Wirkungen von Fasten und Hunger

Es wurde überliefert, dass der Sachwalter der Gläubigen, Imam Ali (a.s.) sagte: „Sprecht nicht von Ramasan, denn ihr wisst nicht, was Ramasan bedeutet. (…)“ Die wichtigste Pflicht eines ergebenen Beschreiters des mystischen Pfades besteht darin, das Recht dieses Heiligen Monats zu verstehen, indem Gott, der Gepriesene und Erhabene, die Reisenden auf Seinem Wege zu einem Fest eingeladen hat. Darüber hinaus muss er auch die korrekten Bedeutungen des Fastens und ihre Bedeutung im Hinblick auf die Einladung Gottes verstehen. Wenn er diese Wirklichkeit entdeckt hat, muss er darum bemüht sein, alle seine Handlungen und Taten mit der erforderlichen Hingabe und Aufrichtigkeit zu erfüllen, um das Wohlgefallen seines Gastegebers, Gottes, des Gepriesenen und Erhabenen, zu verdienen.

Das Erleben von Hunger, der erkennbarste Teil des Fastens, bringt dem ergebenen Reisenden auf dem Wege Gottes viele Vorteile im Hinblick auf die Erkenntnis und das Wissen von Gott, dem Gepriesenen und Erhabenen. Dies wurde in vielen Überlieferungen betont, und deshalb ist es passend, zuerst ein Beispiel zu zitieren und danach diese Weisheit zu diskutieren. Der Heilige Prophet hat gesagt: „Kämpft gegen euer Selbst (Dschihad al-Nafs) mittels Hunger und Durst, deren Belohnung gleichbedeutend ist mit der Belohnung derjenigen, die um Gottes Willen gekämpft haben. Es gibt nichts, was bei Gott angesehener wäre als das Erdulden von Hunger und Durst während des Fastens.“ Er sagte auch: „Derjenige, der im Vergleich zu anderen mehr Hunger aushält und über Gott gründlich nachdenkt, wird am Tag des Urteils vor seinem Herrn eine höhere Stellung zugewiesen bekommen.“ Und zu Asma sagte er: „Wenn du so handelst, dass du hungrig und durstig bist, wirst du, wenn der Engel des Todes zu dir kommt, die erhabenste spirituelle Stellung erlangen, die Ränge der Propheten teilen, die Engel glücklich machen und dir die göttlichen Grüße verdienen.“ Und er sprach: „Lasst eure Bäuche hungrig und durstig sein und gewöhnt eure Körper an Schwierigkeiten, vielleicht werden eure Herzen dann eine Gelegenheit haben, Gottes Pracht zu erblicken.“

In der Überlieferung von der Himmelfahrt des Propheten wurde Folgendes überliefert: „O Ahmad. Erfasst du das Ergebnis des Fastens?“ „Nein,“ antwortete der heilige Prophet. „Das Ergebnis von Fasten ist weniger essen und weniger sprechen,“ sagte Gott, und erklärte dann das Ergebnis des Schweigens wie folgt: „Das Ergebnis von Schweigen ist Weisheit; das Ergebnis von Weisheit ist Erkenntnis, das Ergebnis von Erkenntnis ist Gewissheit; wenn ein Mensch die erhabene spirituelle Stellung der Gewissheit erlangt, dann sorgt er sich nicht darum, wie er seinen Tag beginnt, sei es mit Leichtigkeit oder Schwierigkeit, mit einer Tragödie oder in Bequemlichkeit. Derart ist der Status jener, die die Stellung der Zufriedenheit erlangt haben und wer diese Stellung erlangt, erwirbt drei untrennbare Eigenschaften: Dankbarkeit, die nicht verschmutzt ist von Unwissenheit; Gottgedenken, das nicht vermischt ist mit Vergesslichkeit und Liebe, die nicht vermischt ist mit der Liebe zu anderen. Wer Mich auf diese Weise liebt, vermischt nicht die Liebe zu anderen mit der Freundschaft zu Mir; auch Ich liebe ihn und lasse, dass andere ihn lieben; Ich werde die Augen seines Herzens geöffnet sein lassen, so dass er Meine Herrlichkeit und Erhabenheit bezeugen kann; Ich werde ihn nicht des Wissens und der Erleuchtung berauben, die Ich anderen gewährt habe; in der Mitte der nächtlichen Dunkelheit wie auch während der Helligkeit des Tages werde Ich mit ihm kommunizieren und Zwiesprache halten, so dass ihm die Gesellschaft anderer widerstrebt; Ich werde ihn Meine Worte und auch die Worte Meiner Engel hören lassen; Meine Geheimnisse, die Ich vor anderen verborgen halte, werden für ihn offenbar werden. Ich werde seine Weisheit mit der Erkenntnis von Mir sättigen und werde Mich an Stelle seiner Weisheit setzen; Ich werde den Todesschmerz und seine Leiden für ihn leichter machen, so dass er bequem und leicht ins Paradies eintreten kann. Wenn der Todesengel zu ihm kommt, wird er sagen: ‚Willkommen! Willkommen! Willkommen!‘ Gott erwartet dich sehnsüchtig.“ An diesem Punkt wird Gott weiter sagen: An dieser Stelle wird Gott zu ihm sagen: „Ich schwöre bei Meiner Herrlichkeit und Erhabenheit, dass es von nun an keinerlei Schleier mehr geben wird zwischen Mir und dir,  dass du Mich sehen kannst, wann immer du willst; auf diese Weise verfahre Ich mit Meinen Freunden.“

