Säkularismus und Spiritualität

Schlüssige und bedeutende Konzepte jeder Kultur und Zivilisation können nicht einfach in andere kulturelle Bereiche übersetzt und übertragen werden. Bei der Übersetzung des Säkularismus wird von Weltlichkeit, vom Glauben an die Authentizität weltlicher Angelegenheiten, von der Trennung der Religion von der Welt, der Trennung von Religion und Politik usw. gesprochen. Unter Nichtbeachtung der Äquivalente, welche beim Säkularismus angewandt werden, kann man behaupten, dass der Begriff Säkularismus eine Art Ontologie darstellt, welche sich der Authentizität der weltlichen und diesseitigen Angelegenheiten widmet.

Diese Art Ontologie, welche auf eine für sie geeignete Anthropologie abgestimmt ist, ist hingegen eine weitere Form der Ontologie, welche eine spirituelle und religiöse Facette besitzt. In der spirituellen Ontologie wird der Ursprung der allmächtigen und heiligen Existenz gewidmet, welche das Diesseits umgibt, diesem Bedeutung schenkt und über sie bestimmt, sodass deren Nichtbeachtung zu einer Verkennung der Wahrheit des Diesseits führt.

Formen der religiösen Spiritualität

Die religiöse Spiritualität kann verschiedene Formen besitzen:

  • Die religiöse Spiritualität kann in Bezug auf das weltliche Leben entweder aktiv und konstruktiv sein oder negative und enthaltsame Ansätze zur Welt haben.
  • Die religiöse Spiritualität besitzt in Bezug auf die verschiedenen Stufen des Verstandes und der Vernunft entweder eine positive Sichtweise oder steht mit ihr in Konflikt; diese Dualität wird beim Vergleich einiger Religionen, welche den Glauben zum Verstand in einem Gegensatz sehen, mit dem Islam, der den Verstand als Spiegel des Glaubens sieht, ersichtlich. Denn in den islamischen Lehren wird der Verstand als Mittel gesehen, mit dessen Hilfe Gott angebetet werden kann und damit die Basis für die Glückseligkeit des Menschen verschaffen wird.

العقل ماعبد به الرحمن واكتسب به الجنان [1]

  • Die religiöse Spiritualität kann eine monotheistische oder mythische Erscheinung besitzen; dieser Konflikt wird beim Vergleich monotheistischer Religionen mit Religionen, welche an mehrere Götter glauben, klarer.
  • Die religiöse Spiritualität kann ein wahrhaftiges oder aber auch falsches Gesicht besitzen.

Die Wahrhaftigkeit und Falschheit der Spiritualität

Die wahrhaftige und falsche Spiritualität kann in zwei Bedeutungen angewendet werden:

Wahrhaftigkeit und Falschheit aufgrund von wissenschaftlichen und vernünftigen Maßstäben.

Bei dieser Zuordnung handelt es sich bei der wahrhaftigen Spiritualität um eine Spiritualität, welche mit der Realität übereinstimmt und bei der vernünftige Argumente deren Wahrhaftigkeit bestätigen. Die falsche Spiritualität glaubt zwar auch an übernatürliche Existenzen, jedoch auf eine Art, die gegen die Realität ist; diese Art von Spiritualität, welche mit abergläubischen Ansichten vermischt ist, widerspricht vernünftigen Argumenten, wie z.B. einige polytheistische und mythische Vorstellungen des Ostens.

Die Wahrhaftigkeit und Falschheit aufgrund der Übereinstimmung oder Ablehnung des individuellen Verhaltens einer Person mit dessen spirituellem Glauben.

Bei dieser Unterordnung erachtet sich das Individuum jedes Mal als wahrhaftig, wenn sein Handeln und seine Handlungsorientierung mit seinen spirituellen Vorstellungen übereinstimmen. Und jedes Mal, wenn sein Verhalten mit seinen spirituellen Vorstellungen und Ansichten nicht übereinstimmt, wenn beispielsweise die Verhaltensorientierung nach wahrhaftigen Bestätigungen und spirituellen Idealen eine weltliche Facette besitzt, so wird diese Spiritualität als falsch erachtet.

