Die Pflichten der Muslime gegenüber Imam Mahdi (a.s.)

A. T. Abdallah

Das Diesseits ist ein Ort der Herausforderungen, an dem jeder Mensch seinen eigenen Weg beschreiten und Prüfungen, mit denen er konfrontiert ist, bestehen muss (Al-Inschiqaq: 6). Nach der langwierigen Reise auf der Erde wird der Mensch bei seinem Herrn genau das vorfinden, was seine Hände vorausgeschickt haben (Al-Kahf: 49), so die islamische Auffasung auf der persönlichen Ebene. Nach islamischer Vorstellung haben auch Nationen Wege, die sie beschreiten müssen (Al-Araf:34, Yunus:47) Aus einigen Überlieferungen geht hervor, dass mit dem Menschen sowohl als Individuum als auch als Gemeinschaftswesen (und somit als Mitglied oder Unterstützer einer Gemeinschaft) abgerechnet wird [1] .

Jeder Weg, den eine Gruppe, eine Nation oder die Menschheit insgesamt wählt, ist einer, der mit Scheitern, Fehlern, Sünden, Schmerzen und Kriegen, aber auch mit Erfolgen, Erkenntnissen, Reue, Geduld, Streben und Annäherung an die richtige Vorgehensweise erfüllt ist. Doch das Schicksal aller Gruppen und Nationen und das Ende aller Wege ist vom Anbeginn klar: Die ganze Menschheit wird eines Tages der Wahrheit unwiderruflich folgen. Zu stark ist die Wahrheit, um umgangen zu werden, und zu nichtig die Falschheit, um fortbestehen zu können. Die Wahrheit siegt stets. Ein Zeichen dafür ist die Tatsache, dass der falsche Weg bisher stets in eine Sackgasse geführt hat (Saba: 49).

Jede Revolution in der Geschichte, welche versucht hat, sich gegen die herrschenden ungerechten Normen aufzulehnen, hatte auf der praktischen Ebene eine treibende Hauptkraft, nämlich die Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Bisher hat es keine Revolution geschafft, für vollständige Gerechtigkeit zu sorgen. Der Grund dafür ist aus schiitischer Sicht, dass eine vollendete Gerechtigkeit nur dann möglich ist, wenn vier Voraussetzungen erfüllt sind:

  1. Es gibt eine erreichbare, wahre und vollständige Vorstellung von Gerechtigkeit.
  2. Es gibt Menschen, die diese Vorstellung der Gerechtigkeit haben und unterstützen.
  3. Die Qualität und Quantität dieser Unterstützung sind hinreichend.
  4. Es gibt einen unfehlbaren Anführer, der diese Menschen führt.

Die erwähnten Voraussetzungen findet man im heiligen Koran wieder (Al-Hadid: 25).

Alle Versuche im Verlauf der Geschichte der Menschheit scheiterten bisher an mindestens einer dieser Voraussetzungen. Die ersten beidenVoraussetzungen sind nach islamischer Auffassung durch den Islam und die wahrhaftigen Muslime bereits erfüllt, so dass die Vollendung der Gerechtigkeit in Wirklichkeit nur von den letzten beidenVoraussetzungen abhängt. Nach schiitischer Auffassung wird eine Zeit kommen, in der die dritte Voraussetzung erfüllt wird. Unmittelbar danach wird der Enkelsohn des Propheten (s.a.s.), der im Jahre 255 nach der Auswanderung geboren wurde und bis heute in Verborgenheit lebt, erscheinen. Seine Erscheinung wird die vierte Voraussetzung erfüllen und er wird mit seinen Gefährten und Unterstützern in der ganzen Welt Gerechtigkeit walten lassen. Die Erfüllung der dritten Voraussetzung hängt jedoch von der vollendeten Erfüllung von gewissen Pflichten gegenüber Imam Mahdi (a.f.) ab. Diese Pflichten lassen sich in Individual- und Kollektivpflichten unterteilen. Darauf wird in diesem Artikel eingegangen.

Die Individualpflichten

1. Die rationale und tradierte Erkenntnis des Imams: Allen Pflichten voran steht die Aneignung einer felsenfesten Überzeugung vom Imam (a.f.). Eine mögliche Herangehensweise ist, sich zunächst basierend auf der Vernunft von der Notwendigkeit der Existenz eines unfehlbaren Imams (a.s.) zu überzeugen, um dann anschließend basierend auf den historischen Texten und den zahlreichen richtigen Überlieferungen zur Erkenntnis der Übereinstimmung dieses notwendigen Imams mit dem Enkelsohn des Propheten und Sohn seiner Tochter Fatima (a.s.)[2], nämlich Imam Mahdi (a.f.), Sohn von Al-Hassan Sohn von Ali Sohn von Muhammad Sohn von Ali Sohn von Moussa Sohn von Djafar Sohn von Muhammad Sohn von Ali Sohn von Hussein Sohn von Ali Sohn von Abu Talib (Friede sei mit ihnen alle) zu kommen. Hierzu empfehle ich dem interessierten Leser das Buch “Imam Mahdi zwischen der (historischen) Evidenz und der Wahrscheinlichkeit” [3] zu lesen.

