Der Schleier der Unwissenheit und die Erkenntnis Gottes

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Es vergehen manchmal Tage, Wochen und Monate, ohne dass wir Allah und somit der Wahrheit einen Schritt näher kommen. Manchmal ist es sogar so, dass es mehrere Schritte bergab geht oder dass man gar in Tiefen fällt. Dieser Missstand hat natürlich mehrere Ursachen, die wir in diesem Artikel nicht alle aufzählen, geschweige denn besprechen können. In diesem Artikel soll jedoch eine der wichtigsten Ursachen thematisiert werden, die dieses Problem hervorruft: Dies ist das zusammengesetzte Unwissen.

Das zusammengesetzte Unwissen (ar. Dschahl Murakkab)[1] ist der Zustand der Unachtsamkeit über das eigene Unwissen. Man denkt, man würde Gutes tun, obwohl dies in Wirklichkeit nicht der Fall ist. Man ist überzeugt, man würde sich in die richtige Richtung bewegen, obwohl man sich in die falsche Richtung bewegt.

Einer der härtesten Feinde des Menschen sind seine falschen Überzeugungen. Auch der Heilige Qur’an thematisiert diese Erscheinung, indem er sagt: „Sag: Sollen wir euch über jene berichten, die in ihren Werken die größten Verlierer sein werden, das sind jene, deren Streben auf Erden in die Irre gegangen ist, und sie dachten, sie würden gar Gutes tun.“ (Al-Kahf | 18:103)

In diesem Artikel untersuchen wir eine spezielle Ausprägung des zusammengesetzten Unwissens: Dies ist die Achtlosigkeit im Umgang des Menschen mit seiner Seele, seinem Ego. Die Frage, die uns beschäftigt, ist die Folgende: Wie kann ich den Fesseln des zusammengesetzten Unwissens entkommen, damit ich meine Seele so erziehe und Allah so erkenne, wie es nur Ihm gebührt?

Der täuschende Schein – Die Schale und der Kern

Es gibt Früchte, die eine harte Schale, aber einen weichen Kern haben (z.B. Melonen) und umgekehrt (z.B. Birnen). Der Schein der Dinge täuscht manchmal über ihre Wahrheit hinweg. Und so ist es auch im Leben: Die Schalen des Lebens sagen wenig über seinen Kern aus und lenken von seiner Essenz oft ab. Imam Ali (a.s) verglich in einem seiner ewigen Worte dieses Leben, d.h. das Diesseits, mit einer Schlange, die eine straffe und weiche Haut hat, während sich in ihr tödliches Gift verbirgt.[2]

In einer anderen Überlieferung sagt er über die diesseitige Welt: „Wer sie anblickt, den verblendet sie. Wer durch sie blickt, dem gibt sie Sehkraft.“[3] Denn wer diese Welt anblickt, sieht nur die Schale, wer sie jedoch als Mittel gebraucht, gelangt zum Kern und versteht das Eigentliche und Unvergängliche. Schalen sind insofern wichtig, als dass sie den Kern schützen und ihn unter guten Voraussetzungen gedeihen lassen, wer sich jedoch die ganze Zeit mit den Schalen beschäftigt und den Kern vergisst, der ignoriert das Wesentliche, das den eigentlichen Wert hat.

Das Wort und seine Bedeutung

Abstrahieren wir noch eine Stufe: Ein Wort kann als eine syntaktische Einheit[4] aufgefasst werden, die mit einer Semantik[5] belegt ist. Es stellt hierdurch einen Hinweis auf eine bestimmte Bedeutung dar. Es vereinfacht die Kommunikation zwischen den Menschen, indem es die Bedeutung mit Silben und Lauten abkürzt und spielt hiermit die Rolle eines Spiegels, der uns die Bedeutung in leicht verständlicher Form zur Verfügung stellt. Diese erwähnte Spiegelfunktion erhält das Wort durch gezielte Verabredung (Wad‘ Ta’yini) oder durch wiederholte Kopplung (Wad‘ Ta’ayyuni).[6]

Viele Gelehrte führen die wiederholte Kopplung auf gezielte Verabredung zurück. Wie dem auch sein mag, spielt u.a. die Konditionierung eine wesentliche Rolle, dass dem Wort ihre Funktion gibt.[7] So bedeutete das Wort „Salaht“, d.h. Gebet, vor dem Islam ganz speziell das Bittgebet, während es durch den islamischen Gesetzgeber die Bedeutung der speziellen Bewegungen und Rezitationen, die die Muslime täglich machen, erhalten hat. Demnach ist keine lange Zeit vergangen, bevor die ursprüngliche Verwendung veraltet war. Heute versteht man unter „Salaht“ für gewöhnlich nur noch das islamische Gebet in seiner speziellen Form.

