Nardjis Khatun (s.a.)

Schwer gleiten die Schiffe, beladen mit lebender Fracht, durch das Wasser, Tag und Nacht, stromabwärts – das Ziel Baghdad.

Baghdad – um 250 n. der Hijra, die Stadt der Abbassiden – später, Jahrhunderte später, schreiben die Historiker viel über die ‚Blütezeit’ des Islam.

Die Blüte ist die ‚Krönung’ einer Pflanze-das schönste an ihr, das, worauf der Betrachter wartet, Wochen, Monate, manchmal Jahre.

Sollte diese Zeit der Grausamkeit gegen die Nachfahren des Mustafa (s.a.s.), der Ungerechtigkeit, der Herrsch- und Prunksucht, der Sklaverei, die ‚Blütezeit’ des Islam sein?

Mitnichten.

Fragt die lebende Fracht aus den Schiffen – immer wieder legen sie in Baghdad an – mit Männern, die kämpfen sollen, mit Frauen, die gefallen sollen.

Ungewisse Zukunft von Gnaden neuer, unbekannter Eigner.

Nur eine unter ihnen begibt sich freiwillig in diese Gefangenschaft – sie ahnt, sie weiß, sie hofft und betet, dass ihr bald bevorsteht, was sie im Traum gesehen, was sie in ihrem Herzen trägt, schon lange Zeit. Sie weiß, dass das Schiff sie an ihr Ziel bringen wird, an den Ort, wohin die göttliche Vorhersehung sie bestimmt hat.

Khatun – Nardjis Khatun (s.a.).

Khatun, ihr Titel, der auf ihre Abstammung verweist – Wenn sie wüssten, wie angemessen er klingt!

Von beiden Eltern trägt sie eine noble Abstammung in sich – vom Vater das Blut byzantinischer Kaiser, von der Mutter den Glauben und die Frömmigkeit des Simon Petrus. Simon Petrus, einer der zwölf Apostel Jesu (a.s.).

12 – die Zahl 12.

Zwölf Apostel und zwölf Imame – sie, Nardjis Khatun, soll es sein, die dieses Band wieder verknüpft, die reine Linie weiterführt.

Während die Schiffe noch durch das Wasser gleiten, nicht mehr weit vom Ziel, ruft in Samarra, gezwungen in ewigem Arrest zu leben, Imam Ali Al-Hadi Al-Naqi (a.s.) Bashir.

Bashir Ibn Suleiman Al-Ansari, den guten Helfer und Gefährten.

‚Bashir, du warst uns immer treu und vertrauenswürdig, auch jetzt habe ich eine wichtige Aufgabe für dich. Diesen Brief musst du nach Baghdad bringen. ’

Bashir ist aufgeregt – der verehrte Imam schreibt in römischen Buchstaben, ein paar Zeilen nur, mit seinem ehrwürdigen Siegel versehen.

‚Hier, dieses Bündel mit Golddinaren, 220 an der Zahl. Nimm sie, Bashir! Ich vertraue dir. Nimm sie, Bashir, reite damit nach Baghdad an den Fluss, an den Tigris – du musst bald dort sein.

Geh’ dorthin, wo die Schiffe aus Syrien anlegen. Die Schiffe mit den Sklaven. Sie werden dort entladen und verkauft. Dort stehen die Sklavenhändler. Halte unter ihnen nach Umar i Yazid Al-Nakhas Ausschau.

Eine von den Sklavinnen wird in edle Seide gekleidet sein, ihr Antlitz ist vom Schleier bedeckt- sie wird sich weigern, es zu zeigen. Sie wird sich ebenso weigern, von jemandem berührt zu werden. Sie wird lateinisch sprechen und ihre Reinheit, ihre Keuschheit verteidigen.

Du wirst hören, wie sie laut jeden Käufer, der sich ihr nähert, abweist:

‚Ich begehre dich nicht, auch wenn du die Kleider Salomons trügest und all seine Reichtümer dir gehörten, ich werde dich nie begehren. Vergeude nicht dein Geld und deine Zeit.’

‚Was soll dieses Verhalten’ wird der Händler ihr zuraunen. ‚Du bist Sklavin, ich muss dich verkaufen!’

Sie wird auch ihm die Stirn bieten.

‚Warum diese Eile – warum lässt du mich nicht denjenigen Käufer aussuchen, dem mein Herz in Vertrauen und Respekt zugeneigt ist?’

‚Zöger’ nicht, Bashir, du wirst sie erkennen, du wirst erkennen, dass sie die Richtige ist. Geh’ dann; geh’ zu dem Händler, zeig ihm den versiegelten Brief!

Erzähl’ ihm von einem noblen Anbieter, deinem Herrn. Aus diesem Brief wird der Edelmut und die Großzügigkeit dieser Person, die dich entsandt hat, sprechen. Es wird ihm nichts anderes übrig bleiben, als sich deinem Angebot zu fügen – du wirst mit ihr sprechen, du wirst ihr den Brief überreichen, sie wird ihn verstehen, denn es ist ihre Sprache.’

