Spiritualität im Islam

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Spiritualität [1] ist eine Angelegenheit, der seit Anbeginn der Menschheit viel Beachtung geschenkt wurde. Es ist dem Menschen bis heute nicht gelungen, Frieden zu erlangen, sofern er sich ausschließlich mit materiellen Angelegenheiten befasst. Die Wohlhabenden und Mächtigen fühlen keinen Frieden, sodass im Osten wie im Westen zahlreiche neureligiöse Strömungen entstanden sind. Das allein zeugt bereits von dem großen Bedarf nach Spiritualität.

Manch ein Denker dieser neuen Bewegungen ist der Überzeugung, dass spirituelles Leben nicht unbedingt an einer der großen und altbewährten Religionen der Welt orientiert sein muss, und dass jede Gruppe oder Sekte mit ihrer Weltanschauung dazu in der Lage ist, dem Menschen ein Gefühl des Friedens zu geben. Nach dieser Theorie zählen auch die Strömungen der Satanisten und Dämonenjäger zu den spirituellen Denkschulen.

Die Spiritualität ist heutzutage zu einem so wichtigen Thema geworden, dass sich dessen Bedeutung von niemandem mehr abstreiten lässt. Man muss sich aber auch im Klaren darüber sein, dass sich die Spiritualität nicht von den Lehren der Religion trennen lässt. Die Lehren aller monotheistischen Religionen und vor allem die des Propheten Muhammad (s.a.) sind ein Aufruf zur Spiritualität.

Sie rufen zum Monotheismus und zu ethischen Tugenden auf, die die Propheten und göttlichen Lehrer in Theorie und in Praxis erfüllten, und die immer schon eine gute Grundlage für die spirituellen Strömungen der Menschheit waren. Die Tatsache, dass von den Opfern, die Kain und Abel brachten, nur das Opfer von Abel anerkannt wurde, weil seines aufrichtiger war, ist eine absolut immaterielle und spirituelle, geistliche und göttliche Angelegenheit.

Spiritualität und ihre Grundlagen besitzen alle eine religiöse Identität: der Glaube an die verborgene Welt, an den Sinn der Schöpfung, an den freien Willen, die natürlichen Gesetze der Aktion und Reaktion, die Fähigkeit der Menschen, sich zu steigern oder abzustürzen, die immerwährende und ewige gerechte Beaufsichtigung der Menschen und ihrer Taten durch Gott, … Was außerhalb der Religion als Spiritualität bezeichnet wird, weicht von der wahren Spiritualität ab.

Was ist Spiritualität?

Wahre Spiritualität ist einzig und allein in den monotheistischen Religionen zu suchen. Was die anderen Religionen, Bewegungen und Sekten unter diesem Begriff verstehen, ist nur ein Schein davon und entspricht nicht der Wahrheit. Der übliche Gebrauch dieses Begriffes deutet an, dass dem menschlichen Leben Geist eingehaucht wurde. Es ist die Wahrheit, die sich in den Seelen der Menschen befindet, die überhaupt die Kapazität besitzt, das ihnen von Gott anvertraute Wissen aufzubewahren.

Erst nachdem dem Menschen die göttliche Seele, wie sie im Qur’an erwähnt wird, eingehaucht wird, ist er des Erlernens des göttlichen Wissens würdig. Aufgrund dieser natürlichen Beschaffenheit neigen die Menschen zum Spirituellen und sind bemüht, ihr Leben entsprechend zu gestalten. Zahlreiche Qur’an-Verse und Überlieferungen besagen, dass jener Mensch spirituell genannt wird, der sein Leben nicht auf das triebhafte Verhalten beschränkt, sondern diesen Aspekt seines Lebens nur als Mittel dafür sieht, den wahrhaftigen Aspekt des Lebens, nämlich die geistliche, innere und spirituelle Dimension zu erreichen. Jeder Mensch neigt aufgrund seiner natürlichen Beschaffenheit zu Kenntnis, Liebe, Frieden, Fortschritt, Bindung und Güte und fühlt sich dort wohl, wo die Voraussetzungen dafür gegeben sind.

Wenn man die Neigung zur Spiritualität genauer beachtet, merkt man, dass sie in allen Menschen vorhanden ist und alles umfasst. Das, was die Spiritualität im Menschen am meisten stärkt, besteht darin, gegen Unbedachtheit und Gleichgültigkeit anzukämpfen. Die Begebenheiten dieser Welt, ob nun erfreulich oder bitter, ob Glück oder Unglück, ob Geschenke oder Verluste, ob Genuss oder Schmerz, Erfolg oder Misserfolg, sind für alle und vor allem für jene, die mit der Kenntnis betraut sind, sehr lehrreich.

