Der Islam – Eine Religion der Spiritualität und Ethik

Ayatollah Dr. Reza Ramezani

Am 23. und 24. Oktober 2013 veranstalteten Prof. Dr. Dr. Ina Wunn und die Philosophische Fakultät der Leibniz Universität Hannover in Zusammenarbeit mit der Mediengruppe Madsack (Hannover) das Symposium „Das Gewaltpotenzial der Religionen“ im Künstlerhaus in Hannover.

Zur Diskussion dieser Thematik wurden nationale und internationale Experten aus Religion, Wissenschaft und Politik eingeladen. Insbesondere die Vertreter der drei abrahamitischen Weltreligionen Judentum (Charlotte Knobloch), Christentum (Margot Käßmann) und Islam (Ayatollah Dr. Reza Ramezani) bekamen die Gelegenheit, aus der jeweils eigenen Sicht das Verhältnis zur religiös legitimierten Gewalt darzustellen.

Ayatollah Dr. Reza Ramezani stellte seine Sicht basierend auf der islamischen Lehre dar. Aus seinem Vortrag „Der Islam – Eine Religion der Spiritualität und Ethik“ sei im Folgenden eine Zusammenfassung aufgeführt:

Zuerst möchte ich mich bei den Veranstaltern dieser Konferenz, die wirklich sehr notwendig ist, bedanken und meinen größten Respekt bekunden. Ich hoffe, dass sich die Buchreligionen durch Dialog, Kommunikation und einen verstärkten Blick auf die Gemeinsamkeiten in ihren Grundlagen mehr als bisher näher kommen, um die Gesellschaften zu einer Rückkehr zur Wahrheit und Essenz der Religion einzuladen. Der Respekt gegenüber den himmlischen Büchern, den göttlichen Religionen und den Propheten, die von Gott für die Rechtleitung der Menschen geschickt wurden, muss dabei stets bewahrt werden.

Der Koran stellt als heiligstes Buch der Muslime den Propheten Muhammad (s.a.) als umfassende göttliche Gnade dar. Alle Menschen können diese Gnade nutzen (Al-Anbiya | 21:107). Allerdings ist das eigentliche Prinzip, dass der Prophet eine Gnade ist auf der Ebene des Glaubens an den einen Gott und darauf wird in diesem Vers hingewiesen: „Sag: Mir wird als Offenbarung nur eingegeben, dass euer Gott nur ein einziger Gott ist. Werdet ihr nun Allah ergeben sein?“ (Al-Anbiya | 21:108). Anders ausgedrückt ist dieser Glaube an den einen Gott, was auf Arabisch Tauhid bedeutet, gleichzeitig auch Tauhid im Glauben, Tauhid in der Gesellschaft, Tauhid in den Gesetzen und Tauhid in der Anbetung. Und in Wirklichkeit ist es dieses Tauhid, das sich in allen religiösen Lehren, sei es in den Grundlagen oder in den Details, quasi in der gesamten Religion manifestiert.

Die beiden Wörter „rahman – gnädig“ und „rahim – barmherzig“ stammen von der Wurzel „Rahmat – allumfassende Gnade“ ab, das erste Wort kommt 56 mal und das zweite 228 mal im Koran vor (abgesehen von des Basmalas am Beginn der Suren). Die allgemeine Gnade Gottes umfasst alle Lebewesen und es ist klar, dass die Gnade Gottes vollkommen und allumfassend ist. Denn ohne den kleinsten Mangel werden die Bitten der Bedürftigen erfüllt und seine Gnade umfasst das Diesseits und das Jenseits. Und da seine Gnade nur da ist, um Gutes zu erweisen, ist sie vollkommen.[1]

Was in Wirklichkeit den Weg der Rechtleitung des Menschen klarmacht, ist die göttliche Gnade, die sich in der Botschaft des Propheten manifestiert. So sagt der Prophet: „Ich bin als göttliche Gnade von Gott auserwählt worden.“[2] Der Prophet des Islam ist die Erscheinung der absoluten Gnade Gottes (Al-Anbiya | 21:107). Und ein Gesandter aus euren eigenen Reihen (At-Tauba | 9:128).

