Freiheit mit Grenzen oder grenzenlose Freiheit?

Die „Freiheit“ gehört zu den grundlegenden und wichtigen Themen, welche stets die Aufmerksamkeit von Gelehrten und Intellektuellen auf sich gelenkt haben. In der Geschichte der Menschheit wünschte man sich stets, in den Genuss dieses Privilegs zu kommen und sah dieses auch als Notwendigkeit an. Eine Notwendigkeit, die in allen Bereichen des menschlichen Lebens und zwar sowohl im individuellen als auch im gesellschaftlichen Bereich eine zentrale Rolle spielt.

Die Notwendigkeit der Freiheit

Freiheit ist einer der wichtigsten Werte des menschlichen Lebens. Viele Menschen wurden aus Dank für ihre Bemühungen um Freiheit geehrt und die Freiheitsfordernden der Welt waren für die Menschen schon immer ehrenwert gewesen. Interessant ist jedoch die Frage, weshalb die Freiheit so wichtig erscheint und zu den Grundbedürfnissen des Menschen zählt.

Die erste Begründung für die Notwendigkeit der Freiheit ist das Bedürfnis des Menschen nach einem freien Wirkungskreis zur Ausübung und Entfaltung seiner Fähigkeiten. In einem geschlossenen Wirkungskreis und einem autokratischen Umfeld kann keine Basis zur Entfaltung der Kreativität und Fähigkeiten sowie von moralischen Tugenden und einem auf Werte basierendem Verhalten entstehen.

Der zweite Grund für die Notwendigkeit der Freiheit besteht darin, dass viele Themen und Angelegenheiten nicht die notwendige Angemessenheit und Tauglichkeit aufweisen, um der Menschheit auferlegt zu werden. Der Glaube und moralische Tugenden gehören unter anderem zu den Angelegenheiten, die weder erzwungen noch aufgezwungen werden können. Man kann niemanden dazu zwingen, eine Religion für sich als wahr anzunehmen oder Werte oder moralische Normen anzuerkennen, und auch nicht von ihm verlangen, stets ein gläubiger Mensch zu sein, der sich an gewissen Werten und moralischen Normen orientiert. Eine der Stärken des Islam ist die Tatsache, dass es nicht erlaubt ist, der Menschheit eine Religion oder moralische Normen aufzuzwingen.

Der heilige Qur’an weist in verschiedenen Versen auf diese Tatsache hin und offenbarte dem heiligen Propheten Muhammad (s.a.) folgendes: „Lade ein zum Weg Deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung, und debattiere mit ihnen auf die beste Art und Weise.“ (An-Nahl | 16:125)

اُدْعُ إِلَى سَبِيلِ رَبِّكَ بِالْحِكْمَةِ وَالْمَوْعِظَةِ الْحَسَنَةِ

Der heilige Prophet wurde ausgewählt, um die ethischen und moralischen Werte zu vervollständigen. Zweifellos kann man die edlen und moralischen Werte bzw. Charakterzüge weder ohne Argumente und Logik noch ohne Sanftmut und Feinfühligkeit lehren.

Die dritte Begründung für die Notwendigkeit der Freiheit besteht darin, dass die Fähigkeit zur Vervollkommnung des Menschen erst dann wertvoll ist, wenn diese bewusst und frei erfolgt. Um Vollkommenheit zu erlangen, muss man sich mit vielen Dingen auseinandersetzen und mit ihnen ringen. Zunächst muss man sich innerlich bemühen spirituelle Tugenden zu erlangen und danach äußerlich, um die Werte innerhalb der Gesellschaft zu realisieren. Sollte die Glückseligkeit ohne innere Bemühungen und Anstrengung durch die eigene Person und die Gesellschaft sowie rebellische Kräfte innerhalb der Gesellschaft zu erlangen sein, würden Moral, Tugenden und ethische Werte nicht wertgeschätzt werden.

Die Definition von Freiheit

Einige Konzepte erscheinen zwar auf den ersten Blick offensichtlich und klar, sind aber nicht besonders eindeutig und explizit. Zu diesen zählt auch das Konzept der Freiheit. Vielleicht sehen einige bestimmte Begebenheiten als Freiheit an, welche andere zu einer wahren Gefangenschaft zählen, und umgekehrt verstehen einige bestimmte Begebenheiten als einschränkend, welche andere als wahrhaftig frei ansehen. Zählt beispielsweise die Einhaltung von Moral und menschlichen Werten zur Freiheit oder steht sie für Einschränkung und Gefangenschaft? Steht Überzeugungsfreiheit für die Befreiung von schwachen, unlogischen und törichten Überzeugungen oder gelten Gleichgültigkeit und der fehlende Glaube an irgendetwas auf dieser Welt als Überzeugungsfreiheit?

