Freiheit im Islam

Die Freiheit des Denkens ist insbesondere in weltanschaulichen und politischen Dingen die bedeutendste Freiheitsart im Islam. Es ist ganz offensichtlich, dass der Mensch angesichts seiner großen Talente und Fähigkeiten die Freiheit besitzen muss, denken zu können. Jemand der über einen Intellekt verfügt, sieht seinen Fortschritt und seine Vervollkommnung darin, sich und seine Gedanken weiterzuentwickeln.

Der Heilige Qur’an wurde mit Begründungen und Beweisen offenbart, und ruft auch die Menschen mit Beweisen und Begründungen zu sich. Gott fordert uns immer wieder dazu auf über Seine Botschaft nachzudenken. Wir sollen nicht blind irgendwelche Handlungen und Rituale vollführen, sondern uns mit dem Islam aktiv auseinandersetzen: „In der Schöpfung des Barmherzigen findest du keinen Fehler. Sieh dich um! Findest du irgendeinen Mangel?“ (Al-Mulk | 67:3) An einer anderen Stelle heißt es: „In der Erschaffung der Himmel und der Erde und im Aufeinanderfolgen von Tag und Nacht sind Zeichen für diejenigen, die sich ihres Verstandes bedienen.“ (Al-i-Imran | 3:190)

Der Heilige Qur‘an setzt die Gedankenfreiheit für die Befreiung und Rettung der Menschen voraus. Der Mensch kann nur durch eigenständiges Denken den Pfad der Vervollkommnung beschreiten. Er muss über sein Leben nachsinnen und seine Taten und Überzeugungen auf vernünftige Argumente stützen. Die richtige Anwendung und der korrekte Gebrauch der Logik bewahren das Denken vor Irrtümern im Folgern und Urteilen. Schöne nachvollziehbare Erklärungen befriedigen unseren Intellekt und führen zu innerer Zufriedenheit. Eine auf Vernunft basierende und korrekt schlussfolgernde Denkweise ist die Basis, um die Religion verinnerlichen zu können. Wahrer Glaube besteht aus freiwilliger Hingabe und nicht aus blinder Nachahmung oder gar Zwang.

Der Islam schreibt dem Denken einen ganz besonderen Wert zu. Jeder besitzt die Fähigkeit, über verschiedene Dinge nachzudenken und besitzt auch die Freiheit, dies zu tun. Gott hat dem Menschen eine solche Kraft gegeben, damit er Wissen über Dinge gewinnt, von denen er nichts weiß und damit er weiteres Wissen seinen bisherigen Kenntnissen hinzufügen kann. Der Islam betrachtet dies für den Menschen nicht nur als notwendig, sondern als eine Art Gottesdienst. Gott lässt zu, dass der Mensch alle Dinge genauer untersucht, ob es nun um die Geschichte geht oder um die eigene Schöpfung, über den Himmel oder über die Erde. Gott lässt es sogar zu, über Seine Taten und Eigenschaften nachzudenken und das ist sehr wichtig.

Der Islam respektiert jene, die durch Nachdenken und Überlegung die Wahrheit suchen. Die Qur’an-Verse, die sich mit der Gedankenfreiheit befassen, fordern die Menschheit ernsthaft dazu auf, selbst zu denken, um die Wahrheit zu begreifen. Auf der anderen Seite werden jene getadelt, die ihren Verstand nicht benutzen: „Warum überlegt ihr nicht“, „Warum denkt ihr nicht“ oder „Bringt doch euren Beweis vor!“. Er wirft es der Menschheit auch vor, blind ihre Vorfahren nachzuahmen, sich dadurch zu verirren und ihr Leben ins Elend zu steuern. Im Qur’an gibt es mehrere Verse, die Ähnliches beinhalten, und all diese Verse bezeugen, dass der Mensch, wenn er die Wahrheit sucht, seinen Intellekt benutzen muss, um sie zu finden. Der Islam ragt dadurch heraus, dass er das freie Denken betont und nicht darüber besorgt ist. Die Wahrheit des Islam strahlt durch die Nutzung des Intellekts heller und beleuchtet den Pfad zur Erlösung.

