Abu Dharr Al-Ghifari

Seyed Mohsen Alebatul

Oh Liebende des Rechts und der Wahrheit, wenn ein Tag kommt, an dem du dich in der wasser- und vegetationslosen Wüste von Ar-Rabadha befindest, dann halte eine Weile inne und schicke den heiligen Seelen der gesegneten Personen, die wegen der Zufriedenheit des Schöpfers schwere Qualen erleiden mussten, deinen Gruß. Gedenke dort einer großen Persönlichkeit namens Abu Dharr Al-Ghifari, über den der Prophet des Islam einst sagte: „Der Himmel hat auf niemanden einen Schatten geworfen und die Erde hat niemanden hervorgebracht, der ehrlicher ist als Abu Dharr.“ [1] Er ist jemand, den der edelmütige Prophet als den Jesus seiner Ummah bezeichnete („In meiner Ummah ähnelt Abu Dharr in der Weltentsagung Jesus, dem Sohn Marias“) und über den der Erzengel Gabriel verkündete, dass das Bittgebet Abu Dharrs das Bittgebet der Bewohner des Himmels sein werde: „Oh Allah, wahrlich ich bitte Dich um den Glauben an Dich, die Anerkennung Deines Propheten, Unversehrtheit von jeder Art des Unheils, Dankbarkeit für Gesundheit und Unabhängigkeit von den schlimmsten Menschen.“

Wie Abu Dharr zum Islam fand

Abu Dharr Al-Ghifari, der auch unter dem Namen „Dschundub Ibn Dschunadah“ bekannt war, war die vierte oder fünfte Person, die den Islam annahm und das Prophetentum von Muhammad (s.) bezeugte. Vom Stamm der Ghifar hatte er Jahre vor der Berufung des Propheten dem Götzendienst abgeschworen und war ein Monotheist geworden. Über die Gründe, weshalb Abu Dharr den Götzendienst ablehnte, wird überliefert, dass er eines Tages für den großen Götzen seines Stammes ein wenig Milch brachte, sie neben ihn stellte und zur Seite ging, um zu schauen, wie der Götze die Milch annahm. In diesem Augenblick wurde er Zeuge, wie sich ein Hund näherte, die Milch trank und daraufhin sein Bein hob und auf den Götzen urinierte. Dieses Ereignis brachte Abu Dharr zum Nachdenken und weckte sein ruhendes Gewissen. Er sagte sich: „Wie soll dieser Götze, der dermaßen unfähig ist, sich sogar vor einem Tier zu schützen, das sein Essen nimmt und wagt, auf sein Haupt und Körper zu urinieren, mein Gott sein und den Schaden und Nachteil von mir und anderen Menschen abhalten?“

Dieses Geschehnis war der Grund, weshalb er vom Götzendienst abgelassen hatte und zum Glauben an den Herrn der Welten fand. [2] Ibn Abbas berichtete über Abu Dharr: „Als Abu Dharr von dem Erscheinen des Propheten des Islam hörte, ging er nach Mekka und verbrachte einen Teil der Nacht in der heiligen Moschee. Imam Ali (a.) bemerkte, dass er hier fremd war und nahm ihn mit zu sich nach Hause und behielt ihn drei Tage zu Gast. Am dritten Tag sagte Abu Dharr zu Imam Ali (a.): „Wenn ich dir den Grund meiner Ankunft in Mekka mitteile, versprichst du mir, ihn für dich zu behalten?“ Imam Ali (a.) versprach es ihm und Abu Dharr führte fort: „Ich bin gekommen, um mich über eine Person zu erkundigen, die das Prophetentum für sich beansprucht.“ Imam Ali (a.) sprach: „Komme mit mir. Ich werde dich zum Propheten bringen.“ Als sie beim Propheten ankamen, begrüßte Abu Dharr ihn: „Guten Morgen arabischer Bruder.“ „Auch dir einen guten Morgen, oh Bruder.“ „Trage mir eines der Gedichte vor, von denen du sagst, dass sie von Gott seien.“ „Das, was ich sage, ist kein Gedicht, das ich dir vortragen kann. Es ist der Heilige Qur’an.“ „Trage ihn mir vor.“ Der Prophet begann, Verse des Heiligen Qur‘an vorzutragen und Abu Dharr hörte ihm andächtig zu. Nach einigen Augenblicken ertönte Abu Dharrs Stimme: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass Muhammad Sein Diener und Gesandter ist!“ [3]

Nachdem Abu Dharr ein Muslim geworden war, betrat er die heilige Moschee und rief vor Begeisterung und Leidenschaft: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass Muhammad der Gesandte Allahs ist!“ Dieser Aufruf hielt die Menschen der Welt zur Rechtleitung und Glückseligkeit an und forderte gleichsam den Glauben an den Monotheismus. Jene Bezeugung stammt von einem fremden Mann, der in Mekka keinen Rückhalt und keine Verwandtschaft hatte. Aus diesem Grund drohten die Götzendiener Abu Dharr und schlugen ihn so sehr nieder, dass er ohnmächtig zu Boden fiel.

