Die Heiligkeit der Stadt Mekka

Auszüge aus einer Rede von Ayatollah Dschawadi Amoli in Italien

Allah, der Erhabene, verkündet in der Sure Balad den hohen Stellenwert des geehrten Propheten und teilt mit, dass der Respekt vor Mekka von dem Respekt vor dem hohen Stellenwert des Propheten herrührt. Am Anfang dieser Sure heißt es: „Nein doch! Ich schwöre bei dieser Ortschaft. Und du wohnst in dieser Ortschaft.“[1]

لاَ أُقْسِمُ بِهذَا الْبَلَد وَ أَنتَ حِلٌّ بِهذَا الْبَلَدِ

Wenn in diesem Satz das Wort  «لا» (Nein) ein zusätzliches Wort (das, die Bedeutung betont) ist, dann bedeutet der Vers: „Ich schwöre bei dieser Ortschaft und Mekka.“ Wenn aber dieses kein zusätzliches Wort ist, bedeutet er Folgendes: Man braucht nicht bei dieser Ortschaft und bei Mekka schwören. Denn du, oh Prophet, befindest dich schon in Mekka. Die Stadt Mekka ist die Ortschaft Allahs, auf der das Haus Allahs liegt.“ Diese Verse der Sure Balad meinen: „Ich schwöre bei dieser Ortschaft und verehre Mekka nur deswegen, weil du dich in dieser Stadt aufhältst.“ Bemerkenswert ist, dass der geehrte Prophet seine Vollkommenheit und seinen hohen Stellenwert durch die Anbetung Gottes und die Annäherung an Gott erlangt hat. Er hat seine Vollkommenheit nicht durch das Land von Hidschaz oder durch die Verbundenheit mit etwas außer Allah erlangt, sondern mittels der Gottesnähe.

Keine Ortschaft auf der Erde hat so eine Herrlichkeit wie die Ortschaft Gottes, nämlich Mekka. Mekka ist eine Stadt, die die Fremden nicht betreten dürfen. Nur die Monotheisten (Muslime) dürfen in diese Stadt eintreten. Wenn die Muslime diese Ortschaft betreten wollen, müssen sie erst (zu jeder Zeit des Jahres, egal ob zur Pilgersaison oder nicht) an bestimmten Orten namens Miyqat (Weihestätte)[2] außerhalb Mekka Ihram (Weihegewänder) anziehen. In Mekka sollten sie dann das Haus Gottes umrunden, das Tawaf-Gebet verrichten, zwischen Safa und Marwa laufen und Taqsir (Kürzen)[3] vollziehen. Danach können sie ihre Weihegewänder ausziehen. Diese Regel gilt aber nicht für die Bewohner von Mekka und diejenigen, die viel in Mekka verkehren. Diese Eigenschaft gehört auf der ganzen Welt nur zu Mekka. Und Mekka hat ihre Würde trotz all ihrer Herrlichkeiten wegen des vollkommenen Menschen, nämlich des geehrten Propheten, gewonnen. Aus diesem Grunde sagte Allah folgendes: „Weil du in Mekka wohnst, respektiere Ich diese Ortschaft und schwöre bei ihr.“

Ein weiterer Punkt ist der, dass neben der Ortschaft auch die Zeit, in der der geehrte Prophet lebte, aufgrund dessen Dasein wertvoll ist und respektiert werden soll. D.h. so wie die Erde, auf der der vollkommene Mensch lebt, respektiert werden muss, so muss auch die Zeit, in der der vollkommene Mensch lebt, geehrt werden. Die Zeit, in der sich der Prophet aufhält, ist zu schätzen und wird zu einem Gegenstand, bei dem geschworen wird: „Bei der Zeit“ (Sura Asr, Vers 1). Mit dieser „Zeit“ ist die Epoche der Offenbarung gemeint. Diese Offenbarung manifestiert sich manchmal in der Form der Prophetenschaft (nubuwwat/risalat) oder manchmal in der Form der Führerschaft (wilayat). Die Wilayat, die die Aufgabe hat, die auf den Propheten herabgesandete Offenbarung durchzuführen. Aus diesem Grunde ist es auf denselben Punkt zurückzuführen, wenn gesagt wird, dass mit der „Zeit“ die Epoche nach der Rückkehr Imam Mahdis (a.) oder die des Lebens des Propheten gemeint ist. Mit anderen Worten: Bei der Zeit, in der sich die Offenbarung befindet.

