Das Leben von Imam Hussayn (a.s.)

1. Einleitung

Es gibt viele Menschen, die auf die Welt kommen, etliche Tage, Monate und Jahre auf ihr verbringen und schließlich sterben. Solche Menschen sind wie der kurzlebige Schaum auf dem Ozean, der sich rasch auflöst und in Vergessenheit gerät. Imam Hussayn (a.s.) war auf die Welt gekommen, verbrachte hier Tage, Monate und Jahre, verließ die Welt und ging in die Ewigkeit ein.

Er ist weder untergegangen noch in Vergessenheit geraten. 58 Jahre lang lebte und wirkte er, jedoch nicht wie ein kurzweiliger Schaum, sondern wie eine Welle, die im Ozean entsteht. Je mehr die Geschichte voranschreitet, desto größer und gewaltiger wird die Welle Imam Hussayns (a.s.). In folgenden Aufsatz soll ein Überblick über das Leben Imam Hussayns (a.s.), stützend auf vorhandene Quellen und Daten, gegeben werden.

2. Die Geburt Imam Hussayns (a.s.)

Der zweite Sohn von Imam Ali (a.s.) und Fatima (a.s.) erblickte am 3. Schaban im Jahr 4 nach der Auswanderung (Hidschra) im Haus der Offenbarung und der Führerschaft (Wilaya) das Licht der Welt [1]. Als der geehrte Prophet (s.a.) von der Geburt Hussayns (a.s.) erfuhr, ging er sofort zum Haus seiner Tochter Fatima Az-Zahra (a.s.). Als man das Neugeborene, gehüllt in ein weißes Tuch, zum Propheten (s.a.) brachte, flüsterte er in sein rechtes Ohr den Gebetsruf (Adhan) und in sein linkes Ohr den Gebetsaufruf (Iqama) [2].

Nach einer kurzen Weile erschien der Engel der göttlichen Offenbarung, Erzengel Gabriel, und sagte dem Propheten (s.a.): „Der Gruß Allahs sei mit dir, Oh Gesandter Allahs. Allah sagt, dass ihr diesen Neugeborenen Hussayn nennen sollt [3].“ Der Name „Hussayn“ für das zweite Kind von Imam Ali (a.s.) und Fatima (a.s.) wurde von Allah, dem Erhabenen, bestimmt.

3. Imam Hussayn (a.s.) und der Prophet (s.a.)

Seit der Geburt Hussayns (a.s.), also ab dem Jahre 4 nach der Auswanderung, bis zum Ableben des Gesandten Allahs, sechs Jahre später, wurden die Muslime Zeugen der großen Zuneigung und Liebe des Propheten zu Imam Hussayn (a.s.) und erkannten seine Größe und seinen hohen Rang an. Salman al-Farsi (a.s.), einer der engsten Gefährten des gesegneten Propheten, sagte: „Ich sah den Propheten, wie er Hussayn auf die Knie setzte, ihn küsste und sagte:

‚Du bist edel, der Sohn des Edlen und der Vater der Edlen. Du bist Imam, der Sohn des Imams und der Vater der Imame. Du bist der Beweis Allahs (Hudschatullah), der Sohn des Beweises Allahs und der Vater der Beweise Allahs, die neun Personen sind. Der Letzte und der sich Erhebende von ihnen ist Imam az-Zaman (der Imam der Zeit) [4].‘“ Eine zutiefst aufrichtige und offenkundige spirituelle Beziehung zwischen dem Propheten und Imam Hussayn (a.s.) wird auch in der folgenden Überlieferung deutlich: „Hussayn ist von mir und ich bin von Hussayn. Wer ihn liebt, liebt Allah [5].“

4. Imam Hussayn (a.s.) und sein Vater Imam Ali (a.s.)

Nachdem der Prophet (s.a.) von der Welt schied, stand Imam Hussayn (a.s.) 30 Jahre an der Seite seines Vaters, dem Fürsten der Gläubigen, Imam Ali (a.s.). Ein Vater, der ein reiner und wahrhaftiger Gottesdiener war, nur gerecht urteilte und weder die Gnade Allahs gering schätzte noch sich dem Willen Allahs zu widersetzen versuchte. In all diesen dreißig Jahren befolgte Imam Hussayn (a.s.) mit Herz und Seele die Befehle seines Vaters und nahm an den wichtigen Geschehnissen der Zeit aktiv teil [6].