So sagt Imam Ali (a.s.): „Es gibt so viel Lehrreiches und so wenig Anerkennung.“ So viele arme Menschen sind reich geworden, und umgekehrt, es gibt so viele Konflikte, Grobheiten, Krankheit, Alter und Tod. All das können Warnungen für die Menschen sein, sie alle können die religiöse Spiritualität im Menschen fördern.

Es ist wichtig, dass diese Dinge beachtet werden, die unser Wesen in Richtung Spiritualität steuern. Würden alle Menschen diese Tatsache wahrnehmen, würden viele Probleme der menschlichen Gesellschaft beseitigt werden. Die Versäumnisse diesen tiefen Überzeugungen und Ansichten gegenüber hat dazu geführt, dass manche Menschen die Ausgeglichenheit des Körpers und der Seele nicht erleben und sich in den Abgrund stürzen.

Der Mensch muss die spirituellen Aspekte seines Lebens pflegen, wenn er die Wahrheit entdecken will. Die spirituellen Neigungen des Menschen müssen dringend beachtet werden, denn nur so kann er sich dem Ziel seiner Schöpfung nähern und all seinen Mühen einen Sinn verleihen. So kann sich der Mensch vergewissern, dass er seine Zeit tatsächlich mit dem verbracht hat, wofür er erschaffen wurde.

Der große Dichter des Orients Dschalal ad-Din Muhammad Rumi drückt dies in seinem Werk Masnawi so aus: „Bau dein Haus nicht auf dem Land anderer, tu dein eigenes Werk, nicht das eines Fremden. Selbst der in Moschus getauchte Körper wird dem Geruch der Verwesung nicht entkommen, wenn er stirbt. Nicht deinen Körper, sondern dein Herz sollst du in Moschus reiben. Was ist Moschus? Der Name des glorreichen Herrn …

O Bruder, du bist dein Gedanke, und der Rest ist nur Knochen und Fasern. Ist dein Gedanke eine Rose, bist du der Garten, und ist er ein Dorn, bist du Brennholz für den Herd. Bist du Rosenwasser, wirst du auf Kopf und Herz verteilt, doch bist du wie Harn, wirst du nur ausgeschieden.“

Heute muss man sich damit befassen, wie man dem Menschen ein echtes Gefühl der Sicherheit und des Friedens verleihen kann. Reichtum, Macht und selbst Wissen können für den Menschen zu einer Bedrohung werden, wenn sie nicht an Gott orientiert sind. Der Mensch muss sich an sein wahres Selbst wenden und die Perle seiner wahrhaftigen Existenz entdecken sowie seine Beziehungen zu seiner Umgebung entsprechend gestalten und ordnen, damit er gedankliche und moralische Stabilität erreicht.

Jene, die in ihrer Selbstsucht gefangen sind und falsche Bedürfnisse in sich selbst fabrizieren, werden niemals mit ihren materiellen Erfolgen zufrieden sein. Sie werden keinen Seelenfrieden erlangen, auch wenn sie die höchsten Ämter bekleiden und die Spitze der Macht erklimmen. Diese Menschen bilden sich nur ein, dass sie inneren Frieden erlangen, wenn sie an Macht und Reichtum dazugewinnen.

Der spirituelle Mensch

Der spirituelle Mensch dient sein ganzes Leben lang der Wahrheit, damit er das vollständige Leben erreicht, und ist stets bemüht, sich vor Selbstsucht und Einbildung zu hüten. Es ist der Wunsch des spirituellen Menschen, sich mit dem „höheren Selbst“ zu befassen, es richtig zu erkennen und ein Leben in Zweifel und Einbildung zu meiden.

Er will das vernünftige Leben mit einem hohen Ziel auf einem spirituellen Weg erfahren. Leidenschaft und Eifer führen ihn auf diesem Pfad weiter und er scheut vor keiner Anstrengung zurück. Der spirituelle Mensch sieht seine Mission darin, sich selbst zu erkennen, Gottes Wahrheit anzuerkennen und sein Leben an dem zu orientieren, wofür ihn sein Schöpfer geschaffen hat.