Vorteile des Hungers

Diese Überlieferung erklärt genau den Verdienst und die Weisheit, die mit dem Hunger verbunden sind, und auf dieser Grundlage haben die Gelehrten der Ethik zahlreiche Vorteile des Hungers beschrieben, von denen einige nachfolgend genannt werden:

1. Eine der Wirkungen von weniger essen ist die Reinheit des Herzens und der Einsicht, denn übermäßiges Essen und Völlegefühl schaffen einen Zustand, der dem der Trunkenheit bei einem Menschen gleicht, der den Wahrnehmungssinn herabsetzt, seine schnelle Auffassungsgabe vermindert und damit letztlich zur Blindheit des Herzens führt. Im Gegensatz dazu führt Hunger dazu, dass der Verstand geschärft wird, das Bewusstsein Verständnis gewinnt und damit das Herz für Einsicht vorbereitet. In dieser Hinsicht wurde vom Heiligen Propheten folgender Ausspruch überliefert: „Wer Seinen Bauch hungrig sein lässt, dessen Denken siedelt sich auf der höchsten Ebene an und dessen Überlegungen werden besser.“

2. Die anderen Wirkungen von weniger Essen sind Demut, Gastfreundschaft, Bescheidenheit und Freiheit von Arroganz, Egoismus und Einbildung, den Nebenprodukten der Überschreitung der Religion und schlechten Knechtsschaft gegenüber Gott, dem Gepriesenen und Erhabenen. Derjenige, der sich mittels Hunger von diesen Unglücken befreit, wird sich auch für Demut, Gehorsam und Ergebenehit gegenüber dem Herrn vorbereiten.

3. Die anderen Effekte von weniger Essen sind geminderte Leidenschaften und Motivationen, die einen Menschen zu Sünden und anderen Abirrungen einladen. Wie wir wissen resultieren Sünden und Übertretungen in den meisten Fällen aus leidenschaftlichen und sinnlichen Motivationen und folglich kann uns die Kontrolle der Leidenschaften durch Hunger davon befreien, in viele gefährliche Situationen zu geraten.

4. Ein weiteres Ergebnis von weniger essen ist weniger schlafen; wir wissen, dass zu viel Schlaf einer der wichtigsten Faktoren beim Verschwenden unserer Zeit ist, welche die wertvollste Menge ist, die uns für unsere jenseitigen Angelegenheiten zur Verfügung steht. Aber Hunger reduziert den Schlaf und gibt damit die Möglichkeit für Nachtwachen, welche die Quelle aller Segnungen sind und den Menschen in seiner Anbetung und seinen Bittgebeten unterstützen, die eine Leiter zu der am meisten gewünschten spirituellen Stufe (maqam-e-mahmud) ist.