Diese durch die Konditionierung entstandene Beziehung zwischen dem Wort und der Bedeutung kann gefährlich werden, wenn man diese beiden auf der analytischen Ebene nicht strikt unterscheidet. Warum ist das so? Weil durch diese klare Unterscheidung die Immunität des Menschen gegenüber Missbrauch von Begriffen wesentlich stärker wird. Imam Ali (a.s) sagt in dieser Hinsicht:

„Wäre die Falschheit völlig getrennt vom Gemisch der Wahrheit, dann würden die Wahrheitsliebenden sie erkennen und wenn die Wahrheit völlig getrennt wäre vom Gewand der Falschheit, dann würden die Zungen der Widerspenstigen stumm bleiben, doch es wird von der Falschheit ein Stück und von der Wahrheit ein Stück genommen und sie werden vermischt. Da überkommt der Satan seine Freunde und jene, denen Allah seine Gnade erwiesen hat, werden gerettet.“[8]

Wie oft wurden in der Geschichte Begriffe missbraucht, damit einige Egoisten ihre Ziele erreichen können? Das ist eine Frage, über die man nachdenken sollte, wenn man wahrheitsliebend ist. Noch wichtiger und akuter ist die Frage: Wie oft wird heutzutage Begriffsverfälschung betrieben? Begriffe wie Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenrechte etc. werden von Sklaven ihrer Neigungen und Plutokraten missbraucht, damit sie ihre Gier stillen können.

Denn wer ist gegen Freiheit? Wer ist gegen das Recht auf Selbstbestimmung? Wer ist gegen Gerechtigkeit? Und wer ist gegen die Achtung der Menschenrechte? Die vernünftigen Menschen auf dieser Welt sind sich über diese Rechte einig. Das Problem ist aber nicht auf der Ebene der Begrifflichkeit zu orten, sondern auf der Ebene der Bedeutung, der Grenzen und der Definition.

Aus diesem Grund wird Werbung betrieben, um Begriffe mit bestimmten Bedeutungen zu belegen und jeder, der diese erzwungene Belegung ablehnt, wird als Feind der Menschenrechte angesehen. Dies ist eine verschleierte Meinungsdiktatur feinster Art. Dieses Thema ist natürlich sehr vielfältig. Was uns hier vor allem interessiert, ist die Tatsache, dass wir unser Augenmerk stets auf die Bedeutung richten sollten und nicht auf die Worte, so geschmückt und schön sie erscheinen mögen. Denn Worte sind für sich genommen nur Schalen, die unsere Sinne betreffen, Bedeutungen sind jedoch Kerne, die unser Herz erreichen.

Hier könnte der Einwand vorgelegt werden, dass es doch Fälle gibt, wo wir beobachten können, wie der heilige Gesetzgeber der Schale einen großen Wert beigemessen hat. So sehen wir, dass die niedergeschriebenen Namen Allahs, die im heiligen Koran oder in den edlen Überlieferungen vorkommen, eine Art heiligen Status erhalten haben. Dieser Status reicht so weit, dass diese nur im Zustand der rituellen Reinheit angefasst werden dürfen.

Blätter, auf denen diese Namen stehen, müssen in würdiger Art und Weise entsorgt werden, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Auch beim heiligen Koran ist es so, dass seine Worte nur im Zustand der rituellen Reinheit berührt werden dürfen. Obwohl diese Worte und Namen für sich genommen nur Schalen, Worte und Äußerlichkeiten sind, wie wir dies oben erklärt haben, werden sie auf diese Weise hochgeachtet. Warum ist es so?

Dieser Einwand ist sehr berechtigt, doch das dürfte kein Problem darstellen und dem oben Dargelegten nicht widersprechen, wenn wir uns Gedanken über die Weisheit solcher Gesetzgebungen machen. Der Mensch ist eben ein Geschöpf, das nur von Außen nach Innen gelangen kann. Die Äußerlichkeiten üben großen Einfluss auf ihn. Daher ist es notwendig, dass er diesen Äußerlichkeiten verschiedene Werte gibt, entsprechend ihrer Funktion und ihrer Rolle bei der Erfüllung des Ziels der Schöpfung.