Aus diesem Grund ist die richtige Erkenntnis der Definition von Freiheit ausschlaggebend und hilft dem Menschen dabei, sich aus der Gefangenschaft der irreführenden Fallen zu befreien. In Bezug auf die Freiheit und deren Sinn und Bedeutung wurden bisher so viele Beiträge verfasst, dass einige sogar bis zu 200 Deutungen für die Freiheit anbieten. Die allgemeine Bedeutung von Freiheit ist freie Entscheidungsmacht zu besitzen und durch keine Zwänge eingeschränkt zu werden.

Einige Wissenschaftler (wie Gerald MacCallum) behaupten in Bezug auf die Deutung von Freiheit: „Die Freiheit bedeutet für den Menschen, die Befreiung von Hindernissen zur Realisierung der Ziele.“[1] Diese Deutung des Freiheitskonzepts scheint richtig zu sein; denn wenn der Mensch im Stande ist, ohne jegliche Störung und Hindernisse eine beliebige Tat umzusetzen und diese auch durchführt, ist er im Grunde genommen frei.

Aufgrund dieser Aussage wird also eine Person dann als frei bezeichnet, wenn sie ohne irgendwelche Hindernisse, Zielewie beispielsweise Lernen, Sporttreiben und Heiraten realisieren kann. Auf dieselbe Art und Weise wird eine Person, die ein unangebrachtes Vorhaben hat, das Recht anderer Menschen einschränkt oder weitere negative Ziele verfolgt und bei deren Realisierung auf keinerlei Hindernisse stößt, ebenfalls als frei bezeichnet.

Negative und positive Freiheit

Bei der Diskussion zum Thema Freiheit kann man die beiden Bezeichnungen der „negativen Freiheit“ und der „positiven Freiheit“, die von einigen westlichen Philosophen angeführt werden, ansprechen. Die negative Freiheit bezeichnet die Erlösung oder Befreiung von Dingen. Mit anderen Worten deutet die negative Freiheit auf die Erlösung von äußeren und äußerlichen Hindernissen und Einschränkungen hin. Beispiele für die negative Freiheit sind Befreiung aus einer Gefangenschaft, Befreiung von Tyrannen und Unterdrückern, Befreiung von der Herrschaft rechthaberischer Machthaber.

Hierbei ist es erwähnenswert, dass die negative Bezeichnung dieser Freiheit nicht aufgrund von deren Negativität oder Unsittlichkeit existiert, sondern lediglich aufgrund von deren Unzugänglichkeit. Mit anderen Worten ist die negative Freiheit zwar notwendig, aber nicht hinreichend.

Nachdem wir die negative Freiheit kennen gelernt haben, widmen wir uns nun der positiven Freiheit. Bei der positiven Freiheit wird die Rolle des Verstandes und der Weisheit in Bezug auf den Willen des Menschen betont. Die positive Freiheit bezeichnet eine angemessene Entwicklung in Richtung des menschlichen Willens und Verlangens. In diesem Bereich gibt es beispielsweise folgende Deutungen:

  1. Ein freier Mensch ist jemand, der nur seiner Vernunft folgt. [Espinosa]
  2. Freiheit ist die Unabhängigkeit von allem bis auf ethische Regeln, die von einem Gewissen oder dem praktischen Verstand wahrgenommen werden. [Kant]
  3. Freiheit ist für den Menschen die Vorherrschaft der Seele.[2] [Paulson]

Bei dieser Bedeutung von Freiheit ist die Befreiung aus Einschränkungen und Hindernissen nicht von Bedeutung. Die Grundlage und Basis dieser Haltung besteht nämlich darin, dass ein Mensch mittels seiner Vernunft und seines Gewissens die innere Freiheit erlangt und im Leben die angemessene Wahl trifft.