Die Seele und der Körper eines Menschen sind dem Reiter und seinem Reittier gleichzusetzen. Der Wert und die Position des Menschen hängen von seiner Seele, welche eine göttliche Seele ist, ab. Es hat im Laufe der Geschichte viele Menschen gegeben, die ihr Leben lang eine sehr beschränkte und oberflächliche Sicht der Dinge und der Wahrheit des Lebens hatten. Sie haben die Tiefe des menschlichen Lebens nicht erfahren, und ein sinn- und zweckloses Leben geführt.

Viele Menschen haben nicht genügend Einsicht und es kann daher sein, dass sie sich mit einem oberflächlichen, materiellen und profitgierigem Leben begnügen, und somit vom richtigen Pfad abkommen. Andere wiederum bilden sich ein, ein spirituelles Leben zu führen, doch tatsächlich treiben sie in absoluter Unwissenheit vor sich hin und ihr Inneres ist leer.

Spiritualität spricht zwei wichtige Bedürfnisse der Menschen an: Erstens den Bedarf nach einem spirituellen Leben im Gegensatz zum rein materiellen Leben, und zweitens den Bedarf nach einem Sinn im Leben. Ein spirituelles Leben ist nicht einem sinnvollen Leben gleichzusetzen. Sie hängen zwar auf eine Art miteinander zusammen, denn als spirituelles Leben wird schließlich jenes bezeichnet, dass von einem vom Herzen stammenden Glauben an das Verborgene und an das Jenseits gekennzeichnet ist.

Ist der Glaube an das Übernatürliche nicht vorhanden, ist auch kein spirituelles Leben gegeben. Glaubt jemand daran und verhält sich auch entsprechend, so führt er ein reines und spirituelles Leben. Im Qur’an steht diesbezüglich: „Dem, der recht handelt – ob Mann oder Frau – und gläubig ist, werden Wir gewiss ein gutes Leben gewähren; und Wir werden gewiss solchen (Leuten) ihren Lohn nach der besten ihrer Taten bemessen.“ (an-Nahl | 16:97)

Die Zeichen Gottes

Alles ist in Wahrheit und mit Ziel und Zweck geschaffen worden. Der Sinn der Existenz des Menschen und der Welt ist also eine Voraussetzung für die Spiritualität dieser Existenz. Wir müssen zuerst den Glauben besitzen, dass alles mit einem besonderen Ziel erschaffen worden ist und dass es nichts Sinnloses auf dieser Welt gibt, denn erst dann können wir auch an das Spirituelle glauben.

Ein Wesen, dessen Existenz keinen Sinn hat, kann auch nicht spirituell sein. Zunächst muss man einsehen, dass es aus einem Sinn existiert, erst dann kann man sich mit dem spirituellen Aspekt des Wesens befassen. Dies ist eine sehr wichtige Tatsache, und wird vom Qur’an sowie von den Überlieferungen ausführlich behandelt. Gott ist laut den islamischen Lehren die Wahrheit, und in seiner Weisheit hat er alles in Wahrheit und in Weisheit erschaffen, sodass nichts ohne Ziel und Absicht zustande gekommen ist.

Auch vom Menschen sagt der Qur’an, dass er nicht umsonst, sondern mit einem Ziel erschaffen wurde: „Glaubtet ihr denn, Wir hätten euch in Sinnlosigkeit erschaffen, und ihr würdet nicht zu Uns zurückgebracht?“ (23:115) Wenn wir den Sinn hinter der Schöpfung aller Dinge verstanden haben, werden wir auch stärker an eine absolute Wahrheit glauben. Alle Wesen sind Manifestationen von Gott, dem Erhabenen, denn Er manifestiert sich in allen Dingen, schenkt allen Dingen Existenz und spiegelt Seine Macht, Sein Wissen und Seine Weisheit in allen Dingen wieder. Deshalb besitzen auch alle Dinge eine Art der Spiritualität.

Was den Menschen in der Existenz hervorhebt, ist jedoch, dass er das wertvollste Geschöpf Gottes ist. Anhand seines freien Willens ist er das fähigste Geschöpf, um die Spiritualität zu nutzen. Dazu muss der Mensch seine Gedanken entsprechend orientieren und sich selbst erziehen. Wenn die Menschen ihre existenziellen Kräfte, ob nun körperlich oder spirituell, in die Richtung lenken, für die sie geschaffen worden sind, werden sie den meisten Nutzen haben. Leider wird dieses Talent aber von manchen Menschen nicht benutzt, und somit bleibt ihnen das wahre, spirituelle Leben verwehrt.