Die Ka’ba z.B. ist für sich genommen ein Stein aber Allah hat diesem Stein einen Wert gegeben, so dass es ein Zeichen für das Antlitz Gottes geworden ist, obwohl sein Antlitz unabhängig von Raum und Zeit ist. Die Erde von Karbala ist für sich genommen ebenso wie jede andere Erde aber Allah hat dieser Erde einen Wert gegeben und ihr Heiligkeit eingehaucht, u.a. weil sie eine große Rolle in der Erhaltung der Religion gespielt hat. Und so ist es mit dem Text des heiligen Korans, für sich genommen wurde dieser Text mit Tinte auf Blättern niedergeschrieben aber Allah gab dieses materielle Buch einen großartigen Wert, weil seine Wahrheit und seine Bedeutung das Seil zwischen Himmel und Erde ist.

Und so ist es mit den Namen Allahs, die auf den Schöpfer allen Seins hinweisen. Diese Gesetze dürften u.a. die Aufgabe haben, durch das Äußere eine gesunde Verbindung zum Inneren herzustellen. Aus einem ähnlichen Grund kritisierte Imam Khomeini (r.a) einige Sufiten, die behaupten, dass sie bereits die Gewissheit erreicht haben und nicht mehr zu beten und zu fasten brauchen, weil sie schon vollkommen sind und sagte sinngemäß, dass diese armen Menschen nicht wissen, dass die äußere Form des Gebets die einzige Tür zu seiner inneren Wahrheit darstellt. Daher ist es unumgänglich, dass man dieser äußeren Form die entsprechende Achtung schenkt.

Die Information und das Wissen

Ein weiteres Beispiel der Oberflächlichkeit im Umgang mit den Dingen ist die fehlende Unterscheidung zwischen der Information bzw. dem naiven Wissen und dem mit Erkenntnis behafteten Wissen, zwischen der theoretischen Analyse der menschlichen Seele und der praktischen Erkenntnis und Erziehung der eigenen Seele. Das Wichtigste ist doch, dass man in der Religion nicht nur Rituale und Informationen sieht, sondern auch Erlebnis und Erkenntnis spürt. Um dies zu verdeutlichen, stellen wir uns die folgende Frage: Was unterscheidet den Beweis der Existenz von der Erkenntnis des Existierenden?

Zwischen dem Bekenntnis mit der Zunge und der Überzeugung aus ganzem Herzen liegen Welten, die nur die Gottesfürchtigen unversehrt überstehen können, denn die beste Wegzehrung ist die Gottesfurcht, wie Allah in seinem heiligen Buch sagt (Al-Baqarah | 2:197). Doch Muslime neigen dazu, ihre Beziehung zu einem Element ihrer Religion aus einer streng logischen Perspektive zu betrachten. Sie führen objektive Auseinandersetzungen mit dem religiösen Objekt, das sie gerade untersuchen oder vertreten und vergessen dabei ihre Beziehung zum Objekt, zu dem sie sich bekennen, und ihre Wechselwirkung mit ihm zu beachten. Dabei kann die Erkenntnis ausschließlich durch die Wechselwirkung zwischen dem Subjekt und dem Objekt erreicht werden.

Die sogenannten Existenzbeweise Gottes stellen bspw. lediglich eine objektive Auseinandersetzung mit dem Göttlichen dar. Auch Einheitsbeweise (Tauhid) gehen nicht viel weiter in dieser Hinsicht. Anders ist es jedoch mit der Erkenntnis Gottes, da es hierbei um die Beziehung zwischen dem Geschöpf und seinem Schöpfer geht. Daher sieht man, dass die Propheten dazu berufen wurden, die Botschaft der Erkenntnis zu überbringen. Sie wollten uns nicht nur informieren, woher wir stammen, wo wir sind und wohin wir gehen, sie wollten, dass wir diese Wahrheiten und deren Konsequenzen verstehen, unser Leben darauf basierend gestalten und unsere Erfahrungen vor diesem Hintergrund machen.

Die Botschaft basierte bei allen Propheten auf einer tragenden Säule, die keine andere als das Wort der Einheit ist: „La ilaha illa Allah“, d.h. „Es gibt keine Gottheit, nur Allah“. Das Wort der Einheit beinhaltet eine Ablehnung jeglichen Scheins sowie ein Bekenntnis zur wahren Existenz. In diesem Wort sieht man die Auseinandersetzung des Subjekts mit den Erscheinungen, mit denen er in seinem Leben konfrontiert ist, denn mit „La ilaha” sind dieser Erscheinungen gemeint. Die dem Menschen auferlegte Prüfung besteht darin, die falschen Erscheinungen und das Täuschende zu überstehen, diese abzulehnen und ihnen Widerstand zu leisten.