Diese Gnade umfasst all diejenigen, die die Kapazität dafür aufweisen und auf welcher Ebene sie immer sein mögen. Aufgrund dieser speziellen Gnade lädt der Prophet die Menschen freundlich und geduldig ein. Deshalb verhält sich der Prophet in Bezug auf die Menschen freundlich und demütig und er leitete die Gesellschaft auf die beste Art und Weise. In diesem Zusammenhang heißt es im Koran: „Durch Erbarmen von Allah bist du mild zu ihnen gewesen; wärst du aber schroff und hartherzig, so würden sie wahrlich rings um dich auseinanderlaufen. So verzeihe ihnen, bitte für sie um Vergebung und ziehe sie in den Angelegenheiten zu Rate. Und wenn du dich entschlossen hast, dann verlasse dich auf Allah! Gewiss, Allah liebt die sich auf Ihn Verlassenden.“ (Al-i-Imran | 3:159) „Er ist es, Der über euch den Segen spricht – und auch Seine Engel –, damit Er euch aus den Finsternissen ins Licht hinausbringt; und Er ist zu den Gläubigen barmherzig.“ (Al-Ahzab | 33:43) Der Prophet, der die Manifestation der Gnade Gottes ist, ist zu den Menschen freundlich und liebenswürdig. Er ist in Wirklichkeit ein klares und reinigendes Wasser, das sein Volk läutert und reinigt. Ein Gesandter von Allah, der gereinigte Blätter verliest (Al-Bayyina | 98:2). Und das alles basiert auf der Basis von Gnade und Liebe.

Im Buch der Muslime wird der Prophet durch Eigenschaften beschrieben, die jeweils auf  seinen Rang und seine Stufe hinweisen, wie z.B.: Er ist der Gesandte Gottes, der dem Menschen die gute Nachricht des Paradieses überbringt, solange sich die Menschen auf dem Weg der Güte und des Guten befinden und in Bezug auf die Hölle verwarnt er den Menschen, wenn er den Weg der Schlechtigkeit und des Bösen beschreitet und ist zu den Gläubigen barmherzig (Al-Ahzab | 33:45). Dieser große Prophet sorgt sich um sein eigenes Volk und deshalb zerbricht er sich den Kopf, um die Probleme und Nöte der Menschen (At-Tauba | 9:128) und deshalb ist er auf dem Weg der Rechtleitung der Menschen eifrig (At-Tauba | 9:128) und er ist zu ihnen freundlich und besorgt (At-Tauba | 9:128). Der Koran beschreibt den Propheten Gottes als Menschen, der genauso Mensch ist, wie die anderen Menschen, der die göttliche Offenbarung für die Rechtleitung und Führung der Menschen empfangen hat (Al-Kahf | 18:110; Fussilat | 41:6) und die Religion der Wahrheit den Menschen vorgestellt hat (Al-Fath | 48:28) und seine Botschaft war aufgrund der Gnade Gottes global und weltumfassend (Al-Anbiya | 21:107).

Er war mild und nicht streng (Al-Imran | 3:159), er hatte ein gutes und großzügiges Verhalten (Al-Qalam | 68:4), das für alle Menschen ein Vorbild war (Al-Ahzab | 33:21), er hat für die Vergebung der Menschen um Verzeihung gebeten, damit den Menschen vergeben wird, er hat über ihre Fehler hinweggesehen und war nicht streng, er war respektvoll zu den Menschen und hat sich mit ihnen beraten und ihm wurde sogar von Gott aufgetragen, sich zu beraten (Al-i-Imran | 3:159). Der Prophet des Islam hatte bei niemandem gelernt und sein Wissen war göttlich (A) Al-Dschum`a | 62:2; B) Al-A‘raf | 7:158). Er war beauftragt Gerechtigkeit in der Gesellschaft auszuüben (Asch-Schuara | 26:15) und um sein Ziel zu erreichen, scheute er keine Mühe (Ta Ha | 20:2). Der Prophet hatte, um sein Prophetentum bestätigen und legitimieren zu können, wie auch schon Propheten vor ihm, Wunder. Sein größtes Wunder jedoch ist der heilige Koran, der in jeder Hinsicht ein Wunder und frei von Mängeln und Widersprüchen ist. Was er gesagt hat, war wahr, da er ein wahrhaftiger Prophet war und nicht ein Zauberer, Dichter, Magier, Dschinn oder etwas Anderes. Der Prophet Gottes hat besonders den Weg des Wissens und der Erkenntnis unterstrichen, um die menschliche Vernunft aufblühen zu lassen: „Wenn der Mensch in seiner Jugend lernt, so ist das, als würde das in einen Stein gemeißelt werden! Wenn der Mensch im Alter lernt, so ist das, als würde er auf Wasser schreiben!“[3]

