Islamische Pädagogik in einer turbulenten Zeit

Was erhoffen wir uns für unsere Kinder? Wir wünschen uns, dass sie in Geborgenheit und Sicherheit zu sozial kompetenten Menschen heranwachsen, dass sie sich neugierig und selbstständig ihre Welt erschließen dürfen und dass sie die Fähigkeiten entwickeln, die ihnen helfen werden, einen guten Platz in dieser Gesellschaft zu finden. Es ist die Aufgabe von Erziehung und Bildung, das Kind in die Sitten und Wertvorstellungen seiner Lebensgemeinschaft einzuführen, es in seiner Entwicklung zu fördern und ihm ein sicheres Umfeld und eine Ausbildung zu ermöglichen, die sein Auskommen gewährleistet. Das Ziel der Eltern ist die soziale, kulturelle und berufliche Integration ihrer Kinder in der Gesellschaft.[1] In diesem Zusammenhang lesen wir im Buch As-Sahifat-us-Sadschadiyya von Imam Sadschad: „Allah unser, schenke mir die Gunst, dass meine Kinder verbleiben, dass sie in guten Zustand versetzt werden und dass ich glücklich werde durch sie.“[2]

Kinder können nur dann eine gute Erziehung in ihrer Familie erhalten, wenn diese harmonisch ist. Um für dieses zu sorgen und auch um die Stabilität der menschlichen Kultur zu sichern, sollten die Menschen heiraten. Friede, Harmonie und Sicherheit in der Familie entspringen der Übereinstimmung der Eheleute in Gedankenwelt, Moral und Glauben. Zwei Menschen, die heiraten möchten, sollten einander sehr gut kennen und auf die Reinheit der Gefühle, Keuschheit, Moral und Tugend mehr Wert legen als auf Reichtum und körperliche Reize. Der Islam legt Wert auf die gesunde und harmonische Ehe.

Dieser Artikel versucht, das Vorfeld einer möglichen Pädagogik zu ergründen, welche die Erziehung auf muslimischer Grundlage sichert. Die erste Frage ist, ob die islamische Literatur diesbezügliche Elemente oder Richtlinien enthält. Die zweite Frage ist, ob diese Elemente, falls es sie gibt, entwicklungsfähig sind. Letztlich stellt sich die dritte Frage, wie solche Entwicklungen konkret in ein authentisch-pädagogisches Konzept umzusetzen sind.

Der Qur’an liefert in zahlreichen Versen eine ethische Grundlage und einen allgemeinen Rahmen für eine authentische und entwicklungsfähige islamische Pädagogik. Dies gilt insbesondere für die verbindlichen Anweisungen im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehung der Eltern zu ihren Kindern, sowie die ethischen Ratschläge des Propheten Luqman an seinen Sohn (Sure 31:13-19). Eine ethische, bereichsübergreifende Konzeption finden wir zusammengefasst in Sure 17:23-39, wo die Beziehungen: Mensch-Gott, Mensch-Eltern, Mensch-zu-sich-selbst und Mensch-Mensch angesprochen werden (u.a. in Sure 7:199, 17:24; 37, 19:42-45, 25:63).

Die Lebensweise (sunna) des Propheten Muhammad (s.a.) und der schiitischen Imame liefern das erste Konzept für eine authentisch islamische Pädagogik. Prophet Muhammad sagt diesbezüglich in einem von ihm überlieferten Wort, in dem es um die Erziehung eines Kindes geht, folgendes: „Verwöhne dein Kind sieben Jahre, dann erziehe es weitere sieben Jahre, danach befreunde dich mit ihm noch sieben Jahre und danach lege ihm seine Zügel auf den Rücken, d.h. gewähre ihm seine Freiheit.“ Die Umsetzung dieser Überlieferung im Kontext der damaligen sozialen Gegebenheiten soll uns zu der Überprüfung motivieren, ob und inwieweit diese Aussage des Propheten Muhammad (s.a.) heute konstruktiv umgesetzt werden könnte.