Zudem müssen die Muslime sich genügend Wissen über dieses Thema aneignen, um den vielen Pseudowahrheiten, die in den Raum geworfen werden, Stand halten zu können. Zu diesen Pseudowahrheiten gehören bspw. die Anzweiflung seiner Geburt, seines langen Lebens und des Sinngehaltes seiner Existenz in Verborgenheit. Vor allem in unserer modernen Zeit gewinnt diese Pflicht an Bedeutung, da der Fortschritt, den die Menschheit erfahren hat, und die Herrschaft der materialistischen Denkweise den Geist ansteckt. Es ist daher die Pflicht eines Jeden, sein Bewusstsein zu stärken und seinen Intellekt zu schärfen, damit sich die Tore der Erkenntnisse öffnen. Die Gelehrten des Islams, möge Allah ihre Stufen erhöhen, haben zahlreiche Bücher geschrieben, die diese Pseudowahrheiten thematisiert und widerlegt haben. Hier seien die folgenden Bücher beispielhaft erwähnt: “Briefe über die Verborgenheit” von Scheikh Al-Mufid, “Die Verborgenheit” Scheikh At-Tuhsi, “Das Überzeugende hinsichtlich der Verborgenheit” von Al-Scharif Al-Murtadha, “Die Verborgenheit” von Scheikh Muhammad Ridha Al-Djfari und “die Sitten in der Zeit der Verborgenheit” von Scheikh Hussein Al-Kurani.

2. Die Festigung und Vertiefung der Beziehung zum Imam: Die Aneignung von Wissen ist jedoch zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung, denn der Mensch ist ein Bündel von Emotionen. Auch diesen Emotionen muss entsprochen werden, damit die Erkenntnis des Imams sich vom rein theoretischen Wissen zur weitaus einflussreicheren Gewissheit im Herzen entwickelt. Hierzu bieten sich einige Mittel, um diese Beziehung zum Imam zu festigen und zu vertiefen, so dass der Muslim nach und nach dem Herzen verständlich macht, was der Verstand erkannt hat. Im Folgenden seien einige genannt:

1. Die Stärkung des Bewusstseins hinsichtlich seiner Existenz: Damit ist die bewusste Bemühung gemeint, seine Existenz zu spüren und nachzuempfinden, indem man intensiv darüber nachdenkt. Von Imam Sadiq (a.s.) wird überliefert, dass er sagte: “Das Nachdenken einer Stunde ist besser als der Gottesdienst eines Jahres”[4]. Der Imam erwähnt nicht, worüber man nachdenken sollte. Die Aussage ist somit frei von Einschränkungen. Daher gilt sie auch für das Nachdenken über Imam Mahdi (a.f.). Wenn sich der Muslim (bspw.) mit seinen Geschwistern zur Belebung der Angelegenheit der Familie des Propheten (s.a.s.) trifft, dann sollte er sich dessen bewusst sein, dass der Imam solche Treffen liebt und sieht, wie es im Koran erwähnt wurde (At-Tauba:105). Das würde ihn noch mehr motivieren, da er sich dann noch mehr bemühen würde, ein Lächeln auf dem Gesicht des Imams zu zaubern und sein Herz zu erfreuen. Er würde, wenn er die politischen Ereignisse, die große Unterdrückung von vielen Völkern, das große Leid der Menschheit, die Revolutionen, die Rückstände, die Erfolge und die großen Leistungen der Gläubigen auf den verschiedensten politischen, sozialen und moralischen Fronten sähe, darauf achten, dass dies alles im Auge dieses großartigen Imams geschieht. Sein Herz erkennt dadurch noch intensiver, dass nichts in dieser Welt ungeplant geschieht und dass der Weg der Wahrheit keine Willkür kennt. Vielmehr sind alle Gläubigen vom Segen, den Allah über den Imam auf uns herabsendet, umfasst und das Schiff des Glaubens fährt zum Ort, wo der Gefährte der Zeit (a.f.) wartet.

