Die Überlieferung von Unwan al-Basri

Ayatollah Seyed Ali Qazi forderte seine Schüler und Jünger auf, die Überlieferung von Unwan al-Basri aufzuschreiben, um die seelischen Begierden zu kontrollieren und die moralische Freiheit zu erreichen. Außerdem verlangte er von den Studenten der religiösen Wissenschaften, diese Überlieferung in ihrer Tasche aufzubewahren und ein- bis zweimal in der Woche zu lesen. Diese Überlieferung beinhaltet sehr wichtige Themen.

Die Überlieferung von Unwan al-Basri wurde von Imam Dschafar as-Sadiq (a.s.) überliefert und Allama Madschlisi hat sie in seinem Werk „Bihar-ul-Anwar“ zitiert. Nun möchten wir eine Übersetzung anführen, damit diejenigen, die nach Gott streben, auf diesem Pfad erfolgreich zu ihrem Schöpfer finden. Allama Madschlisi sagte: „Ich habe in der Handschrift von meinem Meister Scheich Bahai einen Text gefunden, in dem es heißt, dass Unwan al-Basri ein 94 Jahre alter Mann war, der über sich sagte: Ich lernte einige Jahre von Malik ibn Anas und ging bei ihm ein und aus. Als Imam Dschafar as-Sadiq (a.s.) nach Medina kam, wollte ich ebenso von ihm lernen, wie ich von Malik gelernt hatte. Doch der Imam sagte: „Ich werde von der Regierung verfolgt (d.h. ich bin nicht frei, verfüge nicht über meine Zeit und werde von Spionen beobachtet). Außerdem habe ich zu jeder Zeit des Tages und der Nacht Gebete, mit denen ich beschäftigt bin. Halte mich nicht davon ab. Lerne von Malik und bleib weiterhin mit ihm in Verbindung, wie du es bereits jetzt tust.“

Das betrübte mich und ich verließ ihn. Ich sagte mir: „Wenn der Imam in mir etwas Gutes gesehen hätte, hätte er mich nicht daran gehindert, mit ihm Umgang zu pflegen und von ihm zu lernen. Am nächsten Tag betrat ich die Moschee des Gesandten Gottes, verrichtete dort ein Zwei-Rakat-Gebet und sagte: „O Gott! Ich bitte dich darum, dass du das Herz von Imam Dschafar as-Sadiq (a.s.) zu mir hinneigst und so viel von seinem Wissen mir gewährst, dass ich auf deinem Weg rechtgeleitet werde.“

Ich kam betrübt nach Hause. Ich besuchte Malik ibn Anas nicht mehr, weil mein Herz voll von der Liebe Imam Dschafar as-Sadiqs (a.s.) war. Ich ging nicht mehr aus dem Haus außer zu den Pflichtgebeten. Es dauerte sehr lange, bis meine Geduld am Ende war. Als ich darüber sehr bekümmert war, zog ich meine Schuhe an und machte mich auf den Weg zu Imam Dschafar, um ihn zu besuchen. Als ich an der Tür seines Hauses ankam, bat ich eintreten zu dürfen. Der Bedienstete kam raus und sagte: „Was möchtest du?“ Ich sagte: „Ich möchte den edlen Imam grüßen.“ Er erwiderte: „Er betet an seinem Gebetsort.“ Daraufhin setzte ich mich vor die Tür.

Ich wartete, bis nach einigen Minuten der Bedienstete raus kam. Er sagte: „Komm rein.“ Ich trat ein und grüßte den Imam. Er erwiderte meinen Gruß und sagte: „Setz dich! Gott möge dir vergeben!“ Ich setzte mich. Er senkte sein Haupt. Dann erhob er seinen Kopf wieder und sprach: „Wie lautet dein Beiname?“ Ich antwortete: „Abu Abdillah! “ Er sagte: „O Aba Abdillah! Gott möge dir deinen Beinamen erhalten und dir Erfolg schenken.“ Danach hob er seinen Kopf und sagte: „Was möchtest du?“ Ich erwiderte: „Ich bat Gott darum, dass Er dein Herz zu meinem Gunsten wendet und mir von deinem Wissen gewährt.“