Die Grenzen der Freiheit

Jede Art der Freiheit hat ihre Grenzen, wenn die Freiheiten nämlich bedingungslos gegeben sind, dann würden sie nicht zum Fortschritt führen, sondern zu Chaos und zur Einschränkung der Freiheit der Anderen. Es würde nur den Interessen der Menschen und der Gesellschaft schaden. Somit heißt es auch im Artikel der Menschenrechte, dass die freie Religionsausübung nicht einschränkbar ist, es sei denn durch das bereits gegebene Gesetz und zum Schutz der Sicherheit, Ordnung, Gesundheit und Ethik der Allgemeinheit, sowie ihrer Rechte und Freiheiten. Ganz klar befolgt jede Art der Freiheit gewisse Regelungen, und alle Regelungen befolgen gewisse, in ihren jeweiligen Systemen und Ordnungen vorherrschenden, gedanklichen Grundsätzen.

Der Islam betont zwar die Gedankenfreiheit, aber warnt den Menschen auch davor, aus falschen Ansichten hervorgegangene Handlungsanweisungen zu befolgen. Sofern der Mensch falsche Gedanken nicht in Taten umsetzt, sind die Folgen nicht so schwer. Handelt er jedoch danach, korrumpiert er sich selbst und zieht auch andere mit hinunter. Er wird bestraft wie jemand, der gesetzeswidrig gehandelt hat. Man beachte, dass jemand, wenn er darauf besteht, bis an sein Lebensende falschen Gedanken nachzugehen, nicht dazu gezwungen werden kann, umzudenken. Er kann aber auch nicht erwarten, am Tage der Auferstehung an den unzähligen, göttlichen Gaben Teil zu haben und Zutritt ins Paradies zu erlangen. Beachtet man die Verse, die die Menschen dazu auffordern, richtige Gedankengänge zu pflegen und ihn davor warnen, falschen Gedanken nachzugehen, sieht man, dass dem Menschen die Freiheit gelassen wurde zu denken, was er will. Doch da nicht jeder Gedanke ihn zur Glückseligkeit führt, so zeigt der Islam dem Menschen auch die richtigen Gedankengänge. Werden diese in Taten umgesetzt, erlangt der Mensch die Glückseligkeit sowohl im irdischen Leben als auch im Jenseits. Beschließt jemand, den Pfad der falschen Gedanken entlang zu laufen, wird er vor den Konsequenzen gewarnt, doch es steht niemandem zu, ihn aufzuhalten und ihm seine Freiheit zu nehmen. Was er wissen muss, ist, dass er sich am Tag der Auferstehung für alles, was er getan hat, verantworten muss und auch in seinem irdischen Leben nicht viel Glückseligkeit erlangen wird.

Nimmt die Denkweise eines Menschen eine gesellschaftliche Form an und bringt seine Mitmenschen vom richtigen Pfad ab, ist es ein Verbrechen und wird entsprechend geahndet. Der Islam akzeptiert nicht die Folgen eines jeden Gedankenganges, weil der Mensch sich oft mit unwahren Ideen beschäftigt, die ihn in die Irre führen. Diesen Gedankengängen schreibt der Islam keinerlei Gültigkeit zu. Jeden beliebigen Gedankengang zu verfolgen und zu praktizieren, ist aus islamischer Sicht nicht zulässig. Der Grad der Freiheit hängt laut Islam von den Folgen ab. Solange es nur um die Person selbst geht und sie sich nur selbst schadet, erlaubt der Islam keinen Eingriff und es steht der Person frei zu denken, was sie will. Wenn jemand aber der Gesellschaft schadet, begeht er ein Verbrechen und wird vom Gesetz davon abgehalten. Menschen, die die Empfehlungen und Anweisungen des Qur‘an und des Propheten nicht befolgen, werden kein gutes Ende erfahren, wenn sie bis an ihr Lebensende auf ihren ungültigen Gedanken bestehen. Wenn sie aber zurückkehren, wird ihnen die göttliche Gnade und Barmherzigkeit zuteil. Es muss zusätzlich erwähnt werden, dass ein Mensch im Jenseits keine Strafe erlebt, wenn er von seinem ungültigen Gedanken vollkommen überzeugt ist. Vielmehr zählt er zu jenen, denen Unrecht widerfahren ist, und es wird erhofft, dass Gott auch ihnen gegenüber gnädig ist. Gedankengänge jedoch, die nur auf Versuchungen und Wollust basieren, besitzen keine Gültigkeit und verdienen keinen Respekt. Der Qur’an ruft die Menschen zur Gottesehrfurcht auf, damit sie den verschiedenen Versuchungen nicht verfallen. Die Gottesfurcht ist es nämlich, die zwischen wahren und unwahren Gedankengängen unterscheiden kann. Der Qur‘an sagt: „Sie folgen einem bloßen Wahn und dem Wunsche (ihres) Ichs, obwohl doch Weisung von ihrem Herrn zu ihnen kam.“ (An-Nadschm | 53:23)

Glaubensfreiheit oder Zwang?

