Ein Interview mit Prof. Dr. Roland Pietsch

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Herr Dr. Roland Pietsch ist Professor für Philosophie, Theologie und Religionswissenschaften. Seit 2006 ist er Gastprofessor an der Baqir al-Ulum Universität Qum, Iran.

Wie würden sie Spiritualität definieren oder was ist Spiritualität für sie?

Zunächst einige Anmerkungen zum Wort Spiritualität. Das Wort Spiritualität stammt von dem lateinischen Wort spiritualitas ab, was mit Geistigkeit übersetzt werden kann. Spiritualität bezieht sich demnach im Allgemeinen auf die Geistigkeit des Menschen. Die Religionen betrachten ja den Menschen als eine Einheit von Geist, Seele und Leib, wobei Geist und Seele den ganzen Menschen auf unterschiedliche Weise durchdringen. Eine Definition von Geistigkeit sollte vermieden werden, denn Definition ist immer eine Begrenzung, der Geist jedoch ist offen für die Unendlichkeit.

Was ist die Verbindung von Spiritualität oder Geistigkeit mit der Religion? Ist Geistigkeit und Religion vorstellbar?

Antwort: Geistigkeit bildet den Mittelpunkt aller großen Religionen und bildet den Kern dieser Religionen. Grundsätzlich kann man bei den göttlichen Offenbarungen, die an die Menschheit ergangen sind, einen äußeren und einen inneren Anblick dieser Offenbarungen unterscheiden. Religionen, die im Laufe der Geschichte nicht mehr auf die innere geistige Botschaft der ihnen zugrundeliegenden Offenbarungen achten, erstarren im Formellen, wodurch jede wahre Geistigkeit erstickt wird. Kurz gesagt, die Geistigkeit einer Religion ist in Wirklichkeit ihr Kern, der auch ihre Schale, das heißt ihren äußeren gesetzlichen Rahmen mit Geist durchdringt.

Was zeichnet einen spirituellen oder geistigen Menschen aus?

Grundsätzlich ist jeder Mensch entsprechend der vorhin erwähnten Einheit von Geist, Seele und Leib ein geistiger Mensch. Wenn aufgrund bestimmter Umstände die Geistigkeit bei einem Menschen sich nicht entfalten konnte oder durfte, ändert dies nichts an der Tatsache, dass auch ein solcher Mensch in seinem tiefsten Innersten im Wesentlichen geistig ist. Der Unterschied zwischen einem solchen Menschen und den Menschen, die einen geistigen Weg beschreiten, besteht in der Möglichkeit der bewussten Verwirklichung der gleichsam eingeborenen Geistigkeit, die letztlich eine Gegenwart Gottes ermöglicht. Die Verwirklichung kann aber nur in Verbindung mit der göttlichen Urwirklichkeit, das heißt in der Verbindung mit dem lebendigen Gott geschehen. Der geistige Mensch lebt also bewusst in der Gegenwart Gottes.

Wie zeigt sich das in seinem Leben und zieht er daraus Vorteile?

Alle Religionen lehren, dass der geistige Weg ein schmaler und schwieriger Weg ist. Es geht dabei in keiner Weise um irgendwelche äußerlichen oder inneren Vorteile. Der geistige Weg ist ein Weg zu Gott, zur höchsten göttlichen Wirklichkeit. Dabei geht es um die Liebe und die Erkenntnis Gottes. Damit dies geschehen kann, müssen alle Formen von Ichhaftigkeit überwunden werden. Der geistige Weg ist also kein Weg der Selbstbestätigung, sondern vielmehr ein Weg, der sich mit Entwerden in Gott vollendet. Der geistige Weg wird im Allgemeinen mitten in dieser Welt beschritten. Die großen Meister haben oft davor gewarnt, sich einfach aus der Welt zurückzuziehen. Diejenigen, die dies getan haben, haben ihre Ichhaftigkeit in die Zurückgezogenheit mitgeschleppt und sind diese dort auch nicht schneller losgeworden. Wer sich auf den geistigen Weg macht, der muss zunächst eine Grundentscheidung zwischen der absoluten Wirklichkeit und dem relativen Scheinwelt treffen, in der wir alle leben. Mit dieser Unterscheidung wird kein Dualismus geschaffen, sondern die Wirklichkeit und ihre unterschiedlichen Ebenen deutlich gemacht. Wer sich entschlossen auf die eine absolute Wirklichkeit und Wahrheit bezieht, der umgreift, ja der erlöst auch die Scheinwelt, indem er sie auf ihren Ursprung hin öffnet.

Ist der Dalai Lama für sie ein Pseudo-Buddhist?