Die Mutter hat im Islam eine hohe Stellung. In diesem Zusammenhang lesen wir in einer Überlieferung vom Propheten Muhammad (s.a.), dass ihn eines Tages eine gebildete Frau besuchte und nach dem Vorteil der Anstrengung (dschihad) fragte. Der Prophet sagte ihr: „Wenn die Frau schwanger wird und danach das Kind auf die Welt bringt und den Säugling stillt, ist sie in dieser ganzen Zeit wie ein Mann, der für Gott kämpft. Wenn sie in diesem Zeitraum stirbt, ist sie eine Märtyrerin.“

Wie wir wissen, fällt bei der Erziehung der Kinder und deren Vorbereitung auf das Leben den Eltern eine große Aufgabe zu. Die Familie gilt als die kleinste Zelle der Gesellschaft. Obwohl sie sich als ein Modell für die jeweilige Gesellschaft zeigt, ist letztere wesentlich komplexer als die Familie. Das Eltern-Kind-Verhältnis bleibt die wichtigste Grundlage für eine ausgeglichene Persönlichkeit sowie für die Entwicklung von Liebe, Freundschaft, Toleranz, Glauben und Vertrauen, aber auch für Haltungen wie Hilfsbereitschaft und gegenseitige Achtung. Alle diese Werte werden in der Familie auf spezifische Weise vermittelt. Deshalb nimmt die Familie einen wichtigen Platz auf dem Feld ein, auf dem sich Religion, Kultur und Lebensformen begegnen.

Voraussetzung für die Entwicklung der Kinder ist die Liebe der Eltern. Die Liebe ist ein Grundwert beim Entstehen des Lebens. Wir betonen das Prinzip der „Liebe“ in der islamischen Erziehung.[3] Die Liebe ist zwar ein Gefühl, das die Menschen von Geburt an besitzen. Während des Erziehungsprozesses soll dieses ursprüngliche Gefühl kultiviert werden. Erziehung soll sowohl mit Liebe getan werden als auch mit Liebe vermittelt. Wenn die Eltern sich nicht bemühen, die Kinder mit Güte und Gerechtigkeit zu erziehen, können sie keine Liebe erwarten. Einen solchen Reifeprozess zu erreichen, erfordert anhaltende Bemühungen. Der Qur’an versteht unter Anstrengung (dschihad) die Bemühung um jede gute Sache, die Auseinandersetzung mit dem Bösen im Ringen um innere Läuterung.[4]

Familie und Erziehung

Die Eltern, besonders die Mutter, muss während ihrer Schwangerschaft mit großer Aufmerksamkeit auf die seelische und körperliche Gesundheit ihres ungeborenen Kindes achten. Eltern sollen ihren Kindern ein gutes Beispiel geben und geduldig sein. Sie sollen ihre Kinder gut kennen und sich an sie mit Verstand, Herz, Geist und Gefühl wenden. Wer Menschen erziehen möchte, muss sich um jedes einzelne Individuum kümmern und darf nicht vergessen, dass jeder Mensch eine eigene Welt darstellt.

In der Familie sollen die Jüngeren sich untereinander lieben und akzeptieren und die Älteren den Jüngeren mit Verständnis begegnen. Ihre Kinder sollen sie mit dem nötigen Einfühlungsvermögen behandeln und ihnen genügend Aufmerksamkeit schenken. Die Eltern sollen gerecht sein und nicht das eine Kind dem anderen vorziehen. Die Erzieher sollen der Jugend Aufmerksamkeit schenken. Sie müssen ihre Zöglinge zunächst nicht als passiv aufnehmende, zu überwältigende und zu bändigende Wesen verstehen. Als vollwertige Menschen im Kindes- und Jugendalter besitzen sie vielmehr im Vergleich zu den Erwachsenen eine besondere Wahrnehmungsgabe und reiche Vorstellungskraft.