Der Mensch muss also geprüft werden, er muss leiden, er muss über sich selbst hinauswachsen. Denn erst wenn der Körper leidet, blüht der Geist auf. Es geht bei der Erkenntnis Gottes um von der Vernunft des Dieners verarbeitete Gefühle der Schwäche, der Abhängigkeit, der Angewiesenheit und der Armut auf der einen Seite, aber auch um die vom Herz empfundene und von der Vernunft ausgewertete Ehrfurcht und Bewunderung der Allmacht, der Unabhängigkeit und des Reichtums Gottes.

Es geht um Leid und Prüfung, um Angst und Freude, um unmittelbares Wissen, was vom Herzen gespürt wird und das Wesen des Erkennenden zutiefst prägt und es mit Wahrheit und Licht erfüllt. Die Prüfung ist es, die die Wahrhaftigkeit und den Glauben gedeihen lässt. Daher heißt es im heiligen Buch: „Denken die Menschen etwa, sie würden in Ruhe gelassen werden, indem sie bloß sagen: „Wir glauben“, ohne dass sie geprüft werden?“ (Al-Ankabut | 29:2). Das führt uns zum nächsten Abschnitt.

Die Religion zwischen Struktur und Inhalt

Der Heilige Qur’an wurde nicht als ein wissenschaftliches Buch herabgesandt, welches eine analytische Struktur besitzt und auf streng logischer Einteilung und Kategorisierung der Gedanken basiert. Die Gelehrten des Islams schreiben für gewöhnlich Bücher, die ausschließlich die Überzeugung behandeln und andere, die ausschließlich ethische Fragen unter die Lupe nehmen und Regelwerke, die ausschließlich Rechtsfragen beantworten.

Auch in Regelwerken bspw. sehen wir, dass man da Strukturen einführt, indem man einen Teil hat, der den rechtlichen Umgang des Menschen mit seinem Herrn regelt, einen anderen Teil, der seinen rechtlichen Umgang mit den anderen Menschen regelt und einen weiteren Teil, der den Umgang mit dem Rest der Schöpfung regelt.

Und in jedem Teil gibt es weitere Kategorien, sodass man da eine logische Struktur erkennt. Diese Einteilung, Kategorisierung und Strukturierung der islamischen Lehren ist sehr wichtig, sie fand jedoch nicht zur Zeit des Propheten statt, auch wenn der Prophet durch seine Worte indirekt darauf hingewiesen hat. Die Rolle dieser Strukturerkennung und Strukturierung liegt auf der Hand. Sie hilft dabei, die Inhalte einfacher zu verstehen und tiefen Einblick in sie zu haben.

Allah und sein Gesandter haben bei der Verkündung der Religion jedoch einen anderen Weg gewählt, nämlich den Weg der Ganzheitlichkeit. Der Islam wurde als ein Ganzes präsentiert. Glaube wurde mit den guten Taten gekoppelt. Allah tadelte jene, die ein Teil des Buches nehmen und einen anderen hinter ihren Rücken lassen. Er tadelte jene, die das Buch aufgetragen bekommen und ihn nicht mit voller Kraft, vom ganzen Herzen und mit allen Gliedern tragen und verglich sie mit Eseln, die Bücher auf ihren Rücken tragen, ohne davon Nutzen zu ziehen (Al-Dschumu’a | 62:5), weil der Qur’an sowie seine Suren, seine Verse und seine Worte als Ziel haben, den Menschen den rechten Weg zu weisen.

Ein einziger Vers und ein einziger Hadith können zu verschiedenen Kategorien gehören und auf verschiedenen Ebenen interpretiert werden, was die Ganzheitlichkeit des Islams einmal mehr unterstreicht. Unter den Gelehrten des Islams gibt es bspw. verschiedene Theorien über die Anzahl der sogenannten Ahkam-Verse (Verse, die Rechtsurteile betreffen). Die gängige Meinung besagt, dass es 500-600 Verse sind.[9]

Andere Gelehrte gingen soweit zu sagen, dass es keine begrenzte Anzahl von Ahkam-Versen gibt. Vielmehr sei es so, dass man von den meisten Versen Antworten auf Rechtsfragen herleiten kann.[10] Unabhängig davon, welche Verse wirklich auf Rechtsfragen eingehen oder zur Beantwortung solcher Fragen geeignet sind, steht fest, dass Überzeugung, Ethik und Recht an vielen Stellen im Qur’an miteinander verwoben sind.

