Aufgaben und Perspektiven islamischer Theologie

Eine Zusammenfassung der Rede von Prof. Dr. Katajun Amirpur bei der Einheitswoche 2014

Es war ein Gebot der Gleichberechtigung, islamische Theologie an deutschen Universitäten zu institutionalisieren. Insofern war es unser gutes Recht, die Institutionalisierung zu fordern. Aber wir sollten uns trotzdem nicht auf den Standpunkt stellen, uns sei nur gegeben worden, was uns rechtmäßig zusteht. Wir sollten die Bereitschaft zur Institutionalisierung islamischer Theologie als Zeichen dafür sehen, dass deutsche Politik uns Muslime hier in Deutschland akzeptiert; als Zeichen, dass wir eben doch als dazu gehörend wahrgenommen werden. Die Etablierung von islamischer Theologie an deutschen Universitäten hat das Zeichen gesetzt, dass die religiösen Anliegen von Muslimen in Deutschland nicht als strukturell zweitklassig behandelt werden. Das Zeichen, das hiermit ausgesendet wurde, ist wichtiger als der gegenläufige Vorgang: Ich meine das endlose Schwadronieren darüber, ob der Islam denn nun ganz oder ein bisschen zu Deutschland gehört oder doch nur die Muslime. Islamische Theologie kann zur „Beheimatung“ des Islams in Deutschland führen in dem Sinne, dass Muslime mit einer authentischen, auf der gelehrten Tradition des Islams aufbauenden Theologie in Deutschland anerkannt werden.

Viele halten dagegen, dass die Etablierung einer islamischen Theologie an deutschen Universitäten letztlich von bundesrepublikanischer Seite aus dem Motiv geschuldet ist, den Islam zu domestizieren. Die an Universitäten gelehrte Theologie sowie der islamische Religionsunterricht an öffentlichen Schulen mögen eine Lesart des Islams vermitteln, die sich kollisionsfrei in eine werteplurale Gesellschaft einfügen lässt. Die Motive der Politik für ihre Unterstützung der Idee, die aus dem Wissenschaftsrat kam, sind unterschiedlich gelagert. Sicherlich gibt es, das wissen wir, ein Motiv, das den Muslimen unterstellt, nicht demokratiefähig sein. Deshalb müssten einige aufgeschlossene Streiter für westliche Werte her, die einen Islam basteln, der nicht mit der Aufklärung und den Frauenrechten im Widerspruch steht – was der – in Anführungszeichen – normale Islam ja tut. So vielerorts die Argumentation. Und damit einhergehend die Sorge, es würde den Muslimen hier ein Staatsislam aufgezwungen werden, die islamische Theologie sei eine bestellte Wissenschaft.

Ich kann mit Sicherheit sagen, dass keiner von uns Wissenschaftlern in den Verdacht geraten will, eine bestellte Wissenschaft zu betreiben. Allerdings sind sehr wohl mit der Etablierung islamischer Theologie an deutschen Universitäten unterschiedlich gelagerte Erwartungen verbunden. Während wir das Anliegen haben, eine islamische Theologie als akademische Disziplin zu etablieren, die sich auf Augenhöhe mit den christlichen Theologien bewegt, formulieren andere den Wunsch nach der theoretischen Entwicklung und Etablierung eines „aufgeklärten“ Islams. Dessen erhellende Wirkung soll sogar bis in die islamische Welt reichen, der damit unterstellt wird, dass sie solcher Nachhilfe aus Deutschland dringend bedarf. Das halte ich für eine sehr paternalistische Haltung: Die Orientalismus‐ Kritikerin in mir nimmt nicht an, dass nach Jahrhunderten des ‚ex oriente lux’ die Weisen nun aus dem Abendland kommen.

Doch davon abgesehen: Selbst wenn es so ist, dass uns die Möglichkeit zur Etablierung akademischer Theologie gegeben wurde, weil viele uns letztlich unterstellen, nicht demokratiefähig zu sein, und eine am deutschen akademischen Betrieb geschulte Theologie die der mangelnden Aufklärung geschuldeten Integrationsdefizite der Muslime abzubauen behilflich sein soll, so ist das doch kein Grund, die uns hier gebotene Chance nicht für uns zu nutzen. Denn wir alle wissen ja, dass unsere Religion nicht so ist, wie oft dargestellt; wir wissen, dass wir nicht erst einen deutschen Islam erfinden müssen, der anders als der „normale“ Islam Werte wie Freiheit und Gleichheit hochhält. Auch der „normale“ Islam hält solche Werte hoch – das wissen wir alle hier. Hinzu kommt: Die Politik behandelt damit nur ein Scheinproblem: Denn man kann wohl behaupten, dass der Großteil der Muslime in Deutschland sowieso schon einen demokratiefähigen Islam lebt.