Dürfen die Menschen glauben, was sie wollen? Ist es ihnen gar gestattet, ein Leben ohne Glauben und eine Überzeugung zu führen? Laut den Versen des Qur’an sind die Menschen frei in ihrer Wahl. Sie können ihren Glauben selbst auswählen: „Hätte Gott es gewollt, wären alle Menschen auf der Erde gläubig geworden. Möchtest du etwa die Menschen zum Glauben zwingen?“ (Yunus | 10:99) Und: „Wenn Gott wollte, hätte Er sie alle zum Glauben gezwungen (aber jeder soll sich freien Willens für den Glauben entscheiden).“ (Al-An‘am | 6:35) Es gibt noch mehr Qur’an-Verse, die die Tatsache unterstreichen, dass es keinen Zwang im Glauben geben kann, und es war auch nicht Gottes Absicht für die Schöpfung, dass den Menschen diese Wahl genommen wird.

Wenn alle Menschen dazu gezwungen wären, richtig zu denken und dem richtigen Glauben nachzugehen, dann hätten Glaube und Unglaube, Tugend und Gemeinheit, Gut und Böse, … auch keine Bedeutung mehr. Erst durch die freie Wahl, durch die richtigen und falschen Entscheidungen bekommen Paradies und Hölle eine Bedeutung. Imam Reza (a.s.) berichtet: „Einst kam eine Gruppe von Muslimen zum Propheten Muhammad (s.a.) und fragte ihn, warum er jene Menschen, die er durch seine Macht dazu zwingen könnte, nicht zwanghaft zum Islam konvertiert, damit die Muslime mächtiger werden und ihre Feinde besiegen können. Der Prophet antwortete ihnen, dass er es nicht ertragen könne, seinem Herrn zu begegnen, während er Ketzerei beging und etwas in die eigene Hand nahm, wozu er nicht beauftragt wurde. Er könne hier keinen Zwang ausüben, weil Gott diesen Vers (Yunus | 10:100) offenbart hat.“ „Keiner würde ohne Gottes Erlaubnis glauben können. Die schmachvolle Strafe gilt nur den Ungläubigen, die sich des Verstands nicht bedienen.“ (Yunus | 10:100) Außerdem gibt es einen Qur’an-Vers (Al-Baqara | 2:256), der klarer und eindeutiger als alle anderen Verse besagt, dass es keinen Zwang in der Wahl des Islam als Glauben gibt: „Es gibt keinen Zwang im Glauben. Der richtige Weg ist nun klar erkennbar geworden gegenüber dem unrichtigen.“ Es wird überliefert, dass dieser Vers offenbart worden ist, als einer der Gefährten des Propheten seinen Diener dazu zwingen wollte, den Islam anzunehmen. Als der Prophet dies erfuhr, rezitierte er diesen Vers und sagte, dass es keinen Zwang in der Religion gibt und man niemanden dazu zwingen kann, den islamischen Glauben anzunehmen.