 

Spiritualität

Was aus den Lehren des Koran, die durch den Propheten des Islam überbracht wurden, hervorgeht, ist, dass diese Heiligkeit versucht hat, dem Menschen ein sinnvolles Leben in einer Welt mit Sinn vorzustellen, damit er weiß, dass er als höchstes Lebewesen anerkannt wurde. So heißt es im Koran, der den Menschen als bestes Geschöpf vorstellt: „Wahrlich, wir haben den Menschen in seiner schönsten Form erschaffen!“ (At-Tin | 95:4) „Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen hervorgebracht worden ist. Ihr gebietet das Rechte und verbietet das Verwerfliche und glaubt an Allah. Und wenn die Leute der Schrift glauben würden, wäre es wahrlich besser für sie. Unter ihnen gibt es Gläubige, aber die meisten von ihnen sind Frevler.“ (Al-i-Imran | 3:110) Es ist nicht so, dass die Menschen von Natur aus schlecht und verdorben sind, sondern von Natur aus bewegen sie sich auf die Wahrheit zu. Um die Welt der Spiritualität betreten zu können, bietet der Islam dem Menschen ein Lebensprogramm  an und was in diesem Zusammenhang wichtig ist, ist genau die seelische und innere Ebene des menschlichen Lebens und die Hinwendung zu immateriellen Dingen.[4] „In Wirklichkeit, wenn diese Ebene im Menschen nicht existierte, hätte er keinen speziellen Wert, denn es ist genau diese Ebene, die den Wert im Menschen ausmacht und die das Leben des Menschen so besonders macht. Denn er hat etwas Göttliches anvertraut bekommen, etwas, das nicht einmal die Himmel und die Erde aufnehmen konnten: „Wir haben das anvertraute Gut den Himmeln und der Erde und den Bergen angeboten, aber sie weigerten sich, es zu tragen, sie scheuten sich davor. Der Mensch trug es – gewiss, er ist sehr oft ungerecht und sehr oft töricht.“ (Al-Ahzab | 33:72)

Aus dem Grund hat Gott dem Menschen Wissen gelehrt (Al-Baqara | 2:31) und ihn die gesamte göttliche Schöpfung (Al-Baqara | 2:30) nutzen lassen. Es scheint, dass besonders in der heutigen Zeit diese Ebene im Menschen hervorragen sollte, da der Mensch nicht nur ein materielles Wesen ist, sondern vielfältige Kapazitäten und eine besondere Größe besitzt. Wenn jedoch diese Ebene im Menschen ignoriert wird, gibt es keine Freude und Hoffnung mehr für den Menschen. Deshalb muss der Mensch die Lebenslust auf Basis spiritueller Motivation in sich wiederbeleben. Es scheint, dass heutzutage die Verbreitung esoterisch angehauchter Scheinspiritualität genau das verhindern soll, dass die geistigen und seelischen Kapazitäten des Menschen auf dem Wege der Ewigkeit zum Einsatz kommen. Dieser Gefahr müssen wir uns bewusst sein. Es gibt Leute, die über säkulare oder weltliche Spiritualität sprechen und diese verbreiten. Doch bei genauerem Hinsehen gelangt man zu der Überzeugung, dass das letztendliche Ziel der seelischen Ebene des Menschen wesentlich höher und besser ist als das, was vom Menschen verändert und interpretiert wird. Durch die Diskussion über die Offenbarung sollte der Weg über die wahre Spiritualität in die richtige Richtung geführt werden. Die Frage, die sich hier stellt, ist, warum der Mensch in der heutigen Zeit so durstig nach Spiritualität ist und warum so viele „Spiritualität versprechende“ Sekten heftig darum bemüht sind, Anhänger zu finden.  Tatsächlich kann eine „echte“ Spiritualität nur in der göttlichen Offenbarung gefunden werden, worüber wissenschaftlich diskutiert werden sollte.