Die strikt strukturelle und analytische Behandlung der islamischen Lehre ist also aus dem Bedarf entstanden, die verschiedensten Fragen zu beantworten, die im Laufe der Zeit aufgekommen sind. Die Entwicklung des Lebens, der Zivilisation und der Fortlauf der Geschichte führen zwingend dazu, dass man den Islam im Lichte der Erkenntnisse, die die Menschheit macht, betrachtet. Strukturen sind da, damit man den Inhalt versteht. An sich haben sie keinen Wert. Sie sind eine Schale, die zum Kern führt, ein Wort, das zur Bedeutung leitet und eine Verwaltung von Informationen, die den Weg zur Erkenntnis bereitet.

Leider ist es jedoch so, dass wir Muslime uns meist als Strukturenträger verstehen und nicht als Wissensträger. Das Traurige ist, dass wir dies sehr oft nicht mal wissen. Du siehst, wie jeder Muslim seine eigene Struktur verteidigt, ohne darauf zu achten, ob er auch ein Vertreter des Inhalts ist, auf den diese Struktur hinweist. Imam Baqir (a.s) sagte zu Dschabir Ibnu Abi Abdillah Al-Ansari: „Reicht es einem Schiiten aus, zu sagen, dass er uns, Ahl-ul-Bayt, liebt?! Bei Allah, unsere Schia stellen keine anderen dar, als diejenigen, die Allah fürchten und Ihm gehorchen.“[11]

Und es ist wohl so, dass diese Menschen, die gesagt haben, sie würden Ahl-ul-Bait (a.s) lieben, auch meistens dachten, dass sie sie wirklich lieben würden. Doch die Liebe war nicht ganzheitlich. Sie haben nur eine Dimension kennengelernt und angenommen, sie haben aber nicht alles, was daran gekoppelt ist, angenommen. Dies ist wieder ein Beispiel der selektiven Vorgehensweise der Muslime.

Der Satz, den der bekannte Dichter Al-Farazdaq Imam Hussayn (a.s.) sagte: „Ihre Herzen sind mit Dir, doch ihre Schwerter sind gegen dich“[12], ist die höchste Verkörperung dieser Tendenz beim Menschen, Vertreter von Floskeln zu sein. Die Religion ist für die meisten Menschen nur so etwas am Rande, eine Beflügelung ihrer Gedanken, ihres Gewissens, aber nur, solange sie nicht viel aufgeben müssen.

Imam Hussayn (a.s) sagte: „Die Menschen sind die Sklaven des diesseitigen Lebens und die Religion ist ein Wort auf ihrer Zunge, sie kümmern sich darum, solange ihr Lebensunterhalt gesichert ist. Würden sie jedoch mit Prüfungen konfrontiert, dann sind die standhaft bleibenden Gläubigen nur gering an der Zahl.”[13]

Was ist also der Ausweg von dieser Zwickmühle der Oberflächlichkeit? Es ist die Wiederbelebung der Erkenntnislehre (ar. Irfan). Doch es soll eine echte Wiederbelebung sein und kein Sturz in verschachtelten Unwissenheitsstufen und keine Verfangenheit in den Schleiern des vermeintlichen Wissens, die man nie wieder entwirren kann. Auf diese Lehre gehen wir im Folgenden ein.

Die Lehre der Gotteserkenntnis

Die Lehre der Gotteserkenntnis (ar. Irfan) ist nach Ansicht ihrer Befürworter ein echter Bestandteil des Islams. Diese Lehre ist aus ihrer Sicht den Worten der Unfehlbaren (a.s) zu entnehmen. Ja, die Gelehrten des Islams haben eine große Rolle gespielt bei der Absonderung und Trennung dieser Lehre sowie bei der Strukturierung ihrer Inhalte und Entwicklung ihrer Begrifflichkeiten.

Das ist so gesehen ein weiteres Beispiel der menschlichen Tendenz Strukturen einzuführen, die dabei helfen, die Dinge zu verstehen. Das Ziel dieser Lehre ist dabei, den Menschen auf seiner Reise zu Allah zu begleiten und ihm die Wahrheiten, Schönheiten, aber auch Gefahren dieser Reise zu verdeutlichen. Daher hilft diese Lehre dabei, dass man das in diesem Artikel angesprochene Problem der Oberflächlichkeit umgeht. Sie macht auf den Kern, von dem wir gesprochen haben, aufmerksam.

Dies gilt jedoch nur, wenn man sich inhaltlich an diese Lehre hält. Verliert man aber den Realitätsbezug und kämpft die ganze Zeit mit Begrifflichkeiten, dann fällt man wieder in das Loch, dem man durch diese Lehre zu entkommen versuchte – das Loch des zusammengesetzten Unwissens. Lasst uns schauen, was das Ziel dieser Lehre ist und welche Gefahren in dieser Hinsicht bestehen.

