Der Kirchentag zu Gast im IZH

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Vom 1. bis 5. Mai 2013 feierten mehr als 100.000 Interessierte den 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT) in Hamburg. Besucher aus ganz Deutschland und der Welt ließen für einige Tage ihren Alltag hinter sich und widmeten sich dem Motto „Soviel du brauchst“. In mehr als 2500 Veranstaltungen konnten sich tausende Besucher inspirieren lassen und Visionen für ein besseres Miteinander entwickeln, um sie mit in ihren Alltag zu nehmen. Die Themen der mehrtägigen Großveranstaltung waren neben dem Christentum vor allem viele politische und gesellschaftliche Herausforderungen unserer Zeit.

Auch das Islamische Zentrum Hamburg (IZH) beteiligte sich mit zwei Sonderveranstaltungen an den Kirchentagen. Den Besuchern wurde eine große Auswahl an Büchern, kulturellen Produkten und Info-Materialien zu verschiedenen islamischen Themen präsentiert. Zahlreiche freiwillige Helfer standen bereit, um Führungen anzubieten und Fragen zu beantworten. In der Bibliothek wurde traditionelle iranische Musik gespielt und die Kunst der Kalligrafie vorgestellt. Bei den gut besuchten Podiumsdiskussionen – am 2. und 4. Mai im Auditorium des Islamischen Zentrums Hamburg – bekamen die Besucher schließlich die Möglichkeit ihre offen gebliebenen Fragen an die Gelehrten zu stellen.

  1. Mai – Podiumsdiskussion zum Thema „Spiritualität und Barmherzigkeit“

Den ersten Vortrag hielt an diesem Tag Ayatollah Dr. Reza Ramezani, Imam und Leiter des Islamischen Zentrums Hamburg. Er verwies zu Beginn seiner Rede auf die Bedeutsamkeit der Kirchentage hin: „Aktivitäten wie diese sind nicht nur wertvoll, sondern sie geben den Teilnehmenden auch neue Impulse und weichen erstarrte Klischees auf, die die Wahrnehmung trüben. Der Gedankenaustausch über Werte, Standpunkte und Meinungen bringt die Menschen zusammen und lässt sie Gemeinsamkeiten erkennen. In dieser Gesellschaft, in der verschiedene Kulturen und Religionen aufeinander treffen, ist der Dialog umso notwendiger. Wie sonst kann man Spannungen und Konflikte lösen, wenn nicht durch ein friedliches Miteinander?“

Dann sprach Ayatollah Dr. Reza Ramezani über Spiritualität und den spirituellen Menschen: „Der Reisende auf dem spirituellen Pfad betrachtet Diesseits und Jenseits als eine Einheit. Er beschäftigt sich nicht nur mit materiellen Dingen. Sein Seelenfrieden basiert nicht auf der Anhäufung von wertvollen Schätzen und dem Konsum von Gütern. Der geistige Aufstieg des Reisenden beruht auf Glauben und Handlung. Daraus resultiert seine innere Ruhe.

Spiritualität und Glaube schenken Ruhe und Vertrauen, sodass der Mensch mit dem psychischen Druck des Alltags umgehen kann. Ein Mensch, der an Gott glaubt, hofft trotz schwieriger Bedingungen auf Gottes Unterstützung. Diese Unterstützung veranlasst ihn wieder fröhlich zu sein und sich zu bemühen. Wer wirklich glaubt und ein spirituelles Leben führt, der ist ruhig, ausgeglichen und stets hoffnungsfroh. Probleme, Krisen und Niederlagen bringen einen solchen Menschen nicht so leicht aus der Fassung.“

Ayatollah Dr. Reza Ramezani sagte über das Menschenbild im Islam: „Wenn wir den Menschen erforschen, dann stellen wir fest, dass er kein eindimensionales Wesen ist. Der Mensch hat materielle und nicht-materielle bzw. spirituelle Bedürfnisse. Wir dürfen den Menschen nicht nur auf das Materielle beschränken. Die spirituelle Größe und Würde des Menschen darf nicht geleugnet werden. Der Körper und die Seele des Menschen stehen in gemeinsamer Verbindung und vervollständigen einander.

Es kommt häufig vor, dass Menschen durch eine körperliche Krankheit auch psychisch erkranken. Und auch der umgekehrte Fall kommt häufig vor. Der Zustand der Seele wirkt sich auf den Körper aus und umgekehrt. Darüber sind sich alle Ärzte einig. Daher kann ein kranker Mensch auch allein durch seinen Willen die Heilungschancen beeinflussen. Die menschliche Würde und die Schätzung der Moral und der spirituellen Bedürfnisse des Menschen zählen zu den zentralen Themen der islamischen Menschenrechtserklärung. Genauso, wie wir uns bemühen, gesundes Essen zu uns zu nehmen, müssen wir uns bemühen, unseren Geist gesund zu halten.