Moral

Zu den anderen wichtigen Lehren des verehrten Propheten gehören die Verbreitung von Ethik und Moral im individuellen, gesellschaftlichen und göttlichen Bereich. Das geht so weit, dass der Prophet gesagt hat, dass der Grund für seine Auserwählung die Vervollkommnung des Verhaltens und der Moral sei. Er sprach: „Wahrlich, ich wurde deshalb auserwählt, um das Verhalten zu vervollkommnen.“[5] Die Wichtigkeit von Moral und Ethik bei den abrahamitischen Religionen und sogar bei denen, die die Buchreligionen nicht akzeptieren, ist so groß, dass das von allen Theologen und Wissenschaftlern bestätigt wird. Wenn das menschliche Verhalten in der Gesellschaft den menschlichen Prinzipien und wahren Werten entspräche, würden sich viele Probleme, an denen der Mensch heutzutage leidet, lösen. Deshalb werfen auch manche Ideologen das Projekt der globalen Ethik auf und verteidigen dieses ernsthaft und sind der Meinung, dass alle Menschen trotz kultureller, nationaler, religiöser und politischer Unterschiede durch die Akzeptanz gewisser Gemeinsamkeiten die Menschheit zur Moral einladen können. Sie diskutieren über Prinzipien wie menschliches Verhalten untereinander, Gleichheit aller Menschen, Verneinung von Gewalt usw. und sind der Meinung, dass damit Probleme wie Armut und Unterdrückung gelöst werden könnten. Dafür ist allerdings die Kooperation von Politikern, Theologen und Wissenschaftlern erforderlich.

Es ist nicht von ungefähr, dass der Islam die Wichtigkeit von Ethik und Moral unterstreicht und der Prophet durch sein Verhalten in kürzester Zeit so viele Anhänger finden konnte (Al-i-Imran | 3:159.). Der Prophet konnte in seiner Zeit bewirken, dass sich das Verhalten der Menschen änderte und die Stämme miteinander Frieden schlossen, die Menschen das Problem der anderen auch als ihr Problem ansahen und dafür auch Opferbereitschaft zeigten. Das ging soweit, dass die Ansar sich gegenüber den Muhadschirin so selbstlos zeigten, dass sie bereit waren, ihr Vermögen und ihre Unterkunft zu teilen und erst an die anderen und dann an sich selber gedacht haben. Diese Art von Selbstlosigkeit kann man allerdings in mehreren Situationen beobachten. Im Koran heißt es über den Propheten (Al-Qalam | 68:4). Diese Aussage von Gott zeigt die Größe der Moral des Propheten auf und deshalb bemühte sich der Prophet auch so um die Erziehung des Menschen, woraus die Moral resultiert, und dafür hat er Prinzipien und Grundlagen bekräftigt, wie zum Beispiel Glaube an einen Gott, Glaube an das Jenseits, Glaube an die Wahrheit der himmlischen Bücher wie auch den Koran. Das alles spielte eine erhebliche Rolle in der Erziehung des Menschen.

Vernunft

Zu den Lehren des Islam, die vom Propheten betont wurden, gehört auch die Diskussion um die Vernunft. Die Vernunft nimmt in der islamischen Theologie einen wichtigen und wertvollen Stellenwert ein. Deshalb wird im Koran auf das Thema Vernunft in verschiedenen Versen hingewiesen wie zum Beispiel: „Wenn ihr doch nachdenken würdet; wenn sie doch nachdenken würden; vielleicht werden sie nachdenken“ usw.  Wenn der Mensch die Angelegenheiten in seinem Leben unter die Führung der Vernunft stellt, werden viele Schwierigkeiten in den Höhen und Tiefen des Lebens gelöst. Hier ist mit Vernunft der „Botschafter zur Wahrheit“,  der „innere Wegweiser“, oder was Gott den Menschen anvertraut hat, damit es ein Mittel zum Erreichen des Ziels sein kann. In Wirklichkeit sind die göttlichen Propheten gekommen, um den Verstand zu trainieren und um den Menschen zu kennen, bedarf es des Verstandes und der Vernunft[6] und das ist die größte Gnade[7], durch die Menschen großartige menschliche Tugenden[8] erwerben können.