Diese Erkenntnislehre besagt im Prinzip, dass die islamische Lehre in all ihren Dimensionen einen Kern und einen Inhalt besitzt, die weit über das hinausgehen, was der unachtsame Mensch vermuten würde sowie dass eigentlich dieser Kern und dieser Inhalt das Ziel sind, das es zu erreichen gilt. Doch um diesen Inhalt und diesen Sinn zu erreichen, schlägt die Erkenntnislehre nicht den üblichen Weg des mittelbaren Wissens vor.

Vielmehr zeigt sie, wie man diesen Inhalt erleben und im Herzen erkennen kann. Der Erkennende (ar. Arif) sucht nach der Gewissheit des Herzens (ar. Ain al-Yaqin). Das unterscheidet diese Lehre von der Philosophie, die die Logik der Vernunft befriedigt.

Allah sagt in seinem heiligen Buch: „Und ich habe die Dschinn und die Menschen für nichts anderes erschaffen, außer damit sie Mir dienen.” (Adh-Dhariyat | 51:56). In einer Überlieferung erklärt der Unfehlbare (a.s), dass eigentlich nicht der Dienst im Sinne von Bewegung der Körperglieder an sich gemeint ist, vielmehr ist die Einsicht und die Erkenntnis, die darauf basiert, gemeint.

So sagt Imam Hussayn (a.s): „O ihr Menschen! Allah hat die Menschen für nichts anderes erschaffen, außer dazu, dass sie ihn erkennen. Wenn sie ihn also erkennen, dienen sie Ihm.”[14] Das Ziel ist es also Allah zu erkennen, in dem die Sonne der Wahrheit im Herzen aufgeht, dies ist der sogenannte „Ischraq”. Und daher wurde diese Lehre gegründet, damit sie die Menschen auf eben diese Wahrheit hinweist und ihnen erklärt, wie sie dies erreichen können.

Einige Gelehrte haben diese Lehre jedoch abgelehnt, weil sie aus ihrer Sicht nicht notwendig ist. Es reicht ihrer Ansicht nach völlig aus, wenn man sich an die Worte, Anweisungen und Lehren der Ahl-ul-Bayt hält. Die Behauptung dieser Gelehrten kann in zwei Behauptungen zerlegt werden: 1. Diese Erkenntnislehre gehört nicht zur Schule der Ahl-ul-Bayt und 2. die Schule der Ahl-ul-Bayt ist vollständig und bedarf keiner Erneuerungen.

Die zweite Behauptung ist unstrittig unter den Schiiten. Doch die Irfan-Befürworter weisen die erste Behauptung zurück und stellen sinngemäß die Gegenthese, dass die Irfan-Gegner nicht zwischen Struktur und Inhalt unterscheiden. Inhaltlich bedarf die Lehre der Ahl-ul-Bayt keiner Erneuerung. Aber die Strukturen, die die Gelehrten der Muslime aufbauen, sind dazu da, dass man einen richtigen Umgang mit diesem Inhalt pflegt oder sein Verständnis dieses Inhaltes entwickelt.

Daher sieht man, dass heutzutage beinahe keiner gegen die Wissenschaft der Fiqh-Prinzipien ist (ar. Usul), keiner gegen die Hadith-Wissenschaft (ar. Ulum al-Hadith) ist, keiner gegen die Tradenten-Wissenschaft (ar. Ilm al-Ridschal) etc. Warum? Weil sie diese Wissenschaften als Diener des Islams ansehen, als Strukturen, die dabei helfen, seine Inhalte zu verstehen. Und so ist es auch mit der Erkenntnislehre: Wenn da Begriffe verwendet werden, die als neue Schöpfung angesehen werden können, so verlässt diese Lehre im Allgemeinen nicht den islamischen Rahmen und dient dem Verständnis seiner Inhalte.

Es scheint also so zu sein, dass Irfan-Gegner in dieselbe Falle gefallen sind, wie die Akhbariten (ar. Akhbariyun), die die selbständige Rechtsfindung und das Autoritätssystem der Usuliten (ar. Usuliyun) verworfen haben, weil Letztere jene Begrifflichkeiten in Schutz genommen haben, die früher falsch belegt waren. Nur weil die Imame den „Idschtihad” (dt. selbständige Rechtsfindung) abgelehnt haben, lehnten sie das Wort „Idschtihad” ab und ignorierten die Tatsache, dass „Idschtihad” nun etwas ganz anderes bedeutete als zur Zeit der Imame[15]. Hier sind wir wieder bei dem Problem von der Schale und dem Kern.