Die islamische Sicht

Das arabische Äquivalent für den Begriff Freiheit lautet „Hurriya“ (حُرّیّت). Obwohl gerade dieser Begriff nicht explizit im Qur‘an erwähnt wird, schenkt dieses heilige Buch dem Konzept der Freiheit in seiner wahren Bedeutung seine Aufmerksamkeit. Der allmächtige Gott zählt in Vers 157 der Sure Al-Araf die Freiheit der Menschen und deren Befreiung aus den unterschiedlichen Arten innerer und äußerer Zwänge zu einem der bedeutsamsten Ziele der Mission des heiligen Propheten und offenbart folgendes: „Die da folgen dem Gesandten, dem Propheten, dem Makellosen, den sie bei sich in der Thora und im Evangelium erwähnt finden – er befiehlt ihnen das Gute und verbietet ihnen das Böse, und er erlaubt ihnen die guten Dinge und verwehrt ihnen die schlechten, und er nimmt hinweg von ihnen ihre Last und die Fesseln, die auf ihnen lagen“

يَأْمُرُهُمْ بِالْمَعْرُوفِ وَ يَنْهَاهُمْ عَنِ الْمُنْكَرِ وَ يُحِلُّ لَهُمُ الطَّيِّبَاتِ وَ يُحَرِّمُ عَلَيْهِمُ الْخَبَائِثَ

وَ يَضَعُ عَنْهُمْ إِصْرَهُمْ وَ الْأَغْلاَلَ الَّتِي كَانَتْ عَلَيْهِم

In vielen verschiedenen Interpretationsbüchern sind einige Ketten aufgelistet, welche den Menschen an seiner Freiheit hindern. Hierzu kann man auf die Ketten der Unwissenheit, der Götzenanbetung und des Aberglaubens, der Schichtengesellschaft und der Diskriminierungen und auch die Ketten innerer und äußerer Zwänge hinweisen, welche jeweils zu einem großen Übel und einer unerträglichen Situation für den Menschen führen.

Außerdem zählt die Bekämpfung der Unterdrücker und Tyrannen der Welt und die Anstrengung im Rahmen der Freiheit und Erlösung der Menschen aus den Zwängen unterschiedlicher Abgötter zu einem wichtigen Verantwortungsbereich aller göttlichen Propheten. Der allmächtige Gott offenbart in Vers 36 der heiligen Sure An-Nahl folgendes: „Und in jedem Volke erweckten Wir einen Gesandten (der da predigte): ,Dient Gott und meidet die Götzen.'“

وَ لَقَدْ بَعَثْنَا فِي كُلِّ أُمَّةٍ رَسُولاً أَنِ اعْبُدُوا اللَّهَ وَ اجْتَنِبُوا الطَّاغُوتَ

Bei der genauen Betrachtung dieser Qur’an-Verse erkennt man, dass der Islam die wahren Prinzipien der Freiheit anerkennt und sich zugunsten der Freiheit der Menschen gegen jegliche mit der Freiheit unvereinbare Faktoren auflehnt. Aber die Freiheit im Sinne des Islam umfasst eine gesetzmäßige Freiheit, die das Ziel der Erlösung des Menschen im Diesseits und Jenseits sieht.

Freiheit in den verschiedenen Religionen und Weltanschauungen

Der Begriff der Freiheit erscheint auf unzählige, diverse Weise in den unterschiedlichen Denkschulen, wobei sich jede auf ihre eigene Art als freisinnig sieht. Ein wichtiger Aspekt bei der Erwähnung der Freiheit des Menschen ist jedoch die Berücksichtigung der vielen verschiedenen Darstellungen des Menschen. Die Unterschiede in den jeweiligen Darstellungen erzeugen nämlich auch unterschiedliche Deutungen der Freiheit des Menschen.

Beispielsweise besteht die Freiheit aus Sicht einer Person, die den Menschen eindimensional und ausschließlich materiell sieht, in sich selbst. Wenn der Mensch aber zweidimensional (materiell und spirituell) gesehen wird, und man daran glaubt, dass die Wahrheit des Menschen aus seinem Geist besteht und dieser materielle Körper lediglich als Mittel zur Erlangung der Wahrheit und Erleuchtung fungiert, bekommt Freiheit eine neue Definition. Anscheinend hängen alle Themen in Bezug auf die Freiheit des Menschen von diesen beiden Sichtweisen ab. Man muss also in diesem Bereich eine korrekte und richtige Sichtweise erlangen. Andernfalls wird jeglicher Unterschied und Konflikt grundlegend.

Aus islamischer Sicht ist der Mensch Gottes Stellvertreter auf Erden. Dies bedeutet, dass der Mensch mit der richtigen Überzeugung, der richtigen Denkweise, der richtigen Moralvorstellung und dem richtigen Verhalten seinen Weg mit dem Ziel der Nähe zu Gott bahnt und diese hohe Position erlangen kann. Es ist offensichtlich, dass wenn wir die Freiheit für einen solchen Menschen definieren wollen, die Hindernisse untersuchen müssen, die ihm auf seinem Weg von dem wahren Ziel einer Schöpfung, also der Nähe zu Gott, abhalten können. Welche Zustände entwickeln sich für diesen Menschen in Wirklichkeit zu Zwängen und Ketten?