Ein sündiger Mensch ist an eine solch falsche Spiritualität gefesselt; denn obwohl er theoretisch gesehen einen religiösen Glauben besitzt, handelt er hinsichtlich seines Verhaltens entgegen diesem Glauben. Eine heuchlerische Person besitzt ebenfalls eine falsche (pseudo) Spiritualität. Da er in Bezug auf sein Verhalten eine weltliche Neigung aufzeigt, rechtfertigt er sein Verhalten gegenüber anderen im theoretischen Sinne als spirituell und stellt sich als frommer Mensch dar.

Bei der unsittlichen Person existiert eine Differenz zwischen ihrem Verhalten und ihren Vorstellungen. Bei einem sündigen Menschen gibt es eine Abweichung zwischen seinem Verhalten und seiner Überzeugung, bei einer  heuchlerischen Person jedoch unterscheidet sich das Verhalten des Individuums von den religiösen Vorstellungen, die es vorgibt.

Die Wahrhaftigkeit und Falschheit, welche aufgrund der Bewertung der Ansichten und des Verhaltens oder des Vergleichs des Inneren mit dem Äußeren des Individuums erlangt wird, besitzt eine relative Bedeutung. Dies bedeutet, dass jeder Mensch, dessen Verhalten mit seinen spirituellen Vorstellungen übereinstimmt und der mit anderen Worten in seinem Verhalten eine Aufrichtigkeit besitzt, von einer wahrhaftigen Spiritualität zeugt; eine Person jedoch, welche mit ihrem Verhalten ihren Ansichten widerspricht oder dessen Ansichten und Verhalten gegen ihre spirituelle und religiöse Erscheinung sind, zeugt von einer falschen Spiritualität. Es ist offensichtlich, dass diese Bedeutung von Wahrhaftigkeit und Falschheit in Bezug auf die Übereinstimmung des Individuums mit dem wahren Wort und der Welt nicht abweichend ist.

Die Formen des Säkularismus

Der Säkularismus wird wie die Spiritualität in unterschiedliche Formen unterteilt:

  • Der Säkularismus erscheint manchmal als Anschauungstheorie und manchmal bildet sie den Rahmen einer Verhaltensorientierung. Die Verhaltensorientierungen des Säkularismus führen zu einer Säkularisierung und bringen die Verweltlichung mit sich. Die beiden Ebenen der Theorie und Praxis des Säkularismus erscheinen manchmal zeitgleich und manchmal getrennt voneinander. Es ist offensichtlich, dass wenn ein verhaltensorientierter Säkularismus mit einer spirituellen Erscheinung gepaart wird, es zu einer Art falsche Spiritualität kommt.
  • Die theoretische Facette des Säkularismus ist manchmal offensichtlich und eindeutig, wie materialistische Philosophie, welche die spirituelle Metaphysik und Existenz explizit verleugnet; und manchmal ist sie verborgen und ruhig und nicht eindeutig als Leugner und Wiedersprecher der Spiritualität zu erkennen.
  • Die ruhige und verborgene Facette des Säkularismus verläuft entweder im Stillen entlang der spirituellen und religiösen Übergänge, wie die Positivisten des Wiener Kreises, welche aufgrund der Erkenntnistheorie die religiösen Übergänge als unsinnig und lächerlich erachten und deren Widerlegung oder Beweis nicht als zulässig [Diese Gruppe führt die Erklärung dieser Welt mit der Missachtung der Bedeutungsebene durch, ohne sich explizit deren Widerlegung zu widmen.] oder sich mithilfe eines weltlichen Ansatzes der Rechtfertigung widmet, der Erklärung und gleichzeitig der Verteidigung spiritueller Übergänge und Phänomene wie beispielsweise von Personen, welche mit pragmatischen Methoden oder konstruktiven Deutungen über die  Effizienz und positiven gesellschaftlichen Auswirkungen  der Religion sprechen.

Säkulare Deutungen der Religion und der religiösen Spiritualität

Die säkulare und weltliche Deutung und Rechtfertigung der Religion und religiösen Spiritualität besitzt aus verschiedenen Sichtweisen unterschiedliche Formen.

In Bezug auf ihren Ursprung

Einige sehen die Religion und die religiöse Spiritualität als Ergebnis geistiger Anstrengung des Menschen zur Deutungstheorie der Welt in einer von vielen Schöpfungsstufen menschlicher Erkenntnis. Andere bieten emotionale und psychologische Deutungen dafür an. Einige Deutungen besitzen bei der Erklärung und Rechtfertigung der Religion und Spiritualität auch gesellschaftliche Ansätze.

