Die edlen Charaktereigenschaften von Imam Hussayn (a.s.)

Liebe kann beschrieben werden als die Neigung zu etwas, das zur Freude und Ruhe des Menschen führt, eine Neigung, die von der Erkenntnis und Wahrnehmung jenes Geliebten herrührt. Anziehungen und Neigungen, die zwischen Unlebendigem vorhanden sind (wie die magnetische Kraft oder die Erdanziehungskraft) werden nicht Liebe genannt, da diese Formen der Anziehung nicht von der Erkenntnis und Wahrnehmung stammen. Es ist offensichtlich, dass, je tiefgreifender die Erkenntnis des Menschen ist, umso stärker und ausgeprägter ist seine Liebe zum Geliebten.

„Die Gläubigen aber empfinden für Gott eine größere Liebe.“ (Al-Baqara | 2:165)

Die Liebe des Menschen zu Gott ist eine besondere Liebe, weil Gott, der Erhabene, jegliche Vollkommenheit in Seinem Wesen umfasst und alle anderen Lebewesen jede Form der Vollkommenheit von Ihm empfangen können. Die Liebe zu Gott ist daher die ursprüngliche:

  • „Die Liebe zu Ihm ist der schmackhafte Sirup und wer ihn kostet, liebt Ihn und verlässt die anderen.“ [1]
  • „Du bist es, der alle anderen von den Herzen Deiner Liebenden entfernt hat, bis sie nichts anderes als Dich lieben.“ [2]
  • „Wer hat den süßen Geschmack Deiner Liebe zu schmecken bekommen und einen Ersatz für Dich begehrt?“ [3]

Die Voraussetzung des Gelangens zum Glauben ist, dass der Mensch Gott mehr liebt als alles andere und sogar mehr als sich selbst: „Der Glaube des Menschen an Allah wird nicht aufrichtig, bis Allah ihm lieber ist als er sich selbst, als sein Vater, seine Mutter, seine Kinder, seine Familie, sein Vermögen und alle Menschen.“ [4]

Dementsprechend war jenes, was Imam Husayn (a.s.) veranlasste, um das Unglück, das Leid und die Trauer zu ertragen, nur die Liebe zu Allah. Allerdings entstand diese Liebe nicht erst während seiner Reise nach Karbala, sondern sie existierte in seinem gesamten Leben. Die Reise nach Karbala kann hingegen als Ergebnis dieser Liebe verstanden werden. Seine Anrufungen Allahs, die uns zur Verfügung stehen, vor allem das Araafa- Bittgebet, stellen diese Liebe und ihren Einfluss in den Tiefen seines Wesens dar.

2. Imam Hussayn (a.s.) und das Gedenken an Allah in jedem Zustand

Das Gedenken an Allah ist eine Angelegenheit des Herzens. Es bewirkt alles Gute und jeden Segen. Das Gedenken mit der Zunge, das Bittgebet, das Gebet, die Koranrezitation usw. werden auch als Gedenken (Dhikr) bezeichnet, weil sie jene Angelegenheit des Herzens hervorrufen. Das, was im Qur’an als die Ruhe des Herzens bezeichnet wird (Wahrlich, im Gedenken Allahs werden die Herzen ruhig (Al-Rad | 13:28), ist die Beschreibung jenes Gedenken des Herzens. Dass Imam Hussayn (a.s.) wie ein Berg entgegen einer Menge Kummer und Trauer stand und keinen Zweifel, keine Unruhe, Unsicherheit und Angst in sich trug, erfolgte durch sein Herzgedenken und seine innere Aufmerksamkeit.

Imam Hussayn (a.s.) hatte stets den Namen Allahs auf den Lippen und das Gedenken Gottes im Herzen. Während des Kampfes sagte er: „Es gibt keine Macht und keine Kraft außer von Gott“ [5] und während des Eintretens einer Gefahr sagte er: „Gottes sind wir, und zu Ihm kehren wir zurück.” [6] Als er in Karbala ankam, suchte er vor Übel und Unglück bei Gott Zuflucht, indem er sagte: „Oh Allah! Ich suche Zuflucht bei Dir vor Kummer und Unglück.“ [7] Er ermahnte seine Feinde, indem er ihnen sagte: „Satan hat völlige Macht über euch gewonnen und hat euch die Ermahnung des Erhabenen Gottes vergessen lassen. Wehe euch und dem, was ihr wollt. Gottes sind wir, und zu Ihm kehren wir zurück.” [8]