Mithilfe einer solchen Untersuchung findet man die Gründe für viele Konflikte bei der unterschiedlichen Definition von Freiheit. Der materiell veranlagte Mensch möchte nämlich frei von allen Zwängen und Fesseln leben und ist dazu bereit, alle Hindernisse zur Befriedigung seiner sinnlichen Begierden aus dem Weg zu räumen und alles zu tun, was ihm gerade gefällt. Eine solche Person ist davon überzeugt, dass ihre Freiheit ergiebig erfüllt ist, wenn ihr bei der Durchführung aller Dinge, gleich ob gut oder schlecht, kein Hindernis im Weg steht. Menschen mit einer solchen Denkweise, auch bekannt unter dem Namen Existentialisten, sind davon überzeugt, dass der Mensch frei von allen Zwängen und Bedingungen leben sollte. Sie sehen die Freiheit des Menschen nicht als Mittel zum Zweck an, sondern als sein endgültiges Ziel.

Wenn also der Mensch auf irgendeine Weise an der Erfüllung seiner sinnlichen Begierden gehindert ist und er in seiner Lüsternheit und Wollust beengt wird, ist dieser Mensch innerhalb liberaler Kulturen nicht frei. Zweifellos bedeutet eine derartige Betrachtung der Freiheit gleichzeitig eine Entfernung von der wahrhaftigen Freiheit; ein solcher Mensch wird nämlich in seinem Inneren niemals das Gefühl der Freiheit verspüren und er wird immer an seine Wollust gefesselt sein und gefangen von seinen Trieben und Gelüsten bleiben.

Aus islamischer Sicht ist der Mensch zwar frei geschaffen, aber die Freiheit, welche im Qur‘an und Islam erwähnt wird, unterscheidet sich in Inhalt, Grundlage und Anschauung wesentlich von der liberalistischen Darlegung. Im Qur’an steht die Freiheit für die Befreiung des Menschen von allen Zwängen, die ihn an seinem Fortschritt hindern, obgleich diese Hindernisse von außen auf den Menschen einwirken oder von innen.

Der Islam versucht mithilfe seiner Gesetze und Pläne das wertvolle menschliche Leben von Wollust zu befreien, damit der Mensch nicht an seine Triebe und Gelüste gefesselt ist und nicht in seine Wollust und in Zwänge des Egos vertieft umherwandert. Bei dieser Ansicht bezieht sich die Freiheit in Wirklichkeit auf die rationale Lebensweise der Menschen und darauf, wie sie sich von dem triebgesteuerten Leben befreien können.

Freiheit – Ein Mittel zur Erlangung der Vollkommenheit

Eine weitere Eigenschaft der Freiheit im Qur‘an ist deren Erwähnung als Mittel zur Erlangung der Vollkommenheit. Einige haben jedoch die Vermutung geäußert, dass die Freiheit an Stellenwert verliert, wenn man sie als Mittel zum Zweck und als Werkzeug zur Erlangung der Vollkommenheit betrachtet. Sie sehen die Freiheit als intuitiven Wunsch und ultimatives Ziel jeder Bewegung. Wenn die Freiheit als Mittel zum Zweck gesehen wird, wird ihr dadurch ein wertvoller und angemessener Stellenwert zugewiesen und nicht fälschlicherweise als finales Ziel angesehen.

Diejenigen, die daran festhalten, dass Freiheit ein intuitiver Wunsch des Menschen ist, haben sich geirrt; denn wenn etwas als Ziel gesetzt werden soll, muss man zunächst dessen Stellenwert im gesamten Leben des Menschen erörtern. Es ist offensichtlich, dass der Mensch eine Vielzahl von spirituellen und körperlichen Talenten besitzt und dass seine Vervollkommnung darin besteht, seine spirituellen Talente zu erweitern. Somit ist die spirituelle Vervollkommnung das Ziel und der Wunsch aller Taten und Handlungen des Menschen.

Der Wert der Freiheit besteht darin, eine Grundlage für die Entwicklung menschlicher Talente zu ermöglichen. Wenn aber die Freiheit dazu führt, dass der Mensch die Entwicklung seiner Talente vernachlässigt und von weiteren Gelegenheiten, durch die er sich auf weiteren Gebieten Wissen aneignen könnte, abgehalten wird, hat diese Art von Freiheit, den Wert als Ziel verfehlt und diese verliert sogar ihren Stellenwert als Mittel zum Zweck und führt somit zum Verlust der Vollkommenheit und des Lebensziels des Menschen.