Wenn wir anhand unserer Weltanschauung alles als ein Zeichen Gottes, Seiner Macht und Seiner Weisheit sehen, wird es sich zweifelsohne positiv auf all unsere Lebensphasen auswirken. Die wichtigste Wirkung ist die, dass all diese Zeichen und Spuren für uns Belege der Existenz eines einzigen Gottes sind. Der spirituelle Mensch richtet seine Aufmerksamkeit immer auf diese Wahrheit und beobachtet sich selbst sehr genau.

Er hütet sich davor, vom richtigen Weg abzukommen. Er möchte den Beitrag, den er sich selbst versprochen hat, leisten und keine sinn- und zwecklose Existenz führen und einfach nur seine Zeit vergeuden. Er will alle Phasen seines Lebens bestens einsetzen. Der Gläubige ist immer darum besorgt und will sein wahres, höheres Ich steigern. Er berechnet seine Taten und übt Vorsicht, damit er sein Ich schlussendlich mit Gott vereint, indem er mit seinem ganzen Wesen mit ihm verschmilzt.

Wenn wir die Bittgebete des hl. Propheten (s.) und der unfehlbaren Imame (a.s.) als die der reinsten, existierenden Menschen studieren, und erfahren, wie viel Zeit sie mit ihren Gebeten verbrachten, vor allem im Verbeugen oder zu Boden geworfen, voller Kenntnis, Weisheit und Liebe, schließen wir daraus, das die besten Momente des Lebens dieser Menschen jene spirituellen Momente waren, die sie erreichten, indem sie ihre Triebseele bekämpften, um Kenntnis zu gewinnen. Es wird überliefert, dass ein Moment der Aufmerksamkeit von Gott so viel Wert ist wie alle Taten der Menschen und der Dschinn.

Daraus schließen wir, dass Gottesdienerschaft ein wertvoller Edelstein ist und den Menschen die spirituelle Freiheit verleiht, ihnen also ein spirituelles Leben beschert: „Gottesdienerschaft ist ein wertvoller Edelstein, der gewonnen wird, wenn man seine Triebseele besiegt.“ Erst dann hat der Mensch wahre Freiheit, erkennt das wahre Leben und begreift es.

Erst dann beschreitet er den Pfad des Monotheismus und der wahren Spiritualität. Wenn jemand die wahre Spiritualität im menschlichen Leben sucht, findet er keinen anderen Weg außer den der Gottesdienerschaft und alle Lehren der Religion basieren auf dieser Tatsache. Unter Islam wird die Unterwürfigkeit gegenüber der Wahrheit und den göttlichen Anweisungen verstanden, denn je mehr sich jemand den göttlichen Anweisungen gegenüber verpflichtet, umso mehr wird er an Glauben gewinnen.

Damit ist ganz klar, dass Glaube und Spiritualität zusammenhängen. Spiritualität ist eine Voraussetzung für den wahren Glauben und der Glaube der Menschen wird anhand ihrer Spiritualität gemessen. Gottesfurcht, anhand derer die Taten der Menschen gemessen und die göttlichen Werte definiert werden, gehört zu den spirituellen und inneren Angelegenheiten, die dem Menschen seine Würde verleihen.

Die Bedeutung der Seele

Dem Menschen ist seine Echtheit erst durch seine Seele gegeben und der Körper ist nur ein Instrument für das Wachstum, für die Steigerung und die Glückseligkeit des Menschen. Der Seele wurde daher im Islam besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt. Gott der Erhabene hat dem Menschen durch die offenbarte Lehre alle Anweisungen und Empfehlungen bezüglich der verschiedensten Bereiche vermittelt, und darum ist der Mensch immer auf die Religion angewiesen, und zwar in allen Aspekten seines Lebens.

Einer dieser Aspekte ist der spirituelle Aspekt, und dieser wird durch die Religion in die höchsten Stufen befördert. Wir sind der Überzeugung, dass es das wesentliche Ziel aller Religionen ist, die Menschen zur vollkommenen Spiritualität zu führen. Erreicht der Mensch diese Position, so wird er bemüht sein, all seine Pflichten und Verantwortung ernst zu nehmen, ob sie nun sich selbst betreffen, seine Mitmenschen oder seine Umwelt. Die spirituelle Ansicht wird dazu führen, dass er dies auf die bestmögliche Art verfolgt.