Wir müssen dafür sorgen, dass die Schönheit des Schöpfers in unserem Wesen realisiert wird. Dann finden wir Frieden. Wenn wir es ernst meinen mit dem Seelenfrieden, müssen wir nach Vollkommenheit streben. Die Vollkommenheit liegt darin, sich die Eigenschaften Gottes anzueignen. Genauso wie Gott weise ist, muss der Mensch nach Weisheit streben. Alle Fähigkeiten des Menschen müssen zu Gott führen. Der Verstand, die Sinne und das Herz sind alles Werkzeuge, um Erkenntnis zu gewinnen. Man muss alle diese Werkzeuge der Erkenntnis nutzen, um zu Gott zu gelangen. Er ist die Quelle alles Guten. Liebe und Erkenntnis verschmelzen miteinander auf Seinem Weg; daher sind die wahrhaft Gläubigen klug und liebenswürdig zugleich.“

Den zweiten Vortrag hielt Hudschat-ul-Islam Seyed Masoud Masoumi, stellvertretender Direktor des Islamischen Zentrums Hamburg. Er ging in seiner Rede auf den göttlichen Geist im Menschen ein: „Als Gott den Menschen erschuf, hauchte Er ihm von Seinem Geist ein. Daher trägt jedes Individuum in sich etwas von diesem göttlichen Hauch, der ihn fühlen lässt, dass Gott zu jeder Zeit und an jedem Ort gegenwärtig ist. Wir könnten auch sagen: Die Wurzel des Glaubens liegt in unserer Natur.

Der Mensch muss sich bemühen, diesen Geist in sich zu nutzen, um eine Beziehung zu seinem Schöpfer aufzubauen. Eine solche Beziehung hat viele Vorteile für den Menschen: Ein Ergebnis davon ist die Verbesserung des eigenen Charakters. Der spirituelle Mensch reinigt sich, korrigiert seine Fehler und entscheidet sich für das, was Gott liebt. Er bemüht sich die Ideale zu realisieren und hält sich fern vom Verbotenen. Ein zweites Ergebnis ist die Verbesserung seiner Beziehungen zu seinen Mitmenschen.

Ein spiritueller Mensch ist bemüht die Probleme seiner Mitmenschen zu lösen und der Gesellschaft zu dienen. Sein Glaube besteht nicht nur aus Worten, sondern auch aus Taten. Spiritualität ist in Wahrheit das Fördern und Entwickeln der inneren Wahrheiten. Wenn diese entwickelt sind, strebt der Mensch von sich aus danach, anderen zu helfen.“

In der anschließenden Fragerunde wurde von einem Besucher die folgende Frage gestellt: „Gibt es Glaubensfreiheit im Islam?“ Ayatollah Dr. Reza Ramezani verwies darauf, dass dieses Thema erst kürzlich in den Freitagsansprachen thematisiert wurde und erklärte sich bereit eine ausführliche Antwort zu geben: „Im Glauben gibt es keinen Zwang, denn wahrer Glaube ist eine Entscheidung des Herzens und des Verstandes. Jeder Mensch hat die Freiheit, sich für einen Glauben seiner Wahl zu entscheiden.

Allah sagt im Heiligen Qur’an (Yunus | 10:99): ,Hätte Gott es gewollt, wären alle Menschen auf der Erde gläubig geworden. Möchtest du etwa die Menschen zum Glauben zwingen?‘ Es gibt noch mehr Qur’an-Verse, die die Tatsache unterstreichen, dass es keinen Zwang im Glauben geben kann, und es war auch nicht Gottes Absicht für die Schöpfung, dass den Menschen diese Wahl genommen wird. Erst durch die freie Wahl, durch die richtigen und falschen Entscheidungen bekommen Paradies und Hölle eine Bedeutung.

Wenn alle Menschen dazu gezwungen wären, auf eine bestimmte Weise zu denken und einem bestimmten Glauben nachzugehen, dann hätten Glaube und Unglaube, Tugend und Gemeinheit, Gutes und Schlechtes, … auch keine Bedeutung mehr. Imam Reza (a.s.) berichtet: „Einst kam eine Gruppe von Muslimen zum Propheten Muhammad (s.a.) und fragten ihn, warum er jene Menschen, die er durch seine Macht dazu zwingen könnte, nicht zwanghaft zum Islam konvertiert, damit die Muslime mächtiger werden und ihre Feinde besiegen können.