2. Ihm periodisch den Treueeid zu leisten: Selbstverständlich ist es auch verpflichtend, dem Imam den Treueeid zu leisten. Dies bedeutet, dass der Gläubige ihm verspricht, ihm treu zu sein, sich von seinen Feinden loszusagen, seinen Befehlen zu folgen und seine Verbote zu berücksichtigen. Der Treueeid ist demnach die Anerkennung seiner rechtmäßigen Wilayah (dt. Führerschaft) sowie die Ablehnung jeglicher Abweichung von seinem Pfad. So ein Treueeid gebührt keinem außer dem Unfehlbaren (a.s.). Aus einigen Überlieferungen kann man außerdem herleiten, dass es erwünscht ist, den Treueeid periodisch zu erneuern [5]. Dabei wurde auf die Zeiten nach dem Morgengebet, nach jedem täglichen Pflichtgebet und auf den Freitag besonderen Wert gelegt. Der Grund dieser Betonung dürfte die Gefährlichkeit dieser Angelegenheit sein. Denn laut einer Überlieferung stirbt man den Tod der Unwissenheit, wenn man keinem rechtmäßigen Imam einen Treueeid leistet (siehe Sahih Muslim [6] und Al-Kafi [7]). Dadurch, dass man den Treueeid ständig in Erinnerung ruft und erneuert, wird man stets angespornt, nach der Erfüllung dieses Treueeids zu streben, indem man die Gerechten mit Liebe und die Unterdrücker mit Abneigung begegnet. So fühlt man stets die göttliche Beihilfe, weil die Aneignung von Wissen, die umgesetzten Taten und die ganze Hoffnung auf diesem geraden Weg des Imams stattfinden. Dem ganzen Streben wird somit Rechtmäßigkeit und Segen eingehaucht. Im Bittgebet des Treueeids (Dua Al-Ahd) wird eine Formel des Treueeids erwähnt, der interessierte Leser möge dieses Dua lesen. Zur Vertiefung sei das Buch “Die Sitten in der Zeit der Verborgenheit” (Adab ‚Assr Al-Ghaiba, Scheikh Hussein Al-Kurani) empfohlen.

3. Ihm Besuche abzuerstatten und das Gespräch mit ihm zu ersuchen: Zweifelsohne sollte die Liebe zum Propheten und seiner Ahlulbait (a.s.) größer sein als die Liebe zu irgendeinem anderen Geschöpf (At-Tauba:24). Denn es ziemt sich nicht für einen Gläubigen zu altern oder gar zu sterben, während er immer noch einige Menschen oder auch noch manchen Besitz mehr liebt als Allah, seinen Gesandten und die Imame der Rechtleitung. Und wenn er dies bei sich selbst feststellt, so sollte er wissen, dass sein Glaube mangelhaft ist, selbst wenn ihm sein Zustand nicht gefällt. So sollte er sich anstrengen, das Gehör des Herzens verständlich zu machen, dass Allah (an erster Stelle) und seine Freunde (an zweiter Stelle) es sind, denen der Dank für die Rechtleitung und das Wohl, in denen er sich befindet, gebührt und dass alle anderen Menschen in dieser Hinsicht nach ihnen kommen. Auch die Eltern sind trotz ihres großartigen Rangs im Islam nicht höher zu schätzen als Allah und der Prophet (s.a.s.) und seine Ahlulbait (a.s.), weil diese die geistlichen Väter (Al-Hadid:25) sind und der Geist ist zweiflesohne edler als das Leib. Ursprünglich ist Allah der wahre Versorger und die Mittel haben nur deswegen einen hohen Rang für uns, weil Allah durch sie das Gute auf uns herabsendet. Daher ist die Dankbarkeit ihnen gegenüber als Verkörperung der Dankbarkeit Ihm gegenüber zu verstehen. Damit also diese Wahrheit sich in unserer Seele fest verankert, ist es notwendig mit dem Imam als Geliebtem umzugehen, bei dem es uns schwer fällt, die Trennung von ihm auszuhalten, so dass wir alles unternehmen würden, um mit ihm in Kontakt zu sein. An dieser Stelle spielen die Rezitationen der berühmten „Ziyarat“ (dt. Audienzen bzw. Besuch) der Ahlulbait (a.s.) ihre wesentliche Rolle, vor allem jene, die den Imam der Zeit betreffen, wie die Ziyarat von Al-Yassin [8]. Diese Ziyarat erhöhen den Grad der Verbundenheit mit dem Imam, durch die Simulation eines direkten Gesprächs mit ihm, das den Friedensgruß beinhaltet, alsdann macht man sich bewusst, dass der Imam diesen Friedensgruß erwidert hat, da dies im Islam eine Pflicht darstellt. Solche Gedanken, Gespräche und Ziyarat verleihen der Beziehung mit ihm Leben, was sehr wichtig ist, damit sich bei uns keine Distanz ihm gegenüber entwickelt.