Es ist ihre Sprache und sie wird beim Lesen Tränen vergießen, da sie Gewissheit erlangt. Gewissheit, am richtigen Ort, ja, bald am Ziel zu sein. Sie kennt keinen Zweifel, sie kennt nur den Glauben, an den Einen, an den Erhabenen, an seine vielen Zeichen für sie.

Den Glauben und das Wissen, endlich der göttlichen Vorsehung Folge leisten zu können. Endlich, Erleichterung und Freude.

Der Brief, er ist das Zeichen für sie. Er ist die leise Botschaft an sie. Sie besteht auf dem Verkauf an diesen Unbekannten.

Der Händler, auch er ist erleichtert – erleichtert, sie schließlich doch verkaufen zu können. Erleichtert über den ausgehandelten Preis, 220 Golddinare – endlich, das Schiff ist leer.

Sie weint und lacht vor Freude, der Brief, geschrieben mit den reinen Händen, sie küsst die Zeilen, wischt ihn über ihre Augen, legt ihn auf ihre Brust. Ihr Überschwang erstaunt den treuen Gefährten.

‚Dein Verhalten verwundert mich, du weinst vor Freude und küsst einen Brief, dessen Absender du nicht kennst’.

‚Mögen die reinen Nachkommen des Propheten deinen Zweifel beheben. Hör mir gut zu:

ich bin Malika, byzantinische Prinzessin, Tochter von Joshua, meine Mutter ist Nachfahrin von Simon Petrus;

Simon, Apostel von Jesus, dem Sohn der Maria (s.a.). Höre dir meine Geschichte an, sie soll deine Zweifel zerstreuen.’

Das erste Zeichen, als der Großvater sie einst dem Neffen versprach:

Der Thronsaal, in dem sie alle zu dieser wichtigen Begebenheit, der Verheiratung von Malika mit ihrem Cousin versammelt sind, bebt. Der juwelenbesetzte Thron, auf hohe Säulen gestellt, fällt; die Trümmer erschlagen den Neffen.

Hunderte anwesende Bischöfe, Mönche und Edelmänner, die heiligen Schriften noch geöffnet in ihren Händen, erleben dies. Sie fürchten alle das schlechte, das böse Omen dieses Tages.

‚Großer Kaiser, lass uns die Zeremonie abbrechen’, raunt es durch ihre Reihen.

Der Großvater, zornig über seine Ohnmacht, will es nicht.

‚Baut die Säulen, baut den Thron, baut alles wieder auf. Bringt den zweiten Neffen.’

Der Saal, er bebt erneut. Die Edelmänner, die Priester, sie fliehen vor Furcht. Der Großvater bleibt, verletzt und einsam.

Nachts dann das zweite Zeichen:

im Traum erscheint ihr Jesus (a.s.), mit ihm Simon, ihr Vorfahr, im Palast des Großvaters … der Thron, dieses Mal aus gleißendem Licht.

Bei ihnen der heilige Prophet, Muhammad (s.a.s.) und seine Nachfahren, die ihr alle im Traum erschienen, so dass das Band zwischen den ersten Zwölf und den nächsten Zwölf wieder verbunden ist.

Das Anhalten um ihre Hand, diesesmal im Traum;

von Muhammad (s.a.s.) über Jesus (a.s.) zu Simon.

Der Name, auch er fällt im Traum – Hassan Al-Askari (a.s.), Sohn des Ali Al-Hadi Al-Naqi (a.s.).

Er soll sie bekommen, so ist es Gottes Wille.

‚Ehre gebührt dir, Simon, deine Nachfahrin ist dem Nachfahren des Gepriesenen bestimmt.

Sie alle steigen gemeinsam auf den Thron, den leuchtenden Thron.

Muhammad (s.a.s.) selbst ist es, der die Trauung vollzieht.

Hier bitte wieder einen Satz aus der Ziarah: „Assalamu Alaiki Al-Makhtuba min   Ruhullah Al-Amin’

Das Licht, die Personen, der Traum, beengen ihr die Brust. Noch weiß sie ihn nicht einzuschätzen. Sie verspricht sich zu schweigen, bis sie alles versteht.

Die Saat der Liebe ist ihr jedoch in die Brust gelegt. Die Liebe zu ihm, zu Hassan Al-Askari (s.a.), den sie erst viel später mit dem Schiff erreichen wird. Sie wird weder essen noch trinken, krank vor Sorge, was kommen wird.

Das dritte Zeichen, wieder ein Traum, Fatima (s.a.) und Maria (s.a.), zusammen;

da ist es wieder, das verbundene Band.

‚Malika, bezeuge dass es keinen Gott gibt, außer Allah, und Muhammad ist sein Prophet.’

‚Hassan Al- Askari, er wartet auf dich.’

‚Ash-hadu anna- la – illaha- illa-allah, wa Muhammadun, rassulul- allah’.

Von da an jede Nacht im Traum ein Zeichen; Hassan Al-Askari (a.s.) selbst ist es, der jede Nacht zu ihr spricht, zu ihr, Malika.