5. Eine weitere Wirkung von weniger essen ist die Erleichterung der Anbetung oder vielmehr Knechtschaft, denn derjenige, der es gewohnt ist, wenig zu essen, spart viel Zeit, die er ansonsten für Einkaufen, Vorbereitung, Kochen, usw. gebraucht hätte, denn oftmals sind Krankheiten auf falsche Essgewohnheiten zurückzuführen. Der Fastende kann deshalb all diese zur Verfügung stehende Zeit zur Anbetung und Gottesknechtschaft nutzen.

6. Ein weiterer Vorteil von weniger essen bietet die Möglichkeit, das Eingesparte als Almosen zu spenden oder für die Pilgerfahrt und andere Arten der Anbetung, die Ausgaben erfordern, aufzuwenden.

Die beschriebenen Vorteile haben eine so große Bandbreite, dass die Kraft des Verstandes ihre Tiefen nicht beschreiben kann. Die primären Vorteile des Fastens sind insbesondere Reinheit des Herzens und Schärfe des Verstandes und Denkens. Das Nachdenken oder Denken an sich ist eine spirituelle Reise, während Handlungen und Taten die Vorrausetzungen und den Hintergrund dieser spirituellen Reise bilden. Vor diesem Hintergrund ist die Überlieferung zu sehen: „Das Nachdenken für nur eine einzige Sekunde ist besser als siebzig Jahre Anbetung.“

Zusammenfassung und Ergänzung der Vorteile

1. Man kann mit Gewissheit entdecken, warum Gott, der Gepriesene und Erhabene, Seine Gäste mit Hunger bewirtet. Ist Hunger nicht das beste Mittel, um das Wissen, die Nähe und das Angesicht von Ihm zu erlangen? Sind nicht das Wissen, die Nähe und Gunst Gottes die liebsten und am meisten geschätzten Dinge?

2. Es wird ebenfalls ganz offensichtlich, dass Fasten keine göttliche Verpflichtung ist, sondern vielmehr ist es eine Einladung, um göttliche Zeremonien zu erlangen, deren Erfordernis eine göttliche Gnade ist, die uns verliehen wird und für die wir Gott dankbar sein müssen. Das Bewusstsein von diesem Punkt macht die göttliche Erklärung in dem folgenden Vers deutlich: „O ihr, die ihr glaubt! Das Fasten ist euch vorgeschrieben, so es denen vorgeschrieben war, die vpr euch waren. Vielleicht werdet ihr Gott fürchten.“ (2:183) Es ist eine äußerst ehrenwerte, geschätzte, erhabene und süße Erkläung, denn es ist eine Einladung, an der Tafel Seiner Großzügigkeit zu sitzen und die geheiligte spirituelle Stufe der Verbindung mit Ihm (wasl) und der Begegnung mit ihm (liqa) zu erlangen.

3. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Erkenntnis der Tatsache, dass die Weisheit hinter der Unentbehrlichkeit des Fastens darin besteht, die sündhaften sinnlichen Leidenschaften zu schwächen. Deshalb sollten wir uns nach dem Fastenbrechen (iftar) nicht dem übermäßigen Essen hingeben und nicht mehr Nahrung zu uns nehmen, als unseren täglichen Erfordernissen entspricht, denn dann waren das Fasten und der Hunger des ganzen Tages umsonst.

4. Das Bewusstsein von den Verdiensten und Vorteilen des Fastens wird deutlich machen, dass wir uns bestmöglich bemühen müssen, um es mit der richtigen Hingabe zu praktizieren und seiner enormen Nutzen nicht beraubt zu werden.

5. Nachdenken über die Unentbehrlichkeit des Fastens wird Dinge offenbaren, die den Wert und Verdienst des Fastens erhöhen oder seinen Wert mindern, ihm widersprechen und entgegenstehen. Aus diesen Überlegungen heraus können die Bedeutungen der folgenden Überlieferung gutgeheißen werden, in der es heißt: „Fasten ist nicht nur Verzicht auf Essen und Trinken; beim Fasten müssen Fleisch, Augen, Zunge und in Übereinstimmung mit bestimmten Überlieferungen sogar die Haut und Haare fasten und fromm und enthaltsam sein.“