یَا أَبَا عَبْدِاللَهِ! لَیْسَ الْعِلْمُ بِالتَّعَلُّمِ

إنَّمَا هُوَ نُورٌ یَقَعُ فِی‌ قَلْبِ مَنْ یُرِیدُ اللَهُ‌ أَنْ یَهْدِیَهُ

فَإنْ أَرَدْتَ الْعِلْمَ فَاطْلُبْ أَوَّلاً فِی‌ نَفْسِکَ حَقِیقَةَ الْعُبُودِیَّةِ

وَ اطْلُبِ الْعِلْمَ بِاسْتِعْمَالِهِ وَ اسْتَفْهِمِ اللَهَ یُفْهِمْکَ !

Er sagte: „O Aba Abdillah! Das Wissen wird nicht durch das Lernen erlangt. Es ist ein Licht, das in das Herz desjenigen hineinkommt, den Gott, der Erhabene, recht leiten will. Wenn du nach dem Wissen strebst, dann strebe erst in deiner Seele nach der Wahrheit der Dienerschaft (gegenüber Gott) und strebe nach Wissen durch dessen Umsetzung. Verlange von Gott das Verstehen, so wird Gott dich verstehen lassen.“ Ich sagte: „O Edelmütiger!“ Daraufhin sagte er: „Sag, O Aba Abdillah!“

Ich sagte: „O Aba Abdillah! Was ist die Wahrheit der Dienerschaft? Er erwiderte: „Sie beruht auf drei Dingen: 1. Der Diener sollte sich nicht als Besitzer dessen betrachten, was Gott ihm gegeben hat, weil die Diener keinen Besitz haben. Sie betrachten das ganze Vermögen als Eigentum Gottes und stellen es dahin, wohin es Gott befohlen hat. 2. Der Diener überlegt für sich keine Maßnahmen. 3. Alle seine Beschäftigungen beschränken sich auf das, was Gott geboten oder verboten hat. Wenn der Diener sich nicht als Eigentümer dessen ansieht, was Gott ihm gegeben hat, wird es ihm sehr einfach und leicht sein, das zu spenden, was Gott befohlen hat.

Wenn der Diener die Lenkung seiner Angelegenheiten und Bestimmung Gott überlässt, werden die Unglücke und Unheil dieser Welt für ihn ein Leichtes sein. Wenn der Diener sich damit beschäftigt, was Gott geboten und verboten hat, wird er keine Zeit finden, um anderen Menschen gegenüber despotisch und selbstherrlich aufzutreten.

Wenn Gott diese drei Eigenschaften einem Diener gewährt hat, werden die Welt, der Teufel und die Geschöpfe ihm keine Sorgen mehr bereiten. Er wird nicht aufgrund von Geiz und Prahlsucht nach der Welt streben und weder nach dem, was er bei den Menschen an Macht und Vermögen sieht, verlangen, noch seine Tage nutzlos und sinnlos verleben. Das ist die erste Stufe der Gottesfurcht (taqwa). Gott sagt im Heiligen Koran: „Diesen Paradiesgarten im Jenseits gewähren Wir den Gläubigen, die weder Macht auf Erden anstreben noch Unheil stiften. Das gute Ende gebührt den Frommen.“ (Al-Qasas | 28:83)

تِلْکَ الدّارُ الآخِرَةُ نَجْعَلُها لِلَّذِینَ لایُرِیدُونَ عُلُوّاً فِی الأَرْضِ وَ لا فَساداً وَ الْعاقِبَةُ لِلْمُتَّقِينَ

Ich sagte: „O Imam! Rate mir etwas!“ Er sagte: „Ich rate dir zu neun Dingen. Das ist mein Rat an alle, die den Weg zu Gott anstreben. Ich bitte Gott darum, dass Er dir bei deren Durchführung Erfolg gibt. Drei davon beziehen sich auf das Zähmen des Egos, drei auf die Geduld und drei auf das Wissen. Präge dir meine Worte ein und verhalte dich bei deren Umsetzung nicht gleichgültig.“

