Der Erkenntnisaspekt von Aschura

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Imam Hussayn (a.s.) ist ebenso wie die anderen unfehlbaren Imame ein wichtiges Vorbild für die menschliche Gesellschaft. Alle Menschen können ihrem Leben eine Richtung verleihen, wenn sie das Leben und die Art des Edelmutigen genau studieren, und es wird ein Leben in Reinheit sein, welches sie zur Glückseligkeit in dieser Welt sowie im Jenseits führt.

Über Imam Hussayn (a.s.) wurden viele Bücher geschrieben und jedes Jahr gibt es Millionen von interessierten Menschen, die an Diskussionen über diese große Persönlichkeit der islamischen Welt teilnehmen und sich mehr mit den existentiellen Aspekten dieses großen Imams auseinandersetzen. Und dennoch gibt es viel zu sagen über diesen Anführer der freien Menschen, was unerwähnt geblieben ist und es gibt viele unerforschte Aspekte des Lebens dieses edelmutigen Imams, mit denen man sich befassen kann.

So Gott will, werden wir die Erkenntnisaspekte von Aschura erläutern. Zunächst sollten wir beachten, dass die göttliche Religion über ein Äußeres und ein Inneres verfügt. Wer die Wahrheit der Religion erfahren will, muss beide Perspektiven betrachten. So hat die Erkenntnislehre (Irfan) im Islam einen besonderen Stellenwert und die wichtigste Errungenschaft der religiösen Erkenntnis ist die Liebe zu Gott; die Tatsache, dass alles auf der Welt von Natur aus die Existenz eines einzigen Gottes bezeugt.

So richte dein Antlitz in aufrichtiger Weise auf den Glauben; (dies entspricht) der natürlichen Veranlagung, mit der Allah die Menschen geschaffen hat. (Ar-Rum | 30:30)

Imam Sadegh (a.s.) interpretiert diesen Vers und sagt: „Die göttliche Veranlagung ist der Monotheismus, weil alle Menschen mit dieser Veranlagung (Fitrah) geschaffen wurden.“ Manche haben sich selbst die Nutzung dieser Natur verwehrt, indem sie ihr Herz unter Unglauben, Vielgötterei und Heuchelei begraben haben. Diese Menschen haben sich selbst die Möglichkeit des Wachstums und der Steigerung genommen, doch der Qur’an betont in seinen Lehren, dass Gott des Liebens würdig ist, und dass diese Liebe allen Menschen in die Natur gelegt worden ist.

Abraham (a.s.) sagte in seinen Diskussionen mit jenen, die die Sonne oder die Sterne anbeteten: „Ich liebe das nicht, was aufgeht und untergeht.“ Er liebte von Natur aus den Gott, der die Himmel und die Erde geschaffen hat und unterwarf sich nur Ihm. Er stellte diesem Gott nichts und niemanden gleich.

Der Erkenntnisaspekt der Religion ist die Liebe zwischen Schöpfer und Geschöpf, die dem Geschöpf Geduld, Zufriedenheit, Unterwürfigkeit, Enthusiasmus, Reinheit, Sicherheit, Selbstvertrauen und Nähe zur Wahrheit verleiht, welches allesamt heilige Manifestationen Gottes sind.

Der Erkenntnisaspekt von Aschura hat seine eigene Beschaffenheit. In der Gesellschaft sind die Geschehnisse mehr als Inspiration eingegangen – dem Unrecht zu widerstehen und für Gerechtigkeit zu einzustehen – was eher einem gesellschaftlichen Aspekt entspricht. Imam Hussayn (a.s.) hatte eine erstaunliche Liebe zu Gott und drückte seine Andacht stets mit „Es gibt keine Macht und keine Kraft außer durch Allah, den Großen, den Mächtigen.“[1] Diese spirituelle Verbindung ermöglicht es ihm, die schlimmsten Tragödien zu ertragen. Als man also sein minderjähriges Kind auf seinem Arm mit einem Pfeil traf und tötete, sprach er: „O Gott, was mir all diese Tragödien leichter zu ertragen macht, ist, dass du Zeuge dieser Szene bist.“[2]

Die Liebe zu Gott hat das gesamte Wesen Imam Hussayns (a.s.) umfasst, so dass er sich mit Gott verschmolzen sieht und nur an das denkt, was Gottes Zufriedenheit bedeutet. So verzichtet er auf alles und auf jeden, wenn es um die Zufriedenheit Gottes geht. Sein irdisches Leben zu opfern ist eine Manifestation dieser Liebe. Der Edelmutige sagt in einem Gedicht, welches ihm zugeschrieben wird:

„Ich verließ die Menschheit völlig, deiner Liebe wegen überließ ich meine Familie der Gefangenschaft, um Dich anzutreffen“

