I’tikaf – Spirituelle Zurückgezogenheit

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Der arabische Begriff I’tikaf bedeutet sich an einem bestimmten Ort zurückzuziehen und dort zu verweilen. Im Islam ist dieser Ort die Moschee. Der Gläubige zieht sich für mindestens drei Tage in die Moschee zurück, um sich von allen äußeren Einflüssen zu lösen und sich nur der Anbetung Gottes zu widmen. Diese Praxis geht zurück auf Prophet Muhammad (s.a.), der sich immer wieder zurückzog; vor der ersten Offenbarung in die Höhle Hira und später an andere geeignete Orte.

Diese Art der spirituellen Zurückgezogenheit gibt es aber nicht nur im Islam. Es wird überliefert, dass Prophet Suleyman (a.s.) sich in die Al-Aqsa-Moschee zurückzog, um I’tikaf zu praktizieren. Seine Freunde und Bekannte versorgten ihn dabei mit Wasser und Essen.[1] Darüber hinaus gibt es im Heiligen Koran einige Verse, die belegen, dass I’tikaf auch in den vergangenen göttlichen Religionen existiert hat: „Abraham und Ismael haben Wir verpflichtet: ‚Ihr sollt Mein Haus für die Andächtigen reinhalten, die es umschreiten oder sich darin zurückziehen, die vor Gott knien und sich niederwerfen.‘“[2]

وَ عَهِدنَا اِلَى اِبراهیمَ وَ اسمَاعِیلَ اَن طَهِّرَا بَیتِىَ لِلطّائِفیِنَ وَالعَاكِفِینَ وَالرُّكَّعِ السُّجُود؛

Auch über die Jungfrau Maria (a.s.) wurde überliefert, dass sie sich zu dem Zeitpunkt, an dem sie die Ehre hatte, einen göttlichen Engel zu treffen, von den Menschen zurückzog, um sich an einem verlassenen Ort jenseits jeglicher Sorgen Gott anzuvertrauen. Sie wählte für sich hierfür die östliche Seite der Al-Aqsa-Moschee, da dieser Ort ruhig und aufgrund der Sonneneinstrahlung rein und damit geeignet war.[3]

Die Mauern der Entfremdung

Wie leichtfertig haben sich die Menschen vom lieben Gott distanziert! Zwischen ihnen und dem gütigen Gott sind Mauern der Entfremdung entstanden; Egoismus und Selbstsucht, Freuden und Versuchungen, unterschiedliche Sündenfallen, die Tendenz zu Reichtum und Anerkennung … haben diese Mauern verursacht. Die Menschen haben sich fälschlicherweise Dingen zugewandt, die ihnen Schaden zufügen.

Gerade in der heutigen Welt, die voller Verwirrung, Stress und Sorgen ist, beschäftigen sich viele nur noch mit ihren weltlichen Angelegenheiten. Obwohl allen klar ist, dass alles, was sie umgibt, den Auswirkungen der Zeit unterworfen ist, sind sie dennoch in ihre lebhafte Umgebung vertieft, ohne sich Gedanken zu machen über die Vergänglichkeit des Diesseits.

Die heutige Welt ist eine Welt der Sorgen, Aufstände und des Stresses. Es ist eine Welt, in welcher der Mensch zwar umgeben ist von allem, aber dennoch einsam ist. Die befremdliche Sehnsucht quält ihn, ohne die Ursache dafür zu kennen. Es ist eine Welt, die trotz all ihrer Schönheit und Fortschrittlichkeit, die innere Rückschrittlichkeit des Menschen in einer Art und Weise beschleunigt hat, in welchem viele Menschen hinter ihren von Fröhlichkeit und Erfolg gekennzeichneten Erscheinungen, von unbeschreiblichem Kummer und Traurigkeit geplagt werden.

Der Mensch bedarf der Ruhe und eines sicheren Haltes, damit er sich regenerieren und beruhigen kann. Eines Haltes, der seine rettende Hand bei den vielen inneren Problemen ist und seine Befreiung von Sorgen und Kummer darstellt. Der Mensch ist auf der Suche nach der Ursache dieser Unruhe, um dadurch einen Ausweg aus seinen selbst erschaffenen Problemen zu finden. Ein inneres Gefühl verleitet ihn fortwährend zu einem standfesten, liebevollen und fürsorgenden Halt.

Die Entfernung von der reinen göttlichen Natur und das Eintauchen in die Oberflächlichkeit, welche dem Menschen nur wenige Augenblicke lang das Gefühl von Ruhe vorspielen und die Nutzung von Möglichkeiten und Besitztümern, welche die Bedürfnisse der Menschen nicht nur nicht stillen und befriedigen können, sondern gar ihren Durst und ihre Begierden mehren, führen ihre Sorgen und Kummer zunehmend vor Augen. Dies unterstreicht das signifikante Bedürfnis nach Ruhe durch die Rückkehr zur reinen Natur des Menschen als Ergebnis des Gedenken Gottes.