In Bezug auf den Bereich der Existenz und der Domäne

Einige erachten die Religion und religiöse Spiritualität als eingeschränkt auf persönliche und innere Domänen des Individuums und erkennen sie als persönliches und psychisches Phänomen an. Andere suchen die Domäne der Religion und der religiösen Spiritualität in gesellschaftlichen und politischen Angelegenheiten und betrachten diese im Rahmen einer Art Ideologie, welche sich der Deutung und Rechtfertigung gesellschaftlichem Verhalten und Aufbau widmet.

Ideologische Ansätze der Religion und Spiritualität können auch radikale oder defensive, links- oder rechtsorientierte, sozialistische oder liberalistische… u.s.w. Facetten besitzen. Die psychologische Deutung von Freud ist eine Art psychischer und eher individueller Ansatz zur Religion und die Definition von Durkheim oder Marx von der Religiosität ist eine gesellschaftliche und ideologische Definition.

Die falsche Spiritualität

Die Rechtfertigung der säkularen Spiritualität ist eine Art falsche Spiritualität. Die wissenschaftliche Falschheit dieser Art Spiritualität aufgrund religiöser Ontologie und spiritueller Deutungen der Welt herrscht dann vor, wenn die vorteilhafte Äußerung und weltliche Funktion der Religiosität mit der Degradation der Wahrhaftigkeit der Religion zu genau diesem Horizont eingeschränkt ist. Personen, welche die Metaphysik als unmöglich erachten oder metaphysische und spirituelle Übergänge in Bezug auf die Erkenntnis als sinnlos betrachten, fallen bei ihren psychischen oder arbeitsbezogenen Deutungen solchen Reduzierungen anheim.

Die Verhaltensfalschheit der säkularen Deutungen der Religiosität werden seitens politischer Führungspositionen verwendet; wenn sie die gesellschaftlichen und nützlichen Funktionen der Religion erkennen, nutzen sie die Religiosität als einen nützlichen und effizienten Deckmantel, um ihre säkularen und weltlichen Ansichten zu erreichen. Die Verwendung spiritueller und religiöser Definitionen zur Rechtfertigung des Verhaltens von seitens Menschen, welche in Bezug auf ihre Meinung nicht an die religiösen und spirituellen Ideale glauben, ist eine weitere Art falscher Spiritualität.

Diese Art Falschheit unterscheidet sich von der spirituellen Falschheit der Menschen, deren persönliche Verhaltensorientierung und persönliches Verhalten mit den Glaubensansichten und Vorstellungen der Spiritualität in Kontrast stehen. Die falsche Spiritualität dieser Gruppe von Menschen ist mit gesellschaftlicher Zwietracht erfüllt, da sie trotz der Tatsache, dass sie keinen spirituellen und religiösen Glauben besitzen, ihr weltliches Verhalten vor den Augen anderer Menschen  als eine Art religiöses Verhalten rechtfertigen.

Die historische Betrachtung des Säkularismus

Historisch gesehen haben der spirituelle Glaube und spirituelle Betrachtungen der Welt Vorrang vor weltlichen und säkularen Betrachtungen. Daher kann man  keinen Zeitpunkt in der vergangenen Geschichte der Menschheit finden, zu dem religiöse und spirituelle Sichtweisen die Bereiche der Kultur und des Lebens der Menschen nicht dominiert haben. Obwohl die säkulare Betrachtung der Welt in der historischen Vergangenheit existiert hat und vielleicht in Bezug auf kulturelle und zivilisierte Betrachtungen in der Vergangenheit keine Dominanz erzielt hat, so gehört die Dominanz und Anerkennung dieser Ansicht doch der Modernen an.

Die weltliche Vorstellung des Glaubens und der Orientierung in einem sukzessiven Prozess, welcher als Säkularisation gesehen wird, hat sich in der westlichen Kultur und Zivilisation seit der Renaissance erweitert und sich nach und nach mit der Erfassung gesellschaftlicher Institutionen und Einrichtungen bis zu einer Stufe der Zusammenstellung weltweiter Erklärungen der Menschenrechte etabliert. Inzwischen besitzt diese Ansichtsweise mithilfe der gegebenen Möglichkeiten und Kapazitäten in der westlichen Zivilisation einen weltweiten Anspruch.