Das Leben aller Propheten und göttlichen Reformer ist hierfür ein Vorbild. Sie haben immerwährend versucht, die Menschheit dazu aufzurufen, sich Gott zu nähern und hatten selbst die höchsten Stufen der Spiritualität erklommen. Sie waren wahrhaftige Monotheisten, und riefen die Menschheit zum wahren Monotheismus auf. Es ist ganz klar, dass der Monotheismus die wichtigste Manifestation der Spiritualität ist.

Alle Menschen, die diese Stufe erreichen, werden ihre Pflichten ernst nehmen, ihren Mitmenschen helfen und bemüht sein, ideologische, geistliche, geistige und materielle Probleme anderer Menschen und ihrer selbst zu lösen. Dies muss von allen Menschen beachtet werden, weil die Probleme der menschlichen Gesellschaft, wie z.B. Armut, Unterdrückung und soziale Unzulänglichkeiten, auf einen Mangel an Moral und Spiritualität zurückzuführen sind.

Der Grund für diesen Mangel ist, dass die Menschheit sich von der Religion und ihrer Wahrheit distanziert hat. Dabei hat Gott den Menschen dafür geschaffen, dass er sich innerlich belebt und das wahre Leben kostet, sodass er sich als einen echten Menschen sieht, und er hat ihm diese Neigungen auch in die Natur gelegt. Viele Menschen sind sich dieser Tatsache nicht bewusst und haben sich mit den Äußerlichkeiten dieser Welt beschäftigt: „Sie kennen nur die Außenseite des diesseitigen Lebens; das Jenseits aber beachten sie gar nicht.“ (ar-Rum | 30:7)

Dabei wohnt die Neigung zur Wahrheit, zum Recht und zur Spiritualität allen Menschen inne, und sie manifestiert sich in der Religion. Wenn die Menschen sich an die Lehren ihres Glaubens halten, können sie das beste irdische Leben leben. Der hl. Koran sagt: „So richte dein Antlitz in aufrichtiger Weise auf den Glauben; (dies entspricht) der natürlichen Veranlagung, mit der Allah die Menschen geschaffen hat.“ (ar-Rum | 30:30)

Glaubensinhalte und Spiritualität

Gott ist im Besitz aller substantiellen Vollkommenheiten und ist absolut unabhängig. Ihm gegenüber sind alle Wesen der Welt absolut abhängig. Dieser Glaube, der in der islamischen Theologie und Philosophie sehr genau behandelt wird, macht den Menschen mit einem allmächtigen Schöpfer bekannt, der alles sieht und hört. Eine solche Kenntnis wird für den Menschen zu einer Quelle der Spiritualität.

Der Mensch und alle anderen Wesen sind immerwährend von ihm abhängig, sie können ohne Gott weder entstehen noch fortbestehen. Wenn diese Erkenntnis über den Ursprung den Kenntnissen über die Wiederauferstehung und das Jenseits hinzugefügt wird, werden die Überzeugungen der Menschen gestärkt und bringen ihn auf den Gipfel der Spiritualität. Sie fühlen sich dadurch sich selbst, ihrem Gott und anderen Menschen gegenüber mehr verantwortlich.

Ein Mensch, der diese Stufe erreicht hat, wird immer bemüht sein, sich selbst nicht zu vergessen und auch immer daran denken, dass Gott größer ist. Er wird sich seinem Gott gegenüber verantwortlicher fühlen und sich dazu verpflichten, ihm zu gehorchen. Er wird immer versuchen, seiner Pflicht auf die beste, ihm nur mögliche Art nachzugehen. Er liebt seine Mitmenschen und beteiligt sich an ihren Problemen, er gibt ihnen immer Ratschläge und Hinweise, damit sie die Wahrheit erreichen und nicht vom rechtschaffenen Pfad abkommen.

Die Spiritualität ist keine Ausrede   dafür, den Verstand zu vernachlässigen, und es gibt auch keinen Grund, auf die Spiritualität zugunsten der Vernunft zu verzichten. Die Vernunft weist dem Menschen den Weg und verhindert, dass er sich auf imaginären Wegen verirrt, doch sie wird niemals von der wahren Spiritualität unabhängig sein.