Der Dalai Lama ist ein Buddhist, der in der Überlieferung des tibetischen Buddhismus steht. Wer nicht in dieser Überlieferung steht, dem steht es nicht zu über den Dalai Lama ein Urteil zu fällen. Und grundsätzlich sollte man gerade als geistiger Mensch keine Urteile fällen, sondern den geistigen Weg, der ein mühsamer Weg ist, beschreiten.

Warum ist diese geistige Form heute nicht mehr Mehrheitsfähig? Was sind da die Hindernisse?

Mehrheitsfähigkeit ist keine Kategorie, um den Wert der Geistigkeit zu verstehen. Der geistige Mensch geht den geistigen Weg, und er fragt nicht ob ihn viele oder wenige beschreiten. Er muss diesen Weg ja ohnehin allein mit Gott gehen. In den meisten Ländern dieser Welt haben sich aufgrund des Einbruchs der Moderne die Lebensweisen der Menschen oft grundlegend geändert. Diese Veränderungen haben einerseits die Bedingungen für ein geistiges Leben erschwert, andrerseits sind sie eine Herausforderung. Auch diejenigen, die verheiratet ist und das Beste für die Erziehung ihrer Kinder tun, können den geistigen Weg gehen. Sie müssen dabei die Ordnung der Wirklichkeit beachten, mit anderen Worten, sie müssen ihren materiellen Wünschen den Ort lassen, der ihnen zukommt und diese ausnahmslos und immer vom geistigen Standpunkt aus betrachten.

Aber ich habe dafür individuelle Esoterik oder individuelle Spiritualität, ist so was vorstellbar oder gibt es individuelle Geistigkeit?

Die großen Meister des geistigen Lebens haben immer wieder gesagt, dass es so viele Wege zu Gott gibt als es Menschen gibt. Jeder Weg ist ein eigener Weg, mit einem ganz eigenen Schicksal. Zugleich gilt aber auch, dass alle Menschen miteinander verbunden sind. Wenn wir vom eigenen Weg sprechen, dann ist damit aber kein Weg im Sinn des modernen Individualismus gemeint, der ja in der Ichhaftigkeit steckenbleibt. Entscheidend ist, dass der geistige Weg zur höchsten göttlichen Wirklichkeit führt.

Hat Spiritualität oder Geistigkeit auch einen sozialen Aspekt? Wenn ja, wie sieht dieser aus?

Selbstverständlich wirkt ein Mensch, der den geistigen Weg geht, auf seine Umgebung und in die Gesellschaft hinein, in der erlebt. Dieses „Wirken“ ist ein Tun ohne Tun. Es ereignet sich im Stillen und Verborgenen. Die Menschen, die ein geistiges Leben führen, bilden gleichsam die Mitte, von der aus ihre Geistigkeit in die Gesellschaft hineinwirkt. Die moderne Gesellschaft als solche weiß nichts davon. Weil sie keine Mitte hat. In ihr gelten nur äußerliche und materielle Scheinwerte.

Was ist der Unterschied zwischen den pseudo-mystischen Bewegungen und wirklicher Geistigkeit? Wo sind die Grenzen?

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass sich in diesen Bewegungen eine tiefe Sehnsucht der Menschen nach Befreiung und Wahrheit zeigt, in welchen Formen auch immer. Diese Bewegungen sind zum größten Teil außerhalb der großen Religionen entstanden. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einer ist der „Wille zur Macht“, von dem manche Religionsvertreter auch nicht frei waren und sind. Wie dem auch sei, der Weg zu Gott ist der schmale Weg des Entwerdens, das heißt der Weg der Überwindung aller Ichhaftigkeit. Wenn es in den überlieferten Religionen Meister gibt, die Menschen auf diesem Weg führen können, dann suchen diese Menschen keine anderen Wege außerhalb, auch wenn dies Irrwege sein sollten. Vor allem muss klar sein, dass kein Mensch den Weg von sich aus zu Gott gehen kann. Immer ist es Gott, der die Menschen zu sich führt.

Muss jeder, der diesen mystischen Weg geht auch von der Existenz Gottes überzeugt sein?

Er muss an Gott glauben. Der Mystiker glaubt an Gott, aber vor allem will er ihn lieben und erkennen, wobei gilt, dass derjenige, der liebt auch erkennt, und dass derjenige, der erkennt auch liebt.

Aber das tut die Philosophie doch auch. Die Philosophie sagt ja auch dass sie nach Erkenntnis strebt.

Die Philosophie sucht ohne Zweifel nach Erkenntnis, aber die philosophische Erkenntnis ist nicht über alle Begrifflichkeit hinaus strebende mystisch-metaphysische Erkenntnis.

Aber sie ist zumindest so weit, das sie sagt, Gott lässt sich weder beweisen noch wiederlegen.