Der Prophet antwortete ihnen, dass er es nicht ertragen könnte, seinem Herrn zu begegnen, während er Ketzerei begehen und etwas in die eigene Hand nehmen würde, wozu er nicht beauftragt wurde. Er könne hier keinen Zwang ausüben, weil Gott diesen Vers (Yunus | 10:100) offenbart hat: ,Keiner würde ohne Gottes Erlaubnis glauben können. Die schmachvolle Strafe gilt nur den Ungläubigen, die sich des Verstandes nicht bedienen.‘

Überdies gibt es einen Qur’an-Vers (Al-Baqarah | 2:256), der klarer und eindeutiger als alle anderen Verse besagt, dass es keinen Zwang in der Wahl des Islam als Glauben gibt: „Es gibt keinen Zwang im Glauben. Der richtige Weg ist nun klar erkennbar geworden gegenüber dem unrichtigen.“ Es wird überliefert, dass dieser Vers offenbart wurde, als einer der Gefährten des Propheten seinen Diener dazu zwingen wollte, den Islam anzunehmen. Als der Prophet dies erfuhr, rezitierte er diesen Vers und sagte, dass es keinen Zwang in der Religion gibt und man niemanden dazu zwingen kann, den islamischen Glauben anzunehmen.

Was jedoch auch gesagt werden muss, ist, dass der Glaubenswechsel nicht missbraucht werden darf, um die Lehren einer Religion zu verunglimpfen. In der Anfangsphase des Islam gab es viele Fälle, in denen Konvertierungen missbraucht wurden, um dem Islam zu schaden. Der Mensch hat zwar die Freiheit sich seinen Glauben selbst auszusuchen, aber er hat kein Recht die Propheten und Heiligkeiten einer Religion zu erniedrigen, denn wenn diese Heiligen in ihrer Stellung herabgewürdigt werden, führt das nur dazu, dass die Anhänger dieser Religion beleidigt werden und die unwissenden Menschen nicht mehr die Rechtleitung finden können.“

  1. Mai – Podiumsdiskussion zum Thema „Gesellschaftliche Rolle der Gebetshäuser“

Der Beauftragte für christlich-islamischen Dialog der Nordkirche – Pastor Dr. Detlef Görrig – begann seinen Vortrag mit der Frage: „Was ist ein Gebetsraum? In der Bibel (Apostelgeschichte 17:24) lesen wir: ‚Der Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind (…).‘ Hier wird deutlich gemacht, dass Gott nicht an einem bestimmten Ort gebunden ist. Das Gebet ist überall möglich, denn die ganze Erde ist des Herrn. Die Begegnung von Jesus mit der Samariterin ist ein weiteres Beispiel.

Da trafen zwei verschiedene Kulturen oder Religionen aufeinander, nämlich die jüdische und die samaritanische. Sie teilten zwar Teile ihrer heiligen Bücher, aber sie hatten unterschiedliche Orte, wo sie Gott verehrten. Die Samaritaner hatten den Garizim und die Juden den Berg Zion in Jerusalem. Jesus spricht zu der Frau in Johannes 4: ,Es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge (Garizim) noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden. Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater sucht solche Anbeter.

Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.‘ Diese Bibelstelle ist ein weiterer Beleg für die Relativierung des Raumes. Für den evangelischen Theologen Henning Luther spielt sich das religiöse Leben zwischen zwei Spannungspolen ab: Der eine Pol ist der Positivismus, in dem alles schön geredet wird und der andere Pol ist der Zynismus, in dem alles schlecht geredet wird. Die Aufgabe eines Gotteshauses ist es, der Gesellschaft zu helfen den Weg der Mitte zu finden und Abstand zu nehmen vom positivistischen bzw. zynischen Extrem.

Henning Luther spricht hier vom kritischen Weltabstand. Dieser kritische Weltabstand bedeutet, dass ich das, was ich in meiner Umgebung erlebe, kritisch reflektiere. Das ist also die religiöse Fähigkeit, sich nochmal von außen zu betrachten, sozusagen mit den Augen eines anderen, um den Weg der Mitte gehen zu können. Diesen Weg des Friedens müssen alle Gotteshäuser repräsentieren.“

Den zweiten Vortrag hielt an diesem Tag Ayatollah Dr. Reza Ramezani. Er sagte: „Gott ist allgegenwärtig und überall präsent. Ihm entgeht nichts, denn Er ist allwissend, allhörend, allsehend. Er ist von jeglicher Eingrenzung, wie sie in der Schöpfung gegeben ist, frei. Für Gott gibt es keinen bestimmten Ort, denn Er ist kein materielles Wesen. Daher kann das Gebet überall verrichtet werden und es hinterlässt an jedem Ort seine positive Wirkung.