Abu Dharr Al-Ghifari, der große Gefährte des gesegneten Propheten

Abu Dharr Al-Ghifari war ein wissender und kluger Mann und erwies dem Propheten und seiner Ahl-ul-Bait großen Respekt und Hochachtung. Allamah Madschlisi sagte gemäß den Chroniken und Überlieferungen, dass nach den Unfehlbaren und ihren tugendhaften Nachkommen, wie beispielsweise Hazrat Zainab (a.) und Hazrat Abbas (a.), den Gefährten und Freunden des Propheten Gottes, Salman, Abu Dharr und Miqdad, eine besonders hohe Stellung und eine außergewöhnliche Würdigung zukam. [4]

Seine reine Natur und sein großes Interesse für die Wahrheit machten Abu Dharr zu einem besonderen Gefährten des edlen Propheten. Nachdem Abu Dharr ein Muslim geworden war, blieb er bis nach der Schlacht von Uhud bei seinem Stamm. Anschließend kam er nach Medina und profitierte von der Anwesenheit des edlen Propheten. Wegen seinen Kompetenzen und der besonderen Stellung, die er beim Propheten einnahm, ernannte ihn der heilige Prophet während einiger Schlachten zu seinem Stellvertreter in Medina. Er war ein gewandter Redner und äußerst erfolgreich bei der Verbreitung des Islam, so dass der edle Prophet zu ihm sprach: „Ich möchte, dass du dich der Verbreitung des Islam hingibst, so dass alle von deinen süßlichen und gehaltvollen Reden profitieren.“ Bezüglich der Besonderheiten von Abu Dharrs Leben muss darauf hingewiesen werden, dass er unter einfachen Bedingungen lebte: „Meine Hauptspeise zu Zeiten des Propheten sind Brot und Datteln gewesen.“ [5] Seine Familie hatte es jedoch nicht so schwer. Von Imam Dschaafar As-Sadiq (a.) wird überliefert: „Abu Dharr hatte einige Kamele und Schafe, die er molk, und immer, wenn seine Familie Fleisch benötigte oder Besuch eintraf, schlachtete er ein Schaf und stellte es zum Verzehr zur Verfügung.“ [6]

Seine Familie hatte es jedoch nicht so schwer. Von Imam Dschaafar As-Sadiq (a.s.) wird überliefert: „Abu Dharr hatte einige Kamele und Schafe, die er molk, und immer, wenn seine Familie Fleisch benötigte oder Besuch eintraf, schlachtete er ein Schaf und stellte es zum Verzehr zur Verfügung.“ [6] Der Verbrüderungsbund zwischen Salman Al-Farsi und Abu Dharr Da der Islam eine Religion der Einheit und der Brüderlichkeit ist, hatte der gesegnete Prophet zu mehreren Gelegenheiten unter den Muslimen den Verbrüderungsbund geschlossen. Auch zwischen Abu Dharr und Salman Al-Farsi schloss der Prophet Gottes die Verbrüderung und nahm Abu Dharr den Eid ab, dass dieser nicht entgegen der Meinung Salmans handelt. Von da an lebten diese beiden engen Gefährten wie Brüder beieinander und stärkten einander im Glauben. [7]

Die Schlacht von Tabuk

Während der Schlacht von Tabuk, die weit weg von Medina stattfand, begleitete Abu Dharr den edlen Propheten auf seinem mageren und kraftlosen Kamel. Auf dem Weg dorthin kehrten drei Leute nacheinander zurück. Bei jedem, der ihnen entgegenkam, sprach der heilige Prophet: „Wenn in ihm Gutes ist, wird Gott ihn zurückkehren lassen und wenn in ihm kein Gutes ist, ist es besser so [wie es ist].“ Nach einer Weile hinderte das magere und schwache Kamel Abu Dharrs ihn an der Fortsetzung der Reise. Alle Mitziehenden bekamen mit, dass sich Abu Dharr von der Gruppe entfernte. Sie teilten es dem Propheten mit: „Oh Prophet Gottes! Auch Abu Dharr ist gegangen.“ Der Prophet wiederholte erneut seine Worte: „Wenn in ihm Gutes ist, wird Gott ihn zurückkehren lassen und wenn in ihm kein Gutes ist, ist es besser so [wie es ist].“