In der Geschichte der Philosophie können wir eine ganze Reihe von sogenannten Gottesbeweisen finden. Diese Beweise wurden auf der Ebene des diskursiven begrifflichen Denkens durchgeführt. Auf dieser Ebene ist Gott ein Begriff, nicht der lebendige Gott der abrahamitischen Offenbarungen. Dem lebendigen Gott kann der Mensch aber auf der Ebene des Glaubens begegnen. Vom Glauben kann der Mensch aufgrund seines Intellekts zur mystisch-metaphysischen Erkenntnis gelangen, die mit der modernen philosophischen Erkenntnis nichts gemein hat. Platon oder auch Aristoteles waren große Metaphysiker. Avicenna (Ibn Sina) gehört zu ihnen und auch große mittelalterliche christliche und islamische Metaphysiker.

Man hat das Gefühl, die Philosophie steckt fest. Sie dreht sich im Kreis. Was ist ihrer Meinung nach der Grund dafür, warum steckt sie fest? Warum kommt sie nicht vom Fleck?

Es stellt sich die Frage, ob das, was sie hier als Philosophie bezeichnen, wirklich Philosophie ist, nämlich die Liebe zur Weisheit (Philo-Sophia). Oder ob es sich um eine Vielzahl von Gedankengebäuden handelt. Die Philo-Sophia eines Platon und Aristoteles ist mit den modernen Gedankenentwürfen vergleichbar. Diese Philosophie bezog und bezieht sich wirklich auf das eine Wahre, Gute und Schöne, und angesichts dieses Bezugs stellt sich nicht die Frage, ob sie steckengelblieben ist. Ihre Frage bezieht sich ausschließlich auf die Gedankengebäude, die inzwischen ganze Bibliotheken füllen. Es handelt sich dabei um zum Teil großartige Gedankenarbeit. Diese Gedanken bleiben aber als Gedanken immer nur auf der Ebene des diskursiven Denkens; sie haben keine Begründung als nur sich selbst. Darum kommt diese Art von Philosophie auch nicht vom Fleck. Franz von Baader antwortete auf den Satz des Descartes „Cogito, ergo sum (Ich denke, also bin ich) mit seinem „Cogitor, ergo sum (Ich werde gedacht (nämlich von Gott), also bin ich). Ich nenne in diesem Zusammenhang auch Johann Georg Hamann, den Magus des Nordens, der Ähnliches gegenüber Descartes und Kant gesagt hat.

Was ist ihrer Meinung nach der Ausweg?

Ein Ausweg ist meiner Meinung nach zunächst eine grundsätzliche Besinnung auf unser Menschsein. Wenn wir uns darauf besinnen, wer wir sind, können wir auch die entsprechenden Schritte einleiten. Unser Menschsein ist in der unbedingten Wirklichkeit Gott gegründet. Wenn dies nicht nur gedacht wird, sondern als lebendige daseinsbegründende Verbindung und Teilhabe verstanden wird, dann entsprechen wir unserer Geistigkeit. Darüber haben wir schon am Anfang gesprochen, und damit ist alles gesagt, was zu tun ist.

Welcher Mystiker hat sie denn am meisten in den Bann gezogen?

Vor allem Meister Eckhart, dann Jakob Böhme, Ibn Arabi und Molla Sadra.

Wie kommt es, dass Meister Eckhart, ein Dominikanermönch aus dem 13. Jahrhundert, immer noch so viele Menschen in seinen Bann zieht?

Meister Eckhart hat ein umfangreiches Werk in lateinischer und mittelhochdeutscher Sprache hinterlassen, das inzwischen ins Neuhochdeutsche und in andere Sprachen übersetzt wurde. Es sind vor allem seine Predigten, die immer wieder gelesen werden. Diese Predigten hat er hauptsächlich in Frauenklöstern gehalten. Die Frauen dort haben diese Predigten aufgeschrieben, und so sind sie uns überliefert worden. Meister Eckhart hat in seinen Predigten meistens kurze Sätze aus der Heiligen Schrift erklärt, wobei er ihren tiefsten Sinn auf eine unnachahmliche Weise aufleuchten lässt. Er war ja auch ein großer Theologe, aber in seinen Predigten übersteigt er die Ebene der Theologie in die höchsten Höhen und bleibt zugleich ganz einfach. Es ist die geistige Freiheit, die die Menschen anzieht, die Unmittelbarkeit zur höchsten göttlichen Wirklichkeit. Übrigens, das Wort „Wirklichkeit“ ist eine Wortschöpfung Meister Eckharts. Bei Meister Eckhart kann man erkennen, dass die großen Mystiker keine welt- und wirklichkeitsfremden Menschen waren, sondern, wenn man es sogen kann, die größten Realisten, weil die höchste Wirklichkeit den Mittelpunkt ihres Lebens bildete.