Freiheit im Liberalismus und im Islam

Groß-Ayatollah Sayyid Ali Khamene’i

Der nachfolgende Text ist eine kurze Zusammenfassung einer Ansprache von Groß-Ayatollah Sayyid Ali Khamene’i bei einem Treffen mit Studenten der theologischen Hochschule in Qum.

Als erstes muss gesagt werden, dass Freiheit nicht bedeutet, dass dem Menschen keinerlei Einschränkungen und Grenzen auferlegt sind und er tun und lassen kann, wie ihm gerade beliebt. Weder bestimmte Denkschulen oder Kulturen noch philosophische und soziale Denkrichtungen haben sich je für eine totale Freiheit oder Schrankenlosigkeit eingesetzt. Das ist eine Sache der Unmöglichkeit.

Stellen wir uns nur einmal vor, was geschähe, wenn in einer Zivilgesellschaft jeder die Freiheit besäße, so zu handeln, wie es ihm gefällt und es keinerlei Grenzen mehr gäbe. Selbstverständlich würde ein derartiges „Frei sein“ des Einen andere Menschen daran hindern, ihre natürlichen Freiheiten zu nutzen und ihnen würde dadurch ihre Geborgenheit, Sicherheit und Ruhe entzogen. Demzufolge kann es keine absolute Freiheit geben und niemand wird je dafür eintreten. Selbst jene Anarchisten, die im 19. und 20. Jahrhundert in Europa dafür eintraten, dass sämtliche soziale Zwänge aufgehoben und Gesetze außer Kraft gesetzt würden, hielten sich ihrerseits an die ihnen vorgeschriebenen Regeln und befolgten sie.

Die Grenzen der Freiheit

Die Diskussion zwischen den Denkern und Philosophen zielt darauf, wo die Grenze der Freiheit ist. Westliche Philosophen haben Bezug nehmend auf dieses Thema Grundlagen und Thesen herausgearbeitet, die größtenteils auch in der Doktrin der Menschenrechte aufgeführt werden. Beispielsweise heißt es dort, dass die Grenzen der Freiheit durch Gesetze festgelegt sind. Will ein Mensch frei sein, so kann dies nur in einem legalen Rahmen, also im Rahmen des Gesetzes, verwirklicht werden. Oder dass die Grenzen der Freiheit bis dorthin reichen, wo die Rechte der anderen nicht verletzt werden. Das alles sind bekannte Thesen, die von westlichen Sozialphilosophen aufgestellt wurden.

In Bezug darauf, wie weit die Freiheit gehen kann und inwieweit man frei sein darf, gehen die Meinungen islamischer und westlicher Denkschulen auseinander und es gibt grundlegende Differenzen diesbezüglich. Im Islam sind manche Grenzen und Einschränkungen enger gezogen, während sie auf anderen Gebieten eher weiter gefasst werden. In einigen Fällen empfindet der Islam die Theorie des Westens als sehr einschränkend und engstirnig, in anderen Fällen wieder zu ungebunden und extrem weitläufig. An dieser Stelle soll nun auf einige Unterschiede hingewiesen werden.

  1. Innere und äußere Zwänge

Der Islam zählt Tyrannen und skrupellose Menschen, die die individuellen Freiheiten schwacher und abhängiger Bevölkerungsschichten beschneiden, zu den externen Faktoren der Freiheitsbeschränkung. Daneben gibt es auch interne Faktoren und Einflüsse, die zur Einschränkung der individuellen Freiheiten führen. Aus Sicht des Islam ist es für die Freiheit eines Menschen nicht ausreichend, wenn er vor der Tyrannei und Unterdrückung von Gewaltherrschern gefeit ist. Erst wenn der Mensch sich von seinen inneren Gelüsten und Trieben befreit, ist er wirklich frei.

Weitere individuelle Freiheitsbeschränkungen können durch schlechte Charaktereigenschaften wie Begierden, Egoismus etc. entstehen. Deshalb kann ein Mensch nicht als frei bezeichnet werden, wenn er sich von Schwächegefühl, Furcht, Raffsucht, Lust, Neid sowie menschlichen Begierden lenken und sein Leben bestimmen lässt. Überall auf der Welt findet man heute Völker, die von politischen und ökonomischen Mächten auf verschiedene Art und Weise beherrscht werden. Diese Länder kann man mit einem Kamel vergleichen, dessen Zügel in die Hand eines Kindes gegeben wurden, so dass nun dieses Kind nach Belieben diesen schwachen Ländern den Weg vorgibt.