Der Stellenwert der Vernunft ist im Islam so hoch, dass viele der religiösen Lehren durch Vernunft und rationale Argumentationen entstehen. In einer schönen Aussage des sechsten Imams heißt es: „Die Vernunft ist der Wegweiser des Gläubigen.“[9] Der Verstand verleiht dem Menschen die Fähigkeit des Vorausdenkens, der Analyse, des Hinterfragens unterschiedlicher Dinge, damit die Menschen ein schönes Leben genießen können. Der sechste Imam sagte auch: „Die Vernunft ist der Freund jedes Menschen, wo doch Feinde der Menschen Unwissenheit und Ignoranz sind.“[10] Vernunft bedeutet im islamischen Gedankengut die Kraft und die geistige Aktivität, die genutzt wird, um das Ziel des idealen materiellen und spirituellen Lebens zu erreichen. Diese Nutzung erfolgt durch die Auswahl der geeigneten Mittel für das Erreichen der wichtigen Ziele des Lebens.“[11] Im Heiligen Koran wird oft über den Stellenwert von Vernunft diskutiert und in manchen Versen werden sogar diejenigen, die nicht den Weg der Vernunft beschritten haben, kritisiert (Al-Baqara | 2:44, 76; Yunus | 10:167; Al-Anbiya | 21:10.). Es ist klar, dass die Entfernung von Vernunft und Verstand den Menschen zu Verirrungen, zu Extremismus und Untertreibungen führt. Vernunft und Verstand spielen in jeder Phase des menschlichen Lebens eine positive Rolle und sind eins der wichtigsten Instrumente der Erkenntnis.

Gerechtigkeit

Zu den anderen Lehren des Islam, die durch den Propheten betont wurden, zählt die Gerechtigkeit auf den verschiedenen Ebenen des Lebens. Gerechtigkeit bedeutet, dass alles seinen Platz einnehmen muss und jeder, der Anspruch auf ein Recht hat, dieses Recht auch zugestanden bekommt und niemand unterdrückt wird. Im heiligen Buch der Muslime zählt die Problematik der Gerechtigkeit zu den bedeutenden und lebensnotwendigen Angelegenheiten im gesellschaftlichen Leben der Menschen, so dass alle göttlichen Propheten mit Hilfe der himmlischen Bücher in der Gesellschaft Gerechtigkeit ausüben konnten. Leider ist Unterdrückung und Ungerechtigkeit in zahlreichen Ländern eine Folge von fehlender Gerechtigkeit, sodass deren Aufhebung direkt im heiligen Buch der Muslime betont wird. Das Wort „Gerechtigkeit“ kommt alleine vierzehnmal in zwölf Versen aus sieben Kapiteln des Korans vor. Ableitungen davon kommen fünfundzwanzigmal in elf Kapiteln des Korans vor. Das Wort „Qist“ mit der Bedeutung Gerechtigkeit kommt allein fünfzehnmal in fünfzehn Versen von zehn Kapiteln des Korans vor.

Aus islamischer Sicht ist Gerechtigkeit eine der wichtigsten Tugenden des Menschen und der Gesellschaft, die Unterdrückung, Diskriminierung, Ungleichheit und Verdorbenheit verhindert. Manche Leute, meistens die, die von den Medien beeinflusst werden, werfen den Muslimen Gewalt, Terror und Kriegslust vor, alles Handlungen, die nicht mit den islamischen Prinzipien vereinbar sind. Leider gibt es nicht selten Gewaltakte von Extremisten, die im Namen der Religion begangen werden, wo doch keine einzige abrahamitische Religion in ihren Lehren Gewalt und Terror verbreitet und sich alle göttlichen Religionen für den Schutz der menschlichen Würde verantwortlich sehen und bemüht sind, durch Empfehlungen den richtigen Weg für das Leben zu verbreiten. Gerechtigkeit umfasst im weiteren Sinne alle ideellen, moralischen, kulturellen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Angelegenheiten und gilt überall als Maßstab zur Beurteilung.

Diese Begriffe gibt es auch in den Überlieferungen, wie zum Beispiel von Imam Ali (a.s.)[12], der gesagt hat, dass Gerechtigkeit der Maßstab für Gut und Schlecht ist und in Wirklichkeit Gerechtigkeit an sich gut ist, genauso wie Unrecht überall und egal von wem an sich schlecht ist. So wird im Koran betont, dass es ein gerechtes Wort sein soll (Al-An`am | 6:152), wenn ihr sprecht, und dass ihr gerecht urteilen sollt, wenn ihr unter den Menschen urteilt (An-Nisa | 4:58), und eure Zeugenaussage auch auf der Basis von Wahrheit sein soll, auch wenn es zu eurem eigenen Nachteil oder dem Nachteil eurer Eltern ist.[13] Wie wichtig es ist, nach Gerechtigkeit zu handeln, wird in jeder Art von Handel und Gerichtsurteil betont (Al-Baqara | 2:282). Vom Propheten wird eine Weisheit überliefert, wonach eine Stunde gerecht zu handeln besser ist als siebzig Jahre Anbetung, eine Anbetung, deren Tage mit Gebet und deren Nächte mit Gebet und der Anbetung Gottes verbracht werden.[14] Von Imam Sadschad (a.s.), dem vierten Imam der Schiiten, wurde folgendes überliefert: „Die gesamte Gesetzgebung manifestiert sich in drei Dingen: Erstens die Wahrheit zu sagen, zweitens gerecht zu urteilen und drittens seine Versprechen einzuhalten.“[15]