4. Für ihn zu beten: Zu den moralischen Pflichten, an die man sich halten sollte, gehört auch, dass man für den Imam ein Bittgebet ausspricht, in dem man sich wünscht, zur Zeit seiner Erscheinung lebendig zu sein und ihm mit Leib und Seele zu helfen und dafür das ganze Hab und Gut einzusetzen. Denn solche Bittgebete erweichen das Herz und füllen es mit Sehnsucht, Liebe, Hoffnung und Trauer im Bezug auf die Trennung von ihm. Man fühlt mit ihm mit und sieht mit dem Auge des Herzens, wie sein Herz um die Unterdrückten auf dieser Erde blutet und wie er wegen der Ausbreitung des Unrechts und der vielen Kriege trauert. So setzen sich diese Bilder im Kopf des Gläubigen fest und man fängt an, die Nähe zu ihm zu spüren und nachzuempfinden, welchen Schmerz er empfindet und welch großartiges Herz er besitzt. Man fragt sich, welche Ehrfurcht es bereiten würde, in sein Antlitz zu blicken und welche Gottesfurcht sein Herz trägt, während er sich in die Hände Allahs begibt und ihm voller Treue dient. Was würde denn das Gefühl eines jeden von uns sein, wenn eine liebe Person von ihm getrennt wird, ohne dass er in der Lage ist, sie zu erreichen, während er gleichzeitig weiss, dass sie existiert und lebt? Würde so ein Mensch nicht tags und nachts über sie nachdenken? Und was ist mit dem frühen Morgen oder späten Abend, an denen er sich gewöhnt hatte, mit ihr zusammenzusetzen? Würde er zu diesem Zeitpunkt nicht über sie nachdenken und ihrer Abwesenheit nachtrauern und sich vieles vorwerfen, falls er sie in der Zeit ihrer Anwesenheit nicht so gut behandelt hatte, wie er es sich nun wünschte? Würde er sich nicht entschließen, es besser zu machen, wenn sie zurückkehren würde? Würde er nicht versuchen, die lieben Menschen, die er noch erreichen kann, gut zu behandeln, um seine frühere Nachlässigkeit gegenüber diesem unerreichbaren Geliebten wiedergutzumachen? Und wie du nun weisst, ist die Huld des Imams uns gegenüber noch größer als die Huld eines jeden anderen Geschöpfs. Wenn auch mitberücksichtigt wird, dass die Gläubigen jene sind, die seine Anwesenheit verhindern, dann werden die beschriebenen Gefühle in ihren Herzen einen Höhepunkt erreichen, der ihren Herzen eine Himmelfahrt gewährt und ihre Tränen in Mengen fließen lässt. Alsdann würde die jakobianische Sehnsucht nach ihrem heutigen Joseph Besitz von ihnen ergreifen.

5. Ihn um Rechtleitung und Fürsprache bitten: Die erste Pflicht des Imams den Gläubigen gegenüber ist, sie zum Zweck ihrer Schöpfung gelangen zu lassen, indem er sie rechtleitet. Diese Rechtleitung hat eine schöpferische Dimension, die mit der Erschaffung dieser Welt und den Gesetzen, die in ihr herrschen, und mit der Rolle des Unfehlbaren in ihr zu tun hat. Denn Allah lässt die Rechtleitung über die Hände des Unfehlbaren und durch seine Vormundtschaft über die Geschöpfe fließen. Daher wurde von Imam Mahdi (a.f.) überliefert: “Was die Art und Weise betrifft, wie man in der Zeit meiner Verborgenheit von mir Nutzen ziehen kann, so ist das vergleichbar mit der Sonne, wenn die Wolken sie vor den Blicken verstecken. Wahrlich, ich bin eine Sicherheit für Bewohner der Erde, so wie die Sterne Sicherheit für die Bewohner der Himmel sind” [9]. Daher ist der Unfehlbare wahrlich der Lehrer eines jeden Reisenden zu Allah (swt) [10] und wenn der Schüler sich an die Lehren seines Lehrers nicht hält, dann würde er sein Ziel nicht erreichen, und wenn der Reisende dem Unfehlbaren die Zügel seines Herzen nicht gibt, dann würde er nicht zum wahren Weg finden. Daher ist es notwendig, den Imam um Rechtleitung und Wegweisung zu bitten. Und auf der anderen S. sollte man auch den Imam als Fürsprecher nehmen, weil Allah ihn zu einem Mittel der Vergebung und Erkenntnis gemacht hat, so wie Er sein heiliges Haus, den schwarzen Stein, das Gebet und weitere Dinge zu Mitteln der Erkenntnis gemacht hat. Der Prophet (s.a.s.) und seine Familie (a.s.) sind sogar die großartigsten Mittel zu Allah (swt).