Aber nutzen wir doch die Chance, die wir jetzt bekommen haben, all das auch kundzutun. Die islamische universitäre Theologie kann in Bezug auf das Thema Islam, bei dem die Vorurteile groß sind, zu einer Versachlichung der Debatte beitragen, einer Versachlichung, die über alle Maßen notwendig ist. Die Etablierung islamischer Theologie an deutschen Universitäten bietet somit die Möglichkeit und die Perspektive, den Islam in Deutschland sprachfähig zu machen. Bislang waren wir das nicht. Der Islam in Deutschland war nicht sprachfähig. Das kann sich aber ändern. Und das sehe ich als eine zentrale Aufgabe von islamischer Theologie: Sprachfähig zu werden und eine junge Generation auszubilden, sprachfähig zu sein. Um es in den Worten des Ersten Bürgermeisters dieser Stadt, Olaf Scholz, zu sagen: „Wenn sich der Islam in Deutschland seinem Wesen entsprechend darstellen will, sollte er sprachfähig sein.“[1] Da hat er vollkommen Recht. Nutzen wir also die Chance sprachfähig zu werden – und verbauen wir sie uns nicht schon in den ersten Anfängen.

Was bedeutet das konkret?

Die Relevanz von islamischer Theologie ergibt sich allein daraus, dass immer mehr Menschen islamischen Glaubens ihren Glauben leben, aber auch reflektieren wollen. Islamische Theologie muss sich also durch ihren wissenschaftlichen Charakter auszeichnen. Notwendig ist eine hohe exegetische Kompetenz. Islamische Theologie sollte also einen Rahmen schaffen, in dem besonders muslimische aber auch nicht‐muslimische Studenten ein fundiertes Wissen und eine tiefgreifende Kenntnis islamischer Wissenschaften erwerben können. Dieses Wissen muss so präsentiert werden, dass eine Brücke zwischen den Erfordernissen kritischer akademischer Wissenschaft und dem islamischen Glaubensempfinden gebaut werden kann. Das erwünschte Resultat ist, eine neue Generation muslimischer Akademiker heranzuziehen, die wissenschaftlich in ihrer Tradition und in ihrem Glauben ausgebildet ist. Diese Akademiker sollten gerüstet sein, den Bedürfnissen ihrer Gemeinschaften in Deutschland nachzukommen, und sie sollten als Mittler zwischen diesen und der deutschen nicht‐muslimischen Mehrheitsgesellschaft fungieren können. Die Absolventen des Studiengangs Islamische Theologie sollten darin geschult sein, konstruktive Modelle islamischen Lebens und Mechanismen der positiven Interaktion mit anderen aufzuzeigen. Dieses Ansinnen reagiert auf Fragen bzgl. langfristiger Entwicklungen der Muslime in Deutschland und bzgl. des Verhältnisses zwischen den verschiedenen Gemeinschaften des Landes vor dem Hintergrund möglicher landesspezifischer wie europaweiter gesetzlicher Veränderungen, die sie betreffen. Außerdem stehen sie im Kontext eines sich entwickelnden multikulturellen, multiethnischen, multilingualen und multireligiösen Europas.[2]

Aufgabe einer islamischen Theologie ‐ oder sagen wir des Unterrichtenden ‐ ist es auch, im Unterricht verschiedene Herangehensweisen und Interpretationen des Islams darzustellen. Er oder sie darf zwar seinen Glauben artikulieren, doch sollte er/sie nicht vergessen, auf andere Perspektiven aufmerksam zu machen. Jeder Muslim sollte in der Lage sein, verschiedene Interpretationen des Islams anzuerkennen. Deshalb sollte sich die Ausbildung auf grundlegende Texte, Traditionen und Ideen konzentrieren, nicht auf Dogmen. Die islamische Theologie wurde ursprünglich einmal auf der unterschiedlichen Interpretation von Doktrinen aufgebaut, die dann aber zu Dogmen wurden. Sie wiederum wurden durch politischen Druck als einzige für wahr erklärt – beispielsweise als die Mu’taziliten mit Gewalt und Zwang durchsetzen ließen, dass jedermann an die Erschaffenheit des Korans zu glauben habe. Das Beispiel der Mihna belegt zu Genüge, dass Dogmen nicht im Zentrum unserer Gelehrsamkeit stehen sollten, sondern Ideen. Oder um es anders zu sagen: Nicht um das Dogma, um das Diktum geht es.