Das Thema Gerechtigkeit ist aus islamischer Sicht von so großer Bedeutung, dass das gesellschaftliche Leben des Menschen überhaupt darauf basiert und wenn das nicht der Fall ist, zählt die Gesellschaft als tote Gesellschaft. Somit zählt Gerechtigkeit als Basis für ein echtes Leben der Menschen und die Bedeutung eines richtigen Lebens auf verschiedenen Ebenen entfaltet sich mit der Gerechtigkeit und die Menschen können nur im Schatten der Gerechtigkeit in den Genuss eines richtigen Lebens kommen. Auf der anderen Seite machen Unterdrückung und Unrecht eine Gesellschaft zu einer abgestorbenen und freudlosen Gesellschaft und verdrängen Hoffnung aus dem Leben der Menschen. Zusammengefasst kann man sagen, dass der Islam eine Religion der Güte ist und versucht Frieden, Sicherheit und Harmonie zu verbreiten, was jedoch durch Machtgier, Unrecht, Unterdrückung und Arroganz nicht erreicht werden kann.

Was in dieser Diskussion allerdings besondere Aufmerksamkeit verdient, ist, dass die Maßstäbe für und die Bedeutung von Gerechtigkeit nicht überall gleich sind und manchmal auch auf bedenkliche Weise interpretiert werden und zwar ganz anders als es Gelehrte tun. Die Definition und Bedeutung von Gerechtigkeit muss unbedingt unter die Lupe genommen werden, damit die wahre Würde des Menschen nicht darunter zu leiden hat. Im Islam wird Gerechtigkeit in verschiedenen Bereichen betont, angefangen bei individueller Gerechtigkeit bis zu Gerechtigkeit im Bereich von Ethik und Moral, Philosophie, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur.

Was noch in den Verhaltensweisen des Propheten und anderen islamischen Größen auffallend ist, sind Eigenschaften wie Milde, Umgänglichkeit, freundliches Verhalten und Toleranz, Eigenschaften, die in allen Buchreligionen und speziell im Islam betont werden und auf die im Koran und in verschiedenen Versen hingewiesen wird, wie z.B. im Vers 199 im Kapitel Araf die drei Ebenen von freundlichem Verhalten beschrieben werden. Die erste göttliche Regel, die als allgemeine Empfehlung im Umgang gilt und worauf mehrere Verse hinweisen (Al-i-Imran | 3:159; Tauba / 6; asch-Schuara | 26:215.), ist Verzeihen allgemein, Verzeihen von Fehlern und Milde und das muss sich in der Sprache und im Handeln zeigen, die zweite Phase ist die Aufforderung zu guten Taten, indem man positiv auf andere reagiert und sie zu Gutem einlädt, was ausführlich in Vers 104 der Sure Al-Imran beschrieben wird: „Es sollte unter euch eine Gemeinschaft sein, die zum Rechten auffordert und das Gute gebietet und das Böse verwehrt. Diese allein sollen Erfolg haben.“ (Al-i-Imran | 3:104). In der dritten Phase wird beschrieben, wie mit Menschen umgegangen werden soll, die ignorant und unwissend sind und sich auf ihre Unwissenheit etwas einbilden und immun sind gegen jegliche Aufforderung zur Besserung und sich quasi nichts sagen lassen. Mit dieser Gruppe von Menschen soll nicht diskutiert oder sogar gestritten werden, weil das sowieso keine Besserung bringt, sondern diese Gruppe soll sich selber überlassen werden. Der Koran stellt jedoch noch eine Gruppe vor, die andere Menschen zur Leugnung der Wahrheit zwingen und zu Schlechtem verleiten. Hier sagt der Koran, dass solchen Menschen nicht gehorcht werden darf, da sie auf dem falschen Weg sind und andere auch auf den falschen Weg führen wollen. Für den Schutz der Gesundheit des Menschen wird im Koran empfohlen, solchen Menschen nicht zu gehorchen.[16]