3. Die charakteristische Läuterung der Seele: Doch diese Stärkung, Festigung und Vertiefung der Beziehung zum Imam kann nicht erfüllt werden, wenn die Hindernisse in der Seele und die Schleier um die Herzen nicht nach und nach entfernt werden. Und umgekehrt haben die Tränen, die die Gläubigen fließen lassen und ihre Gefühle, die sie offenbaren, keinen großen Wert, wenn auf Worte keine Taten folgen, die die Echtheit dieser Liebe zeigen. Um dies zu erreichen, ist es notwendig, dass der Gläubige seine Seele läutert, sie erzieht und Lehren aus den Fehlern der früheren Völker zieht. Was haben denn die Einwohner von Kufa zu Zeiten von Imam Hussain (a.s.) gemacht? Sie haben ihren Imam im Stich gelassen, obwohl sie ihn geliebt haben. Natürlich war diese Liebe oberflächlich und sicherlich waren es lediglich Krokodilstränen und nicht Tränen von aufrichtigen Menschen. Aber was war der Grund dafür, dass sie ihren Imam verraten haben, obwohl sie selbst ihn zu sich gerufen haben und obwohl sie seinen Rang und seine Führung anerkannt haben? Es war die Liebe zum Diesseits, der Kopf und der Anfang aller Sünden. Diese Liebe entspringt der Liebe des Ego und dies ist der schlimmste Schmutz und die hartnäckigste Unreinheit der Seele. Daher ist es die Aufgabe eines jeden Muslims, der auf den Imam und die Erscheinung des Imams wartet, auf die Krankheiten seiner Seele zu achten, dagegen Widerstand zu leisten, seine Schwächen aufzuheben und seine Stärken zu mehren. Auf diesem Weg muss er sich auch stets gedulden, damit Allah seine Ehrlichkeit und Treue in Erfahrung bringt. Allah (swt) ließ Imam Mahdi (a.f.) nicht diese lange Zeit in Verborgenheit leben, damit er in einer Zeit erscheint, in der “Neokufiten” ihn verraten. Vielmehr wurde seine Rückkehr aufgeschoben, bis dass eine genügend große Gruppe von Menschen heranwächst, die eine ausreichende Stufe der seelischen Läuterung erreicht. Nur eine solche Gruppe würde in der Lage sein, alle Prüfungen zu bestehen und den Imam ohne jeglichen Zweifel, ohne jegliche Unentschlossenheit und Schwäche, ohne jegliches Zurückkehren auf der Ferse und ohne jegliche Grenzen zu unterstützen. Die Läuterung der Seele ist demnach eine Hauptsäule sowohl in der Religion im Allgemeinen als auch hinsichtlich der Rückkehr des Imams (a.f.). Allah, der erhaben ist, Er sagte: Wahrlich, Wir schickten Unsere Gesandten mit klaren Beweisen und sandten mit ihnen das Buch und das Maß herab, auf daß die Menschen Gerechtigkeit üben möchten (Al-Hadid:25). Diese Menschen, die Gerechtigkeit üben werden, müssen sicherlich die nötigen Stufen der Reinheit in der Seele erreicht haben, denn wer etwas nicht besitzt, kann es auch nicht weitergeben.

4. Das Festhalten am Seile der wahrhaftigen Gelehrten: Nach der Ära von Imam Sadiq (a.s.) haben die Imame der Ahlulbait (a.s.) damit angefangen, die Ummah auf die Zeit der Verborgenheit praktisch vorzubereiten. Von Imam Hassan Al-Askari (a.s.) wurde eine Überlieferung berichtet, die die Signifikanz der Gelehrten betont: “Wer also von den Gelehrten seine Seele zügelt, seine Religion aufbewahrt, seinen Gelüsten widerspricht und dem Befehl seines Herrn gehorcht, dem soll die Allgemeinheit (ihre Religion) anvertrauen. Und dies kann nur bei einigen der schiitischen Gelehrten erfüllt sein und nicht bei allen [11]8. In dieser Überlieferung werden zwei Gebote erwähnt. Zum Einen, dass man sich am Seile der Gelehrten festhalten sollte, und zum Anderen, dass diese Gelehrten gewisse Eigenschaften erfüllen müssen, die mit dem Charakter, dem Wissen und das Verständnis der Realität stark zusammenhängen. Daher muss der Muslim am Seile dieser Gelehrten festhalten, damit er Zugang zum verborgenen Imam (a.f.) haben kann. Denn die Gelehrten sind die Erben der Propheten [12]. Sie sind jene, die Wissen und Gottesfurcht in ihren Herzen tragen und daher die Muslime auf dem geraden Weg führen können. Sie sind laut einer anderen Überlieferung die Festungen der Religion [13], die sie vor den Angriffen schützen. Sie sind es also, die uns erlauben, Imam Mahdis (a.f.) Willen zu erkennen. Dieser Punkt ist auch keine reine Individualpflicht. Auch Gruppen, die irgendeine Arbeit leisten wollen, die die Menschheit nach vorne bringt, müssen die Ratschläge der Gelehrten berücksichtigen, damit ihr Bemühen auch fruchtbar ist.