Warum tut I’tikaf gut?

I’tikaf gibt dem Menschen die Gelegenheit, sich von den geistigen und körperlichen Sünden zu befreien, um in eine Atmosphäre voller Harmonie, innerer Ausgeglichenheit und Gottesruhe einzutauchen. Durch die Zurückgezogenheit vom alltäglichen Wirrwarr kann man in Ruhe über seine Vergangenheit reflektieren. I’tikaf ist eine Chance zur Befreiung aus den Fesseln des Teufels. Wer diese Tage für sich effektiv nutzt, der kann neue Erkenntnisse über sich selbst und Gott gewinnen und die entstandene Kluft mithilfe spiritueller Rezitationen und aufrichtiger Gebete schließen.

Bei I’tikaf bleibt die Zeit stehen, um umzukehren und zu bereuen. Es geht darum, den wahren Weg zur Selbsterkenntnis zu finden, aus dem Schlaf der Leichtsinnigkeit zu erwachen und die wahrhaftige Spiritualität zu erkennen. I’tikaf bedeutet, sich von allen Dingen zu lösen, welche nicht zu Gott gehören und sich an den liebevollen Schöpfer zu binden, der so oft in Vergessenheit gerät.

Zusammenfassung

  1. Die Schaffung einer geeigneten Grundlage zum Nachdenken und zur Selbstreflexion;
  2. Die Bereitstellung einer Grundlage zur Reue und der Rückkehr;
  3. Die Ermöglichung einer Gelegenheit zur Andacht, zum Gebet und der Rezitation des heiligen Qur’an;
  4. Die Schaffung eines kurzen Zeitraums zur Analyse der Seele und um sich selbst aufzubauen.

I’tikaf im Spiegel der Überlieferungen

Imam Sadigh (a.s.) sagte: „Das Herz des Menschen stellt die Weihestätte Gottes dar. Lasse also niemanden außer Ihn in Seine Weihestätte und Sein Zuhause.“[4]

القلبُ حَرَم الله فَلا تُسکِن حَرَمَ اللهِ غَیرَ الله

Prophet Muhammad (s.a.) sagte: „Jede Person, die sich aufgrund ihres Glaubens und ihrer Gewissheit am I’tikaf beteiligt, werden vergangene Sünden vergeben.“[5]

مَن اِعتَکَفَ ایمانا وَ اِحتَسَابا غُفِرَلَه ما تَقَدَّمَ مِن ذَنبِه

Imam Sadigh (a.s.) sagte: „In der Thora steht Folgendes geschrieben: Oh Menschensohn! Widme meiner Verehrung einen Zeitraum, damit ich dein Herz mit Unabhängigkeit erfülle und dich nicht von deinem Wunsch beraube; und es liegt in meiner Macht, die Pforte der Armut vor dir zu schließen und dein Herz mit Ehrfurcht zu füllen. Wenn du dich nicht meiner Verehrung widmest, werde ich dein Herz mit den Schwierigkeiten der Welt erfüllen, danach die Pforte der Bedürfnisse nicht vor dir schließen und dich der Erlangung deines Wunsches berauben.“[6]

فى التَّوراةِ مَكتوبٌ: يَابنَ آدمَ، تَفَرَّغْ لِعِبادَتى أملَأْ قلبَكَ غِنىً، ولا أكِلْكَ إلي طلَبِكَ، وعَلَىَّ أن أسُدَّ فاقَتَكَ وأملَأَ قلبَكَ خَوفا مِنّى، وإن لا تَفَرَّغْ لِعِبادَتى أملَأْ قلبَكَ شُغلاً بالدُّنيا ثُمّ لا أسُدُّ فاقَتَكَ، وَأكِلُكَ إلي طَلَبِكَ

Prophet Muhammad (s.a.) sagte: „Gott stellt zwischen jedem Menschen, der drei Tage im Monat Radschab fastet, und dem Höllenfeuer eine Distanz auf, die einen 70-jährigen Marsch erfordert. Der liebe Gott offenbart jedem Menschen, der drei Tage des Monats Radschab fastet, Folgendes: Ich bin dazu verpflichtet, deine Rechte zu wahren und meine Freundschaft und mein Reich sei dir sicher. Oh meine Engel! In eurer Anwesenheit bezeuge ich, dass ich die Sünden meines Untergebenen vergeben habe.“[7]

Fiqh-Regeln des I’tikaf

In Bezug auf I’tikaf ist die Beachtung folgender Punkte erforderlich:

  1. I’tikaf gehört zu den empfohlenen Taten, wobei es durch Eide, Schwüre und Ähnliches zu einer religiösen Pflicht werden kann.
  2. I’tikaf sollte wie alle anderen Gottesdienste mit der Absicht einer Annäherung zum erhabenen Gott erfolgen und wird durch jegliche Heuchelei und Selbstdemonstration und Nicht-göttliche Absichten ungültig.
  3. I’tikaf muss in einem der vier folgenden Moscheen oder der Zentral-Moschee einer jeden Stadt abgehalten werden, jeder weitere Ort ist hinfällig. Zu den vier Moscheen zählen: die geweihte Moschee in Mekka, die Prophetenmoschee in Medina, die Moschee in Kufa und die Moschee in Basra. Und eine Zentral-Moschee ist eine Moschee, in der das Freitagsgebet durch die jeweilige Gemeinde der Stadt abgehalten wird und nicht einem bestimmten Viertel oder Zunft zugeteilt ist.
  4. Das I’tikaf umfasst mindestens drei Tage. Eine niedrigere Anzahl von Tagen ist hinfällig, aber eine höhere Anzahl an Tagen ist kein Problem.
  5. Beim I’tikaf gehört das Fasten zu den Voraussetzungen und die Person im Zustand des I’tikaf muss mindestens drei ganze Tage von der Morgendämmerung des ersten Tages bis zum Abendanbruch des dritten Tages in diesem Zustand verbleiben. Das Fasten in den ersten zwei Tagen des I’tikaf gehört zu empfohlenen Taten und falls es jemand wünscht, so kann er in diesen zwei Tagen aus dem I’tikaf-Zustand aussteigen. Sollte jedoch jemand zwei ganze Tage mit der Absicht des I’tikaf in der Moschee bleiben, wird das Fasten des dritten Tages für ihn zur Pflicht und er muss im I’tikaf-Zustand verbleiben.
  6. I’tikaf besitzt keine besondere Zeitzuordnung. Zu jeder Zeit, zu der das Fasten erlaubt ist, ist auch I’tikaf erlaubt. Die beste Zeit zur Durchführung des I’tikaf umfasst den 13., 14., 15. des arabischen Monats Radschab, und vor allem die letzten zehn Tage des segensreichen Monats Ramadan.
  7. Falls I’tikaf mit den Rechten des Ehegatten unvereinbar ist, sollte dessen Einverständnis eingeholt werden. Ebenso sollte man im Falle einer Belästigung der Eltern um ihre Einverständnis bitten.
  8. Beim I’tikaf ist das Verlassen der Moschee nicht erlaubt, außer es erfolgt aufgrund vernünftiger, konventioneller und religiöser Notwendigkeiten, wie beispielsweise der Besuch eines Arztes in Notfällen oder eines kranken Menschen oder einer Beerdigung, falls der Verstorbene zu den Verwandten zählt (konventionelle Notwendigkeit), sowie der Gang zur Toilette (vernünftige Notwendigkeit) und zu religiösen Waschungen (religiöse Notwendigkeit).

Dinge, die man beim I’tikaf vermeiden sollte:

  1. Das Riechen von Parfüm und jeglicher Art von Düften und duftenden Pflanzen mit der Absicht des Genusses.
  2. Das Verfolgen von sexuellen Angelegenheiten in ihrer gesamten Vielfalt, welches jegliche Art des sinnlichen Genusses umfasst.
  3. Streitigkeiten und Konflikte, wobei sich das Verbot der Diskussionen und Debatten auf diejenigen Angelegenheiten bezieht, in denen die Person im I’tikaf-Zustand den anderen sein Wissen und seine Überlegenheit demonstrieren möchte.
  4. Die Verbote des Fastens: der Fastende im I’tikaf-Zustand sollte auch die verbotenen Handlungen des Fastens vermeiden.
  5. Handel: Obwohl das Handeln im I’tikaf-Zustand religionsrechtlich verboten ist, führt es nicht zur Ungültigkeit des I’tikaf.

I‘tikaf im Islamischen Zentrum Hamburg

Vom 24. Mai bis zum 26. Mai 2013 fand im Islamischen Zentrum Hamburg zum zehnten Mal in Folge die innere Zurückgezogenheit (I‘tikaf) statt. I‘tikaf geht zurück bis auf die Zeit des heiligen Propheten Muhammad (s.a.), der sich immer wieder in der Höhle Hira zurückzog, um dort Offenbarungen Gottes zu empfangen. Die innere Zurückgezogenheit dient dem Menschen dazu, sich für eine gewisse Zeit aus dem Alltagsleben zurückzuziehen, um sich wieder auf die Beziehung mit Gott zu besinnen.