Doch auf der anderen Seite muss man die Irfan-Gegner verstehen können, denn unter den Irfan-Befürwortern entwickelte sich mit der Zeit eine Tendenz, die Irfan-Lehre als Struktur für wesentlich zu halten. Viele denken, es würde ausreichen, die Begrifflichkeiten dieser Lehre zu verstehen, damit man eine hohe Stufe erreicht. Dabei sind diese Begrifflichkeiten nicht mehr als Sprachhülsen, wenn man sich den gemeinten Inhalt nicht zu Herzen nimmt und seine Seele nicht erzieht. Daher droht einem ein Realitätsverlust, wenn die Aneignung dieser Lehre einem zu Kopf steigt. Dabei ist die Information eine Sache, die Erkenntnis jedoch eine andere, wie wir bereits erwähnt haben.

Jemand, der nur die Irfan-Lehre meistert, ähnelt einem, der ein Buch kauft, ohne seinen Inhalt zu lesen und zu verstehen. Schopenhauer sagte einst, dass es gut wäre, wenn man mit den Büchern auch die Zeit mit kaufen könnte, die man dafür braucht, um sie zu lesen. Und so müssen auch alle Menschen, die Allah erkennen und zu ihm aufbrechen wollen, nicht nur bestimmte Inhalte verstehen, sondern auch die Entschlossenheit und die Aufrichtigkeit haben, den Mut fassen und die Geduld und die Weisheit aufbringen, um diese Inhalte tatsächlich umzusetzen und auszuleben. Sonst gehört das angeeignete Wissen zum Schmuck des Diesseits, das wohl oder übel verschwinden wird. Bleiben wird lediglich das, was der Seele des Menschen Nutzen bringt und sie vor den Tiefen der Entfernung vom Himmel schützt.

Hat man dieses Bewusstsein hinsichtlich des Ziels unserer Existenz und dieses Unterscheidungsvermögen zwischen Schale und Kern, dann kann die Reise zu Allah erfolgreich werden. Diese Reise wird dann den Diener mit Glückseligkeit und Zufriedenheit erfüllen und auch wenn er aufs Schwerste geprüft wird, würde er mit Aufrichtigkeit und Geduld jede Prüfung bestehen, denn ihn würde lediglich der Schatz interessieren, der verbogen war und uns erschaffen hat, damit wir Ihn erkennen.[16] Und hier bietet die Lehre der Gotteserkenntnis viele Stützen, die dem Muslim auf dieser Reise helfen.

Zusammenfassung

Wir haben in diesem Artikel auf eine überaus große Gefahr hingewiesen, die den Muslim in seiner Reise zu Gott auf fataler Weise aufhalten kann. Dies ist der Schleier des zusammengesetzten Unwissens. Am Anfang wurden allgemeine Beispiele gegeben, die den Umgang des Menschen mit den Schalen der Wahrheiten betreffen und seine Unachtsamkeit gegenüber dem Inhalt thematisieren. Dies führte uns zum Umgang der Muslime mit ihrer Religion. Da haben wir ein Problem festgestellt und davor gewarnt.

Das Problem besteht darin, dass viele Muslime ihre Religion als Rituale auffassen und aus Gründen der fanatischen Zugehörigkeit in Schutz nehmen, ohne darauf zu achten, ob sie gemäß ihrem Inhalt leben oder nicht. Unser Fazit war, dass der Muslim sich auf die Gotteserkenntnis konzentrieren soll und er sollte alles andere als Mittel ansehen, das ihn zum Ziel führt. Zum Schluss wurde die Gotteserkenntnis grob thematisiert und wiederum auf die Gefahr einer verschachtelten Unwissenheit im Umgang mit der Lehre der Gotteserkenntnis hingewiesen.

Das Anliegen dieses Artikels ist, die Muslime dazu aufzurufen, ihre Überzeugungen und Handlungsmuster stets auf Oberflächlichkeit zu überprüfen, damit sie nicht ihr Leben auf dem Weg der Unachtsamkeit verbringen. Es gibt nichts Schöneres als die Fesseln des Unwissens zu brechen und die Schleier der Dunkelheit zu durchdringen. Ja in der scha’banitischen Anrufung heißt es: „Mein Gott, erleuchte die Blicke unserer Herzen mit dem Licht deines Anblicks, bis dass die Blicke der Herzen, die Schleier des Lichts durchdringen und zur Essenz der Großartigkeit gelangen und unser Geist derart wird, dass er an der Allmacht deiner Heiligkeit hängt.“ In diesem Sinne lasst uns jegliche Schleier entfernen, selbst wenn diese Schleier aus Licht bestehen.

