Frau, in Vertretung von Zainab (a.s.) und anderen Größen, praktizierte die vom Propheten, seinen Anhängern und seiner Familie vorgestellten Ideale auf aufrüttelnde Art und Weise.

Da die Persönlichkeit und das Handeln von Hazrat Zainab (a.s.) maßgeblich das Selbstbewusstsein vieler muslimischer Frauen prägt, soll zunächst kurz ihr Leben und die Strategie ihres Auftritts während und nach dem Aufstand von Aschura beschrieben werden. Hazrat Zainab (a.s.) wurde als drittes Kind nach Hassan und Hussayn von Imam Ali und der Tochter des Propheten Fatima vermutlich am 5. Dschamadal-Awwal im Jahre fünf nach der Hidschra geboren. Ihren Namen erhielt sie, ebenso wie ihre älteren Brüder, vom Propheten selbst. Zainab (a.s.) wurde schon in frühester Kindheit auf ihre schwierige Aufgabe vorbereitet. Die nötigen Begabungen für ihr charakterstarkes und ausschließlich islamisches Handeln wurden ihr von der Wiege an mitgegeben. So verbrachte sie die ersten fünf Jahre ihres Lebens in der unmittelbaren Umgebung des heiligen Propheten, der das Fundament für ihre islamische Erziehung und Charakterbildung legte. Von ihrem Vater erbte sie eine außergewöhnliche Eloquenz und Schlagfertigkeit und war, wie Imam Ali (a.s.) selbst, für ihr Wissen und ihre Gelehrsamkeit bekannt. In ihrer Frömmigkeit und Freundlichkeit glich Zainab (a.s.) ihrer Mutter Hazrat Fatima (a.s.) und fungierte, ebenso wie ihre Mutter, als Vorbild von Tugendhaftigkeit und spiritueller Reinheit. Außerdem lernte sie von ihr die aktive Teilnahme am politischen Geschehen und einen unerschütterlichen Mut, wenn es um die Verteidigung des Rechts ging. Sie bekam schon im frühen Alter mit, wie ihre Eltern ihrer Rechte beraubt wurden. Sie konnte die historische Rede ihrer Mutter Fatima (a.s.) zur Verteidigung des Welayats Imam Alis (a.s.) bereits im jungen Alter von sechs Jahren auswendig. [1]

Ebenso wie ihre Mutter Fatima, ihr Vater Ali und ihre Brüder Hassan und Hussayn stand Zainab an vorderster Front der islamischen Bewegung. Als Imam Ali (a.s.) nach Kufa reiste, um den Islam gegen Heuchelei und Unglauben zu verteidigen, erfasste sie vor Ort die passenden Strategien und Methoden ihres Vaters im Umgang mit Unrecht. Sie unterrichtete dort die Frauen im Koranverständnis, in den Grundsätzen des Glaubens und in sonstigen religiösen Angelegenheiten und klärte sie darüber hinaus über ihre Rechte und Pflichten als Individuum vor Gott und auch gegenüber der Gesellschaft auf. Ihre Ansichten in Rechtsfragen waren allgemein anerkannt und sie wurde auch „Stellvertreterin des Imams“ genannt, eine Stellung, die sie auch während der Gefangenschaft nach dem Tag von Aschura einnehmen musste, als ihr Bruder Imam Hussayn (a.s.) schon ermordet worden war und der Imam der damaligen Zeit, Imam Zaynul-Abidin (a.s.), schwer erkrankte, so dass er einige Aufgaben für eine gewisse Zeit nicht ausführen konnte.

Zainab (a.s.) heiratete ihren Cousin Abdullah ibn Dschafar (a.s.), dessen Vater Dschafar Tayyar (a.s.) als einer der ersten Boten des Islam nach Abessinien gesandt worden war, um Exil für die Muslime zu suchen, die in Mekka von den Qureischiten gedemütigt worden waren. Zainab (a.s.) vereinbarte mit ihrem zukünftigen Ehemann eine Art Ehevertrag, der unter anderem beinhaltete, dass er sie nicht daran hindern durfte, mit ihrem Bruder Hussayn (a.s.) zu verreisen und ihm, wann immer es notwendig war, beizustehen.