Die historische Betrachtung der spirituellen Rechtfertigung des Verhaltenssäkularismus

Historisch gesehen wird der weltliche Ansatz der Menschen, solange die spirituelle und religiöse Sichtweise der Welt in der Domäne menschlicher Kultur dominiert, eher auf die Betrachtung des Verhaltens begrenzt sein. In diesem Zustand verdecken Menschen ihre weltlichen Ansätze mit einer spirituellen Rechtfertigung, welche theoretisch und abstrakt gesehen auch falsch ist; Eine spirituelle Rechtfertigung weltlichen Verhaltens führt nämlich auf jeden Fall zu einer falschen und trügerischen  Spiritualität.

Viele Hegemonien der Vergangenheit, wie beispielsweise die des Pharao, welcher sich zu der Gattung der Götter zählte und sich mit dem Zitat „Ich bin euer Herr, der Oberste“ (انا ربكم الاعلى) als Gott vorstellte, gehörten dazu. Oder wie die römischen oder chinesischen Könige, welche ihre Legitimität mit ihrer himmlischen und göttlichen Zuordnung gerechtfertigt haben.

Die weltliche Deutung religiöser Ansichten

Die Dominanz des Säkularismus im modernen Zeitalter parallel zur Aufhebung der eigentlichen spirituellen und religiösen Ansichten aus dem öffentlichen und wissenschaftlichen Bereich der Kultur bildete ebenfalls die Grundlage für die falsche und trügerische spirituelle Rechtfertigung. Aus diesem Grund sind  weltliche und säkulare Deutungen religiöser Ansichten an Stelle von religiösen Deutungen der säkularen Verhaltensmuster getreten.

Die säkulare Deutung in der Welt der Moderne ging in vielen Fällen im Rahmen des bloßen Säkularismus mit der Leugnung und dem Widerspruch gegen die Religiosität einher und in einigen Fällen, in denen die säkulare Deutung der Religion mit dem Erhalt seiner weltlichen Basis eine positive Sichtweise zu weltlichen Angelegenheiten und Aspekten religiöser Anschauungsvorstellungen aufwies, wurde die Rechtfertigung der Religiosität soagr auf den Bereich des persönlichen Lebens begrenzt und deren Existenz auf dem Gebiet der Macht und Politik nicht geduldet. Beispielsweise sieht Durkheim, der eine Deutung gesellschaftlicher Funktionen von der Religion vertritt, die Funktion der Religion auf nichtindustrielle Gesellschaften begrenzt und die Unternehmensethik und Ähnliches als ein Ersatzelement für eine neue Welt.

Der Säkularismus ist eine antispirituelle und antireligiöse Ideologie und stellt vielleicht die tiefste Ebene für unterschiedliche Ideologien dar, welche mit der Authentifizierung und Wertzuweisung des weltlichen Lebens der Menschen auf der Suche nach der  Rechtfertigung des Lebens aufkommen. Wenn sich die Spiritualität und Religiosität im Bereich der öffentlichen Kultur spiegeln möchte, versucht diese Ideologie, abgesehen vom Widerstand gegen ein erneutes Aufleben der Religion, diese zu kontrollieren.

Der Widerstand des Säkularismus gegenüber den spirituellen und religiösen Bewegungen wird unterschiedliche Facetten aufzeigen. Die westliche Autorität und Politik wird dieses Feld mit allen wirtschaftlichen, kulturellen, kommunikativen, militärischen, u.s.w. Mitteln und Möglichkeiten betreten und auf diesem Weg von allen theoretischen Arbeiten auf dem Gebiet der säkularen Geisteswissenschaften Gebrauch machen, um dadurch alles zu unternehmen, was zu einer Verstärkung und Verwendung solcher Wissenschaften und Anschauungsweisen beiträgt.

Postsäkularismus

Die spirituelle Erbauung ist ein Phänomen, welches sich seit dem letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts auf weltweiter Ebene gezeigt und die Aufmerksamkeit der Soziologen und Sozialwissenschaftler auf sich gezogen hat. Die säkularen Ansichtsvertreter des Westens haben in ihren letzten Anschauungsversuchen nicht die Absicht der religiösen und spirituellen Rechtfertigung und Deutung der aktuellen Situation auf der Welt, da sie, auch wenn sie falsch oder trügerisch sein könnten, der Anerkennung der Existenz einer Spiritualität und der Akzeptanz einer neuen Realität dienten.