Ein Faktor für das „Gefangensein“ dieser Völker geht demnach auf deren innere Gefangenschaft zurück. Für diese Menschen ist es wichtig, ein paar Jahre länger zu leben, sie sind nur auf ihre eigene Sicherheit und Wohlstand bedacht, fürchten die Polizei des Herrscherregimes, haben Angst vor dem Tod, vor Arbeitslosigkeit und Hungersnöten und der Gedanke an Krisen und Probleme jagt ihnen Angst und Schrecken ein. Geben sie sich solchen Gefühlen und Schwächen hin, so heißt dies, dass sie sich zu Sklaven jener externen Mächte degradieren ließen.

Hier nun möchte ich auf einige Überlieferungen in diesem Zusammenhang verweisen, damit wir sehen, wie der Islam diese Art von Freiheit, also die Befreiung von den inneren Fesseln sieht und bewertet. Imam Ali (a.s.) sagte: „O Mensch! Lasse dich nicht von Gier und Habgier versklaven, wo dich doch Gott erschaffen hat, um frei zu sein.“[1]

لایَستَرِقَنّکَ الطّمَعُ وَ قَد جَعَلَکَ اللّهُ‏ حُرّاً

An anderer Stelle sagte Imam Ali (a.s.): „Jener, der seiner Triebseele und Gelüsten lossagt und seiner Begierden und sinnlichen Triebe Herr werden kann, ist wirklich frei.[2]

مَن تَرَکَ الشّهَوات کانَ حُرّاً

Tatsächlich kann ein Mensch, der sich seiner Leibeslust und seinen sinnlichen Gelüsten hingibt, nicht als frei bezeichnet werden. Durch keine anderen Faktoren lassen sich Menschen leichter versklaven als durch ihre Trieben und Begierden. Deshalb sind wir gerade in der heutigen Zeit Zeuge davon, dass sich die Unterdrücker zur Versklavung verschiedenster Personen gerade solcher Mittel bedienen. Jeder, von dem sie denken, er könne ihnen Probleme machen, wird mit seinen Trieben und seiner Gier in die Falle gelockt. Ohne es zu merken, werden diese Leute in Sex-Affären verwickelt oder mit ihrer Gier nach mehr Geld, Macht und Ruhm gefügig gemacht. Imam Ali (a.s.) sagte hierzu: „Jeder, der sich vom irdischen Glanz dieser Welt und von weltlichen Begierden nicht beeindrucken lässt, hat sein Leben befreit und seinen Schöpfer wohl gestimmt.[3].

مَن زَهَدَ فِي الدّنيا أعتَقَ نَفْسَهُ و أرضي رَبّهُ

In einer Überlieferung von Imam Sadiq (a.s.) heißt es: „Ein freier Mensch ist in jeder Situation frei. Wenn er mit Problemen konfrontiert wird, übt er sich in Geduld und Standhaftigkeit. Er lässt sich nicht von schwierigen Herausforderungen, von Angst und Furcht oder von unglücklichen Ereignissen unterkriegen, und selbst wenn aller Leid sich ihm zuwendet und ihn unter Druck setzt, wird er nicht daran zerbrechen.“[4]

الحُرّ حُرٌّ فِی جَمیعِ أحوالِه ان نابته نائبةٌ صبر لها وَ ان تداکت عَلیه المَصائِب لَم تکسرْه

Im Islam ist also die Freiheit mehr als nur das sich Lösen von den äußeren Zwängen. Die größte Freiheit, an die ein Mensch gelangen kann, besteht dann, wenn er seiner Versklavung im Innern, Triebe, Gier, Macht, etc., entsagen kann. An dieser Stelle sei auf Tugenden wie Gottesfurcht (taqwa) und Reinigung (taskiya) hingewiesen, die im Islam empfohlen werden, also konkret das Bezwingen der inneren Barrieren. Gott zu dienen bedeutet demnach, sich bewusst zu zügeln und nicht zuzulassen, durch eigene Begierden, Unwissenheit und durch schwankendes Verhalten vom wahren göttlichen und menschlichen Weg abzukommen.

Mit Taskiya ist deshalb die Reinigung von seelischer sowie physischer Sittenlosigkeit und Verdorbenheit gemeint. Erst wenn ein Mensch Tugend und Gottesfurcht zeigt, kann er sich tatsächlich als frei bezeichnen. Dasselbe gilt für eine Nation. Schon ein kleines Fünkchen Tugend und Gottesfurcht kann ihr zum Sieg über tyrannische Mächte verhelfen.