Man kann zahlreiche ähnliche Beispiele in der Karbala-Bewegung und in seinem Leben nennen. Ein weiteres Beispiel des Gottesgedenken im Leben Imam Hussayns (a.s.) ist, dass er großen Wert auf das Gebet legte. Er bat am Nachmittag des neunten Tages seinen Bruder Abal-Fadhl al-Abbas (a.s.), von den Ummayyaden, den ihm feindlich Gesonnenen, eine Frist von einer Nacht zu verlangen, damit er diese nur mit Koranrezitationen, Bitten um Vergebung und Anrufungen Gottes verbringen konnte. Danach sagte er: „Er [Gott] weiß, dass ich das Gebet, die Koranrezitation, die mannigfaltigen Bittgebete und die Bitten um Vergebung liebe.“ [9]

Als die Schlacht am Mittag von Aschura unerbittlich und hitzig weiterging, rief ein Muezzin (Gebetsrufer) zum Gebet. Imam Hussayn (a.s.) sagte ihm: „Du hast an das Gebet erinnert. Allah möge dich mit den Betenden zusammenbringen. Ja, die Zeit für das Mittagsgebet hat gerade begonnen.“ Danach sagte er: “Verlangt von ihnen [den ihm feindlich Gesonnenen], mit dem Krieg aufzuhören, damit wir beten können.“ [10] Da sie mit dem Kampf nicht aufhören wollten, nahmen Said ibn Abdullah al-Hanafi und Zuhair ibn Qain die Aufgabe des Schutzes Imam Hussayns (a.s.) im Gebet an. Sie wurden um des Gebets Willen zu Märtyrern.

3. Aufrichtigkeit und Erlangung des Wohlgefallens Allahs

Imam Hussayn (a.s.) bezeichnete das eigentliche Ziel seiner Reise nach Karbala als göttliches Wohlgefallen. Aus diesem Grund bat er vor dem Beginn seiner Reise am Grab seines geehrten Großvaters Muhammad (s.a.), dass Gott ihm in dieser Angelegenheit Erfolg gewähre. Er sagte: „Ich verlange von Dir, Oh Erhabener und Ehrwürdiger, um dieses Grabes und dessen, der in diesem Grab ruht, Willen, dass Du mir das gewährst, was zu Deinem Wohlgefallen und zum Wohlgefallen Deines Propheten führt.“ [11]

Vor dem Aufstand von Karbala in den letzten Jahren der Herrschaft von Muawiya hielt Imam Hussayn (a.s.) auf der Pilgerfahrt in Mina eine Predigt und erklärte sich unzufrieden mit der aktuellen Situation des Landes. Am Ende seiner Predigt sagte er: „Oh Allah! Du weißt, dass diese Anstrengungen und Unternehmungen weder wegen der Konkurrenz um die Herrschaft und Regierung, noch wegen der Erlangung des Reichtums und materieller Gaben gemacht werden, sondern weil ich die Grundsätze und Werte Deiner Religion verkünden und Dein Land reformieren will, damit die Unterdrückten Deiner Diener Sicherheit finden und Deine Urteile und Gesetze praktiziert werden“. [12]

Von der Korrektur der islamischen Gemeinschaft ist auch in dem Testament, das er vor dem Verlassen Medinas niedergeschrieben hat, die Rede. Es ist ganz eindeutig, dass die Verkündung der religiösen Lehren, die Reformierung im Lande, die Schaffung von Sicherheit für die Unterdrückten, die Wiederbelebung der göttlichen Gesetze und die Bekämpfung der Verfälschung (Bida) nicht im Widerspruch zum Wohlgefallen Allahs oder zu etwas anderem stehen. All diese Angelegenheiten gehören zur Erlangung des Wohlgefallens Allahs.

4. Das Gottvertrauen (Tawakkul) Imam Hussayns (a.s.)

Imam Hussayn (a.s.) vertraute während seiner gesamten Reise nach Karbala auf Gott und wurde dadurch stets bekannt. Als die beiden Heere am Tag von Aschura bereit waren, sich gegenseitig zu bekämpfen, sprach Imam Hussayn (a.s.) in seiner zweiten Rede die Soldaten von Umar ibn Saad mit folgenden Worten an: „Hört meine Worte und beeilt euch nicht! Wisset, dass mein Verwalter Gott ist, der den Koran herabsandte und der Freund und Verwalter der Rechtschaffenen ist.“ [13] An einer anderen Stelle sprach er Gott an: „Oh Allah! Du bist unser Herr. Auf Dich vertrauen wir und zu Dir kehren wir zurück.“ [14] Danach hob er seine Hände zum Himmel und sagte: „Oh Allah! In jedem Kummer vertraue ich auf Dich.“ [15]

Als er sich von seiner Familie verabschiedete, sagte er ihr: „Wisset, dass Gott euer Beschützer ist, in Kürze euch vor dem Übel der Feinde beschützen und euren Angelegenheiten einen guten Ausgang gewähren wird.“ [16] In den letzten Minuten seines gesegneten Lebens rief er seinen Herren an und flehte: „Oh Erhabener und Mächtiger Gott. Ich bin kraftlos und bitte Dich um Unterstützung und Hilfe. Ich verlasse mich auf Dich. Und allein dies genügt mir.“ [17]