Allama Tabatabai schreibt in seiner berühmten Qur’an-Exegese (Tafsir Al-Mizan) über den Vers Al-Baqarah | 2:256: „Der Glaube ist eine Angelegenheit des Herzens, und kennt keinen Zwang. Mit dem nachfolgenden Satz, nämlich dass sich der rechte Pfad ganz klar vom Irrweg unterscheidet, wird der erste Satz begründet. Es gibt also keinen Zwang in der Religion, und der Grund dafür ist, dass Zwang dann eingesetzt wird, wenn eine Person mit einer höheren und mächtigeren Position seinem Untergeordneten etwas nicht verständlich machen kann und ihn demnach dazu zwingt, ihn nachzuahmen. Wichtige Dinge aber, bei denen Gut und Böse ganz klar vorgegeben sind, bedürfen keinem Zwang. Der Mensch selbst wählt das Gute oder das Böse, und erkennt dann auch die Konsequenzen an. So ist es auch mit dem Annehmen eines Glaubens.“ Dieser Vers will aber auch jenen antworten, die dem Islam vorwerfen, eine Religion des Schwerts zu sein, die sich den Weltbewohnern aufzwingen will. Er besagt ganz klar, dass ein aufgezwungener Glaube keinen Wert besitzt, weil der Glaube prinzipiell etwas ist, was vom Menschen selbst und von seiner Seele hervorgeht und nicht etwas, was von außen, etwa durch ein Schwert, erzwungen werden kann. Der Mensch kann also glauben oder nicht glauben. Gott sagt ganz klar und verständlich: „Und sag: Es ist die Wahrheit, die von eurem Herrn kommt. Wer nun will, möge glauben, und wer will, möge nicht glauben!“ (Al-Kahf | 18:29)

Aus dem Heiligen Qur’an können wir entnehmen, dass der Islam die Glaubensfreiheit grundsätzlich befürwortet, jedoch dabei drei wichtige Punkte betont: 1. Wahlfreiheit hat erst dann einen Wert, wenn die Wahl tatsächlich ungezwungen stattfindet. So sagt der hl. Qur’an: „Wir haben ihm den rechten Weg gezeigt, möchte er nun dankbar oder undankbar sein.“ (Al-Insan | 76:3)

  1. Der Glaube bzw. die Überzeugung darf nicht aufgezwungen werden. Es handelt sich schließlich um eine Angelegenheit des Herzens und solche Angelegenheiten lassen sich nicht erzwingen. 3. Der Islam befürwortet die Gedankenfreiheit, daher sind Zwang und blinde Nachahmung nicht zulässig. Jeder Mensch muss durch Argumente und Logik zu seiner eigenen Überzeugung finden. So tadelt der Heilige Qur’an oft jene, die einfach nur andere nachahmen: „Und wenn ihnen gesagt wird: „Folgt dem, was Allah herab gesandt hat“, so sagen sie: „Wir folgen doch dem, bei dem wir unsere Väter vorgefunden haben“, auch, wenn ihre Väter nichts begriffen hätten und nicht rechtgeleitet gewesen wären?“ (Al-Baqarah | 2:170) Diese und ähnliche Qur’an-Verse unterstreichen die Tatsache, dass der Mensch in seinem Denken frei ist, und dass es außerdem gar nicht vernünftig ist, blind seine Vorfahren nachzuahmen. Diese falsche Tradition sollte überwunden werden und der richtige Pfad sollte anhand des Intellekts gefunden werden. Der Qur’an rügt Menschen, die ihren Glauben nicht anhand von Wissen und Überlegung gewonnen haben, und spricht zu ihnen: „Pfui über euch und über das, was ihr anstelle Gottes verehrt! Habt ihr denn keinen Verstand?“ (Al-Anbiya | 21:67)

Der dritte Weg

Eine der Fragen, mit denen sich das Thema der Glaubensfreiheit befasst, ist, ob der Mensch sich die Lehren einer Religion frei auswählen kann oder nicht. Mit anderen Worten: Kann man, nachdem man sich zu einer Religion bekannt hat, manche ihrer Anweisungen annehmen und andere ablehnen? Die Antwort ist in diesem Fall ganz klar: Nein. Ein solcher Umgang mit den Lehren einer Religion kann niemals mit der Wahrheit und den Zielen einer Religion vereinbar sein. Wenn sich ein Mensch zu einer Religion bekennt, bedeutet es, dass er akzeptiert, dass seine Glückseligkeit und seine Erlösung davon abhängen, ob er sich zu deren Anweisungen verpflichtet oder nicht. Erkennt man einen Teil der Lehren einer Religion nicht an, verwehrt man sich die Glückseligkeit sowohl im irdischen Leben als auch im Jenseits. Der gläubige Mensch muss sich den religiösen Lehren unterwerfen, weil es für diese Anweisungen nämlich Gründe gibt, die Gott der Erhabene weiß. Er weiß, dass diese Anweisungen im Interesse der Menschheit sind und offenbart sie daher, damit der Mensch sich dazu verpflichtet und Glückseligkeit erlangen kann. Der Qur’an betont, dass der Mensch sich die Lehren der Religion nicht aussuchen kann: „Diejenigen, die Gott und seine Gesandten verleugnen, einen Unterschied machen zwischen Gott und Seinen Gesandten und sagen, dass sie an einige Gesandte glauben und an andere nicht und meinen, sie könnten einen Weg dazwischen einschlagen, sind wahrhaftig die Ungläubigen. Für die Ungläubigen haben Wir eine schmähliche, qualvolle Strafe bereitet.“ (An-Nisa | 4:150-151) Dieser Vers unterstreicht, dass es keinen mittleren Weg zwischen Glauben und Unglauben gibt. So lässt der Islam auch nicht zu, dass der Gläubige manche Propheten anerkennt, und andere nicht. Der Muslim muss an die Wahrhaftigkeit aller monotheistischen Propheten glauben, weil der wahre Glaube Gott und alle Seine Propheten einschließt.