Die Pflichten der Menschen

Nachdem Gott, der Allerhöchste, bei der Stadt Mekka schwur, verkündete Er, dass Er den Menschen in Bedrängnis erschaffen hat: „Wir haben den Menschen in Mühsal erschaffen“[4] Dies bedeutet, dass der Mensch ständig in Bedrängnis ist (ob er will oder nicht). Es ist dem Menschen nicht möglich ohne Mühsal zu leben. Daher muss der Mensch sich bemühen. Jedoch bemühen sich Einige ihre tierischen Begierden zu befriedigen. Im Endeffekt werden sie vom richtigen Weg abgehalten und das Ziel nicht erreichen. Andere aber strengen sich an, ihre menschliche Natur (fitrat) zu befriedigen und ihren Instinkt und ihre tierische Natur zu mäßigen und nicht auszuschalten. Sie erreichen natürlich das Ziel. Aus diesem Grunde sind Anstrengungen für jeden Menschen erforderlich. Wenn der Mensch der göttlichen Offenbarung folgt, würde dieser seinen Mühen und Anstrengungen die richtige Richtung geben und am Ende der Arbeit dessen Wert sehen. D.h. er gibt sein Leben und erhält dessen Lohn und wird zufrieden. Jemand, der der Botschaft der Propheten seine Ohren verschließt, verschwendet sein Leben unnütz, verliert sein natürliches Wesen und erhält im Gegenzug nichts. Er ist im Zustand des Verlusts. Deshalb sagt der Koran in den ersten beiden Versen der Sure Asr (103): „Bei der Zeit! Der Mensch ist wahrlich im Verlust!“

Jemand, der in der irdischen Welt wie Pflanzen werkelt und dessen ganze Sorge ist, dass er sich gut ernährt, gut wächst und feine Kleidung trägt, wird (wie ein Baum) vom frühzeitigen Herbst verfolgt. Wer darüber hinaus daran denkt und sich darum bemüht, seine tierischen Instinkte zu befriedigen, nutzt seine gesamten Anstrengungen für die tierischen Neigungen, ohne etwas dafür zu erhalten. Dieser wird ebenfalls in Verlust geraten. Nur die Gläubigen sind fern von Verlust, da sie einen wahrhaftigen Glauben besitzen, diesem Respekt zollen und rechtschaffene Taten verrichten. Nachdem sie sich eine richtige Überzeugung geschafft, aufrechte Werke vollbracht und sich selbst erzogen haben, unternehmen sie Schritte zur Besserung anderer, wie es weiter im dritten Vers der Sure Asr heißt (al-Asr | 103:3): „Außer denjenigen, die glauben, fromme Taten verrichten, die Wahrheit empfehlen und zur Geduld mahnen.“ Andere zu bessern bedeutet (erstens) ihren Glauben zu korrigieren und (zweitens) sie zu richtigen Taten zu führen. Ja, nur diejenigen werden keinen Verlust sehen, die diese vier Tätigkeiten sich selbst als Pflicht auferlegen; das bedeutet einen angemessenen und richtigen Glauben zu haben (erstens), gute Taten gemäß diesem Glauben zu verrichten (zweitens), einen angemessenen und richtigen Glauben in anderen zu erwecken (drittens) und sie zu guten und tugendhaften Taten rechtzuleiten. Diese sind es, die keine Verluste erleiden. Zwei von diesen vier Werken sind auf die Besserung einzelner (bzw. sich selbst) und zwei auf die Besserung der Gemeinschaft bezogen.

Gott, der Erhabene, erklärt im edlen Koran den edlen Propheten als Vorbild für die Gläubigen: „Für euch gibt es in der Gestalt des Gesandten Gottes ein gutes Vorbild.“ Deshalb ist es unsere Pflicht, das Verhalten und die Worte des edlen Propheten stets in Betracht zu ziehen, weil nach den Worten des Koran der Prophet der Kanal der Gnade Gottes zu seinen Dienern ist und jede Vollkommenheit, die die Gläubigen erreicht, durch die Annäherung an diesen vollkommenen Menschen stattfindet. In diesem Zusammenhang sagt Gott in Sure 9 in Vers 74 (at-Tauba | 9:74): «Wahrlich hat Gott und sein Gesandter sie reich gemacht». Ebenso, da das Leben des edlen Propheten auch auf dem Weg des Gottesdienstes geführt wurde, wurde dieses auch segensreich und schwört Allah bei ihm, wie es in der Sure 15 in Vers 72 (al-Hidschr | 15:72) heißt: «Bei deinem Leben, sie irrten wahrlich in ihrer Trunkenheit umher», d.h. die Ungläubigen sind betrunken und da sie betrunken umherlaufen, sind sie auch blind und laufen in der Finsternis. Ein Blinder in der Finsternis erreicht keinen Ort und kommt nirgendwo an.

Der edle Koran gibt uns in diesem Thema immer die Warnung, dass, wo immer wir auch sind, Gott mit uns ist, Gott Schöpfer aller Dinge ist und jeder Schöpfer über seine Schöpfung bestens Bescheid weiß und über alle Dinge unterrichtet ist. Der Koran sagt über den Menschen: „Wir erschufen den Menschen und wissen, was er sich selbst einredet und wir sind ihm näher als seine eigene Halsschlagader.“[5] Auf der anderen Seite beschreibt uns der Koran die Engel und spricht: Mensch! Du kannst auf der Ebene der Engel sein! So verkaufe dich nicht billig. Der Koran beschreibt die Engel in Sure 21 in den Versen 26 und 27 (al-anbiya` | 21:26. 27) wie folgt: „Edle Diener, die ihm nicht ins Wort fallen und nach seinem Befehl handeln“, was bedeutet, dass die Engel Gott nicht zuvorkommen und nur auf Gottes Befehl handeln und ohne Gottes Befehl nichts unternehmen und Meinungen anderer nicht folgen, sondern nur Gottes Anweisung.