Zainab (a.s.) zeichnete sich, wie ihre Mutter Fatima (a.s.), durch eine besondere Hingabe zu spirituellen Handlungen aus, in denen sie so tief verankert war, dass sie auch in Extremsituationen nicht darauf verzichtete. Eine Überlieferung ihres Neffen Imam Zain-ul-Abedin (a.s.) besagt, dass Zainab (a.s.) sogar während ihrer Gefangenschaft auf dem Weg nach Syrien – trotz aller Härte und Grausamkeiten, denen sie ausgesetzt war – niemals das Nachtgebet versäumte. [2] Ihre Lebensweise war bescheiden, sie hielt nichts von Prunk und ihre soziale Verantwortung machte sie zu einem nachahmenswerten Vorbild. Betrachtet man ihren Werdegang, so wird deutlich, dass sie sich nicht dem Materiellen und dem Weltlichen hingab: Sie gab, ebenso wie ihr Bruder Hussayn und dessen Anhänger (a.s.), alles um Gottes Willen auf, um der Nachwelt den wahren Islam ihres Großvaters Muhammad (s.a.s.) zu erhalten. In Karbala und in den Monaten nach Aschura legte Zainab (a.s.) Zeugnis über ihre außergewöhnlichen Charaktereigenschaften ab. Sie wusste um die Prophezeiung des heiligen Propheten bezüglich Imam Hussayns Märtyrertum (a.s.), doch zögerte sie keinen Moment, als die Prophetenfamilie von Medina nach Mekka aufbrach, um sich ihrem Bruder anzuschließen. Vier Monate verweilten sie in Mekka. Doch als der Druck der Umayyaden wuchs, da Imam Hussayn (a.s.) zum Treueid gegenüber dem Tyrannen Yazid gezwungen werden sollte, verließ die Prophetenfamilie Mekka.

Am Tag von Aschura, dem 10. Muharram, war jegliche Verantwortung auf Zainab (a.s.) gefallen. Sie war Zeugin eines grausamen Gemetzels. Vor ihren Augen opferte einer nach dem anderen ihrer Verwandten sein Leben. An diesem Tag begann ihre Mission. Dadurch, dass sie weder in Verzweiflung geriet noch den Mut verlor, konnte sie den anderen Frauen und Kindern Mut zusprechen und sie daran erinnern, dass diese Opfer unabdingbar waren zur Wahrung des authentischen Islam, übermittelt durch den heiligen Propheten. Durch ihr mutiges Auftreten verhinderte sie außerdem die Ermordung ihres schwer erkrankten Neffen Imam Zeynul-Abedin (a.s.). Die Karawane der Gefangengenommenen, die hauptsächlich aus den verbliebenen Frauen und Kindern bestand, erlitt eine brutale Behandlung auf dem Weg nach Kufa, um endgültig ihren Willen zu brechen. In einer Überlieferung wird das Auftreten von Hazrat Zainab (a.s.) nach der beschwerlichen Reise wie folgt beschrieben: „Als Zainab umgeben von ihren Gefährtinnen vor Ubaydullah ibn Ziad, den Gouverneur von Kufa, geführt wurde, grüßte weder sie noch sonst jemand, und ihre Körperhaltung zeugte von ihrem ungebrochenen Willen, was Ibn Ziad, der überheblich und siegessicher auftrat, schwer irritierte.“ [3]

Als sie dann ihr Wort an ihn richtete und ihn als feigen Mörder und Handlanger von Yazid entlarvte, war er sprachlos. In einer Zeit, in der die Despotie und Tyrannei der Herrschenden so groß war, dass nicht einmal Männer wagten, ihr Wort am Hofe zu erheben, wurde er von einer Frau – und noch dazu von einer Gefangenen – vor allen Anwesenden an den Pranger gestellt und für seine Machenschaften aufs Schärfste verurteilt.