Wer in konkreter Praxis tätig ist, weiß, wie stark Kinder durch eigene Auslegungen nicht nur überraschen, sondern auch Vorstellungen entwickeln können, auf die Erwachsene nie kommen würden; dies nicht etwa, weil solche Vorstellungen abwegig und abstrus wären, sondern vielmehr im tiefsten Sinn kreativ und fantasiereich sein können. Gutes Benehmen ist Hauptpflicht der Eltern. Mit den Kindern müssen die Eltern sehr sanft und höflich sprechen.[5] Es ist notwendig zu betonen, dass die Eltern sich bei der Erziehung ihrer Kinder einig sein müssen. Eine weitere Voraussetzung für die Begleitung von Kindern ist die aufmerksame und liebevolle Offenheit. „Die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung ist von ausschlaggebender Bedeutung für das Wohlbefinden des Kindes. Wenn Eltern mit ihrem Kind fürsorglich und empfindsam umgehen, fühlt sich das Kind angenommen und geborgen.“[6]

Kinder müssen geliebt werden, wie sie sind. Nur auf diese Art und Weise kann bei ihnen und bei uns ein Gefühl der Verbundenheit entstehen. Diese Verbundenheit ist bedingungslos. Vergessen wir unsere offenen und unsere geheimen Wünsche, was aus diesen Kindern alles werden soll oder könnte. Versuchen wir, nichts aus ihnen machen zu wollen, nehmen wir an, wer sie bereits sind und lieben wir sie einfach. Viele gebildete Familien wollen ein „Erfolgskind“. Damit wird es namentlich in der Mittel- und Oberschicht oft zum „Projekt“; das erwünschte Resultat soll ein hochbegabtes Kind sein. Die Eltern sollen neugierig sein. Sie sollen die Kinder und ihre Welten kennenlernen. Während die Eltern ihre Kinder wahrnehmen, lernen sie nebenbei auch manches über sich selbst. Die Eltern sollten ihre Kinder anerkennen. Anerkennung ist eine Sehnsucht aller Menschen. Ohne sie fehlen die Sicherheit, geliebt zu werden, und die Fähigkeit, sich ganz selbst zu lieben. Die Botschaft lautet: Du bist willkommen, du bist geliebt, so wie du bist – mit allem, was du bist und mitbringst.

Es ist sehr wichtig, dass die Eltern sich für ihre Kinder Zeit nehmen. Erziehen ist vor allem wegen der ständigen Verfügbarkeit, die das Kind erwartet, anstrengend. „Das Kind kann nicht allein sein. Damit es ihm gut geht, braucht es die Nähe und Zuwendung vertrauter Personen. Dieses Bedürfnis ist Ausdruck des sogenannten Bindungsverhaltens, das wir mit allen höher entwickelten Tieren gemeinsam haben.“[7] Wenn die Eltern durch schwere Arbeitsbedingungen belastet sind, sind sie nicht dazu in der Lage, ein harmonisches Familienleben zu führen und eine erfolgreiche Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen. Andererseits brauchen alle Kinder die Zeit ihrer Eltern. Sobald sie gemeinsame Zeit verbringen, entsteht ein besonderer Raum für Aktionen und Aktivitäten, für Austausch und Beziehung. Nehmen Sie sich auch bewusst Zeit für das kleine Gespräch, für Fragen usw. Tun Sie etwas gemeinsam mit ihren Kindern. Dieses Tun kann vieles und alles Mögliche sein: Kleine Spiele im Zimmer, einem Ball nachlaufen. Prophet Muhammad (s.a.) sagte: „Derjenige, der ein Kind hat, muss sich in Bezug auf die Erziehung seines/ihres Kindes wie ein Kind benehmen.“[8]