Je weiter der Prophet mit seiner Gefolgschaft voranschritt, desto größer wurde ihr Abstand zu Abu Dharr und seinem Kamel, das sich durch die Schwächung nicht fortbewegen konnte. Notgedrungen ließ er das Kamel frei, nahm einen Teil der Lasten auf seinen Rücken und begann, in der Hitze zu Fuß zu laufen. Auf dem Weg traf er auf Gestein. Inmitten des Gesteins hatte sich Regenwasser gesammelt. Er probierte ein wenig davon. Es war sehr köstlich. Er sagte sich selbst, dass er unter keinen Umständen etwas davon trinken werde, solange sein Freund, der Gesandte Allahs (s.a.s.), nichts davon getrunken hatte. Er füllte seinen Behälter mit dem Wasser. Auch diesen nahm er nun auf seinen Rücken und eilte in Richtung der Gefolgschaft des Propheten. Die Muslime sahen in der Ferne eine Erscheinung.

Sie sagten dem gesegneten Propheten, dass sich ihnen eine Person nähere. Der heilige Prophet sagte, dass es sich bei der Person um Abu Dharr handeln müsste. Tatsächlich war es Abu Dharr, der ihnen wankend vor Erschöpfung entgegenkam. Vor lauter Entkräftung brach Abu Dharr zusammen. Der Prophet rief: „Gebt ihm schnell Wasser!“ Abu Dharr sagte mit geschwächter Stimme: „Ich habe Wasser bei mir.“ Der heilige Prophetfragte ihn: „Du hattest also Wasser bei dir und hast einen solchen Durst!?“ Abu Dharr antwortete: „Jawohl, oh Gesandter Allahs! Als ich das kostbare Wasser probierte, sagte ich mir, dass ich das Wasser nicht trinken werde, bis mein großer Befehlshaber davon getrunken hat.“ [8]

Abu Dharr und die Geschehnisse von Ar-Rabadha

Nachdem der heilige Prophet  dahingeschieden war, nahm Abu Dharr, anders als die übrigen Gefährten des Propheten, kein Amt an. Er fand sich weder mit den Handlungen, die der Lebensweise des gesegneten Propheten widersprachen, noch mit den vielen Gaben und Freigiebigkeiten des dritten Kalifen ab und ließ seinen Ruf nach Gerechtigkeit und seine Beschwerden in den Ohren vieler Muslime an verschiedenen Orten ertönen.

Eben jenes Aussprechen der Wahrheit und die Aufdeckung unislamischer Zuwiderhandlungen waren der Grund, weshalb Abu Dharr Al-Ghifari in die Wüste von Ar-Rabadha verbannt wurde. Der dritte Kalif stellte fest, dass weder seine Drohungen noch die angebotenen üppigen Gelder Abu Dharr davon abbrachten, das Gute zu gebieten und das Schlechte zu verwehren. Trotz dieses Befehls wurde Abu Dharr Al-Ghifari von Imam Ali (a.), seinen beiden Söhnen Hassan (a.) und Husayn (a.) sowie einer Anzahl von Angehörigen des Stammes Bani Haschim begleitet, damit alle sehen konnten, dass dieser große Gefährte durch das Aussprechen der Wahrheit und seinen Protest gegen Unterdrückung verbannt wurde.

Der Fürst der Gläubigen (a.) sprach in einer Abschiedsrede zu Abu Dharr: „Oh Abu Dharr, du wurdest um Allahs Willen zornig, so setze deine Hoffnung in Den, für Den du zornig wurdest.“ [9] Dieser tapfere Mann und herausragende Gefährte des Propheten war in Ar-Rabadha so vielen Schwierigkeiten ausgesetzt, so dass das, was der Prophet Gottes (s.a.s.) bereits im Jahre 32 n.d.H. vorausgesagt hatte, Wirklichkeit geworden war. Damals sprach er: „Gott möge Abu Dharr barmherzig sein. Er wird alleine leben und sich alleine vom Leben verabschieden.“ [10]

Die Empfehlungen des gesegneten Propheten an Abu Dharr

Der Gesandte Gottes hat in seinem segenreichen Leben seinen Gefährten und Freunden zahlreiche Ratschläge erteilt, die ein hohes Maß an Weisheit und schöner Ermahnung enthalten. Unter ihnen sind auch jene Ratschläge, die sich an Abu Dharr Al-Ghifari richteten. Abu Dharr Al-Ghifari berichtete: „Eines Tages war ich in der Moschee und nutzte die Gelegenheit, in der Anwesenheit des heiligen Propheten zu sein und sagte ihm: ‚Oh Gesandter Gottes, vermache mir etwas, so dass ich davon Nutzen tragen kann.‘