  1. Monotheismus und Freiheit

In Bezug auf die Definition und den Ursprung des Begriffs der Freiheit gehen die Meinungen im Islam und im Liberalismus auseinander. Im Westen ist der Ursprung der Freiheit das menschliche Verlangen, wobei damit nicht nur rationale und logische Begierden und Gelüste gemeint sind, sondern vor allem emotionale und sexuelle Bedürfnisse. Es gibt zum Beispiel Leute, die sich fragen, wie es möglich ist, dass manche mit solch unpassender Aufmachung in aller Öffentlichkeit erscheinen und Dinge tun, für die sich andere schämen würden. Als Antwort heißt es dann, das ist Freiheit. Jeder kann tun und lassen, wie ihm gerade beliebt. Und das, obwohl es heißt, dass im Westen alles durch Gesetze geregelt ist. Sicher wird der Rahmen der Freiheit im Westen durch das Gesetz festgelegt, aber diese Regeln sind zum Teil ein Produkt individueller Vorstellungen und Wünsche der Menschen.

In der heutigen Zivilisation sind auch die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen nicht Ihre eigenen. Wenn sich jemand heutzutage mit den Geschehnissen in der westlichen Welt auseinandersetzt, weiß er, dass sogar gewisse Wünsche und Bedürfnisse der „Mehrheit“ von einem bestimmten Kreis von Menschen erzeugt werden, wie z. B. von wirtschaftlichen und politischen Gruppen. Also liegt der Ursprung der liberalen Freiheit begründet in den Interessen einiger privilegierter Schichten, darunter wohlhabende Persönlichkeiten, große multinationale Konzerne und international agierende Wirtschaftsgruppen, das heißt auch im Interesse derer, die, wenn es ihren Plänen und Zielen dienlich ist, dass eine bestimmte Person als Präsident eines Landes gewählt wird, alle ihre Mittel einsetzen und die Medien mit einbeziehen, um die öffentliche Meinung in Richtung einer bestimmten Partei oder Person zu lenken. Auf diese Weise bringen sie die Menschen dazu, ihre Stimme den von ihnen gewünschten Personen zu geben. Das ist der Ursprung der Freiheit im Liberalismus. Gegen den Druck genau einer solchen Denk- und Handlungsweise sind die internationalen Menschenrechte ins Leben gerufen worden.

In einer islamischen Gesellschaft hingegen gründet die Freiheit auf eine monotheistische Weltanschauung. Das Fundament des Tauhids – der Glauben an dem einen Gott, der Schöpfer der Welten – in all seinen einzelnen Aspekten gewährleistet die Freiheit des Menschen. Jeder, der an die Einheit und Einigkeit Gottes glaubt, muss auch das „Frei sein“ der Menschen akzeptieren. Denn schon die Propheten waren es, die die Menschen dazu aufriefen, dem einen Gott gehorsam zu sein und sich von allen Abgöttern loszusagen. Im Qur’an wird dieses Thema stark betont, was bedeutet, dass Freiheit im Islam gleichzusetzen ist mit Monotheismus.

Mit Monotheismus ist nämlich die Lossagung von jeglichen nicht göttlichen Aspekten gemeint. Jede Religion und jeder Gottesprophet fordert die Menschen auf, nichts und niemanden außer Gott anzubeten. Sei dieser Niemand nun eine Person wie Pharao oder Nimrod oder aber eine außergöttliche Ordnung bzw. ein System. Es kann sich dabei auch um einen Gegenstand, einen menschlichen Trieb, oder um Sitten und Gewohnheiten handeln, die nicht auf Gott bezogen sind.

Mit Gehorsam Gott gegenüber kann die Befolgung göttlicher Gebote bezeichnet werden, denn nur eine Gesellschaft ist wünschenswert, in der sich die Oberhäupter und Regenten auf göttliche Werte besinnen und diese auch achten. Ein gläubiger Mensch muss den von Gott entsandten Propheten akzeptieren, auf seine Anweisungen hören und es auch als seine Pflicht ansehen, den von Gott bestimmten Nachfolgern der Propheten Gehorsam zu leisten und sich bei all seinen Taten und bei jeder seiner Handlungen, sich einzig und allein als ein Diener Gottes zu sehen.