Minderheitsrechte

Bezüglich der Freiheit religiöser Minderheiten und der Ungläubigen muss erwähnt werden, dass der Islam, selbst wenn er die Staatsgewalt auf seiner Seite hat, keinen Zwang auf religiöse Minderheiten und ihren Überzeugungen ausübt. Sie sollen ungestört als Bürger des jeweiligen Staates leben dürfen und unter Einhaltung der Gesetze des Landes ihren Glauben praktizieren. Der Qur’an sagt: „Gott verbietet euch nicht, gegen diejenigen, die euch des Glaubens wegen nicht bekämpft und euch aus euren Häusern nicht vertrieben haben, gütig und gerecht zu sein. Gott liebt die Gerechten.“ (Al-Mumtahina | 60:8) Manche der Exegeten sind der Überzeugung, dass dieser Vers eine allgemeine Regel über die Interaktion zwischen Muslimen und Ungläubigen beinhaltet: Wenn die Ungläubigen den Muslimen keinen Schaden zufügen und sich auch nicht gegen sie verschwören, können freundschaftliche Beziehungen zwischen ihnen herrschen. Wenn sie aber darauf aus sind, ihnen zu schaden, dann kann man keine Freundschaften mit ihnen schließen und sie gut behandeln.[1] Auch in den Überlieferungen wird betont, dass den Ungläubigen und religiösen Minderheiten alle Rechte zuzugestehen sind. Sie sind wie alle anderen Mitmenschen zu behandeln, wenn sie euch nicht bekämpfen.

Es wird überliefert, dass Imam Ali (a.s.) einen alten, gebrechlichen Mann sah, wie er bettelte. Er war davon zutiefst bestürzt und als man ihm sagte, dass diese Person kein Muslim sei, sagte er: „Man hat ihm also Arbeit abverlangt, solange er dazu fähig war, und dann sich selbst überlassen, als er zu schwach dafür war!?“ Der Edelmutige gab die Anweisung, die Lebenskosten dieses Mannes – bis an sein Lebensende – vom Bayt-ul-Mal (Kollektives Eigentum der Muslime, Staatseigentum) zu übernehmen. Den Qur’an-Versen und Überlieferungen wird entnommen, dass der Islam in einem islamischen Staat den Ungläubigen und religiösen Minderheiten im Allgemeinen ihre Freiheiten zugesteht und erlaubt, dass sie ihre eigene Religion praktizieren. Muslime sind dazu verpflichtet, sie gut und gerecht zu behandeln und ein islamischer Staat hat ihnen ihre Rechte zuzugestehen.