Der Prophet hat von Gott den Auftrag bekommen, sich den Dienern Gottes gegenüber mild, freundlich, umgänglich und gütig zu verhalten.[17] Genau den gleichen Auftrag hat der Prophet Jesus (a.) auch erhalten und zwar ein Mensch der Gnade, Freundlichkeit, des Verzeihens und der Nachsicht zu sein[18] und dem Propheten Moses (a.) hat er empfohlen: „Oh Musa sei gnädig und freundlich zu den Menschen, die weniger Ansehen haben als du und sei nicht neidisch auf diejenigen, die einen höheren Rang haben als du.[19] Somit gehören also ein freundlicher, milder und gütiger Umgang zu den expliziten islamischen Empfehlungen und Eigenschaften wie Milde und Sanftmut, absichtlich Fehler der anderen zu übersehen, Verzeihen von Fehlern von anderen und Geduld und Ausdauer dazu.

Auch die Vernunft bestätigt einen milden und sanften Umgang als wichtiges Prinzip im sozialen Leben. In Überlieferungen werden diejenigen, die sich dementsprechend so verhalten, als die vernünftigsten Menschen vorgestellt.[20] Nach dem Glauben wird diese Eigenschaft als Basis der Vernunft genannt[21] und als Fundament für Weisheit.[22] Ein gutes Verhalten ist im Islam so wichtig, dass einer der Gründe der Auserwählung des Propheten genau das ist. Der Prophet sprach: Ich bin herabgesandt worden, um einen freundlichen, gütigen und sanften Umgang zu verbreiten.[23] Er weiß, dass sein spezieller Auftrag ist, sich den Menschen gegenüber freundlich zu verhalten.[24] An einer anderen Stelle steht der Befehl des guten Umgangs direkt neben dem Befehl, die göttliche Botschaft zu verbreiten.[25] Ein freundlicher Umgang wird nicht nur in Bezug auf Muslime, sondern auch in Bezug auf Anhänger anderer Religionen und sogar Polytheisten empfohlen.

Der Prophet hat die Methode des guten Umgangs für den Schutz der menschlichen Würde ausgesucht. Der Islam betont ganz stark, dass die Würde und die Größe des Menschen geschützt werden müssen. Doch es gibt Menschen, die andere bei ihrer Entwicklung und Entfaltung behindern und dabei auch nicht vor Gewalt zurückschrecken. In der Geschichte sieht man, wie machthungrige und herrschsüchtige Menschen andere Völker  gezwungen haben, ihren Forderungen und Ansprüchen zu gehorchen. Ein milder Umgang mit solchen Menschen bewirkt, dass die Gesellschaft ihr eigentliches Ziel verlässt und sich Armut, Unterdrückung und Diskriminierung verbreiten und sich die Gesellschaft in zwei Schichten, nämlich die Herrschenden und die Unterdrückten, einteilen lässt und die Menschenrechte unter den Teppich gekehrt werden. Sogar diejenigen, die eine absolute individuelle Freiheit befürworten, fügen eine Einschränkung ein und zwar, solange die anderen dadurch nicht gestört werden.

Wo göttliches Recht oder die Menschenrechte mit Füßen getreten werden, Gerechtigkeit und Vernunft Schaden erleiden und die Menschen unterdrückt werden, darf auf keinen Fall ein freundlicher Umgang und Nachsicht geübt werden, was in diesem Fall sogar tadelnswert und völlig fehl am Platz ist und als Schwäche im Glauben gilt, sondern es muss entsprechend der menschlichen und göttlichen Pflicht für den Schutz der göttlichen Gesetze und der Menschenrechte gehandelt werden. Der Islam hat einen freundlichen Umgang für verschiedene Beziehungen empfohlen, ob für familiäre Beziehungen oder für Beziehungen zu Freunden oder sogar für Beziehungen zu Feinden. Im Koran wird das Pflegen von guten Beziehungen als wichtige göttliche Regel (Al-Baqara | 2:83) bezeichnet, die alle Menschen betrifft. Allama Tabatabai schreibt in seiner Koraninterpretation über den Vers 83 der Sure Baqara: Ein richtiger Muslim ist jemand, der einen guten Umgang pflegt und dort Nachsicht übt, wo es empfohlen wurde, aber dort, wo das Gesetz Gottes oder Menschenrechte in Gefahr sind, ist ein freundlicher Umgang nicht gestattet.