Die Eltern müssen mit ihren Kindern über deren Probleme sprechen. Viele Erwachsene neigen in der Kommunikation mit ihren Kindern zu einer eingeschränkten Sprache. Wenn die Eltern ihre Kinder nicht beraten, denn findet dies zunehmend außerhalb von Familie und Schule statt. Eine andere wichtige Sache in Bezug auf Eltern-Kind-Beziehung ist die Festlegung von Grenzen. Die Kinder brauchen Grenzen, sie geben ihnen Halt und Struktur. Eltern müssen Grenzen setzen und gleichzeitig in Kontakt bleiben.[9] Hier geht es um Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und Klarheit, verbunden mit Achtung, Anerkennung und Liebe. Eine in Kontakt eingebettete Grenze bewirkt und erfordert gleichzeitig Aufmerksamkeit und Entschlossenheit. Sie sind mit Ihrer Wachsamkeit und ihrem Einfühlungsvermögen bei ihren Kindern und sie haben die Kraft, Grenzen zu setzen und zu halten. Kontakt halten, in Verbindung bleiben beim Begrenzen, dafür ist der Körper ein gutes Medium. In jedem Alter ist es gut, diesen Kontakt immer wieder auch körperlich auszudrücken. Es tut beiden gut, sich zu spüren. Versuchen sie es: Legen sie ihre Hand auf die Schulter ihres Kindes und sagen sie ihm, was sie möchten.

Die Zukunft der Religionen und Kulturen hängt sehr davon ab, wie weit die Kinder in der Familie beachtet werden. Denn die Kinder erhalten die ersten religiösen, moralischen und kulturellen Erfahrungen in der Familie und erleben sie dort, sofern die Bedingungen hierfür gegeben sind, als sehr wertvoll. Gemeinsam wirken Familie und Gesellschaft daher auf die Kinder ein, machen sie mit der Religion und Kultur vertraut und bereiten sie auf das zukünftige Leben vor, in dem sie einen wichtigen Platz in der Gesellschaft einnehmen können.

Veränderte Lebensumstände

Heutzutage ist die Verunsicherung in Bezug auf unsere Kinder sehr groß. Es gibt zahlreiche Gründe für die Zunahme der Belastungen, unter denen Kinder und Eltern gleichermaßen leiden. Einer der wichtigsten ist zweifelslos, dass Bildung und Erziehung in einer engen Wechselbeziehung mit den sich verändernden Lebens- und Arbeitsbedingungen stehen. Hier sind Betroffene insbesondere muslimische Familien, die auf Grund ihrer Beschäftigung in den westlichen Ländern leben.

Die Familie betrachten wir als die Kernzelle unserer Gesellschaft. Im 21. Jahrhundert hat sich die Familienstruktur stark verändert. Der gesellschaftliche Anspruch, dass Eltern für die alleinige Betreuung ihrer Kinder zuständig sind, konnte in den letzten Jahren immer weniger eingelöst werden, weil sich immer mehr Mütter beruflich engagieren. Die emanzipierte und gut ausgebildete Frau steht heute vor Fragen, die sich nie zuvor für sie gestellt haben: Soll sie eine berufliche Karriere verfolgen? Will sie eine Familie gründen? Oder versucht sie beides miteinander zu vereinbaren? So oder so hat das Kind einen enormen Stellenwert. Bleibt die Mutter zu Hause, ist ihr Selbstwert an das Kind gebunden. Geht sie arbeiten, müht sie sich ab, Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen. Für geschiedene oder alleinerziehende Mütter, die aus finanziellen Gründen arbeiten müssen, wird die Kinderbetreuung erst recht zu einer großen Belastung. Wie ergeht es den Eltern in diesem Wandel? Ob die Männer sich in der Kinderbetreuung und Erziehung engagieren? Keine leichte Aufgabe für die berufstätigen Väter. Dass sich diese gesellschaftlichen Veränderungen vielfältig auf die Erziehung auswirken, ist augenscheinlich.