Aus diesem Grund bezieht sich der zweite Unterschied in Bezug auf den Begriff Freiheit auf den Monotheismus, den Glauben an den einzigen Schöpfer. Die Freiheit des Menschen bedeutet also, dass der Mensch sich von allem, was nicht göttlich ist – Ego, Triebe, Gesetze, Sitten, Gewohnheiten und Abhängigkeiten – lossagt, um sich durch den Gehorsam gegenüber Gott zu befreien.

  1. Verantwortung

Im Islam beziehen sich Gebote, die zur Einschränkung der Freiheit führen, nicht nur auf gesellschaftliche Fragen, sondern auch auf individuelle und persönliche Aspekte, was als dritter Streitpunkt zur westlichen Gesellschaft genannt werden kann. In liberalen Gesellschaften gelten Einschränkungen lediglich für gesellschaftliche Angelegenheiten. Dort heißt es nämlich, dass die Freiheit des einen die des anderen nicht einschränken darf.

Aber auch im Islam darf das „Frei sein“ keine Gefahr für die Gesellschaft darstellen und die Mitmenschen dürfen dadurch keine Einbußen erleiden. Ebenso verbietet der Islam, dass der Mensch sich selbst schadet. Niemand ist befugt zu sagen, er besäße zum Beispiel die Freiheit, sein gesamtes Vermögen zu vernichten oder seine Gesundheit mutwillig zu gefährden. Daher ist jede Art von Selbstverletzung, geschweige denn Selbstmord im Islam verboten. Genauso wie der Mensch anderen gegenüber Verantwortung trägt und verpflichtet ist, die Rechte und Freiheiten der Mitmenschen zu wahren, so muss er auch für seine eigenen Rechte einstehen. Dies stellt eine religiöse Pflicht dar.

Ein weiterer Faktor, den der Mensch im Islam zu beachten hat, besteht darin, sich nicht erniedrigen und unterdrücken zu lassen. Verboten ist auch die Nichteinhaltung von Geboten, welche der Islam vorschreibt auf dem Wege zur Vervollkommnung. Der Islam verbietet den Stillstand individueller Fähigkeiten, auch wenn die Gesellschaft nicht davon betroffen ist. So ein Handeln ist verboten (haram). Niemand darf also behaupten, tun und lassen zu wollen, was er will. Sich knechten zu lassen, erniedrigen zu lassen, andere zu unterwerfen, Ungerechtigkeit über sich ergehen zu lassen oder seinen Körper und seine Seele durch die Sünde zu verderben, ist somit verboten (haram).

Es ist jedoch sehr wichtig zu wissen, dass dieses Verbot der Selbstverletzung bzw. zur Abwehr von Selbstschädigung eine persönlich Verpflichtung gegenüber sich selbst ist, also kann und darf keine Regierung bzw. gesetzliche Regelung den Menschen dazu zwingen, seine eigenen Rechte zu wahren. Der Islam verbietet sogar, Nachforschungen anzustellen oder Strafen zu verhängen, falls ein Individuum mit seinen eigenen Rechten vorsätzlich umgegangen ist. Der Mensch darf diesbezüglich nicht zur Verantwortung gezogen oder bloßgestellt werden. Die Person selbst jedoch hat bestimmte Pflichten zu erfüllen, die von göttlicher Natur sind.

Wenn also ein Mensch seine eigene Sorgfaltspflicht verletzt, so wird er von Gott dafür zur Verantwortung gezogen. Denn die Wahrung seiner Rechte und seiner Person stellt eine religionsrechtliche Pflicht dar. So sagt der heilige Qur’an: „O ihr, die ihr glaubt, hütet euch selbst und eure Angehörigen vor dem Höllenfeuer und der Bestrafung …“ (At-Tahrim | 66:6)

يَا أَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا قُوا أَنفُسَكُمْ وَأَهْلِيكُمْ نَارًا

Oder an anderer Stelle: „O ihr, die ihr glaubt, es ist eure Pflicht euch um eure Seele zu kümmern.“ (Al-Maida | 5:105)

یا أَیُّهَا الَّذِینَ آمَنُوا عَلَیْکُمْ أَنْفُسَکُمْ

  1. Ursprung der Freiheit

In Westen bezieht sich die Freiheit weder auf Gott noch auf die Religion. Somit wird der Freiheit kein göttlicher Ursprung zugestanden und keiner wird dort je behaupten, dass Gott es war, der dem Menschen die Freiheit geschenkt hat. Im Gegenteil suchen viele die Wurzel dafür in philosophischen Bereichen. Im Islam hingegen ist die Quelle für die „Freiheit“ göttlicher Natur. Die Wahrung der individuellen und gesellschaftlichen Freiheit stellt im Islam ein religiöses Gebot dar.