Leider wird besonders in der letzten Zeit der Islam von manchen als Religion der Gewalt vorgestellt und darüber werden auch nicht wenige Filme gezeigt. Das zeigt jedoch, dass diese keinen blassen Schimmer von den Grundlehren und Hauptzielen dieser Religion haben, wozu u.a. der Schutz der menschlichen Würde gehört. Nun ist es die Aufgabe der Gelehrten und gebildeten Theologen, die Gesellschaften zur Religion und zu den religiösen Wahrheiten zurückzuführen, damit durch die religiösen Lehren und durch die göttlichen Befehle die Menschen in den Genuss eines wahren Lebens und von Glückseligkeit im Diesseits und im Jenseits kommen und die Erfahrung von Harmonie und dem Paradies auf Erden machen können. Diese seelische Veränderung kann nur durch Respekt vor den Religionen und den göttlichen Propheten stattfinden. Deshalb muss denjenigen, die die heiligen Bücher in den Dreck ziehen und die großen Propheten verleumden, durch eine göttliche Botschaft klar gemacht werden, dass mit so einer unlogischen, unvernünftigen und unfairen Methode niemals eine Gesellschaft von Religion und Religiosität getrennt werden kann. Gerade diese abstoßenden Methoden bewirken, dass die Tendenzen, nach der Wahrheit zu suchen, größer werden. Es wäre besser, wenn sie zu sich kommen würden und den Boden für eine Verwirklichung der Ziele der göttlichen Propheten vorbereiten würden.

Abschließend möchte ich mich nochmal für die Einladung zu dieser Konferenz bedanken und ich hoffe, dass sie einen Schritt dazu beitragen wird, die Menschen einander näher zu bringen und dass sie in einer Erklärung an den Respekt vor den Religionen allgemein und vor den Propheten Gottes erinnern wird. Wir alle tragen den Wunsch in uns, dass die Welt eines Tages zu einem Ort des Friedens, der Gerechtigkeit, der Sicherheit und der Vernunft werden wird und wir Zeugen davon werden, dass jede Art von Unterdrückung, Unrecht, Diskriminierung und Ungerechtigkeit verschwindet und dass sich alle Anhänger von Gerechtigkeit und Spiritualität miteinander verbünden und somit mit Liebe zur Wahrheit die Glückseligkeit für das Diesseits und Jenseits vorbereiten.

[1] Marhum Feise Kashani: Ilm-ul-Jaqin.

[2] Majlesi, Muhammad Baqer ibn Muhammad Taqi: Bihar-ul-Anwar, Band 10, Teil 2, S. 30, H.1.

[3] Tamimi Magrebi, Nama bin Muhammad: Duaiuml Islam, B. 1, S. 82.

[4] Kulaini, Muhammad bin Jacub: Kafi, B. 2, S. 12.

[5] Nuri, Mirza Hassan: Mustadrak al-Wasa’il wa Mustanbat al-Masa’il, B. 11, S.187.

[6] Tamimi Omadi, Abdul Wahid: Ghurar-ul-Hikam, S.41, Hadis 12.

[7] Ebenda, S. 51.

[8] Ebenda, S. 50.

[9] Kulaini, Muhammad ibn Jakub: Kafi, B. 1, Buch der Vernunft und Ignoranz, S. 25, Hadis 24.

[10] Ebenso, B. 1. Buch der Vernunft und Ignoranz, S. 11, Hadith 4.

[11] Jafari, Muhammad Taqi: Muhammad der letzte Prophet, B. 2, Nashria Husseinie Irschad, 1348.

[12] Ghurar-ul-Hikam wa Dar-al-Kam.

[13] Ebenda, 135.

[14] Bihar B. 75, S. 354.

[15] Scheich Saduq: Chisal, S. 113.

[16] Und folge nicht den Lügnern.

[17] Scheich Saduq: Al-Itiqadat, S. 84.

[18] Kulaini: Arausa minal Kafi, B. 8, S. 134.

[19] Ebenda, S. 45.

[20] Bihar-ul-Anwar, B. 75, S. 52.

[21] Ebenda, B. 77, S.147.

[22] Ghurar-ul-Hikam; Rasul Hikma; Madarahunas.

[23] Jami‘-us-Saqir, B. 1, S. 486.

[24] Tuhaf-ul-Uqul, S. 48.

[25] Mishkat-ul-Anwar, S. 117.