Generationenkonflikt

Es existiert eine Kluft zwischen den Generationen. Gelegentlich bekommt man den Eindruck, Eltern gehörten einer anderen Zeit an als die Kinder, was die Erziehung betrifft, welche sich zunehmend komplizierter und anspruchsvoller gestaltet. Eine Kontinuität der Traditionen lässt sich beim besten Willen kaum mehr aufrechterhalten. Während sich die jungen Menschen scheinbar mühelos laufend Neues aneignen, erleben viele Eltern eine enorme Entwertung ihrer eigenen Lebenserfahrung. In der Vergangenheit verfügten in der Großfamilie die ältesten Angehörigen auf Grund ihrer jahrzehntelangen Erfahrungen über eine natürliche Autorität und wurden als Ratgeber geschätzt. So wollten die Eltern ihre Kinder so, wie sie selber und schon ihre Großeltern erzogen worden waren, erziehen. Nun hat der technische Fortschritt sowie die Globalisierung und allgemeine Verfügbarkeit von Informationen diese Hierarchie zumindest nachhaltig erschüttert, wenn nicht umgedreht. Mit diesen kulturellen und technologischen Umwälzungen haben Kinder und Jugendliche kein Problem, umso mehr aber die Erwachsenen. So ist die junge Generation in wichtigen Bereichen kompetenter als die Ältere.

Religiöses Wertesystem & kulturelle Vielfalt

Religionen sind in großem Maß Erziehungssysteme. Sie lehren die Menschen, warum sie als Mensch geschaffen worden sind, welche Bedeutung ihre Existenz hat. Die Religionen waren jahrhundertelang eine wichtige kulturelle Klammer. Sie haben heutzutage für die Jugendlichen stark an Bedeutung verloren. So studieren nur wenige junge Menschen ernsthaft z. B. religiöse Literatur und einen religiösen Moralkodex. Dies gilt auch für den Islam und besonders für die muslimische Gesellschaft im Ausland. Viele muslimische Kinder besuchen allgemeinbildende staatliche Schulen des Landes, ohne im Islam unterwiesen zu werden. Wie geht die Schule mit der Religion um, insbesondere mit ethischen Werten, die bisher durch die Religion vermittelt worden sind?

Das Zusammenleben von Angehörigen unterschiedlichster Herkunftsländer und Kulturkreise durch die weltweiten, unterschiedlich begründeten Migrationsbewegungen ist in der modernen Gesellschaft zur Realität geworden. Die zunehmende Internationalisierung aller Lebensbereiche formt in Deutschland eine Gesellschaft, die heterogen und von einer kulturellen Vielfalt geprägt ist. Das alltägliche Leben in dieser multikulturell zusammengesetzten Gesellschaft findet in einem Spannungsfeld zwischen internationaler Annährung und kultureller Unterschiedlichkeit statt. Die aufeinander treffenden Kulturen beeinflussen sich in einem dynamischen Prozess wechselseitig, wobei sich diese Beeinflussung nicht nur in Form eines gleichberechtigten Austausches vollzieht. Eine solche gleichermaßen „spannende“ wie auch spannungsreiche Konstellation birgt für das gesellschaftliche Zusammenleben ebenso Chancen wie Herausforderungen, die es zu nutzen und zu bewältigen gilt.

Diese „interkulturelle Situation“ liegt auch der kindlichen Lebenswelt zugrunde, an der die Kinder mitgestaltend teilnehmen. Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturkreisen, ein medial vermittelter internationaler Informationsaustausch, der Konsum ausländischer Güter und die tägliche Begegnung mit unterschiedlichen Sprachen gehören zur Familie und zur schulischen Lebenswirklichkeit nahezu aller muslimischen Kinder im Ausland. Fernsehfilme, Werbung und Computerspiele transportieren mehr oder weniger fragwürdige identitätsverändernde Haltungen. Will man die Erziehung der muslimischen Kinder im Ausland erforschen, darf man nicht die interkulturelle Dimension der kindlichen Lebenswirklichkeit unberücksichtigt lassen. Hier muss man die Bedeutung von Kultur für die Konstruktion einer Identität in einer multikulturellen Gesellschaft in Bezug auf die eigene Kultur betonen.