Die Kollektivpflichten: Mit den Kollektivpflichten sind jene Pflichten gemeint, deren Erfüllung nur von einer Gruppe von Muslimen getragen werden kann. Solche Pflichten setzen auch meist voraus, dass die anderen Muslime positiv darauf reagieren und von der geleisteten Kollektivpflicht auch Nutzen ziehen. Wenn man über die Kollektivpflichten spricht, bietet sich an, zwei Dimensionen kurz zu erörtern:

1. Die interne Dimension: Diese Dimension beinhaltet jene Pflichten, die innerhalb der islamischen Ummah von Belang sind und zu ihrer Stärkung und ihrem Fortschreiten beitragen. Dazu gehören die Entwicklung der religionswissenschaftlichen Forschung, die Etablierung einer soliden mahdianischen Kultur, die Bewahrung der Erwartungshaltung, die zielstrebige, praktische und aktive Vorbereitung auf die Rückkehr des Imams und die Kommunikation mit den anderen islamischen Denkschulen. Auf diese Punkte möchte ich im Folgenden kurz eingehen:

Die Entwicklung der religionsrechtlichen Forschung: Wie auch auf der Ebene des Individuums stellt das Streben nach höherem und umfassenderem religiösen Wissen auch auf der kollektiven Ebene eine wesentliche und lebenswichtige Herausforderung dar. Die Entwicklung der Menschheit, der Lebensstile, der materiellen Forschung, der diesseitigen Wissenschaften und der Erkenntnisse im Allgemeinen führen zu neuen Fragestellungen, die die Religion dringend beantworten muss. In einigen Überlieferungen heißt es: “Wenn der Gelehrte stirbt, dann entsteht im Islam eine Lücke, die bis zum Tage des jüngsten Gerichts durch nichts geschlossen werden kann”[14] . Auch wenn Imam Mahdi (a.f.) lebendig ist, so ist seine Verborgenheit (a.f.) selbstverständlich noch viel schlimmer als der Tod eines Gelehrten. Seine Verborgenheit und die praktische Unerreichbarkeit, die daraus folgt, hinterlässt eine gewaltige Lücke, die nicht von Einzelpersonen geschlossen werden kann. Das Schließen dieser Lücke bzw. die Verminderung der schlimmen Konsequenzen, die durch diesen großen Verlust entstehen, beansprucht eine Vielzahl von Menschen, die es sich zur Aufgabe machen, die Grenzen des bisher erreichbaren und die Horizonte der eigenen Denkweise zu erweitern, ohne die eigene Essenz aufzugeben. Das setzt die Entwicklung der vorhandenen wissenschaftlichen Mittel und das Überdenken der bisher gemachten Lösungsvorschläge auf den verschiedensten Dimensionen voraus. Die Mittel des Verstehens, des logischen Nachdenkens, der wissenschaftlichen Forschung und deren Methoden müssen stets optimiert werden. Nur so ist es möglich, die drei Hautpeigenschaften zu bewahren, die den Islam auszeichnen, nämlich seine Zeitlosigkeit, seine Allgemeingültigkeit und seine Vollständigkeit. Von daher sind die Vertrauenswürdigkeit, die Genauigkeit, das Wissen und die Weisheit in diesem Rahmen sehr wichtig. Zeitgleich ist es die Aufgabe der Allgemeinheit der Muslime, dieses Wissen zu verstehen, zu schätzen und dann letztendlich auch umzusetzen, damit es nicht umsonst verloren geht.