Sie bemühen sich darum, dieses spirituelle Phänomen innerhalb ihres weltlichen Rahmens zu bestimmen und mithilfe ihrer Wissensmittel deren Kontroll- und Erfassungswege vorzustellen. Die Rede von Habermas an der Universität Teheran ist ein Beispiel für die Anschauungsbemühungen und steht für die wissenschaftliche Bewegung des Säkularismus gegen die spirituelle Bewegung auf der Welt, welche sich noch in der Untersuchungsphase befindet.

Er hat die Einkehr des Säkularismus und die Existenz der Religiosität und Spiritualität für die westliche Welt zwei Bedingungen vorbehalten. Die erste Bedingung: die Akzeptanz des Verstandes als Ausgangspunkt und die zweite Bedingung: die Akzeptanz der Wissenschaft als Ausgangspunkt, also im Endeffekt als Wissens- und Verstandsmittel.

Religion und Konventionsausgangspunkte und Wissenschaftsmittel

Die Positionierung der Religion unter den Konventionsverstand, um sie den niedrigsten Erkenntnisebenen der Menschheit zuzuordnen, ist zeitgenössisch. Die Akzeptanz der Konventionen über der Religion und die Spiritualität bedeutet, dass die Religion eine säkulare Deutung und von sich aus diesseitige Verkündung besitzen bzw. annehmen muss. Mit anderen Worten muss die Religion ihre Wahrhaftigkeit in Richtung der Konventionalisierung degradieren und vielleicht sogar dieser zur Verfügung stellen, anstatt die Konvention ihrer Menschen in Richtung der Religiosität zu leiten.

Die Akzeptanz der Verstandes als Ausgangspunkt bedeutet hingegen, dass die Religion innerhalb des Führungs- und Leitungsrahmens in Bezug auf das Diesseits handeln und agieren muss und ihre Verhaltensregeln auch diesen Vorgaben anpassen muss. Indem die Religiosität die genannten Voraussetzungen für sich in der säkularen Welt akzeptiert, also unter der Voraussetzung, dass die Spiritualität ihren erneuten weltweiten Aufstieg beginnt, wird sie als funktionsfähiges Werkzeug der Kontrolle und Permutation durch diese weltliche Bewegung dienen können. Auf diese Weise wird die Religiosität, welche man im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts aus dem Bereich menschlicher Kultur als ausgestorben geglaubt hatte, eine Art moderne Gefangenschaft erfahren.

Die moderne Gefangenschaft der Religiosität

Die moderne Gefangenschaft der Religiosität unterscheidet sich auch von den historischen Formen der Gefangenschaft. In der historischen Vergangenheit haben nämlich praktische weltliche und säkulare Ansätze zur Rechtfertigung ihrer Ansätze von Deutungen Gebrauch gemacht, welche wahrhaftige spirituelle und religiöse Grundlagen aufwiesen.

Aber Voraussetzungen, welche die säkulare Welt nach Habermas für die Existenz und Stetigkeit der Religiosität äußert, bestehen in der Akzeptanz einer Deutung, welche nicht nur die heilige Offenbarung und den heiligen Verstand als Ausgangspunkt leugnet, sondern die erkenntliche, wissenschaftliche und vernünftige Existenz der Religiosität vollkommen widerlegt und sie ausschließlich als eine geistige und psychische Orientierung ansieht, welche sich unter der Bedeckung unterschiedlicher Stufen der Erkenntnis und des Bewusstseins und der säkularen Wissenschaft der eigenen Deutung widmet oder sich danach verhält.

Die spirituelle Bewegung des Imam Khomeini

Imam Khomeini hat zu Beginn der vierziger Jahre (Sonnenjahr) die schiitische Quelle der Nachahmung nach einer Isolierung von fünf Jahrzehnten erneut auf eine Führungsebene einer aktiven Politikbewegung positioniert und dadurch eine spirituelle und religiöse politische Bewegung erzeugt. Die Bewegung des Imam hatte ihre Wurzeln im Erkenntnissystem der Religion. Er hat die mystische, philosophische, verbale, grundsätzliche und schiitisch theologische Denkweise, welche sich mit einer historischen Geschichte in der Tiefe der religiösen Kultur der iranischen Menschen verbunden hatte, von dem Pfad der schiitischen Quelle der Nachahmung zu einer aktiven politischen Bewegung geführt.