Im Folgenden sollen zusammenfassend die Botschaften und Wirkungen von Aschura auf das weibliche Selbstbewusstsein dargestellt werden:

(1) Zainab (a.s.) demonstrierte mit ihrem Auftreten, dass das Leben als Frau kein Hindernis ist, um nachhaltig in den Lauf der Geschichte einzugreifen. Wie schon angedeutet wurde, wird ihr Auftreten nicht nur nicht als Zufall betrachtet, sondern vielleicht wurde ihr diese Rolle gerade auch deshalb zugedacht, weil sie eben eine Frau war und deshalb ausgerüstet mit weiblichen Eigenschaften in ihrer schönsten Form, wie Eloquenz gemischt mit Emotion, Zorn über Unrecht, mütterlichem Kampfgeist, Mut, Beharrlichkeit und einem unerschütterlichen Gottvertrauen mehr bewirken konnte, als ein Mann in dieser Situation. Sie war imstande, die Verleumdung der Familie des Propheten zu durchbrechen und die wahren Geschehnisse unverblümt ans Tageslicht zu bringen. Obwohl zur damaligen Zeit weitaus alle Medien zur Informationsbeschaffung, wie die Freitagsimame, Ausrufer von Nachrichten usw. unter der Vormachtstellung der Umayyaden standen, hat sie es geschafft, entgegen einer Vorherrschaft, die eine einseitige und völlig falsche Berichterstattung lieferte, mit erhobenem Haupt zu stehen. Sie verlor niemals ihren ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit in einer Situation als Gefangene, als Entrechtete und als in der Schlacht Geschlagene. Mehrere Aufstände gegen die Umayyaden folgten, wie beispielsweise der Aufstand der Tawwabin. Das Ansehen der Umayyaden in der Bevölkerung schwand stark, so dass sie letztendlich ihre politische Vormachtstellung aufgaben. Zainabs Neffe Imam Zeynul-Abidin (a.s.) sagt über sie: „Wir sind 12 Imame und alle diese Imame sind zu einer Kette zusammengeschlossen, das eine Ende dieser Kette lag auf meiner Schulter und das andere Ende auf der Schulter meiner Tante Zainab.“ [4]

(2) Zainab (a.s.) hielt mit ihrem Gefangenenzug überall dort, wo die Gruppe eine Rast einlegte, Trauerfeiern ab. Sie legte somit die Grundlage für die Trauerfeiern für Imam Hussayn (a.s.) und seine treuen Gefährten, die sich seither Jahr für Jahr rund um den Globus wiederholen und den Muslimen immer wieder aufs Neue die Notwendigkeit, sich jeglicher Art von Unrecht zu widersetzen, vergegenwärtigen. Trauern, Weinen und Schluchzen sind Eigenschaften, die man eher dem weiblichen Geschlecht zuordnet. Zainab (a.s.) hat es in ihrem Versuch, die Menschen wachzurütteln, verstanden, diese Eigenschaften geschickt einzusetzen, indem sie das öffentliche lautstarke Weinen und Klagen mit der Anklage gegen Ungerechtigkeit und Diskriminierung verband. Vielleicht können Trauern und Weinen als Formen eines weiblichen Protests, der weder verboten noch leicht zu kontrollieren ist, betrachtet werden. Jedenfalls konnte und kann sich nach wie vor kaum jemand der Wirkung dieser Trauerversammlungen entziehen. Nennenswert in diesem Zusammenhang ist, dass in vielen Kulturkreisen und Gruppen, in denen das Abhalten von solchen Trauersitzungen üblich ist, das Weinen auch für Männer keinen negativen Beigeschmack hat oder verpönt ist. Für den westlichen Beobachter ist es oft verwunderlich zu sehen, dass Männer öffentlich hemmungslos weinen können. Aus religiöser Sicht wird in zahlreichen Überlieferungen das Weinen und Flehen um die Gnade Gottes und auch die Passion für das Leid der Ahl-ul-Bait empfohlen. Es dient außerdem als wichtiger Schritt in der spirituellen Entwicklung des Suchenden; so sind große Mystiker und Gelehrte bekannt für nächtliche Stunden, die sie mit Gebet und innigem Weinen verbringen.