Die Etablierung einer soliden mahdianischen Kultur: Basierend auf dem letztgenannten Punkt ist es auf der praktischen Ebene von großer Notwendigkeit durch die Belebung der Angelegenheit der Ahlulbait (a.s.), die von den Imamen sehr oft unterstrichen wurde [15]1, eine madhianische Kultur zu etablieren. Es wurde ja bereits festgestellt, dass die Verborgenheit von Imam Mahdi (a.f.) den Muslim nicht daran hindert, von seiner segensreichen Existenz zu profitieren. Dieser Nutzen wird aber in der Gemeinschaft weitaus größer. Es ist notwendig, die mahdianische Idee auf festen Grundlagen aufzubauen, an denen nicht zu rütteln ist. Daher ist das Gedenken an Imam Mahdi (a.f.), die gegenseitige Erinnerung an seine Angelegenheit und die gemeinsame Untersuchung der mahdianischen Idee, ihrer Prinzipien, ihrer Fakten und ihrer Ziele in Form von Diskussionen, Vorträgen, Seminaren und Tagungen (uvm.) von sehr großer Bedeutung. Denn dadurch stärken die Muslime die Anwesenheit von Imam Mahdi (a.f.) in ihrem Bewusstsein und in ihrem Herzen und erst dann können sie auch anderen Menschen ihre Erkenntnisse überzeugend vermitteln.

Die Aufrechterhaltung der Erwartungshaltung: Es ist einfach, revolutionäre Ideen zu haben und sie für eine kurze Zeit umzusetzen, doch die große Herausforderung besteht darin, diese aufrechtzuerhalten [16]. Zu den revolutionären Ideen gehört die Erwartungshaltung gegenüber der Rückkehr des Imams. Wie kann diese aufrechterhalten werden? Die Behandlung dieses Themas bedarf eines gesonderten Artikels, doch hier begnüge ich mich mit einem kurzen Hinweis. Imam Ali (a.s.) sagte: “Arbeite für das Diesseits so, als ob du ewig leben würdest, und arbeite für das Jenseits so, als ob du morgen sterben würdest” [17]. Wenn die Muslime es schaffen würden, so eine Einstellung gegenüber der Angelegenheit des Imams zu haben, dann wird der Glaube an den Imam (a.f.) und seine Rückkehr immer wach bleiben und sie werden, wenn er denn erscheint, nicht überrascht oder unvorbereitet sein.

Die zielstrebige, praktische und aktive Vorbereitung: Eine weitere Pflicht, die auf den Rücken der Muslime lastet, ist die zielstrebige, praktische und aktive Vorbereitung der Erde auf seine Rückkehr. Es ziemt sich nicht mit dem Imam so umzugehen, als wäre er nicht lebendig oder als wäre er nur eine vage Idee. Er muss den Alltag der Muslime und somit die von ihnen gesetzen Ziele, die von ihnen gemachten Pläne, die Organisation und die Umsetzung der Ideen prägen und bestimmen. Ziemlich alles sollte mit der Hoffnung, seine Rückkehr zu beschleunigen, gemacht werden. Denn seine Rückkehr bedeutet, die Ankunft der Gerechtigkeit und des Friedens auf dieser Welt. Der Muslim darf sich nicht auf das Bittegebet “Möge Allah seine Rückkehr beschleunigen” verlassen, er muss auch gemäß diesem Bittgebet handeln.

Die Kommunikation mit anderen islamischen Denkschulen: In allen genannten Punkten haben schiitische Muslime eine Verantwortung gegenüber ihren Geschwistern in den anderen islamischen Denkschulen, welche zwar an den Imam (a.f.) glauben, wo er aber weitgehend etwas Nebensächliches in ihrem Alltag darstellt. Es bietet sich für die Anhänger der schiitischen Denkschule daher an, darauf hin zu arbeiten, basierend auf den Gemeinsamkeiten, das Interesse anderer Muslime an der mahdianischen Kultur zu wecken. Ihnen sollte deutlich gemacht werden, dass Imam Mahdi (a.f.) auch ihr Imam ist, so dass auch sie ihn erwarten und sich auf seine Rückkehr vorbereiten. Wenn sie an seine Geburt und somit an eine Rückkehr nicht glauben, dann soll ihnen deutlich gemacht werden, dass sie doch zumindest bewusst auf seine Erscheinung hoffen sollten.

2. Die externe Dimension: Die externe Dimension betrifft die anderen Völker, Nationen, Kulturen und Religionen hinsichtlich der mahdianischen Frage: Was ist die Verantwortung, die ein Muslim diesbezüglich trägt? Hier sollen zwei Punkte angesprochen werden.