Ein beachtenswerter Punkt ist der, dass Gott den Menschen genau diese Eigenschaften als Lebensregel zu ihrem eigenen Nutzen auferlegte, nachdem Er die Engel mit diesen Eigenschaften beschrieben hatte. In anderen Worten, es gibt hier eine Beschreibung und einen Ratschlag. Er beschreibt die Engel und gibt uns den Ratschlag, uns zu bemühen, den Weg der Engel zu beschreiten. Es heißt in Sure 49 im ersten Vers (al-Hudschurat | 49:1):  „Ihr, die ihr glaubt, kommt nicht vor Gott und vor den Gesandten vor und hütet euch vor (der Strafe von) Gott. Gott hört und weiß alles.“ Klar ist, dass es unmöglich ist Gott existenziell zuvorzukommen. Dieses Verbot bezieht sich auf die Gesetzgebung und bedeutet, dass man nach dem Erhalt des Befehls alles, was Gott und der Gesandte sagen, tun und gottesfürchtig sein muss, weil Gott seine Worte hört und ebenfalls weiß.

Gott, der Allerhöchste, verordnete in einer allgemeinen Form Folgendes: Hört unterschiedliche Worte und Meinungen und wählt dann die besten unter ihnen. In der Sure Zumar heißt es in Vers 17 (az-Zumar | 39:17): Überbringe frohe Botschaft den Dienern, die den Worten hören und dem bestem davon folgen“, aber auf der anderen Seite sagt Er uns nicht, dass wir selber nach den besten Worten suchen und sie finden sollen. Allerdings sagt Er in der Sure Fussilat (41) die «besten Worte» sind die des edlen Propheten. Das Leben, die Reden und das Verhalten des edlen Propheten, sind die besten Worte, wie es in Sure Fussilat (41) Vers 33 heißt: „Wer ist besser in der Rede als derjenige, der zu Gott ruft und fromme Taten verrichtet.“ Der edle Prophet sagte auch selbst: Ich rufe die Leute zu Gott! Ich rufe zu Gott auf und bin darüber im Klaren. D.h. Mein Benehmen, mein Leben, meine Tradition sind die besten Worte.

Die Namen Gottes

Ein weiterer Punkt ist der, dass der geehrte Prophet sagte, dass er die Leute zu Allah ruft. Ihr wisst, dass der Name „Allah“ der größte und allumfassende Name Gottes ist. Es gibt einige, die mittels der Bittgebete und der Bitte der Vergebung die Menschen aufrufen. Dies ist eine gute Tat, allerdings rufen sie die Menschen dadurch zum Namen des Allerbarmers (Rahman) auf und nicht zu Allah. Es gibt Andere, wie z.B. die Dozenten der Universitäten oder theologischen Hochschulen, die wissenschaftliche Bücher schreiben, wissenschaftliche Forschung betreiben und die Leute rechtleiten. Auch sie führen die Leute nicht zu Allah, sondern zu dem Namen «Wissender» (alim). Gott ist allwissend. Also ruft uns der, welcher ein tiefgründiges wissenschaftliches Buch geschrieben hat, aus dem wir Nutzen ziehen, zu dem Namen «Wissender». Er lehrt uns und macht uns zum Gelehrten. Gelehrter zu werden, ist die Hälfte des Weges. Derjenige, der uns zum Vernünftigen (aqil) macht, erzieht uns in der Art und Weise, dass wir in Zeiten der Prüfungen nicht irre gehen. Dieser ruft uns zu „Allah“, der der größte Name Gottes ist und die Barmherzigkeit, das Wissen, die Macht und die anderen Namen umfasst. Der Prophet sagte: „Ich rufe die Leute nicht zum Allerbarmer auf, so dass sie nur um etwas bitten, und auch nicht zum Allwissenden, sodass sie sich mit den Tätigkeiten der Universitäten und theologischen Hochschulen beschäftigen. Sondern ich lade die Menschen zu Allah ein, d.h. dazu, verständig zu werden, ein Gelehrter, der auch handelt und versteht, verständig zu werden. Dies ist meine Berufung.“

[1] Al-Balad | 90:1-2.

[2] Weihestätten sind eine Reihe von Orten um Mekka herum, an denen ein Pilger auf seinem Weg vor der Weiterreise in Richtung Mekka in den Weihezustand (ihram) eintreten muss.

[3] Das Kürzen (taqsir) ist eine der verpflichtenden Riten der Wallfahrt (umrah) und der verpflichtenden Riten der Pilgerfahrt (hadsch). Mit Kürzen ist gemeint, einen Teil des Kopfhaars oder des Bartes oder des Schnurrbartes abzuschneiden ist oder etwas von den Nägeln der Hand oder des Fußes.

[4] Al-Balad | 90:3.

[5] Qaf | 50:16.