Redefreiheit

Die Redefreiheit zählt zu den gesellschaftlichen Freiheiten. Sie fördert den Austausch von Gedanken und führt zu Fortschritt und mehr Zusammenarbeit. In einer Überlieferung von Imam Dschafar as-Sadiq (a.s.) heißt es, dass die „klare Rede“ der größte der göttlichen Namen ist, und dass Adam (a.s.) dadurch alles gelernt hat, was er wusste. Sich ausdrücken zu können ist laut Islam ein klares Recht der Menschen, und gar eine Pflicht und Verantwortung. Wenn jemand sich zur Erläuterung wissenschaftlicher und religiöser Dinge äußern kann, hat er diese Gabe zu nutzen und sein Wissen anderen zur Verfügung zu stellen, um sie vor Unwissenheit und Ignoranz zu retten, da der Missbrauch religiöser und wissenschaftlicher Erkenntnisse großen Schaden in der Gesellschaft anrichten kann. Daraus gehen wiederum Spaltungen, Konflikte und Streitigkeiten hervor. Im Heiligen Qur’an lesen wir: „Er ist der Gnadenreiche, der den Qur’an gelehrt hat. Er hat den Menschen erschaffen und hat ihm das deutliche Reden beigebracht.“ (Ar-Rahman | 55:1-4) Und in einem anderen Vers heißt es: „Die allem zuhören, was gesagt wird und nur dem Besten folgen, das zu Gott führt, das sind die von Gott Rechtgeleiteten, und sie sind es, die Verstand haben.“ (Az-Zumar | 39:18) Die Menschen müssen ihre Ansichten und Überzeugungen frei äußern können, damit anderen die Gelegenheit gegeben wird, die verschiedenen Denkweisen kennen zu lernen und die beste Ansicht davon auszuwählen. Der Qur’an befürwortet das Thematisieren und die Analyse jeder Denkweise und Überzeugung. Imam Ali (a.s.) sagte, dass verschiedene Meinungen und Sichtweisen geäußert und dann miteinander verglichen werden müssen, bevor das, was der Wahrheit entspricht, ausgewählt werden kann. Er sagte auch: „Erkenne die Persönlichkeiten und stelle sie nebeneinander. Wähle dann unter ihnen jene, die der Wahrheit näher und dem Zweifel ferner sind.“[2]

Warum besteht der Islam auf der freien Meinungsäußerung? Das ist ganz einfach: Eine Denkschule, die sich ihrer Sichtweise ganz sicher ist, lässt auch zu, dass andere Sichtweisen thematisiert werden. Der Islam ist eine Religion der Logik und des Dialogs, und betont deswegen die freie Meinungsäußerung. Der Heilige Qur‘an betont: „Bringt her euren Beweis, so ihr die Wahrheit sagt.“ (An-Naml | 27:64) Gott, der Erhabene, spricht auch die Art und Weise an, auf die man mit anderen in den Dialog zu treten hat: „Debattiert mit den Schriftbesitzern nur auf die beste, weiseste Art, es sei denn, es geht um die Ungerechten unter ihnen.“ (Al-Ankabut | 29:46) Es wird von Imam Ali (a.s.) überliefert: „Wisset, dass klug derjenige ist, der die Meinungen und Gedanken anderer willkommen heißt, und die Konsequenzen jedes Gedankengangs in Erwägung zieht.“[3] Es muss erwähnt werden, dass der Islam die freie Meinungsäußerung nicht nur dann betont, wenn es um Überzeugungen und Denkweisen geht, sondern auch auf politischer und gesellschaftlicher Ebene gutheißt, weil die Menschen sich dadurch mit verschiedenen Ansichten befassen können.

Der Islam grenzt die Redefreiheit da ein, wo sie den Regelungen des Islam und seinen Glaubensgrundlagen widerspricht. Es ist allen klar, dass die nationale Sicherheit und allgemeine Ordnung zu den Interessen der Gesellschaft gehören und nicht unter dem Vorwand der Freiheit verletzt werden dürfen. Genauso dürfen unter dem Vorwand der Redefreiheit keine Heiligtümer und Überzeugungen verletzt werden. Der Islam erlaubt keine Beleidigung von Heiligtümern, und erlaubt auch nicht, dass Schändlichkeit und Sünde und anderes Übel in der Gesellschaft verbreitet werden, so steht im Qur‘an: „Für diejenigen, die es gern möchten, dass sich das Schändliche unter den Gläubigen verbreitet, ist eine schmerzhafte Pein bestimmt im Diesseits und Jenseits. Und Gott weiß, ihr aber wisst nicht Bescheid.“ (An-Nur | 24:19) Er besagt auch: „Und helft einander nicht zur Sünde und Übertretung.“ (Al-Mai‘da | 5:2)