5. Imam Hussayn (a.s.) und sein Bruder Imam Hassan (a.s.)

Nach dem Märtyrertod von Imam Ali (a.s.) im 40. Jahr nach der Auswanderung stand Imam Hussayn (a.s.) seinem älteren Bruder Imam Hassan (a.s.) zehn Jahre lang bei allen politischen und sozialen Stellungnahmen zur Seite und verteidigte und unterstützte ihn in allen Bereichen. Als der Friedensvertrag Imam Hassan (a.s.) aufgezwungen wurde und er diesen aufgrund der Interessen der Gesellschaft annehmen musste, unterstützte auch Imam Hussayn (a.s.) seinen Bruder und teilte sein Leid.

6. Das Leben von Imam Hussayn (a.s.) während der Ära Muawiyas

Nach dem Märtyrertod Imam Hassans (a.s.) im 50. Jahr nach der Auswanderung übernahm Imam Hussayn (a.s.) auf Geheißen Gottes und des Propheten (s.a.) die Führung der islamischen Gemeinde. Imam Hussayn (a.s.) wurde nach der Ernennung zum Imam, Zeuge der Abweichungen der Gesellschaft von den islamischen Lehren und Gesetzen. Er widersetzte sich den Erneuerungen und Ungerechtigkeiten unter den Muslimen und erinnerte sie an die Verfahrensweise des Propheten (s.a.) und Imam Alis (a.s.), indem er in jener Zeit zahlreiche Predigten hielt und sich mit verschiedenen einflussreichen Personen und Gruppierungen traf.

Während Muawiya für die Nachfolgerschaft seines Sohns Yazid, die Muslime zum Treueeid aufforderte, verweigerte Imam Hussayn (a.s.) den Treueeid und richtete in einem Brief scharfe Worte gegen Muawiya [7]. Solange Muawiya am Leben war, mussten Imam Hussayn (a.s.) und sein Bruder Imam Hassan (a.s.) seine Herrschaft aufgrund eines Friedensvertrags dulden.

Imam al-Hussayn

7. Der Aufstand Imam Hussayns (a.s.)

Nach Muawiya bestieg Yazid den Thron der Umayyaden-Dynastie und ernannte sich zum Fürst der Gläubigen (Amir al Muminin). Damit er seine unrechte und unterdrückerische Herrschaft legitimieren konnte, forderte er wichtige islamische Persönlichkeiten zum Treueeid auf. Er schrieb dem Statthalter von Medina einen Brief und verlangte von ihm, dass er Imam Hussayn (a.s.) den Treueeid aufzwingen soll und ihn zu ermorden hätte, falls er diesen nicht abgeben würde [8].

Der Statthalter von Medina übermittelte Imam Hussayn (a.s.) diese Botschaft und erwartete eine Antwort. Imam Hussayn (a.s.) sagte daraufhin: „Gottes sind wir, und zu Ihm kehren wir zurück. Wenn die muslimische Gemeinschaft (Umma) unter die Herrschaft eines Mannes wie Yazid gerät, dann ist der Islam dem Untergang geweiht [9].“ Nachdem Imam Hussayn (a.s.) offenkundig den Treueid ablehnte, machte er sich mit seiner Familie von Medina in Richtung Mekka auf, die sichere Weihstätte Gottes, um dort die Pilgerfahrt zu vollziehen.