Die Spiritualität von der Vernunft zu trennen führt dazu, dass der Mensch Sektiererei und Aberglaube betreibt, doch die Vernunft kann ihn ohne Spiritualität auch nicht seinem höheren Ziel näher bringen. Die Bindung zwischen Verstand und Spiritualität, welche ja eigentlich die Verbindung zwischen Vernunft und Offenbarung ist, ist für ein gläubiges und reines Leben unabdingbar.

Dschalal ad-Din Muhammad Rumi sagt dazu: „Die Individualvernunft begreift nicht, was der Universalverstand interpretiert. Sie ist nicht selbstständig, sondern auf Methoden und Technik angewiesen. Sie ist fähig zu lernen, doch nur der Besitzer der Offenbarung kann sie belehren. Alles, was der Mensch in seinem Alltag macht, hängt von der Offenbarung ab, die Individualvernunft hat nur die Kenntnisse erweitert, die sie vom Universalintellekt übernommen hat, welcher die gesamte Existenz umfasst.“

Wirkungen der Scharia

Obwohl einige bestrebt sind, den Gedanken von einer Spiritualität und gar Mystik und Moral ohne die religiöse Gesetzgebung (scharia) zu verbreiten und auch versuchen, für eine Spiritualität ohne Religion zu werben, kann man durch die Aufmerksamkeit auf die Wahrheit der Spiritualität und einer richtigen Vorstellung darüber mit Leichtigkeit erkennen, dass das Erreichen einer beständigen und Glückseligkeit spendenden Spiritualität ohne die religiöse Gesetzgebung nicht möglich ist.

Auch beim Lesen über das Leben der Reinen und Rechtschaffenen der Welt, die stets Symbole des Friedens, der Spiritualität und Freundschaft unter den Menschen waren, wird der Standpunkt erleuchtet, dass die Erfüllung und Einhaltung der religiösen Vorschriften stets ihre Hymne und ihren Aufruf darstellten und sie selbst die größten Befolger der Handlungsvorschriften der Religion waren.

Als Beispiel kann der große Prophet Muhammad (s.a.) angeführt werden, der für die Verrichtung von religiösen Pflichten und Empfehlungen sowie das Meiden von religiösen Verboten und dem Verpönten die größte Anstrengung aufwendete, sodass über ihn gemäß historischen Berichten und aus Vernunftgründen kein Makel überliefert worden ist.

Durch sein Zeitmanagement widmete er einen Teil seines Lebens den individuellen Gottesdiensten wie der Verrichtung von religiösen Geboten, der Rezitation von Bittgebeten, dem Gottesgedenken, Gottesdiensten in der Nacht usw. und verbrachte einen anderen Teil mit gesellschaftlichen Angelegenheiten und entsprach seiner Sendung zur Einladung (zum Weg Gottes). Somit hatte er sowohl die Einkehr bei seinem Herrn als auch seine gesellschaftliche Präsenz für die Rechtleitung und Führung der islamischen Gesellschaft.

Keine seiner Anstrengungen war unvereinbar mit seiner Spiritualität, sondern sie hatten in der Entwicklung und Stärkung der Spiritualität eine wichtige Rolle. Diejenigen, die die Gesamtheit zwischen diesen beiden Aspekten als nicht möglich erachten, haben gewiss keine umfassende Kenntnis über die Religion, da der Islam diejenigen Menschen, die sich von der Gesellschaft abkapseln und isoliert leben, nicht bestätigt, sondern gesellschaftliche und religiöse Verpflichtungen und Verantwortung als im Gleichklang mit den individuellen, geistigen und inneren Verpflichtungen stehend würdigt.

Wohlstand und Gerechtigkeit

Aus Sicht des Islam ist in einer Gesellschaft, die bei der Sicherung ihrer Existenzgrundlage Probleme hat und in der die weltlichen Angelegenheiten der Menschen chaotisch und ungeordnet verlaufen, kaum eine Spur von Religiosität und Spiritualität vorzufinden. So finden wir in unseren Überlieferungen vor: „Derjenige, der materiell nicht erfüllt ist, wird spirituell auch nicht erfüllt sein.“

Die Wahrheit spiegelt wider, dass wenn die weltlichen Angelegenheiten der Menschen brüchig und chaotisch sein sollten, dies auch im Jenseits für sie so sein wird. Deshalb betont der Islam, dass für die weltlichen Belange der Menschen in einer Gesellschaft gesorgt sein muss, damit ein geeigneter Rahmen zum Wachstum und Fortschritt sowie zur Vollkommenheit und Entwicklung bereitgestellt werden kann.