Die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern steht in einem Spannungsverhältnis zur religiösen und kulturellen Grundorientierung der deutschen Gesellschaft. Heute ist es für die vielen Kinder, die aus Familien mit Migrationshintergrund kommen, sehr schwer sich zu entscheiden, wo ihre Heimat ist oder welche Heimat sie gar lieben sollen. Viele Zuwanderer, die die deutsche Staatsangehörigkeit erworben haben, wollen nicht Deutsche im Sinne der kulturellen Tradition werden und wollen dies auch für ihre Kinder nicht.[10] Die Jugendlichen führen eine „Lebenspraxis“ in zweierlei Ausprägungen, zum einen das Leben in ihrem eigenen Kulturkreis und zum anderen das Leben nach westlichen Maßstäben. Wie sollen die muslimischen Eltern mit diesem Prozess angemessen umgehen? Wie können wir ein neues Konzept im Bereich der religiösen Erziehung muslimischer Kinder bzw. Schüler entwickeln, das in der Lage ist diese Probleme zu lösen? Sind die Zentren der islamischen Gelehrsamkeit in der Lage solche Konzepte auf hohem Niveau zu entwickeln?

Es wird heutzutage die Meinung vertreten, dass im Bereich der religiösen Erziehung muslimischer Schüler kein bestehendes Konzept importiert werden kann. Sollen wir abwarten, bis von den europäischen Politikern und Wissenschaftlern für unsere muslimischen Kinder eine Religionspädagogik im Westen entworfen wird oder ob die Muslime selbst dies bewerkstelligen können? Wenn die Muslime dies selbst unternehmen wollen, wird es nicht ohne Investitionen, nicht ohne Engagement von Seiten der Mehrheit der Muslime und nicht ohne fundierte wissenschaftliche Begleitung möglich sein.

Dr. Robabeh Sabri

Literaturverzeichnis

Knobloch, Jörg: Kinder- und Jugendliteratur in einer globalisierten Welt. Chancen und Risiken. München 2011.

Malti, Tina: Moralische Emotionen und Moralerziehung in der Kindheit, in: Moralische Entwicklung und Erziehung in Kindheit und Adoleszenz, Teil II, hrsg. Brigitte Latzko und Tina Malti. Göttingen 2010, S. 181-198.

Schlag, Thomas: Die Opferung des Ich. Väterliche Autorität, Glaubensgehorsam und riskante Identitätsentwicklung, in: Dokumentation des 6. Schweitzer AGAVA-Kongresses. Zürich 2008, S. 31-37.

[1] Largo, Remo H.: Lernen geht anders. Bildung und Erziehung vom Kind her denken. Hamburg 2010.  [2] Imam Sadschad: As-Sahifat-us-Sadschadiyya, Bittgebet 25. Bremen 2010, S. 153.  [3] Musavi-Zandscharudi, Seyyed Mujtaba: Tarbiyat-e mazhabi-ye kodak. Teheran 1385, S. 61.  [4] Vgl. Lewis, Bernard: Die politische Sprache des Islam, 1. Aufl. Berlin 1991, S. 124; Montgomery Watt, W. u. Welch Alford T.: Mohammad und die Frühzeit – Islamisches Recht – Religiöses Leben, in: Der Islam I. Stuttgart/ Berlin/ Köln/ Mainz 1980, S. 151.  [5] Musavi-Zandscharudi, S. 78.  [6] Largo, S. 32.  [7] Largo, Remo H.: Lernen geht anders. Bildung und Erziehung vom Kind her denken. Hamburg 2010, S. 31.  [8] Musavi-Zandscharudi, S. 60.  [9] Vgl. Winter, Reinhard: Jungen. Weinheim und Basel 2011, S. 216 f.  [10] Briese, Volker: Toleranzgebot und christliche Schule, in: Interkulturell lernen – erziehen – bilden, hrsg. Paderborner Lehrerausbildungszentrum der Universität Paderborn. Bd. 8. Münster 2004, S. 95-109, hier S. 105.