Die eigentliche Orientierung dieser Bewegung lag im Widerstand gegen eine Macht, welche am Rande ihrer westlichen politischen und militärischen Autorität säkulare Prozesse verfolgte. Die Bewegung des Imam stellte eine Erscheinung der ersten erfolgreichen Widerstandskapazität der islamischen Kultur dar und vielleicht sogar Religion gegenüber dem umfangreichen Ansturm der westlichen Kultur und der Zivilisation des Westens auf nichtwestliche und unter anderem islamische Länder.

Besonderheiten der spirituellen Bewegung des Imams

Imam Khomeini hat in seinem gesellschaftlichen und politischen Wirken die spirituelle Existenzkontinuität des Islam hergeleitet und aus diesem Grund besitzt deren spiritueller Ansatz folgende Besonderheiten:

  1. Er ist in Bezug auf das weltliche Leben mithilfe der Erhaltung seiner spirituellen und religiösen Ansätze aktiv und konstruktiv.
  2. Die Horizonte seiner Ansicht zu seiner persönlichen islamischen Einstellung sind sowohl auf das Individuum als auch auf die Gesellschaft ausgerichtet.
  3. Er sieht die Gerechtigkeit als zentrales Element an und widersetzt sich der Unterdrückung.
  4. Er umfasst eine monotheistische Erscheinung und Verinnerlichung (also deren Äußeres und Inneres).
  5. Er ist traditionsorientiert und besitzt einen tiefgründigen Glauben an die Ausrichtung nach der Offenbarung.
  6. Er sieht die Überlieferung im Schatten der Offenbarung als Quelle der Anerkennung und Erkenntnis.
  7. Er sieht die Mystik und Intuition als eine gültige Erkenntnisquelle an und akzeptiert die esoterische Wissenschaft.
  8. Er sieht den Verstand als Zentrum an und glaubt an viele unterschiedliche Stufen der Rationalität, beispielsweise heilige, theoretische, praktische, unwesentliche, handwerkliche Rationalität. Und erkennt alle Stufen der Rationalität als Erkenntnisquelle an.
  9. Er glaubt nicht an die Unabhängigkeit und Trennung unterschiedlicher Erkenntnisbereiche wie beispielsweise Verstand, Intuition, Überlieferung und Offenbarung, sondern sieht sie in Bezug auf die Ontologie und die Erkenntnistheorie in einer organischen Verbindung.
  10. Er sieht keine der genannten Stufen der Erkenntnis als irrational an und sieht beim Beweisen des Verstandes sogar einige davon als weit über den Verstand hinaus an.
  11. Er zählt den Verstand mit all seinen Stufen und die Überlieferung, welche sich im Schatten der göttlichen Offenbarung und Intuition befindet, in all ihren Dimensionen wie beispielsweise als Buch, Tradition und Gesellschaft als Erkenntnisquellen der Religion an und basiert auf Bemühungen.
  12. Er schränkt die Wissenschaft nicht auf den Bereich der Wissenschaft als Mittel ein und sieht die Bemühungen mit den genannten Eigenschaften als Wissenschaftserkenntnis an.
  13. Er sieht alle Dimensionen des menschlichen Lebens mit der Erhaltung seiner spirituellen Eigenschaften dargestellt in der Arbitration der Wissenschaft und rät zu wissenschaftlichen Bemühungen darum.
  14. Er sieht die Erkenntnis der Wissenschaftsbemühungen als ein Kriterium zur Erkennung der Wahrhaftigkeit und Falschheit des Säkularismus und Spiritualität und vielleicht sogar als Grad der Erkenntnis wahrhaftiger und falscher Spiritualität an.
  15. Aufgrund der eigenen Wissenschaftserkenntnis besitzt er gegenüber dem Säkularismus und falscher Spiritualität eine handlungsaktive gleichzeitig aber auch vernünftige und wissenschaftliche Einstellung.
  16. Bei gesellschaftlicher Korrelation hält er sich an Duldung und Toleranz auch als notwendige und erforderliche sowie gleichzeitig religiöse und spirituelle Prinzipien.
  17. Seine erkenntliche und verhaltensbezogene Orientierung besteht in der Bemühung um ein religiöses Zeitalter und dem Widerstand gegen die Modernisierung der Religion.
  18. Er besitzt eine tiefgründige Erkenntnis und ein tiefgründiges Vertrauen in Bezug auf die kulturellen und historischen Kapazitäten der Menschen und der islamischen Nation.
  19. Er erweitert seine gesellschaftliche Leistung unter Einbeziehung islamischer Kulturkapazitäten mithilfe der gesellschaftlichen Präsenz der Menschen und der islamischen Nation.