Die Nachricht, dass er Yazid nicht den Treueeid schwor und sich in Richtung Mekka aufmachte, verbreitete sich unter den Menschen in Mekka, Medina und sogar in Kufa. Die Leute in Kufa erinnerten sich noch an die Regentschaft der Gerechtigkeit Imam Alis (a.s.) 20 Jahren zuvor. Die Waisen, die Imam Ali (a.s.) großgezogen und die Witwen, die er (a.s.) versorgt hatte, wohnten noch in Kufa. Sie fanden sich zusammen, besprachen sich und beschlossen, Yazid den Gehorsam zu verweigern und Imam Hussayn (a.s.) zur Führung der Gemeinschaft einzuladen.

Nach den Beratungen schrieben sie zahlreiche Briefe an Imam Hussayn (a.s.) in denen sie ihre Unterstützung kundtaten: „Wir warten auf dich und haben niemandem den Treueeid geschworen. Wir sind bereit, uns für dich zu opfern und nehmen deinetwegen nicht an dem Freitagsgebet der anderen teil.“ Die Briefe und Aufforderungen an Imam Hussayn (a.s.) waren so zahlreich, dass einige Überlieferer sie mit fast 12000 bezifferten [10].

Imam Hussayn (a.s.) entsandte seinen Vetter, Muslim Ibn Aqil (a.s.), nach Kufa, damit dieser die Reaktionen der Leute Kufas einholte. Als er in Kufa ankam, begrüßten sie ihn mit großer Freude. Tausende leisteten ihm, als den Stellvertreter Imam Hussayns (a.s.), den Treueeid. Daraufhin schrieb Muslim einen Brief an Imam Hussayn (a.s.) und bewertete die Anhängerschaft Imam Hussayns (a.s.) als gefestigt und standhaft. Obwohl Imam Hussayn (a.s.) die Einwohner der Stadt Kufa gut kannte, ihre Unehrlichkeit unter der Regentschaft seines Vaters und Bruders gesehen hatte und wusste, dass man ihren Worten und Treueeiden nicht viel Wert beimessen sollte, beschloss er, nach Kufa zu reisen, um die Befehle Allahs umzusetzen.

Als man Yazid von der Anwesenheit Muslims und dem Treueid der Kufiten berichtete, schickte er Ibn Ziyad nach Kufa. Ibn Ziyad nutzte den schwachen Glauben, die Angst und die Heuchelei der Kufiten aus, drohte ihnen und ließ Muslim Ibn Aqil (a.s.) ermorden. Anschließend hetzte Ibn Ziyad die unaufrichtige und illoyale Bevölkerung Kufas gegen Imam Hussayn (a.s.) auf. Der Teil der Bevölkerung Kufas, der Imam Hussayn (a.s.) nach Kufa eingeladen hatte, trug bei seiner Ankunft Kriegsgewänder und beteiligte sich am Kampf gegen ihn. Am Tag von Aschura im Jahre 61 nach der Auswanderung wurden Imam Hussayn (a.s.) und seine 72 Gefährten brutal getötet und ihre Frauen und Kinder gefangen genommen.

8. Der Zweck der Bewegung Imam Hussayns (a.s.)

In jener Nacht, in der Imam Hussayn (a.s.) Medina verließ, während seines Aufenthalts in Mekka und auf der Reise von Mekka nach Karbala bis zu seinem Märtyrertod verkündete er: „Ich möchte mit meiner Bewegung das wahre Gesicht der unislamischen Regierung Yazids zeigen, das Gebieten des Guten und das Verbieten des Schlechten beleben, gegenüber der Unterdrückung widerstehen, den Koran verteidigen und den wahren Islam des Propheten Muhammad (s.a.) beleben [11].“

Für Imam Husayn (a.s.) galt die Erfüllung der Führungsaufgabe (Wilaya) und die Vollbringung der göttlichen Pflichten als das oberste Ziel seines Aufstandes. Gleichgültig war ihm ein äußerlicher Sieg oder eine vermeintliche Niederlage, da sich der wahre Erfolg in der Erfüllung der göttlichen Pflichten manifestiert. Imam Hussayn (a.s.) sagte auf dem Weg nach Karbala: „Ich bitte Gott, dem Erhabenen, dass das, was Er für uns vorsieht zu unserem Wohle und zu Seiner Zufriedenheit ist, ob es nun unseren Tod bedeutet oder unseren Sieg. Gewiss ist dies zu unserem Wohl [12].“