Obwohl Gott in Seinem ganzen Sein überall gegenwärtig ist, gibt es dennoch bestimmte Orte und Räumlichkeiten, die eine besondere Bedeutung haben für den Gottesdienst. Dazu zählt beispielsweise die Kaaba in Mekka, die auch als „Haus Gottes“ (baytullah) bezeichnet wird und die Gebetsrichtung (qibla) für die Muslime angibt. Mit Baytullah ist nicht gemeint, dass Gott in der Kaaba wohnt, sondern dieser Ort ist ein heiliger Ort, der jedem Diener Gottes zur Verfügung steht.

Es ist ein besonderer Ort, weil die Kaaba das erste Gotteshaus der Menschheit ist und von dem Propheten Adam (a.s.) erbaut wurde. Nach ihm betete Prophet Abraham (a.s.), der Stammvater der großen Propheten der Juden, Christen und Muslime, an diesem Ort zu Gott. Und auch der Prophet Muhammad (s.a.) verrichtete an diesem Ort seinen Gottesdienst und bei der Pilgerfahrt tun es ihm Millionen Muslime gleich. Die Kaaba ist also ein besonderer Ort, weil hier Gottes Name immer und immer wieder rezitiert wird.

Jeder Ort, an dem sich die Gläubigen versammeln, um Gott zu gedenken, strahlt eine besondere spirituelle Atmosphäre aus. Daher sind die Gotteshäuser aller monotheistischen Religionen besondere Orte. Moscheen, Kirchen und Synagogen sind Orte der Andacht und daher bevorzugen es die Menschen, sich dort einzufinden, wenn sie sich nach Ruhe und Frieden sehnen. Gute Worte und gute Handlungen hinterlassen ihre Auswirkungen auf den jeweiligen Ort.

Wenn sich also die Menschen für Gott an einem bestimmten Ort oder in einem bestimmten Raum versammeln, dann ist diese Gemeinde heilig und ebenso der Ort bzw. Raum des Gedenkens. Auf der anderen Seite wiederum gilt: Überall, wo die Menschen sich versammeln, um Schlechtes zu sagen und zu tun, wirken sich ihre Taten auf den Ort und die Umgebung aus und diese Orte sollen die Gläubigen meiden. Sie sollen sich vielmehr in den Gotteshäusern aufhalten, um Ruhe, Kraft und Glauben zu tanken und sich zu reinigen von den Sünden des Alltags.

Die Moscheen und auch die Schreine der Propheten, Imame und Heiligen zählen im Islam zu den besonderen Orten. Der Körper eines Propheten verwest, aber sein Geist bleibt an diesem Ort bestehen. Wenn sich die Menschen an diesen Orten aufhalten, dann verbinden sie sich mit den Zielen dieser Persönlichkeiten. Zusammenfassend können wir also sagen, dass jeder Ort heilig ist, an dem die Menschen zu Gott finden können. Die Heiligkeit eines Ortes bzw. Raumes ist nicht gebunden an etwas Materielles, sondern sie ist eine Widerspiegelung der guten Handlungen und Haltungen der gemeinschaftlich sich Bemühenden.“

Der dritte Vortrag wurde von Hudschat-ul-Islam Seyed Masoud Masoumi gehalten. Er sprach in seiner Ansprache über die Bedeutung und den Einfluss der Gotteshäuser: „In jedem Gotteshaus gibt es einige Gebote und Verbote, die es zu respektieren gilt. Diese Grenzen wirken sich auf die spirituelle Atmosphäre dieser Orte aus und dadurch unterscheiden sich diese Orte von anderen Orten, wo alles erlaubt ist. Dies zeigt sich auch in der Architektur dieser Orte.

Gotteshäuser symbolisieren die Geschichte, Lebensauffassung und Weltanschauung der jeweiligen Religion. Sie sind physische Manifestationen des Glaubens. Die Moschee ist nicht nur ein Ort der Niederwerfung und des Gebets, sondern auch ein Ort der Erziehung, der Kultur und des Dialogs. Es ist ein Ort der Ruhe wie der Begegnung. Wer die Stufen zum Eingang der Gotteshäuser emporsteigt, der macht sich bereit, sich vom emsigen Getriebe dieser Welt zu befreien und seine Seele aufsteigen zu lassen und wer hinaustritt, geht gestärkt zurück in seinen Alltag.“

Hessam Kordian