Die weltweite Bekanntmachung des Imams und seiner Prinzipien: Die Muslime tragen nicht nur die Aufgabe der Praktizierung ihrer Religion, sie dürfen auch mit ihren Erkenntnissen nicht geizen und sollten alle Menschen daran teilhaben lassen. Es wäre zu egoistisch gewisse Erkenntnisse geheimzuhalten oder sich zu schämen, diese Erkenntnisse zu verkünden. Und dies ist eine Kollektivpflicht, die einen externen Charakter hat. Die internationale Bekanntmachung des Imams bedeutet, dass man ihn als Idee und Prinzip, aber auch als verkörperte Person, die unter uns lebt, der Welt vorstellt. Das Vorhandensein dieser Hoffnung sollte möglichst anziehend, logisch und berührend gestaltet werden. Denn wie bereits erwähnt, ist das Streben nach Gerechtigkeit ein gemeinsames Merkmal aller freien Menschen in dieser Welt, abgesehen davon, welcher Weltanschauung sie folgen, welcher Nation sie angehören und welche Hautfarbe sie besitzen.

Die notwendige kulturübergreifende Vereinigung der Kräfte: Und eben wegen dieser oben erwähnten Allgemeingültigkeit der Sehnsucht nach Gerechtigkeit sollte man nicht zögern mit allen Menschen zusammenzuarbeiten, um die Ziele, die Imam Mahdi verfolgen wird, näher rücken zu lassen. Es ist nicht unwichtig, die Menschheit auf die mahdianische Erscheinung vorzubereiten, damit sie die Botschaft der Propheten (a.s.) möglichst rein und unverändert empfangen kann. Keiner soll zögern, mit einem Bruder im Islam oder seinesgleichen in der Schöpfung zusammenzuarbeiten, um irgendein Projekt zu erfüllen, das zur Stärkung der Gerechtigkeit führt. Was stimmen muss, sind nur die objektiven Voraussetzungen eines erfolgreichen Projekts. Die Probleme, vor denen die Welt steht, sind groß genug und daher sollte der Umgang mit diesen Problemen einen internatiolen Charakter bekommen, der sowohl von der Verfälschung durch nicht vertrauenswürdige Machträger als auch von der Verfälschung durch Fanatiker frei sein muss. Denn beide stellen eine Gefahr für den Weltfrieden und für die Implementierung der Gerechtigkeit dar. Diese globale Sichtweise der Dinge müssen die Muslime bei sich selbst fördern, indem sie ihre eigenen Prinzipien verinnerlichen und Vertreter anderer Weltanschauungen kennenlernen, ihnen mit Offenheit begegnen und mit ihnen zusammenarbeiten, wenn die Chance sich bietet und die praktische Schnittstelle hinreichend groß ist.

Zusammenfassung

Was der geehrte Leser sich zusammenfassend bewusst machen sollte, ist die Tatsache, dass der Muslim in seinem Umgang mit dem Imam der Zeit keine Willkür walten lassen darf. Er soll sich im Klaren darüber sein, dass es gewisse Pflichten gibt, durch deren Einhaltung er der Verantwortung ihm gegenüber gerecht werden kann. Diese Pflichten haben sowohl eine individuelle als auch eine kollektive Natur. Was in diesem Text erwähnt wurde, ist nur ein grober Überblick, der zur Strukturierung der Beziehung zum Imam beitragen und als Denkanstoß dienen soll. In Wirklichkeit benötigt jedoch jeder der genannten Punkte einen oder mehrere Artikel, um ihm gerecht zu werden. Das Reflektieren über die mahdianische Angelegenheit ist zudem auch ein dynamisches Unterfangen, das stets sowohl auf der theoretischen als auch auf der praktischen Ebene Erfrischung bedarf. Wir bitten Allah, dass wir bald als Individuen und als Gemeinschaft der Verantwortung gegenüber der kommenden Gerechtigkeit gewachsen sind, nehmen Zuflucht bei Ihm vor der Hässlichkeit des Sturzes, bitten Ihn um Vergebung jeglicher Fehler und kehren zu ihm reumütig zurück. Alles Lob gebührt Allah dem Herrn der Welten.

Quellen: Bihar Al-Anwar von Allamah Muhammad Baqir Al-Madschlissi, Band 83, S. 61. Sahih-Muslim, Band 6, S. 22. Al-Kafi von Thiqat-ul-Islam Al-Kulaini, Band 1, S. 376. Mafatih-ul-Djinanvon Scheikh Abbas Al-Qummi. Al-Ihtidschadsch, Scheikh Tabarsi, Band 2, S. 263. Al-Kafi, Band 1. Al-Chisal, Scheikh As-Saduq, S. 22. Al-Chisal, Scheikh Al-Mufid, S. 227. Mustadrak Al-Wasa’il, Mirza Nuri, Band 1, S. 146.