Dies ist die Kultur der Erfüllung der Verpflichtungen, die in jeder Gesellschaft, die Ihren Stellenwert erkennt und würdigt, dazu führt, dass die Werte dieser erhalten bleiben. Imam Hussayn (a.s.) ging seiner Verpflichtung nach, setzte seinen Weg fort und wurde schließlich zum Märtyrer, um offensichtlich zu zeigen, dass bei Tyrannei und Unterdrückung nicht geschwiegen werden darf.

9. Die Verehrung des Aufstandes Imam Hussayns (a.s.)

Seit dem Märtyrertod Imam Hussayns (a.s.) halten seine Anhänger Trauerzeremonien und Kundgebungen ab, um ihren Respekt und ihre Aufrichtigkeit zu zeigen. Auch die unfehlbaren Imame pflegten stets das Ereignis von Karbala lebendig zu halten. Sie pilgerten zu den Gräbern der Märtyrer und hielten Trauerzeremonien ab.

  • Abu Amara überliefert folgendes: „Eines Tages ging ich zum achten Imam, Imam Sadiq. Er sagte: ‚Lies uns Gedichte über die Trauer Imam Hussayns (a.s.) vor.‘ Ich begann Vorzulesen und der Imam weinte. Als das Gedicht zu Ende war, sagte er zu mir: ,Das Weinen ist keines Unglücks wegen angebracht außer dem Hussayns (a.s.), denn dies hat wertvolle Belohnung [13].‘“
  • Der fünfte Imam, Imam Baqir (a.s.), sagte zu einem seiner großen Gefährten Muhammad Ibn Muslim folgendes: „Sagt zu unseren schiitischen Geschwistern, dass sie das Grab Imam Hussayns (a.s.) besuchen sollten, denn es ist für jede gläubige Person, die unsere Führerschaft anerkennt, eine Pflicht, das Grab von Abu Abdullah (a.s.) zu besuchen [14].“
  • Imam Sadiq (a.s.) sagte: „Wahrlich, der Besuch Imam Hussayns ist besser als alle anderen Taten [15].“

Obwohl die Trauerzeremonien, das Weinen für Imam Hussayn (a.s.) Unglück, der Besuch seines Grabes und das Erinnern an die große Geschichte von Karbala sehr wertvoll und wichtig sind, sollten wir uns bewusst sein, dass hinter der Trauer, um eines der größten islamischen Persönlichkeiten, bestimmte islamische Normen und Werte stehen, wie Gottvertrauen, Mut und Selbstlosigkeit, die den eigentlichen Zweck der Trauer und des Gedenkens umfassen.

[1] Scheich Mufid: Kitab al-Irschad. [2] Scheich Tusi: Amali. Bd. 1, S. 377. [3] Scheich Saduq: Ma’ani al-Akhbar. S. 57. [4] Scheich Saduq: Kamal al-Din. S. 152. [5] Allama Madschlisi: Bihar al-Anwar. Bd. 43, S. 261. [6] Ibn Hadschar: Isaba. Bd. 1, S. 333 [7] al-Arbali: Kashf al-Ghoma. Bd. 2, S. 206. [8] al-Baladhuri: Ansab al-Ashraf. Bd. 5, S. 313. [9] Ibn Tawus: al-Luhuf. S. 20. [10] Ebd., S. 15. [11] Scheich Qummi: Nafas-ul-Mahmum. S. 45. [12] al-Juwaini: Ayan al-Shia. Bd. 1, S. 597. [13] Ibn Qulawayh Al-Qummi: Kamil al-Ziyarat. S. 101. [14] Ebd., S. 121. [15] Ebd., S. 147.