Die Zivilisationsbewegung des Islam

Die spirituelle und religiöse Sichtweise hat sich im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts mit der Expansion und Erweiterung der säkularen Kultur des Westens auf internationaler Ebene vom politischen Horizont entfernt und von der man vermutete, dass sie von der menschlichen Kultur abgelehnt oder ausgegrenzt wurde, hat sich nach den islamischen Revolutionen in der einen oder anderen Ecke der Welt langsam zu einer zivilisierten Bewegung entwickelt.

Wie bereits erwähnt, benennen westliche Theoretiker die erneute Rückkehr der Spiritualität als Postsäkularismus und so wurde das Ausmaß weltlicher Deutungen über die Spiritualität, welche auf der Suche nach Rechtfertigung der Religiosität im weltlichen und kulturellen Eckdaten  des Westens ist, erweitert.

Wenn die säkularen Deutungen der Religion nicht ausdrücklich und erkennbar die Religion und Spiritualität verleugnen, sondern die Existenz der Religion im Rahmen weltlicher Sichtweisen anerkennen, stellen sie nicht nur die Basis für falsche und trügerische Spiritualitätendar, sondern bewirken die erneute Rückkehr der Religiosität zur öffentlichen und politischen Kultur, sodass auf natürliche Weise die gesellschaftliche Grundlage dieser Art von falscher Spiritualität erweitert wird.

Die zivilisierte Bewegung der islamischen Welt und die weltweite Wiederkehr der Spiritualität hat die religiösen und spirituellen Ansätze zur Existenz auf der heutigen Welt erweitert und auch im selben Ausmaß die gesellschaftliche Grundlage säkularer Deutungen der Spiritualität auf der Ebene islamischer Länder und vielleicht sogar im weltweiten Rahmen erweitert. Die Dominanz des Liberalismus in der gegenwärtigen Situation gegenüber seinen ideologischen Gegnern führte dazu, dass im Sinne der Konkurrenz und Wettbewerb mit der wahrhaftigen Religiosität und reinen Spiritualität neue säkulare Interpretationen des Liberalismus von der Spiritualität im Rahmen liberalistischer Äußerungen geboten werden.

Besonderheiten der säkularen Spiritualität und der liberalen Religion

Die liberalistische Deutung der Religion, welche offensichtlich im Rahmen neuester verbaler Rechtfertigungen und Ansichtsdefinitionen der Religionsphilosophie geführt wird, und die liberalistische Deutung des Islam, welche mittels der Kultur der Übersetzung am Rande der Optionen und Anziehungen der modernen Welt die islamischen Länder überfallen, besitzen folgende Eigenschaften:

  • Die gesellschaftliche Präsenz der Religion und vor allem des Islam wird nicht als eine aktive gesellschaftliche Ideologie betrachtet und nur auf der Ebene des persönlichen und individuellen Lebens anerkannt.
  • Die Authentizität der Religionserkenntnis und deren leitende Eigenschaft wird geleugnet und sie wird als Thema und Objekt zur wissenschaftlichen Erkenntnis zu einem Teil der Domäne der öffentlichen Kultur gezählt; Bei dieser Ansichtsweise wird die wissenschaftliche Kenntnis in Bezug auf die Religion außerhalb der Religion und die Nachforschungen innerhalb der Religion als nichtwissenschaftlich angesehen.
  • Die liberalistische Äußerung und Deutung der Religion im Vergleich mit dem gegenwärtigen Weltsystem besitzt eine verteidigende und im Vergleich mit der zivilisierten Bewegung der islamischen Welt vielleicht eine subversive Facette und genau aus diesem Grund ist diese Äußerung strukturell gesehen im Rahmen internationaler Vorherrschaftssysteme stark regierend und staatlich und im nationalen Rahmen aufgrund ihrer verteidigenden und reformierenden Beanspruchungen revolutionär, verlockend, Gewalt bewirkend und subversiv.

Dr. Hamid Parsania

[1] Usul al-Kafi: Band 1, Seite 11.