Der Forschungsauftrag der Islamischen Theologie beinhaltet auch die Untersuchung und theoretische Weiterentwicklung von islamischer Theologie unter den Bedingungen westlicher Gesellschaften. Der islamischen Theologie kommt im Blick auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse ein hoher Stellenwert zu. Es sollen daher in Forschung und Lehre verschiedene religiöse Ausprägungen und Schlüsselthemen des Islams ‐ mit besonderem Bezug auf westliche Gesellschaften – zu Wort kommen und bearbeitet werden. Hierbei soll die Verbindung von Glaubens‐ und Lebensformen von Musliminnen und Muslimen in Europa bzw. Deutschland besonders dargelegt werden. Dialogorientierung und dialogoffene Ansätze des Islams sollen hierbei eine gebührende Beachtung erfahren. Eine islamische Theologie in Deutschland muss im wissenschaftlichen Bereich dazu beitragen, dass ein innerislamischer Dialog zwischen den verschiedenen Gruppierungen sowohl gleicher als auch verschiedener nationaler Herkunft gefördert wird.

Grundsätzlich sollte eine Ausbildung in islamischer Theologie die Studierenden dazu befähigen, Elemente islamischer Theologie, ihre Entstehung und Entwicklung in Zeit und Raum sowie ihren aktuellen und potentiellen Standpunkt in der heutigen Zeit zu verstehen. Der Lehrplan des Faches islamische Theologie muss die intellektuellen Herausforderungen annehmen, denen sich die islamische Tradition gegenüber sieht und die Vielfältigkeit und Verschiedenheit ihrer Ausdrucksformen darstellen. Das Fach muss sich mit den Spannungen beschäftigen und den Herausforderungen, die sowohl religiöser als auch säkularer Art sind. Islamische Theologie muss eine wissenschaftlich belastbare und gleichermaßen kreative wie relevante Anwendung der islamischen Quellen im Kontext einer teilweise säkularisierten europäischen Gesellschaft ermöglichen. Sie muss ein Bewusstsein für die zentralen Debatten innerhalb des islamischen Denkens bzgl. Recht, Ethik, Verhältnis zu anderen usw. entwickeln, und sie muss sich mit den spezifischen Charakteristika und Belangen der muslimischen Bevölkerung Europas vertraut machen.

Dazu gehört auch, dass islamische Theologie hier in Deutschland auf eine sehr starke Schwesterdisziplin trifft. Das kann sehr produktiv sein. Islamische Theologie sollte sich durch die Auseinandersetzung mit der christlichen Theologie konstituieren. Das hat sie schon einmal getan, als sie sich gegen christliche Polemik zur Wehr setzte – und es war sehr fruchtbar. Dass sie die Auseinandersetzung mit der christlichen Theologie fruchtbar macht, wünsche ich mir für eine heutige dialogorientierte islamische Theologie.

Schon in der Stellungnahme der Schura aus dem Jahre 2001 „Islamische Theologie. Internationale Beiträge zur Hamburger Debatte“ machte Mustafa Yoldaş, der damalige und auch heutige Vorsitzende der Schura deutlich, dass von einer Professur für islamische Theologie erwartet wird, „dass die Studierenden zur Dialogfähigkeit ausgebildet werden“.[3] Dass uns dies als Akademie der Weltreligionen besonders am Herzen liegt, dürfte selbstverständlich sein. Insofern nehmen wir diese an uns gestellte Erwartung als Aufgabe gerne an. Dasselbe gilt für eine weitere bei dieser Gelegenheit formulierte Erwartung. Mustafa Yoldaş sagte damals: „Die christliche Theologie kommt auf Dauer nicht umhin, die Christologie des Korans als einen Sonderfall externer Christologie zu würdigen. Die christliche Theologie sollte sich im Kontext einer dialogischen Bewegung mit dem Islam mit der Christologie des Korans auseinandersetzen. Da der christologische Dialog mit Muslimen heute unausweichlich ist, muss auch den Muslimen in Deutschland eine wissenschaftliche Ebene eröffnet werden, auf der die koranische Christologie gelehrt und gelernt werden kann. Nur so ist ein echter Dialog im Sinne beider Religionen dauerhaft möglich“.[4]