Eine Herrschaft basierend auf der Religion muss diese Rahmenbedingungen bereitstellen, damit sich die Menschen auf dem Weg der Vollkommenheit positionieren und in Richtung der Anbetung schreiten. Der Wert der religiösen Herrschaft liegt eben darin begründet, dass sie basierend auf der Gerechtigkeit für jeden einzelnen Menschen in der Gesellschaft einen solchen Rahmen bereitstellen muss, da eine religiöse Herrschaft keinen Wert besitzt, außer wenn Gerechtigkeit in einer Gesellschaft herrscht.

Auf Basis der Verwirklichung der Gerechtigkeit wird jede Person gemäß ihrem Anteil am Wohlstand der Gesellschaft teilhabend, sodass Sicherheit in der Gesellschaft herrschen wird. In diesem Fall werden sich die Menschen in einer Gesellschaft zur Anbetung Gottes begeben und die Spiritualität wird die Gemeinschaft allseits erfassen. In einer solchen Gesellschaft werden sich das Verantwortungsgefühl, der Dienst an den Menschen und die Lösung ihrer Probleme etablieren und dies zählt zu den wichtigsten Effekten der Spiritualität im gesellschaftlichen Bereich, welches später gesondert behandelt wird.

Die Folgen der Sünde

Als weitere ernsthafte Hürde für die Spiritualität kann man das Sündigen und den Ungehorsam gegenüber dem erhabenen Herrn nennen. Diejenigen, die sich nicht an die lichterfüllten Gesetze und Gebote der Religion, wie an die religiösen Verpflichtungen Verbote sowie das Empfohlene halten und vom Verpönten fernhalten, haben in Wahrheit den richtigen Rahmen zur Erkenntnis der Rechtschaffenheit und des Verwerflichen aus den Augen verloren, welches dazu führt, dass sie den Pfad der Spiritualität verlassen und das Augenlicht für die spirituelle Welt verlieren.

Die Sünde gleicht einer Demontage und ist gleichbedeutend mit dem Verlassen des Weges der vernünftigen und natürlich veranlagten Gesetze. Sie trübt Stück für Stück den Pfad der menschlichen Rechtleitung und schwächt weiterhin die Beziehung des Menschen zu Gott und der verborgenen Welt, sodass göttliche Zeichen geleugnet werden und sich über sie belustigt wird.

Durch diese Abweichung werden die guten Handlungen in Wahrheit als schlecht und die schlechten Handlungen als gut angesehen. In einem solchen Fall ist der Weg der Spiritualität mit einer ernsthaften Bedrohung konfrontiert, da die Sünde ein Hindernis für das seelische und spirituelle Wachstum des Menschen darstellt und ihm seinen wahren Wert nimmt sowie vom Weg des Rechts und der Wahrheit distanziert.

Wenn man den Folgen und Effekten der Sünde in unterschiedlichen Bereichen eine größere Aufmerksamkeit schenkt, so kommt man unweigerlich zu dem Ergebnis, dass die Sünde ein großes Hindernis für die Spiritualität des Glaubens darstellt, treffen wir doch bereits bei einem oberflächlichen Blick auf die situationsbedingten Folgen der Sünde auf Fälle, die der seelischen und spirituellen Verfassung des Menschen einen schweren Schlag versetzen.

Man kann hierbei u.a. auf die Angst und Furcht, die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, den Raub der seelischen und gesellschaftlichen Sicherheit, die Sorge und Bedrückung, den Schrecken und die Verwirrung, die Zwietracht und Spaltung, sowie der Verwehrung einer vertrauten Beziehung zu Gott hinweisen. Falls eine dieser Folgen der Sünde in das Leben des Menschen tritt, so zerstört sie alles in ihm.

In Wahrheit kommt die zarte menschliche Seele durch die Sünde auf eine Stufe des Absturzes und der Rückbildung, bei der zuweilen das Gefühl der Identitäts- und Sinnlosigkeit ins Leben tritt, welches im Falle einer Fortsetzung und Kontinuität der Sünde dazu führen kann, dass sich der Mensch das (weitere) Leben auf der Erde verbietet und unrechte Handlungen begeht.

Ayatollah Dr. Reza Ramezani

[1] „Spiritualität“ kommt aus dem lat. „Spiritus“, was Atem bedeutet. „Spiritus“ ist mit „Spirare“ (atmen) verwandt.