Bei vielen gesellschaftlichen Aufständen, die zum Zwecke Erlangung der Freiheit stattgefunden haben, ging es um Parolen wie das Allgemeinwohl oder das Wohl der Mehrheit in der Gesellschaft. Das größte Problem solcher Strömungen liegt allerdings darin, dass sich jene Leute, die sich zur Erlangung ihrer Rechte erheben, kurz darauf fragen, ob sie tatsächlich das Richtige tun. Sie geraten in Zweifel und fragen sich, wieso sie für derartige Ziele ihr Leben opfern sollen.

Im Islam verhält es sich hingegen völlig anders. Der Islam sieht im Kampf für die Freiheit eine religionsrechtliche Pflicht für jeden Gläubigen. So heißt es zum Beispiel, dass man helfen muss, wenn andere getötet werden, sonst hat man selbst gesündigt. Genauso verhält es sich mit der Freiheit. Wenn man sieht, dass andere Menschen ihrer Freiheit beraubt werden, so ist es erforderlich, einzugreifen und Hilfe zu leisten; dies ist eine religiöse Verpflichtung.

Neben diesen Differenzierungen sind auch noch weitere Unterschiede vorhanden, was den Begriff Freiheit im Liberalismus und im Islam betrifft. So sieht der Liberalismus für die Freiheit keine bestimmten Grenzen vor. Sollte Jemand die ethischen Werte eines Mitbürgers beleidigen, die für diesen heilig und wichtig sind, darf er dennoch nicht dafür zur Verantwortung gezogen werden, einfach aus dem Grund, weil er selbst diese Werte nicht anerkennt und er sie als belanglos und uninteressant abtut. Demnach muss gesagt werden, dass dem Begriff Freiheit im Liberalismus keine genauen Grenzen gesetzt sind. Im Islam hingegen ist Wertebemessung genau definiert und festgelegt.

  1. Basis der Freiheit

In einer liberalistischen Gesellschaft steht die Freiheit im Widerspruch zum Pflichtbewusstsein, das heißt niemand will der Freiheit gegenüber eine Verpflichtung übernehmen. Im Islam hingegen sind Freiheit und Pflichtbewusstsein zwei zusammenhängende Faktoren. Der Mensch ist deshalb frei, weil es auf der Welt bestimmte Verpflichtungen für ihn gibt. Wäre dem nicht so, so würde er den Engeln gleichgestellt sein. Die Eigenschaft des menschlichen Wesen ist es, dass er über bestimmte Instinkten und unterschiedliche Begierden verfügt, er hat jedoch die Verpflichtung, diese auf den Weg der Vervollkommnung einzusetzen, denn wie auch im heiligen Qur’an steht: „Und Ich habe die Dschinn und die Menschen nur darum erschaffen, damit sie Mir dienen (sollen); eine Stufe, die von sehr hohem Rang ist. Genauso wie es für den Menschen das Recht auf seine Existenz gibt, so ist ihm auch das Recht frei zu sein gegeben worden. Das ist die Voraussetzung, um die hohe Rangstufe der Dienerschaft Gottes zu erreichen.“ (Adh-Dhariyat | 51:56)

وَ مَا خَلَقْتُ الْجِنَّ وَ الْإِنْسَ إِلاّ لِیَعْبُدُونِ

Leider haben liberale Kulturen dieses Pflichtbewusstsein bereits in einem Maße verletzt, dass dort sämtliche religiöse und ideologische Denkweisen, deren Befolgung eigentlich gefordert ist, abgelehnt werden. Zuletzt muss gesagt werden, dass im Islam die Freiheit und das Pflichtbewusstsein ineinander verwoben sind. Gerade durch die Freiheit wird es dem Menschen ermöglicht, seine Aufgaben und Pflichten korrekt zu erfüllen, große Aufgaben und Verpflichtungen auf sich zu nehmen sowie wichtige Entscheidungen zu treffen, so dass er Glückseligkeit und Vollkommenheit erlangt.

[1] Ghurar al-Hikam
[2] Al-Harrani: Tuhaf-ul-Uqul, S. 100.
[3] Muhadith Noori: Mustadrak al-Wasail. Bd. 12, S. 47.
[4] Scheich Kulayni: Usul al-Kafi. Bd. 3, S. 142.