Zu dieser Klausur kamen in diesem Jahr weit mehr als 300 Personen aus ganz Deutschland und weiten Teilen Europas in das Islamische Zentrum Hamburg. Während dieser drei Tage fasteten die Teilnehmenden, um sich voll und ganz auf den Islam zu konzentrieren. Neben den Gebeten und Lesungen aus dem Heiligen Qur‘an bot das Islamische Zentrum Hamburg ein umfangreiches Programm aus Vorträgen, Bittgebeten, gemeinsamen Qur’an-Lesungen, Diskussionsrunden und Gemeinschaftsgebeten an.

Die bereichernden Vorträge, die unter anderem von Ayatollah Dr. Reza Ramezani gehalten wurden, machten deutlich, welch wichtige Rolle die innere Zurückgezogenheit (I‘tikaf) für die Menschen in der heutigen Zeit spielt. Das gemeinsame Fastenbrechen (iftar) bot den Teilnehmenden (motakefin) die Möglichkeit, sich für den nächsten Tag zu stärken und stellte einen besonders schönen Abschluss der einzelnen Tage da.

An dieser Stelle möchten wir einige Stimmen und Eindrücke der Geschwister wiedergeben, die wir dieses Jahr zu I’tikaf im Islamischen Zentrum Hamburg interviewen durften:

Schwester Zahra (17) aus Hamburg

Zuallererst möchte ich Allah dafür danken, dass Er mir die Ehre zuteilwerden ließ, am I’tikaf teilzunehmen. Es war das erste Mal, dass ich an dieser Veranstaltung teilnehmen konnte und ich hätte niemals gedacht, dass dieses Wochenende so spirituell sein würde. Es waren so viele Geschwister anwesend, die sich aufrichtig als Ziel vorgenommen hatten, an diesem Wochenende Allah näher zu kommen.

Neben den Gebeten, die man selbst verrichten konnte, gab es sehr emotionale und lehrreiche Vorträge von den Gelehrten des Islamischen Zentrums Hamburg. Man war praktisch die ganze Zeit über mit Allah verbunden. Zum Schluss möchte ich noch ein Lob ausrichten an die Mitarbeiter im IZH. Sie haben sich wirklich sehr bemüht, dass es jedem gefällt. Möge Allah sie dafür reichlich belohnen.

Bruder Ali (30) aus Köln

Bevor ich zum I‘tikaf angereist bin, habe ich mir Gedanken darüber gemacht, welche Praktiken ich hier durchführen möchte und wie ich mich hier fühlen werde. Jetzt kann ich sagen, dass es so war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es war zwar ein wenig anstrengend, aber alle blieben standhaft, machten weiter und freuten sich einfach, dabei sein zu dürfen. Diese drei Tage der Zurückgezogenheit haben meine Seele gereinigt und diese Reinigung erlaubt mir jetzt, Gott besser zu erkennen und dadurch meine Beziehung zu Ihm zu verbessern. Das war eines meiner Ziele, die ich mit Gottes Hilfe auch erreicht habe.

Schwester Mariam (24) aus Berlin                              

Diese drei Tage in der Moschee waren anstrengend, aber die Belohnung, die man für I‘tikaf bekommen kann, hat mich motiviert weiter zu machen. Für mich persönlich war der letzte Tag sehr bedeutend, da wir gemeinsam die gottesdienstlichen Handlungen von Umm Davud verrichtet haben. Die Qur’an-Lesungen waren auch sehr bewegend. Die zeitgleiche Rezitation aller Anwesenden hat mich unglaublich berührt, da sich wirklich alle bemüht haben, Gott näher zu kommen. Ich kann dieses spirituelle Erlebnis nur mit Mekka vergleichen. Es waren so viele Menschen hier, aber dennoch war eine solche Ruhe und starke Verbundenheit mit Gott zu spüren.

Bruder Dawood (27) aus Wiesbaden

An diesen drei Tagen wurde man wieder lebendig. Es waren drei Tag voller Licht und Wissen. Ich persönlich habe eine spirituelle Nähe zu Gott und zu mir selbst gespürt, die ich sonst während des ganzen Jahres vermisse. I’tikaf im heiligen Monat Radschab ist eine wunderschöne islamische Tradition. Ich möchte mich bei allen Geschwistern für diese wundervolle und harmonische Zeit in der Imam Ali Moschee bedanken.

[1] Allama Madschlisi: Bihar-ul-Anwar. Bd. 14, S. 141.  [2] Al-Baqarah | 2:125.  [3] Groß-Ayatollah Makarem Schirazi: Tafsir-e-Nemune. Bd. 13, S. 33.  [4] Bihar-ul-Anwar. Bd. 70, Seite 25.  [5] Jalaleddin Al-Suyuti: Al-Jaami al-Saghir. Bd. 2, S. 575.  [6] Scheich Koleyni: Al-Kafi. B. 2, S. 83, Kap. 1.  [7] Scheich Sudugh: Fazaelol Shahrol Selasah, S. 25.