Zusammenfassend kann man daraus schließen, dass die Freiheit aus Sicht des Qur‘an nicht per se gut, kein ultimatives Ziel und auch nicht intuitiv ist; der Genuss dieses göttlichen Geschenks dient lediglich dazu, dass der Mensch ein vernünftiges Leben bestreiten kann. Der Respekt vor der Freiheit dient dazu, den Menschen von Versuchungen und Trieben des Egos zu befreien und ihn zum wahrhaftigen und anbetungswürdigen Schöpfer zu führen; aber nicht dazu, um die Willkür zu fördern und die Triebseele stattdessen anzubeten. Schließlich wird aus der Sicht des Qur‘an jede Tat als ehrenhaft angesehen, welche den Menschen zu seiner wahren Berufung führt und seine großartigen Talente zur Erlangung wahrer Werte entwickelt, damit er seine wahrhaftige Identität erreicht.

Bewahrung individueller und gesellschaftlicher Interessen

Aus der Sicht des Liberalismus wird die Freiheit des Menschen in seinem individuellen Verhaltensbereich, solange sie anderen keine Verluste einbringt, akzeptiert und nicht in Frage gestellt, auch wenn sie für das Individuum selbst zu Verlusten führen könnte. Im vierten Paragraphen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht: „Freiheit bedeutet die Möglichkeit der Durchführung jeder Tat, die einer anderen Person keine Verluste einbringt.“

In den islamischen Richtlinien wird die Freiheit jedoch erst dann akzeptiert und als wertvoll geschätzt, wenn sie zudem auch dem persönlichen Interesse nicht gegenüber steht. Dieser wesentliche Unterschied folgt aus der Sichtweise des Islam, die Freiheit als Mittel zum Zweck zu erachten; denn, wie bereits erwähnt, ist die Freiheit selbst im Islam nicht per se gut, sondern sie ist erst in Bezug auf die Entwicklung menschlicher Talente wertvoll und ehrenhaft.

Wenn man in diesem Bereich die Verse des Heiligen Qur‘an näher betrachtet, erkennt man, dass der Islam für die individuelle und gesellschaftliche Entwicklung jedes Menschen einen Plan hat und Richtlinien erlassen hat und unter keinen Umständen zulässt, dass der Mensch sich selbst oder anderen Menschen Schaden zufügt. Hierzu gibt es im Islam viele individuelle und gesellschaftliche Gebote, die als Gebote und Verbote bekannt sind. Der Islam betrachtet all das, was zu Unheil führen kann, als Verbot, aber all das, was im Interesse von jemandem steht und für diesen vorteilhaft ist, als Gebot.

Zweifellos ergeht die folgende liberalistische Aussage aus einer falschen Betrachtungsweise heraus: „Solange der Mensch anderen Menschen keinen Schaden zufügt und auch keine Störung verursacht, ist er in all seinen Taten und Handlungen frei.“ Der Islam erlaubt einem gläubigen Menschen nicht, jede Art von Begierde auf jegliche Art und Weise zu befriedigen. Der Islam empfiehlt alle Dinge, die für die Vervollkommnung und das Glück des Menschen von Nutzen sind, und sieht daher alles, was dem gegenübersteht und gegen die Würde und Ehre des Menschen ist, als verboten an. Somit steht bei der Grundlage der Freiheit im Islam sowohl das gesellschaftliche Interesse als auch das individuelle Interesse im Vordergrund und der Mensch darf nicht mit der Begründung frei zu sein nach willkürlichem Belieben handeln.

In diesem Zusammenhang sollte erwähnt werden, dass selbst die Tiere bei der Befriedigung ihrer Bedürfnisse nicht zu Exzessen und Übertreibungen neigen, sondern instinktiv ein Maß einhalten. Es ist offensichtlich, dass der Mensch, der mit Weisheit, Verstand und Einsicht gesegnet ist, zumindest fähig sein muss, seine Bedürfnisse mithilfe seines Verstandes unter Kontrolle zu halten und bei der Befriedigung seiner sinnlichen Begierden, Übertreibung und Maßlosigkeit vermeiden muss.

Ayatollah Dr. Reza Ramezani

[1] Gerald C. MacCallum, Jr., Negative and Positive Freedom, The Philosophical Review, Volume 76, Jul. 1967 [2] zu diesen drei Deutungen vgl. Maurice Cranston, Freedom : A New Analysis, London : Longmans, Green, 1954, Seite 31