Es ist in der Geschichte bestätigt worden, dass sich der Edelmutige, wenn ihm Unheil wiederfuhr, niemals bei seinem Gott beklagte, sondern dass sein Gesicht nur noch mehr strahlte. Umman Samani, ein bekannter Dichter, beschreibt Imam Hussayn (a.s.) als erfüllt mit göttlicher Liebe, und immer nach noch mehr Liebe strebend. Er verzichtet auf alles, was nicht sein Gott ist und sieht sich völlig dieser Liebe verfallen. Im Kampf zwischen Vernunft und Liebe lässt er die Liebe siegen und spricht in seiner letzten Ansprache seine Schwester Zaynab (a.s.) mit dem Wunsch an, ihn nicht davon abzuhalten, seinen Gott anzutreffen. Wie seine eigene Seele umarmte er sie und flüsterte ihr leise ins Ohr:

„Bist du es, Zaynab, die mit mir streitet? Oder bist du das nächtliche Klagen der Untröstlichen? Die Liebe sollst du nicht an die Kette legen. Das ist der Weg der Liebe, streite nicht mit mir.“

Das Unheil aus Liebe zu Gott zu ertragen, ist aus der Sicht des Edelmutigen völlig gerechtfertigt, weil die wahren Liebenden vor Unheil nicht zurückscheuen, sondern es für ein Zeichen der Liebe und Zuwendung Gottes halten, das sie reinigt und läutert und zur Vergebung ihrer Sünden führt. Aufgrund dieser Vorzüge nehmen sie das Unheil gerne in Kauf. In den Überlieferungen heißt es, dass tragische Dinge, die dem Menschen widerfahren, Geschenke Gottes sind und dazu beitragen, dass sich der Mensch entwickelt. Imam Sadegh (a.s.) sagte:

„Wenn Gott einen Diener liebt, so überhäuft er ihn mit Unheil.“[3]

Bei seinem Abschied bereitete er seine Familie darauf vor, durch Leid geprüft zu werden und sagte: „Das Leid wird euch helfen.“ Er spricht von den guten Folgen, die die Tragödie haben wird: „Eure Feinde werden euch mit großem Unheil heimsuchen, und ihr werdet dafür mit Gaben und Größe belohnt. So klagt niemals und sagt niemals etwas, was euch die Würde und den Wert nimmt.“[4]

Gottes Andacht erfüllt stets das gesamte Wesen des Erkenntnissuchenden. Sein Herz läuft vor Liebe zu Gott über und er gedenkt ständig Gottes, und zwar zu jedem Zeitpunkt, der es ihm erlaubt. Er lobpreist seinen Gott und dankt ihm. Imam Hussayn (a.s.) beginnt eine seiner Ansprachen mit der Lobpreisung Gottes: „Ich lobpreise Gott am höchsten, und bin ihm in meiner Freude oder in meiner Trauer dankbar.“[5] Am Morgen von Aschura, als die Armee des Feindes auf ihn zu rückte, sprach er: „O Gott, bei allem, was mich befällt, bist du meine einzige Stütze.“[6]

Die treuen Freunde dieses großen Anführers haben auch die Botschaft der Liebe gehört und erkannten Stolz und Würde darin, dass sie den Imam ihrer Zeit nicht verlassen und in seiner Begleitung den besten Tod, nämlich den Märtyrertod sterben. Jeder Zeitpunkt und jeder Ort ist eine Szene, in der man die göttliche Pflicht erfüllt und so sprach Zaynab (a.s.), als sie den Leichnam ihres Hussayns (a.s.) auffand: „Oh Allah, nimm das Opfer an, dass wir dir bringen.“[7] Als man sie später über die Ereignisse in Kerbela fragte, sagte sie: „Ich sah nichts außer Schönheit.“

Zusammenfassend sollte erwähnt werden, dass die Ereignisse von Aschura das Leben mit wahrer Erkenntnis und Spiritualität verbinden. Der Gott liebende Mensch spürt immer die Anwesenheit seines Geliebten. Was er von Ihm erhält, empfindet er als schön. Er unterwirft sich dem, was sein Geliebter für ihn vorgesehen hat und für ihn will.

Einer liebt den Schmerz, der andere die Heilung

Einer liebt die Nähe, der andere die Ferne

Ob Schmerz, Heilung, Nähe oder Ferne

Liebe ich das, was der Geliebte will.

Dadurch erlangt der Mensch innere Überzeugung und Sicherheit, und dieser Mensch wird von Gott, dem Geliebten, angesprochen:

„O du ruhige Seele, komm zufrieden zurück zu deinem Herrn und mit (Allahs) Wohlwollen, so schließ‘ dich dem Kreis Meiner Diener an, und tritt ein in Mein Paradies.“

Ayatollah Dr. Reza Ramezani

[1] Enzyklopädie der Worte Imam Hussayns (a.s.). S. 477.
[2] Umman Samani: Schatz der Geheimnisse. S. 62.
[3] Safinat-ul-Bahar. Bd. 1, S. 392.
[4] Enzyklopädie der Worte Imam Hussayns (a.s.). S. 491.
[5] Ebd. S. 395.
[6] Ebd. S. 414.
[7] Das Leben Imam Hussayns (a.s.). Bd. 2, S. 301.