Ein gnostischer Mensch weiß, dass die Welt in der Gegenwart Gottes ist und Gott allgegenwärtig und allsehend ist. Diese Überzeugung hindert ihn, Sünden zu begehen und veranlasst ihn zudem, Kummer und Unglück zu ertragen. Nachdem alle Gefährten Imam Hussayns (a.s.) am Tag von Aschura getötet wurden, hob Imam Hussayn (a.s.) seinen Kopf gen Himmel und äußerte: „Oh Allah! Du bist Zeuge und siehst, was sie mit dem Sohn Deines Propheten tun.“ [18] Nachdem sein Säugling getötet wurde, führte er fort: „Das, was diesen Kummer mir erleichtert, ist, dass sich dieses Verbrechen in der Gegenwart Gottes ereignet und Er es sieht.“ [19]

5. Der Sieg eines Menschen, der in jedem Zustand mit dem göttlichen Urteil zufrieden ist

Ein Gnostiker weiß, dass alles, was in der Welt passiert, dem göttlichen Urteil entspricht und nichts geschehen kann, was seitens Gottes nicht bestimmt ist und ebenfalls alles, was Er bestimmt hat, unbedingt geschehen wird. Aus diesem Grund ergibt er sich vollständig der göttlichen Entscheidung und Bestimmung und gibt sich damit zufrieden, im Äußeren wie auch im Inneren, in Wort wie auch in Tat. Ihm sind Ehre und Erniedrigung, Armut und Reichtum, Bequemlichkeit und Not sowie Gesundheit und Krankheit gleichgültig.

Imam Hussayn (a.s.) war in jedem Zustand gegenüber Gott dankbar und beschwerte sich nicht. In seinem Vermächtnis an Muhammad Hanafiyyah sagte er: „Wenn jemand meine Worte leugnet und mir die Hilfe verweigert, werde ich mich in Geduld üben, bis Gott zwischen uns Sein Urteil spricht, und Er ist der beste Richter.“ [20] In den letzten Minuten seines Lebens spricht er in seiner Anrufung Gott wie folgt an: „Ich ertrage in Geduld Deine Entscheidung, Oh mein Herr… ich ertrage in Geduld Dein Urteil […].“ [21]

Nicht nur Imam Hussayn (a.s.) war geduldig, sondern er empfahl auch seiner Familie und seinen Gefährten, gegenüber dem göttlichen Schicksal geduldig zu sein und sich Ihm zu ergeben. Er sprach am Tag von Aschura seine Vettern, Familie und Gefährten an: „Oh meine Vettern, seid geduldig. Oh meine Familie, seid geduldig. Oh Söhne der Ehrwürdigen, seid geduldig! […]“ [22] Deswegen sagte Zaynab (a.s.) in der Versammlung von Ibn Ziyad folgendes: „Ich habe nichts gesehen außer Schönes.“ [23]

Trotz allem sind uns viele Fakten der Welt unbekannt. Wir denken nur über das Äußere der Angelegenheiten nach und eignen uns nur darüber Wissen an. Aus diesem Grund ist es möglich, dass es uns schwer fällt, ein Unglück zu ertragen. Wenn wir jedoch die geheimen Wahrheiten entdecken und uns bewusst werden, dass Allah nur Gutes für Seine Diener will, dann werden wir das schwerste Unglück ertragen können.

Ayatollah Dschawadi Amuli

1) Scheich Qummi: Mafatih al-Dschinan. Munadschate Muhibbin. 2) Allama Madschlisi: Bihar al-Anwar. Bd. 95, S. 226. 3) Ebd. 4) Ebd., Bd. 67, S. 25. 5) Ebd., Bd. 45, S. 50. 6) Ebd., Bd. 44, S. 379. 7) Ebd., S. 381. 8) Ebd., Bd. 45, S. 6. 9) Ebd., S. 392. 10) Ebd., S. 21. 11) Ebd., Bd. 44, S. 328. 12) Ibn Shu’ba al-Harrani: Tuhaf al-Uqul. S. 329. 13) Maqtal al-Muqarram. S. 227. 14) Maqtal Al-Kharazmi. Bd. 2, S. 8. 15) Allama Madschlisi: Bihar al-Anwar. Bd. 45, S. 4. 16) Maqtal al-Muqarram. S. 276. 17) Ebd., S. 282. 18) Allama Madschlisi: Bihar al-Anwar. Bd. 44, S. 321. 19) Ebd., Bd. 45, S. 46. 20) Ebd., Bd. 44, S. 330. 21) Maqtal al-Muqarram. S. 283. 22) Allama Madschlisi: Bihar al-Anwar. Bd. 44, S. 297. 23) Ebd., Bd. 45, S. 116.