Der edle Prophet sprach: ‚Oh Abu Dharr, du bist in der Tat von uns Ahl-ul-Bait. Ich habe Ratschläge an dich, so merke sie dir, da sich alle guten Wege in ihnen befinden: Oh Abu Dharr, verrichte deine Gebete auf eine Weise, als könntest du Gott sehen, denn selbst wenn du Ihn nicht siehst, ist es so, dass Er dich sieht.‘ Oh Abu Dharr, wisse, dass Gott meine Ahl-ul-Bait zu der Arche Noah meiner Ummah gemacht hat – jeder, der in sie hineintritt, wird errettet werden und jeder, der sich von ihr entfernt, wird untergehen. Oh Abu Dharr, es gibt zwei Gottesgaben, deren Wert die meisten Menschen nicht erkennen: Erstens die Gesundheit und das andere ist Ruhe und Gemächlichkeit.

Oh Abu Dharr, sei mit deinem Leben geiziger als du mit deinen Dirhams und Dinaren bist. Oh Abu Dharr, der Gläubige betrachtet seine Sünden wie einen schweren Fels, der kurz davor ist, auf ihn zu fallen und vor dem er zu fliehen sucht. Aber der Wahrheitsbedecker betrachtet seine Sünden wie eine Fliege, die auf seiner Nase sitzt und sich bewegt. Oh Abu Dharr, blicke nicht auf die Geringfügigkeit deiner Sünden! Blicke auf die Größe von Demjenigen, Dem gegenüber du ungehorsam gewesen bist. Oh Abu Dharr, Gott hat das Gebet zum Licht unserer Augen gemacht und Er hat das Gebet zu meinem Liebling gemacht, so wie Er dem Hungrigen das Essen zum Liebling und dem Durstigen das Trinken zum Liebling gemacht hat. Wenn jedoch der Hungrige isst, wird er gesättigt und wenn der Durstige trinkt, dann wird sein Durst gelöscht. Ich aber werde unter keinen Umständen satt vom Gebet.

Oh Abu Dharr, der Mensch, der am meisten der Welt entsagt hat, ist der, der die Verwesung im Grab nicht vergisst, der sich vom Überfluss der Welt befreit, der das Bleibende dem vorzieht, was vergänglich ist und sich auf den Tod vorbereitet. Oh Abu Dharr, nutze fünf Dinge vor fünf anderen Dingen: 1. Die Jugend vor dem Alter, 2. die Gesundheit vor der Krankheit, 3. das Vermögen vor der Armut, 4. die Ruhe vor der Beschäftigung, 5. das Leben vor dem Tod. [11] ‘“ Betrachtet man den Propheten Muhammad (s.) als Lehrer, Abu Dharr als seinen Schüler, den Islam als Schule und den Heiligen Qur‘an als Lehrbuch, dann erkennt man einen segenreichen, lehrreichen und nützlichen Unterricht. Wenn auch wir von der prophetischen Lehre lernen wollen, die Abu Dharr Al-Ghifari beigebracht worden war, uns in diesen Kurs einschreiben und als Schüler dabeisitzen, dann werden auch wir diesen Weg beschreiten. Und unser Dasein wird einen Sinn entfalten und unser Leben wird ein Ziel erhalten und unsere Bewegung wird eine Richtung nehmen und unsere Richtung uns zu Gott bewegen.

Anmerkungen: 1) Nasikh At-Tawarikh, S. 502. 2) As-Sirrat-ul-Mustafa, S. 136. 3) Vgl. At-Tabaqat-ul-Kobra, Bd. 4, S. 224; Al-Istiab, Bd. 4, S. 63 sowie Assadul-Ghabah, Bd. 5, S. 187. 4) Allamah Madschlisi: Ain-ul-Hayat, S. 30. 5) Heliat-ul-Awliyya, Bd. 1, S. 163. 6) Qurbanian, Muhammad Mahdi: Abu Dharr Al-Ghifari, S. 20. 7) Bihar-ul-Anwar, Bd. 22, S. 345. 8) Motahhari, Morteza: Dschazabeh va Dafaeh, S 76-80. 9) Nahdsch-ul-Balagha, 130. Predigt. 10) Vgl. Al-Isabah, Bd. 7, S. 109; Kanz-ul-Ommal, Bd. 11, S. 644. 11) Vgl. Allamah Madschlessi: Ain-ul-Hayat, S. 19; Tabarsi: Makarem-ul- Akhlaq, 5. Kap., S. 458.