(3) Dass sich die Frau aktiv am politischen Geschehen beteiligte, war für die Araber der damaligen Zeit in dieser Form ungewöhnlich, da die Frau im Allgemeinen viel zu ungebildet war, um überhaupt genügend Kenntnisse über aktuelle politische Bezüge aufzuweisen. Ansonsten fehlte es ihr auch an Legitimität und Selbstvertrauen, um ihren Standpunkt darzulegen. Dies ist nicht verwunderlich, da der Prophet in einer Zeit lebte, in der man der Frau nicht einmal die grundlegenden Rechte zugestand und sie als Grundübel für Armut und Unglück empfand, weshalb sie nicht selten unmittelbar als Säugling bei lebendigem Leib begraben wurde. Von spezifischen Frauenrechten, Würde und Ansehen war zu der damaligen Zeit noch keine Rede. Durch die Verbreitung der Offenbarung durch den Propheten wurden nunmehr auch Frauen unterstützt und ermutigt, sich am politischen und gesellschaftlichen Geschehen zu beteiligen. Diese Beteiligung wird besonders deutlich durch z.B. die Präsenz der Frauen in der Moschee, in der sie auch das Recht auf das Abhalten von Ansprachen haben, durch die Teilnahme an religiösen Handlungen und den Kontakt mit dem Propheten, bei dem sie die Möglichkeit hatten, ihn zu Rate zu ziehen, wenn es um gesellschaftspolitische Angelegenheiten ging. Außerdem nahmen die Frauen an der Auswanderung [Hidschra] teil und wurden zur Leistung des Treueeids [Beyat] befähigt. Der Treueeid wird im Allgemeinen folgendermaßen definiert: „Ein Treueid [Beyat] bzw. Treuegelöbnis, Gefolgseid, Gelöbnis oder Huldigung ist ein Schwur einer Person, durch welchen die Treue zur Führung bezeugt wird. In der islamischen Geschichte haben Treueeide eine wichtige Rolle gespielt.“ [5] Im nachstehenden Abschnitt wird der Beyat eingehender erläutert.

Heute könnte man den Beyat auch mit der Wahl eines Politikers vergleichen, nur eben nicht nur für politische, sondern auch für religiöse Belange. Zu Lebzeiten des Propheten wurde mit einem Spruch vor Ort dem religiösen Führer der Treueeid geschworen, was bedeutete, ihm in politischen, kulturellen, wirtschaftlichen und vor allem in religiösen Angelegenheiten zu folgen. Als konkrete Beispiele können zwei Ereignisse genannt werden:

3.1) Der Beyat beim 2. Aqaba: Einige Zeit vor der Hidschra ist eine große Menschenmenge von Medina nach Mekka gereist, um die Hadsch zu verrichten. Ein Gruppe davon, es waren 73 Männer und 2 Frauen, hatten die Absicht, sich mit dem Propheten des Islam zu treffen. Das Treffen sollte nach der Vollendung der Hadsch mitten in der Nacht heimlich und sicher vor den Götzendienern an einem Ort, der Aqaba hieß, in dem sich der Prophet mit seinem Onkel Abbas (a.s.) aufhielt, stattfinden. Nachdem der Onkel des Propheten einige Worte sprach, erklärte sich die Menge bereit, den Propheten in allen Angelegenheiten, die er verlangte, zu unterstützen. Anschließend las der Prophet Verse aus dem Koran. Es waren nur zwei Frauen anwesend, was sich vielleicht durch die Verfolgung der Muslime in Mekka erklären lässt, und weil es zu gefährlich war, mehrere Frauen schutzlos mitreisen zu lassen. Der Prophet hat den Treueeid dieser zwei Frauen akzeptiert und ihnen nicht das Ablegen des Treueeides verwehrt.