‚Sprich! Sag mir, wie ich zu dir finde. Was soll ich tun?’

‚Dein Großvater – es wird wieder Kämpfe geben, einen Feldzug gegen die Muslime. Verkleide dich als eine deiner Dienerinnen, so wirst du gemeinsam mit ihnen gefangen genommen.’

Von da an ist Malika, die Khatun, Nardjis. Nardjis, Name einer der Dienerinnen. Keiner erkennt sie, die Khatun. Es kommt so, wie er ihr sagt.

Bis der treue Gefährte sie im Namen des Imam kauft; freikauft.

Sie ist keine Sklavin, sie ist keine Dienerin. Sie wird ihre Bestimmung erfüllen, sie wird die Prophezeiungen Wirklichkeit werden lassen;

bald wird sie die Frau des Elften aus der Reihe der zwölf reinen Nachfahren Muhammads (s.a.s.) sein.

Er, Hassan Al-Askari (a.s.), der in Samarra, der Stadt der ‘Asker, der Garnisonsstadt, mehr unter Arrest als in Freiheit lebt, wird der Vater des zwölften Nachfahren sein.

Der Vater ihres Kindes. Der Vater desjenigen, den sie in Baghdad fürchten.

So sehr fürchten, dass sie ihn bekämpfen, bevor er geboren wird.

Er ist es, der einst Gerechtigkeit und Frieden bringen wird.

Das Band, auch da wird es verbunden sein; Jesus (a.s.), er wird einer der Seinen sein.

Ein weiteres Zeichen – ihre Schwangerschaft, sie bleibt unbemerkt, verborgen.

Unbemerkt, sogar von den nächsten, den liebsten Menschen.

Die andere Khatun, Hakima Khatun, Schwester von Imam Al-Naqi, die Nardjis liebt wie ihr Augenlicht, die sie den Glauben gelehrt hat, seit sie in Samarra ist, ihr beisteht, wenn er, Hassan Al-Askari, wieder im Verließ ist, wenn er gequält wird, sie bleibt bei ihr, über Nacht.

Es ist der fünfzehnte Sha’ban. Er selbst, Hassan, bittet sie zu bleiben, er kündigt ihr die Geburt des Sohnes an. Sie staunt.

‚Da sind keine Zeichen einer Schwangerschaft, mein Imam!’.

‚Du wirst sehen, meine liebe Tante, die Geburt des Erwarteten, sie steht unmittelbar bevor. Bleib‘, steh’ ihr bei, so, wie du es immer tust.’

Erst früh am Morgen, gleißendes Licht, diesesmal umhüllt es Nardjis.

Hakima Khatun, sie bleibt, sie betet und lobpreist. Sie wartet.

Bis das Licht Nardjis wieder freigibt, nun mit einem Sohn auf dem Arm, er spricht bereits die Lobpreisungen Gottes.

Das verbundene Band zu Mussa (s.a.), zu Issa (s.a.). Auch dort die gleichen Zeichen.

Nardjis Khatun, du Hüterin der Geheimnisse. Du bist es, die ausgewählt wurde, diese Bürde, diese Verantwortung zu tragen.

Du weißt es bereits. Hassan (a.s.), er wird nicht lange bei dir bleiben. Er wird am Gift derer in Baghdad sterben, qualvoll.

Sie werden ihn nicht in Frieden lassen. Sie lassen ihm nur 28 Jahre. Zu groß ist ihre Furcht vor seinem Zeugnis, vor seinem Kind, vor der reinen Linie.

Dein Sohn, gerade fünf Jahre alt,   wird es sein, der das Gebet für deinen geliebten, von den Häschern vergifteten Hassan spricht, denn nur ein Imam kann, soll es tun.

Er ist es.

So verborgen, wie die Schwangerschaft, so verborgen danach seine Kindheit.

Nicht für ewig, erst nur für kurze Zeit, dann wieder für eine lange Zeit.

Quellen:  Bihar-ul-anwar; Al-Madjlissi  Al-Ghaiba; Tabarsi  The wives and mothers of the twelve holy Imams; Freda B. Stauffer,Qur’an and Etrat Internet University; http://university.etrat.net/file.php?file=%2F1%2FArticles%2FInfallibles%2FTHE%20WIVES%20AND%20MOTHERS%20OF%20THE%20TWELVE%20HOLY%20IMAMS.htm  Nargis Khatoon (s.a.), the Mother of Imam Mahdi (a.s.); Dr. Jawad Larri Ansari; http://www.ezsoftech.com/stories/narjis.asp  Janab-e-Nargis Khatoon (a.s.), the Mother of Imam Mahdi (a.s.); http://www.imamreza.net/eng/imamreza.php?id=6519  The Eleventh Imam Hasan ibn Ali (Al-Askari) (a.s.); http://www.al-islam.org/kaaba14/14.htm  Ziyarat Nardjis Khatoon; http://www.ziaraat.org/iraq/nargis.php