Wahre Freiheit

Der Islam und der Qur’an sind der Überzeugung, dass der Mensch die wahre Bedeutung der Freiheit in der wahren Definition der Menschheit zu suchen hat. Ein Mensch, der für große und hohe Zwecke erschaffen worden ist, kann seine Freiheit nicht in Identitäts- und Zügellosigkeit sehen. Er hat sich durch einen reinen Glauben und durch Ethik zu steigern und die wahre Menschlichkeit zu erlangen. Nicht jeder Glaube – ob wahr oder falsch – bringt den Menschen an sein Ziel. Klarerweise kann ein falscher Glaube den Menschen seinem Ziel nicht näher bringen. Die Ansicht, dass die Religion eine persönliche Angelegenheit und gar eine Geschmackssache ist, ist ein ernsthafter Fehler, der sich in den Gedanken der Menschen breitgemacht hat. Es ist natürlich nicht so, dass der Qur’an und andere himmlische Schriften den Menschen zu einem reinen Glauben aufrufen und dabei Zwang und Gewalt anwenden. Vielmehr ist es eine göttliche Zuwendung. Gott schickte seine Propheten, damit sie den Menschen mithilfe der Offenbarung den richtigen Weg und den richtigen Glauben zeigen und verhindern, dass sie sich verirren.

Die Beziehung zwischen religiösem Glauben und Freiheit ist in den letzten Jahrhunderten ein umstrittenes Thema gewesen. Nach Meinung mancher existentialistischer Denkschulen sind religiöser Glaube und Freiheit nicht miteinander vereinbar. Der Mensch kann nicht an Gott glauben und gleichzeitig frei sein. Persönlichkeiten wie Nietzsche und Sartre hielten die Religion gar für ein Hindernis der Freiheit. Wenn wir uns aber an die wahre Bedeutung der Freiheit erinnern, sehen wir, dass der Glaube und die Freiheit sich nicht widersprechen, der Glaube vielmehr wahre Freiheit bringt. Freiheit bedeutet nämlich Unabhängigkeit vom fremden Denken und die Fähigkeit, selbst wählen zu können, was man tut. Etwas, wozu man durch die Regeln der Natur, durch die Gesellschaft oder durch den Willen anderer Menschen gezwungen wird, kann nicht als freies Handeln bezeichnet werden. Der Existentialismus betrachtet den Menschen wie die anderen, natürlichen Phänomene und schreibt ihm keine eigene Identität zu. Dieser Mensch ist nicht frei, wenn er angeblich nicht einmal eine Identität besitzt. Die Identität des Menschen kann aber nicht bestritten werden. Jeder Mensch besitzt eine Identität, die er zu erkennen hat, wodurch er auch Gott erkennen kann. Selbstkenntnis und Gotteskenntnis sind eng miteinander verknüpft und unzertrennlich. Wer über dieses Thema ein wenig nachdenkt, wird selbst darauf kommen, dass man Gott nicht von sich selbst trennen kann. Erkennt man die Wahrheit seiner selbst, befreit man sich „selbst“ von allem außer Gott und dies ist wahre Freiheit.

Genauso verhält es sich auch mit der Liebe zu Gott. Der Liebende sieht den Geliebten auch nicht als etwas „Fremdes“, sondern er sieht sich als mit ihm verschmolzen und vereint und teilt sein Wachstum und seine Steigerung mit ihm. Wichtig ist dabei, dass er sein animalisches „Ich“ zuerst zur Seite legt, um dann das „menschliche Ich“ und danach das „göttliche Ich“ zu entdecken. Der Qur’an sagt dazu ganz klar: „Und seid nicht wie diejenigen, die Gott vergessen haben und die Er dann sich selbst vergessen ließ. Das sind die Frevler.“ (Al-Haschr | 59:19) Dieser Vers besagt, dass man Gott vergisst, wenn man sich selbst vergessen hat. Das bedeutet, dass der Mensch auf geistliche und spirituelle Art eng mit Gott verbunden ist. Der Qur’an sagt auch: „Und Wir sind ihm näher als die Halsschlagader.“ (Qaf | 50:16) Die Nähe zu Gott schränkt die Freiheit nicht ein. Wenn der Mensch seine wahre Position erreichen will, muss er diese Nähe nutzen, die ihm in die Wiege gelegt worden ist, um Gott näher zu kommen und die wahre Gottesdienerschaft, welche die wahre Freiheit ist, zu erlangen.

[1] Ahsan-ul-Hadith Exegese, Bd. 11, S. 124.

[2] Wasail-ul-Shia, Bd. 8, S. 429; Man la Yahzarahu al-faqih, Bd. 4, S. 388, Hadith 5834.

[3] Ghurar-ul-Hikam, Bd. 2, S. 337.