Fragen und Antworten zu spirituellen Themen

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Warum sollte sich der Mensch um Selbsterkenntnis bemühen?

Wer die Hindernisse, die der Begegnung mit Gott entgegenstehen, abbauen möchte, muss sich zuerst selbst erkennen. Hierzu ist es notwendig, dass man über sich nachdenkt und über die eigenen Eigenschaften reflektiert, sodass man einen Zugang erhält zu seinen tiefsten Charakterzügen. Die „Einkehr“, mit der man sich von weltlichen Bestrebungen abwendet, seinem Inneren zuwendet und Gelassenheit erlangt, ist eine Reise zum wahren Ich.

Selbsterkenntnis enthüllt den Grund des Daseins und lässt jegliche Anhaftung an die eigene Seele, das eigene ‚Ich‘ schwinden. „Denn wer sich selbst und seinen Herrn erkannt hat, der weiß mit Gewissheit, dass er kein Dasein von sich selber hat, sondern dass sein Dasein und die Erhaltung und Vollkommenheit seines Daseins von Gott und zu Gott und durch Gott ist“, erklärt Abu Hamid Ghazali.[1]

Um Vollkommenheit zu erlangen, besitzt der Mensch die Fähigkeit, seinen eigenen spirituellen Zustand zu beurteilen. Durch einen Blick in sein Inneres sieht er seine Mängel, Fehler und moralischen Schwächen. Mittels dieser Selbsterkenntnis ist er im Stande die Wurzeln der schlechten Eigenschaften zu beseitigen. Daher sagte Imam Ridha (a.s.):

„Die ausgezeichnetste Überlegung eines Menschen ist die Selbsterkenntnis.“ Der Mensch, der sich von den Ketten der Unreinheit (Sünden) befreien möchte, muss kontinuierlich über seine Handlungen nachdenken und sich und seine Umgebung analysieren. Wenn man sich seine eigenen schlechten Taten vor Augen führt, versteht man, wie viel Falsches man tagtäglich tut. Deshalb empfehlen viele Gelehrte, alle Taten niederzuschreiben, um über die eigenen Schwächen nachzudenken und ein besserer Mensch zu werden. Imam Ali (a.s.) sagte:

„Für jede vernünftige Person ist es verpflichtend, gewissenhaft nach ihren Schwächen hinsichtlich der Religion, ihrer Gedanken, ihres Verhaltens, … nachzudenken und sie sollte entweder diese Schwächen in ihrem Herzen verzeichnen oder sie niederschreiben und sich bemühen, all diese schlechten Eigenschaften zu beseitigen.“ Es gilt hierbei, dass die Selbsterkenntnis bereits einen Teil der Besserung ausmacht, da sie Reue auslöst.

Wenn der Mensch seine existenziellen Kräfte, ob nun körperlich oder spirituell, in die Richtung lenkt, für die sie geschaffen worden sind, wird er den meisten Nutzen haben. Dazu muss er jedoch seine Gedanken entsprechend ordnen und sich selbst erziehen. Er muss bemüht sein, sich mit ethischen Tugenden zu schmücken, damit er seine Seele und seinen Verstand aus den Klauen des Teufels befreien kann.

Der Mensch, der die wahre Spiritualität sucht, ist immer bemüht, sich zu erkennen. Diese Kenntnis wird im Islam sehr betont, weil sie dem Menschen den Weg zu vielen anderen Kenntnissen ebnet. Aus diesem Grund wurde sie als eine der nützlichsten Kenntnisse überhaupt bezeichnet: „Die Kenntnis aller Kenntnisse ist die Selbsterkenntnis.“ Ist sie gegeben, dann wird der Mensch auch Gott erkennen.

Braucht man für die Selbsterkenntnis einen Lehrer?

Zweifellos sind die Anleitungen und Erfahrungen eines Lehrenden, vor allem bei den übersinnlichen Wissenschaften, für den Lernenden von großer Bedeutung und notwendig. Ein Lehrling sollte ausführlich über den angestrebten Weg der Spiritualität und Vollkommenheit informiert werden, damit er diesen Weg richtig begehen kann. Im Folgenden werden einige Punkte aufgelistet, die die Notwendigkeit eines Lehrers unterstreichen:

  1. Der Lehrmeister ist der wichtigste Begleiter, der dem Pilger auf der Reise zu sich selbst an der Seite steht.
  2. Der Meister verfügt über einen Stellenwert, der ihn zu einem vertrauensvollen Begleiter macht.
  3. Dieser Gefährte verfügt über zahlreiche, durch die Zeit erschlossene Kenntnisse und Erfahrungen, wodurch sein Dasein von großer Bedeutung ist.
  4. Der weise Lehrmeister fühlt sich stets verantwortlich und hilfsbereit gegenüber dem Reisenden, der den Weg der Wahrheit und des Lichts anstrebt.
  5. Der Meister kennt die Hürden und Hindernisse, die auf diesem Weg entstehen und ist sich über äußerliche Störfaktoren bewusst.
  6. Der Lehrende verfügt über spirituelle Intuitionen.
  7. Er ist sich über die Eigenschaften aller Stufen auf diesem Wege bewusst.
  8. Er fühlt sich aufgrund seines spirituell hohen Seins nicht überlegen und weiß dennoch um seinen Stellenwert.
  9. Er verfügt über einen geistig übersinnlichen Verstand mit einem reinen Herzen, dessen Anwesenheit für den Schüler ein spiritueller Segen ist.
  10. Der Lehrmeister achtet auf die individuellen Unterschiede der Reisenden in Bezug auf die Eigenschaften, Fähigkeiten und Kenntnisse, die jeweils unterschiedliche Hilfestellungen erfordern. Dadurch sind seine Anleitungen an jedem Individuum spezifisch modifiziert und zielgerichtet.

Am wichtigsten ist jedoch das Auffinden eines solchen Lehrenden, der die obigen Eigenschaften erfüllt. Er hat die vollkommenen Eigenschaften in sich entdeckt und gefördert , sodass er anderen stützend an der Seite stehen kann. Wäre er selbst fern von der wahren Spiritualität, würde er nicht nur selbst irren, sondern auch andere in die Irre führen. Demgemäß sollte man bei der Wahl eines Lehrmeisters besondere Acht geben.

Im Falle, dass trotz notwendiger Bemühungen kein Lehrender zur Verfügung stehen sollte, sollte der spirituell Reisende nicht den angefangenen Weg abbrechen, vor allem nicht in der heutigen Zeit, in der man mittels Büchern und Internet eigenständig recherchieren kann. Dabei sollte der Mystiker die folgenden zwei Hinweise beachten:

  1. Er sollte sich zuerst bemühen, sein Wissen zu erweitern. Imam Sadigh (a.s.) sagte: „Derjenige, der ohne Einsicht handelt, gleicht dem, der irre geht und dessen Voranschreiten ihn von seinem Ziel weiter entfernt.“

 

العامل علی غیر بصیره کالسائر علی غیر الطریق لا یزیده سرعه السیر الا بعدأ

 

  1. Das Gelernte anzuwenden und umzusetzen, ist der nächste wichtige Schritt. Dabei sollte von Bequemlichkeit abgesehen werden. Das Befolgen aller Weisheiten, die in den Versen und Überlieferungen übermittelt werden, fördert die Entwicklung des irdischen Seins, wodurch die Spiritualität des Individuums gefördert wird. Aus diesem Grunde ist das sorgfältige Beachten und Handeln gemäß den Geboten die wichtigste Obliegenheit.

Um das Wissen erwerben zu können, ist ein mystisches Suchen notwendig. Um dieses erworbene Wissen in die Tat umsetzen zu können, ist ein wahrhaftiges Handeln notwendig, welches sich nicht an individuellen Geschmäcker, sondern an der objektiven Wahrheit ausrichtet. Sobald ein Lehrling die oben genannten Hinweise befolgt, wird er von Gottes Segen und Gnade geehrt, sodass ihn keine Hindernisse von seiner Spiritualität abhalten.

Demgemäß schreitet dieser Lehrling auf dem Wege der Ahl-ul-Bait, ohne sich von ihnen zu trennen. Das führt dazu, dass er rechtgeleitet wird und nicht zu den Irregehenden gehört, da er sich bewusst ist, dass eine Trennung von dem wahrhaftigen Weg der Vollkommenheit Schaden verursachen kann.

Kann der Mensch allein durch seinen Ehrgeiz und seine Disziplin den Stellenwert von denjenigen erreichen, die Gott nahe stehen?

Die spirituelle Kraft entspringt aus der Rückkehr des Geistes zum wahren Selbst. Dafür muss die eigene Energiequelle zum Erblühen gebracht werden. Dieses Erblühen ist der Anfang des Seins. Ein Beispiel kann diese Thematik näher erläutern: Der Kern einer Dattel kann unter bestimmten Umständen erblühen. Wenn dieser Kern richtig eingepflanzt wird, ausreichend Licht und Wasser erhält, entsteht ein aus der Erde ragender Keim, welche zu einer Palme heranwachsen kann.

Die Energiequelle des Kerns wurde genutzt, um das verborgene Potenzial zum Vorschein zu bringen. Diese Wandlung vom einfachen Kern zur Palme ist das Erwecken des Seins. Genauso verhält es sich mit der spirituellen Entwicklung. Die Erkenntnis und die Umsetzung des Wissens erwecken die transzendentalen Neigungen des Menschen. Das Streben nach der Annäherung an Gott zeichnet den Beginn der Rückkehr des Menschen zu seinem Ursprung, bis zu der Stufe der Verbundenheit mit Gott.