Ali T. Abdallah

[1] Scheich Muhammad Ridha al-Mudhaffar: Die Logik, S. 18.
[2] Muhammad ar-Reyschahri: Mizan al-Hikma. T. 2, S. 915.
[3] Allama al-Madschlissi: Bihar al-Anwar. T. 75, S. 23.
[4] Mit syntaktischer Einheit meinen wir ein Zeichen oder eine Zeichenfolge, die ein funktionelles Element einer Grammatik darstellt, durch das je nach Kontext eine oder mehrere Bedeutungen vermittelt werden können. Inbesondere kann ein Wort als eine syntaktische Einheit aufgefasst werden.
[5] Das Wort Semantik hat zwei Bedeutungen: Einmal die Lehre der Bedeutung von Zeichen oder Zeichenfolgen und einmal die Belegung einer syntaktischen Einheit bzw. die Bedeutung, die durch sie vermittelt wird. Hier meinen wir die zweite Bedeutung.
[6] Sayyed Muhammad Baqir as-Sadr: Duroos fi Ilm al-Usool. T. 1, S. 186.
[7] Sayyed Muhammad Baqir as-Sadr stützte sich auf die Studien des berühmten russischen Psychologen Pawlow, um dieses Thema zu untersuchen.
[8] Muhammad Salih al-Mazindarani: Exegese von Usool al-Kafi. T. 2, S. 234.
[9] Al-Ghazali: Al-Mustasfa. Bd. 2, S. 200; Ar-Razi: Al-Mahsul. Bd. 2, S. 497; Allama al-Hilli: Nihayat al-Wusul. Bd. 5, S. 170.
[10] Schawkani, Ibnu Badran.
[11] Al-Kafi, Teil 2, Das Buch des Iman und des Kufr, Abschnitt über Gehorsam und Gottesfurcht.
[12] Die Enzyklopädie des Martyriums der Unfehlbaren (a.s) – Die Kommission des Hadiths in Institut von Baqir-ul-Ulum, T. 2, S. 159.
[13] Ibn Schu’ba Al-Harrani: Tuhaf al-Uqool, S. 245.
[14] Scheich Saduq: Ilal al-Schara’i. T. 1, S. 9.
[15] Al-Akhbariyya ist eine schiitische Bewegung, die im 11-ten Jahrhundert nach islamischer Zeitrechnung erschienen ist und von einigen als moderne, auch wenn extreme Form der Methodik der alten Muhaddithun (Überlieferer) aufgefasst wird. Al-Muhadith Al-Astrabadi (gestorben 1033 n.H.) wird dabei oft als Gründer dieser Schule angesehen. Diese Bewegung basierte auf der Ablehnung mehrerer Prinzipien, die in der jaafaritischen Rechtsschule im Laufe der Jahrhunderte von der sogenannten Schule der Usuliyya (Schule der prinzipienbasierten Rechtsfindung) etabliert wurden. So bestritten sie die Rolle der Vernunft als unabhängige Quelle für Rechtsfindung. Zudem wiesen sie Konsensurteile als unabhängige Quelle zurück. Außerdem haben sie die Beweiskraft der naheliegenden Bedeutungen im Koran (Thawahir Al-Quran) bestritten, und behaupteten, dass man nur die Hadithe der Ahlulbait (a.s) als Quelle der Rechtsfindung nehmen kann. Der Koran betrachteten sie als ein Brief von Allah an den Unfehlbaren, so dass nur der Unfehlbare seine Inhalte verstehen kann. Außerdem betrachteten sie alle Hadithe in den vier Hauptbüchern der Schiiten (Istibsar, Tahdhib, Man La Yahduruhu Al-Faqih und Al-Kafi) als authentisch. Einige Experten sagen, dass sie hierdurch den von ihnen behaupteten Einfluss der sunnitischen Rechtsschule auf die schiitische Rechtsschule ein Ende setzen wollten, da sie die Tradentenwissenschaft (Ilmu Ridschal) und vor allem die Hadithwissenschaft (Ilmu Diraya) teilweise als sunnitische Erfindungen abgestempelt haben. Natürlich gab es unter den Akhbariten unterschiedliche Richtungen und im Laufe der Zeit erfuhr ihre Schule einige Veränderungen und wurden immer moderater, vor allem durch den Einfluss von Muhaqqiq Yusuf Al-Bahrani (r.a), der in seinem späten Leben gar viele Unterschiede relativiert hat und zum Ende dieser Erscheinung beigetragen hat, auch wenn er selbst zu den Akhbariten zählte, so dass seine Schule sinngemäß als Zwischenwelt zwischen Akhbariyya und Usuliyya angesehen wird.
[16] Allama al-Madschlisi: Bihar al-Anwar. T. 84, S. 199.