Genau daran arbeiten wir von Uni‐Seite im Moment gerade verstärkt, da wir einen, eigentlich sogar mehrere Studiengänge entwickeln, die im kommenden Wintersemester beginnen sollen. Es soll ab Wintersemester 2014/15 „islamische Religion“ studiert werden können; doch wer bei uns in Hamburg islamische Religion studiert, wird, um für den dialogischen Religionsunterricht für alle qualifiziert zu sein, auch recht viel christliche Religion studieren. Umgekehrt werden Studenten, die den Schwerpunkt evangelische Theologie gewählt haben, sehr viel mehr Einheiten im Fach Islam haben als bisher. Außerdem werden Studenten beider Studiengänge gemeinsam unterrichtet werden, und sie werden zum Teil von zwei Professoren der beiden unterschiedlichen Religionen unterrichtet werden – eben um der Aufgabe gerecht zu werden, in einen Dialog treten zu können. Wie sagte die Stellungnahme der Schura aus dem Jahre 2001: „Für jeden Dialog ist ein ebenbürtiger Dialogpartner erforderlich“. Darum bemühen wir uns in der Ausbildung, die wir anbieten werden. Und so kann ich der Schura nur von ganzem Herzen zustimmen, wenn sie folgende Erwartung an die islamische Theologie richtet: Zu lehren, dass „Judentum und Christentum von ihrer Kernbotschaft keine anderen Religionen (sind) als der Islam, (…) ist wesentlicher Inhalt und eine zentrale Aufgabe islamischer Theologie. Dies zu lehren, bedeutet, die Toleranz gegenüber anderen, aber im Grunde aus derselben Quelle schöpfenden Religionen zu fördern“.[5]

Und gerne übernehme ich auch folgende Aufgabe, die ebenfalls von der Schura formuliert worden ist: Den Koran „zu verstehen, bedeutet, den Islam und die Muslime zu verstehen. Auch der deutschen Gesellschaft muss ein wissenschaftlicher Zugang zum Koran und somit zum Islam ermöglicht werden. Solange dies nicht geschieht, wird der Islam immer ein fremdes Phänomen bleiben, und die Gesellschaft wird nicht differenzieren können zwischen koranischer Lehre und den landesspezifischen Traditionen der Muslime“.[6]  Genau das ist der Grund, warum wir bei der gegenwärtig stattfindenden Etablierung respektive Umstrukturierung der Studiengänge islamische und evangelische Theologie so viel Wert auf eine Verschränkung der beiden Studiengänge legen. Die zukünftigen Lehrer des dialogischen Religionsunterrichts für alle sollen in unserem Studium möglichst viel von der jeweils anderen Religion lernen, damit sie dieses Gelernte an ihre Schüler weitergeben können. Denn wo, wenn nicht bei den Kindern, liegt unsere Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft. Angestrebt in der Islamischen Theologie wird Innovation in Tradition. Das bedeutet, dass man die islamische Tradition nicht verwirft, aber andererseits auch nicht bei ihr stehen bleibt, sondern sie konstruktiv einsetzt für das Hier und Heute.

 

[1] Scholz, Olaf: „Sprachfähigkeit des Islam in Deutschland und gesellschaftliche Toleranz“, in: Neumann, Ursula (Hrsg.) in Zusammenarbeit mit Petra Kappert, Olaf Schumann und Wolfram Weisse: Islamische Theologie. Internationale Beiträge zur Hamburger Debatte. Edition Körber Stiftung. Hamburg 2002, 142‐144 (143).

[2]Dazu ausführlich: Taji‐Farouki, Suha: „Zur Errichtung einer Professur für islamische Theologie in Hamburg“, in: Neumann 2002, 37‐61.

[3] Yoldaş, Mustafa: „Fachkompetenz für muslimische Theologen. Eine Stellungnahme der SCHURA zur Errichtung einer  Professur in islamischer Theologie“, in: Neumann et al 2002, 145‐157 (150).

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Ebd. 151.