Diese Entwicklung wird als das spirituelle Streben (Soluk-e-Manawi) bezeichnet. Dies ist sowohl das Ergebnis der Zuversicht des Menschen als auch der Gnade Gottes. Der Qur’an besagt: „Dem, der recht handelt – ob Mann oder Frau – und gläubig ist, werden Wir gewiss ein gutes Leben gewähren; und Wir werden gewiss solchen Leuten ihren Lohn nach der besten ihrer Taten bemessen.“[2] An einer weiteren Stelle heißt es: „Und diejenigen, die in Unserer Sache wetteifern – Wir werden sie gewiss auf Unseren Wegen leiten.“[3]

Diese Verse bringen die Tatsache zum Ausdruck, dass der Mensch für sein spirituelles Wachstum außer seinem guten Handeln der Hilfe Gottes und Seiner Unterstützung bedarf. Der gnädige Gott hat den Menschen die ursprünglichen Neigungen mit auf den Weg gegeben, sodass wir uns von Seinem absoluten Licht angezogen fühlen. Genauso verhält sich das mit einer Feuerquelle, dessen Wärme uns anzieht und uns zu seinem Ursprung (Feuerquelle) führt. Diesbezüglich heißt es im Mafati-ul-Dschinan: „Du hast Lichter in den Herzen Deiner Freunde erstrahlen lassen, bis sie nichts anderes denn Dich liebten und bei keinem außer Dir Zuflucht suchten.“[4]

أَنْتَ الَّذِي أَشْرَقْتَ الْأَنْوَارَ فِي قُلُوبِ أَوْلِيَائِكَ، حَتَّى عَرَفُوكَ وَ وَحَّدُوكَ

Wie kann ich auf dem Wege der Spiritualität voranschreiten, wenn ich trotz Reue immer wieder Sünden begehe?

Wenn wir uns noch nicht über die Wahrheit bewusst sind, distanzieren wir uns auch nicht von Sünden. Dieses bedarf einer Erweckung, einer geistigen Erweckung, welche uns davon abhält, Schlechtes zu begehen. Eine der wichtigen Punkte, die zu dieser Erweckung führt, ist das Bewusstsein des Bestehens von Sünden sowie die Klarheit über die negativen Folgen und Gefahren, die als Konsequenzen unabweislich sind.

Durch diese Gewissheit über das Wesen von Sünden und das Fernbleiben von Unbedachtheit und Unwissenheit wird der Mystiker sich über sein Handeln bewusst werden. Unbedachtheit, Unwissenheit und das Eingesperrtsein in den subjektiven falschen Überzeugungen und Illusionen des materialistischen Scheins werden uns trotz unseres Glaubens daran hindern, uns an die Grundzüge unseres Glaubens zu halten, in diesem Falle eine Klarheit über das Sündigen zu erhalten.

Wenn wir erfüllt von materialistischen Gütern sind und es uns an irdischem Wohlergehen nicht fehlt, sollten wir nicht zu dem Entschluss kommen, dass alles Gute nur für uns bestimmt wurde. Wir sollten vielmehr erkennen, dass das irdische Leben und die damit verbundenen Güter uns nur auf die Probe stellen. Diesbezüglich heißt es im heiligen Qur’an: „Wähnen sie etwa, weil Wir ihnen an Vermögen und Söhnen geben, dass Wir mit ihnen zufrieden sind und ihnen die guten Gaben schnell bescheren? Sie merken nicht, worum es geht.“[5]

فَذَرۡهُمۡ فِى غَمۡرَتِهِمۡ حَتَّىٰ حِينٍ

أَيَحۡسَبُونَ أَنَّمَا نُمِدُّهُم بِهِۦ مِن مَّالٍ۬ وَبَنِينَ

نُسَارِعُ لَهُمۡ فِى ٱلۡخَيۡرَٲتِ‌ۚ بَل لَّا يَشۡعُرُونَ

Entspricht die Kraft der indischen Asketen und Mystiker der Realität?

Viele dieser Kräfte sind für uns nicht vollständig nachvollziehbar. Die Asketen fördern ihre Seele, distanzieren sich vom Materiellen und stärken ihren Willen, sodass sie besondere Kräfte erlangen. Diese besonderen Fähigkeiten sind mit einem starken Willen verbunden, die durch einen starken Glauben entstehen. Durch die Mechanismen, über die Gott unsere Seele verfügen ließ, kann der Mensch Zugriff auf diese Kräfte erhalten. Und das ist eine der göttlichen Gnaden, dass jede Handlung ihr jeweiliges Ergebnis zur Folge hat.

Aus der Sicht des Islam ist das Ausführen solcher Handlungen nicht richtig, denn die Menschen sollten sich nicht mit Dingen beschäftigen, die nichts mit der Annäherung an Gott zu tun haben. Wenn Islam bedeutet, sich Gott hinzugeben, dann ist eine Askese der Seele, die zu Resultaten führt, die dem Sinn der Religion entgegen stehen, nicht erwünscht.

[1] Aus Buch „Elixier der Glückseligkeit“. [2] An-Nahl | 16:97. [3] Al-Ankabut | 29:69. [4] Mafati-ul-Dschinan: Dua Arafa (Bittgebet für den Tag von Arafa). [5] Al-Mu’minun | 23:54-56.