اوصیکَ بِتِسعَة أشیاء فَانّها وَصِیّتی لِمریدی الطَریق إلی اللهِ تَعالی وَالله أسال أن یُوَفّقکَ لإستِعمالِه . ثَلاثَة مِنها فِی رِیاضَةِ النّفسِ وَ ثَلاثَة مِنها فِی الحِلمِ وَ ثَلاثَة مِنها فِی العِلم فَاحفَظها وَ إیّاکَ وَ التّهاون بِها

Der Imam sagte: „1. Die Dinge, die sich auf die Selbsterziehung beziehen, sind: Esse nicht das, was du eigentlich nicht begehrst. Denn das führt zur Torheit und Dummheit. Esse nicht, bis du hungrig wirst. Wenn du isst, dann esse von erlaubten (halal) Dingen, erwähne den Namen Gottes und erinnere dich an die Aussage des Propheten wo er sagte: Die Menschen haben bisher kein schlechteres Gefäß gefüllt als den eigenen Magen.“ Also, wenn er so großen Hunger hat, dass er essen muss, dann soll er ein Drittel für seine Nahrung lassen, ein Drittel für die Flüssigkeit und ein Drittel für die Luft, die er einatmet.

مَا مَلَاءَ آدَمِیٌّ وِعَآءًا شَرًّا مِن بَطْنِهِ

  1. Die Dinge, die sich auf die Geduld und Langmut beziehen, sind: Wenn jemand dir sagt: „Sagst du mir ein Wort, so hörst du zehn Worte“, sag ihm: „Sagst du zehn Worte, so hörst du kein einziges Wort.“ Wenn jemand dich beleidigt, dann sag ihm: „Wenn du die Wahrheit sagst, bitte ich Gott darum, dass Er mir vergibt. Wenn du aber bei dem, was du sagst, ein Lügner bist, dann bitte ich Gott darum, dass Er dir vergibt. Wenn jemand dich zu beschimpfen droht, so verspreche ihm, ihm gegenüber wohlgesinnt zu sein und Rücksicht zu üben.
  2. Die Dinge, die sich auf das Wissen beziehen, sind: Frage die Gelehrten, wenn du etwas nicht weißt. Du sollst sie nicht fragen, um sie zu verwirren oder zu prüfen. Du sollst nichts nach deinem eigenen Entscheid tun. Sei vorsichtig und zurückhaltend in allen Angelegenheiten, in denen du den Ungehorsam gegenüber den Geboten Gottes befürchtest. Hüte dich genauso davor, eine Fatwa (Rechtsurteil) zu fällen, wie du vor einem Löwen flüchtest, und mache deinen Hals nicht für die Menschen zu einer Brücke.

فَاسْأَلِ الْعُلَمَآءَ مَا جَهِلْتَ وَ إیَّاکَ أَنْ تَسْأَلَهُمْ تَعَنُّتًا وَ تَجرِبَةً

وَ إیَّاکَ أَنْ تَعْمَلَ بِرَأْیِکَ شَیئًا وَ خُذ بِالاِحتِیاطِ فِی‌ جَمِیعِ مَا تَجِدُ إلَیهِ سَبِیلاً

وَ اهرُبْ مِنَ الْفُتْیَا هَربَکَ مِنَ الاسَدِ وَ لَا تَجْعَلْ رَقَبَتَکَ لِلنَّاسِ جِسرًا !

Geh nun! O Aba Abdillah! Ich habe dir gesagt, was ich dir an Gutem raten konnte. Lass meine Worte so stehen. Gehe nun und lass sie auf dich einwirken, denn ich bin ein Mann, der sehr achtsam und vorsichtig im Umgang mit der Zeit und beim Voranschreiten seines Lebens ist, und besorgt, dass auch nur ein wenig davon vergeudet werden könnte. Und der Friede Gottes sei mit demjenigen, der der Rechtleitung folgt.“

Autor: Seyed Mohsen Alebatool