3.2) Nach der Hidschra hat der Prophet im Jahre 8 die Stadt Mekka erobert und durch die Offenbarung Gottes den Beyat von Frauen akzeptiert. So heißt es: „Oh Prophet, wenn gläubige Frauen zu dir kommen und dir den Treueeid leisten, dass sie Allah nichts zur Seite stellen und dass sie weder stehlen noch Ehebruch begehen, noch ihre Kinder töten, noch eine Verleumdung vorbringen werden, die sie selbst wissentlich ersonnen, noch dir ungehorsam sein werden, in dem was recht ist, dann nimm ihren Treueeid an und bitte Allah um Vergebung für sie. Wahrlich Allah ist allvergebend, barmherzig“ (Al-Mumtahina:12).

Der Prophet gab beim Vollzug des Treueeids den Frauen nicht direkt die Hand, sondern holte eine Wasserschüssel hervor, in die er seine eigene Hand eintauchte und den Beyat aussprach. Anschließend stand er auf und forderte die Frau, die den Treueeid schließen wollte, auf, ihre Hand in die Schüssel einzutauchen. „Eine der ersten Frauen, die den Treueeid mit dem Propheten geschlossen hat, war Fatima Bint Assad, die Mutter von Imam Ali.“ [6] Diese Form des Treueeides in der islamischen Geschichte war freiwillig und wurde auf der Basis persönlicher Entscheidungen geleistet.

Es wird deutlich, dass Zainabs (a.s.) Handeln keineswegs ungewöhnlich war, sondern sie damit durchaus den Spuren der Lehren ihres Großvaters folgte. Eine weitere Besonderheit im Auftreten Hazrat Zainabs (a.s.) bestand darin, dass sie, durch die Ermordung fast aller männlichen Gefährten, typische Männerrollen übernehmen musste. Sie verteidigte die übrig gebliebene Schar der Gefangenen, sie war die Sprecherin der Verbliebenen und Anklägerin der Herrschenden. Die Botschaft Hazrat Zainabs (a.s.) an die Frauen und Männer ihrer Zeit und der nachfolgenden Generationen ist die Bereitschaft, im Falle der Notwendigkeit aktiv ins Geschehen einzugreifen. Hierfür müssen folgende Voraussetzungen bestehen: In einer Überlieferung heißt es: „Wer seine Zeit kennt, bleibt vor den Schwierigkeiten und Tücken dieser Zeit verschont.“ [7] Hazrat Zainab (a.s.) hätte so wirkungsvoll nicht auftreten können, wenn sie nicht ein exaktes Wissen über die Vorgänge und die Zusammenhänge der politischen Ereignisse der damaligen Zeit gehabt hätte. Außerdem hat sie, wie aus ihren Ansprachen zu erkennen ist, die Methoden, Denkweisen und Charaktere ihrer Gegner genau gekannt und somit auch richtig einschätzen können. Selbstverständlich verlangt so eine Fähigkeit eine umfassende Ausbildung auf mehreren Gebieten. Die Fähigkeit, entscheiden zu können, wo Recht und wo Unrecht liegen, muss erst mühsam durch Bildung und vor allem durch Persönlichkeitsbildung erworben werden. Frauen und Männer sind als menschliche Wesen das Erlernen dieser Fähigkeit ihrem Schöpfer gegenüber schuldig.