6. Die o.g. Erklärung macht auch deutlich, dass es beim Fasten nicht unser Ziel und Streben sein sollte, von der Bestrafung der Hölle befreit zu werden oder die Segnungen des Paradieses zu erlangen, wenngleich diese beiden Ziele durch das Fasten erreicht werden. Vielmehr sollte unser Fasten von dem Ziel und der Absicht getragen sein, dass diese Tat uns Gott, dem Gepriesenen und Erhabenen, näher bringt und die Verbindung mit Ihm zu erlangen. Das Fasten wird einen Menschen ferner von körperlichen sinnlichen Wünschen entfernen und ihn den engelhaften und spirituellen Werten näher bringen. Wenn wir über diese Erklärung nachdenken wird deutlich, dass jede Art von Rede, Handlung und Verhaltensweise, die uns von der göttlichen Gegenwart entfernt, als Nachlässigkeit unsererseits zu verstehen wäre, weil Gott, der Gepriesene und Erhabene, uns eingeladen hat, Seine Güte zu erlangen. Deshalb sollten wir ein solches Verhalten von diesen Überlegungen her gesehen nicht gutheißen, denn in diesem Zustand an der Tafel der Segnungen des Einen zu sitzen, Der uns eingeladen hat und unser Denken, unsere Gedanken und Pläne kennt und sich um uns kümmert, während wir Ihm gegenüber naiv sind, Der an uns denkt, während wir Ihm gegenüber nachlässig sind, und Der nach uns schaut, während wir unsere Gesichter von Ihm abwenden, wäre unhöflich und rücksichtslos, und kein weiser Mensch würde ein solches Verhalten von irgendeinem seiner Freunde dulden.

Hinsichtlich des Fastens hat Imam Dschafar as-Sadiq (a.s.) u.a. folgende notwendigen Bedingungen beschrieben: „Der Fastende sollte sich als der Reisende des Jenseits ansehen, sollte im Zustand der Demut, Furcht, Selbsterniedrigung bleiben und wie ein Diener, der seinen Herrn fürchtet, sollte er sich vor Gott fürchten; sein Herz sollte rein bleiben von Unzulänglichkeiten und Verschmutzung und sein inneres Selbst sollte von allem frei sein außer Gott: er muss seine ganze Freundschaft und Absichten für ihn opfern und muss sein Herz von allen anderen Freundschaften außer der zu Gott reinigen; seine Augen und seine Seele müssen Ihm ergeben sein; er muss seine Seele Seinem Gedenken widmen, muss seinen Körper auf dem Wege Gottes führen und muss ihn – insbesondere die Zunge – von allen Arten der Sünde und Unzulänglichkeiten abhalten. Wer diese Grenzen beachtet hat, hat seine Verpflichtungen zum richtigen Fasten in der Tat erfüllt und wer auch immer bei der Erfüllung dieser Pflichten nachlässig war, hat sein Fasten vergeudet und wird von seiner Belohnung keinen Nutzen ziehen.“

Wir müssen über die Verpflichtungen nachdenken, die Imam Dschafar as-Sadiq in dieser Überlieferung für einen Fastenden als notwendig angesehen hat, so dass wir die darin enthaltenen Vorteile und Segnungen zu schätzen wissen. Ein Fastender z.B., der sich selbst als ein Reisender des Jenseits ansieht – ein Reisender, der sich seinem Endziel nähert – wird nicht an weltlichen Verlockungen interessiert sein und wird nichts Aufmerksamkeit schenken mit Ausnahme der Sammlung von Vorräten für seine ewige Reise. Oder ein Fastender, der sich in einem Zustand der Demut befindet, wird z.B. an nichts interessiert sein ausgenommen daran, sich Gott anzuschließen und wird sich am Gottgedenken erfreuen. Und der Fastende, der seinen Körper und seine Seele Gott absolut ergeben hat, wird sich um nichts sorgen, außer Ihn und unausweichlich werden seine Seele und sein Körper, sein Selbst und sein Bewusstsein und seine gesamte Existenz erfüllt mit dem Gedenken, der Liebe, der Anbetung und Dienerschaft Gottes. Das Fasten von einem solchen Menschen ist das Fasten der Günstlinge.

Ayatollah Dschawad Maleki Tabrisi