(4) Die Namen von 20 Frauen sind überliefert, die aktiv bei den Ereignissen von Aschura anwesend waren. Zehn davon gehörten zur Ahl-ul-Bait und die übrigen zu den Frauen der Sahaba.[8] Der Grad der Opferbereitschaft dieser Frauen war einzigartig. Es ist überliefert, dass in der Nacht von Aschura Imam Hussayn (a.s.), nachdem er alle seine Anhänger aus der Verpflichtung nahm, ihm beizustehen, sagte: „Wer von euch seine Frau und Familie mitgebracht hat, muss diese heute Nacht noch an einem sicheren Ort unterbringen. Morgen werden unsere Männer umgebracht und unsere Frauen gefangen genommen.“[9] Der Imam wollte nicht, dass auch die anderen Frauen die schweren Prüfungen, die auf die Frauen der Ahl-ul-Bait (a.s.) warteten, durchstehen mussten. Die Frau von Ali Ibn Mashar beklagte sich daraufhin heftig und fragte den Imam, ob sie nicht die Kapazität hätte, den Frauen der Ahl-ul-Bait (a.s.) in dieser schwierigen Situation beizustehen.[10] Daraufhin wurde es weiteren Frauen gewährt, beim Aufstand von Aschura anwesend zu sein und das Leid mit der Ahl-ul-Bait zu teilen. Auch gab es nicht wenige Frauen, die sich nicht dagegen wehrten, dass ihre Männer und Söhne mit Imam Hussayn (a.s.) in die Schlacht zogen, obwohl sie um die geringen Chancen des Überlebens wussten oder sogar ihre Männer und Söhne ermutigten, Imam Hussayn beizustehen.[11]

(5) Die Art und Weise des Auftritts von Hazrat Zainab (a.s.) und den anderen Frauen in den Ereignissen von Aschura zeugen von einem starken weiblichen Selbstbewusstsein, das für die damalige Zeit sicherlich ungewöhnlich war. Hier stellt sich die Frage, was die Faktoren waren, die zu so einem außergewöhnlichen Selbstbewusstsein geführt haben. Als Ibn Ziad, der Gouverneur von Kufa, zu Zainab (a.s.) sagte: „Hast du gesehen, wie euer Gott mit euch verfahren ist?“, antwortete sie: „Ich habe nichts als Schönes gesehen!“[12] Dieser Satz zeugt von dem tiefen Glauben und Gottvertrauen und auch von einer Gotteserkenntnis der Ahl-ul-Bait. An dieser Stelle muss ein Unterschied zwischen einem positiven und einem negativen Selbstbewusstsein gemacht werden: Negatives Selbstbewusstsein führt laut vieler Gelehrten zu Überheblichkeit, Stolz und Hochmut, während ein positives Selbstbewusstsein Bescheidenheit und Demut auf der einen Seite sowie Stärke, Würde und Ablehnung jeglicher Form von Unterdrückung, Erniedrigung, materieller Ausbeutung usw. andererseits bewirkt. In einer Überlieferung wird sinngemäß diese Form von Selbstbewusstsein verdeutlicht, welche besagt, dass die Gläubigen in der Nacht wie Asketen und am Tag wie Löwen sind. Eine spirituelle Entwicklung stärkt somit das positive Selbstbewusstsein des Menschen.

Alle angeführten Aspekte zeugen von einem neuen weiblichen Selbstbewusstsein, das sowohl für die damalige Zeit ungewöhnlich war, als auch heute noch in seiner Intensität imponiert und viele Frauen, die sich mit diesen außergewöhnlichen Persönlichkeiten identifizieren, prägt.

Zeynab Lanzl

Anmerkungen: [1] Ayatollah Nuri Hamedani: „Die Stellung der Frau im Islam“, 2003, S.274.  [2] Al-Fadschr Nr. 54, S.4.  [3] Motahari, Morteza: „Hamase Hosseini“, Bd. 1, S. 302.  [4] Bihar-ul-Anwar, Bd. 45, S.2.  [5] Siehe Enzyklopädie des Islam: www.eslam.de.  [6] Hamedani, a.a.O., S.152.  [7] Bihar-ul-Anwar, Bd. 68, S.307.  [8] Shiite women: Vol. 2, No. 1, Frühling 2005, S.254.  [9] Muhammad, Wasif: „Der heilige Aufstand Husseins“, 2008, S. 153.  [10] Ebd.  [11] Shiite women, a.a.O., S.255.  [12] Seyyed Ibne Tawus: „Alluhuf”, S. 160.