Eine Stellungnahme zu dem Buch „Islam ist Barmherzigkeit“

Waltraud Wahida Azhari & Matías Moussa Heise

Bezüglich der anhaltenden Debatte um die Besetzung der leitenden Professur des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT) an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster mit Prof. Dr. Mouhanad Khorchide und um die dazugehörige Kritik an seinem Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ insbesondere seitens einiger koordinierter Muslim-Verbände, bemüht sich der Arbeitskreis AK Schülerkreis des Syed Mehdi Imam Razvi – Rahimullah – um folgende

  1. Einleitung

Wir sind ein unabhängiger und im islamischen Sinne intra-konfessioneller Arbeitskreis, der sich aus einigen SchülerInnen des im letzten Jahre aus dem Diesseits geschiedenen Syed Mehdi Imam Razvi – Rahimullah – zusammen stellt, mit besonderer Anteilnahme an der regen gegenwärtigen „Khorchide-Debatte“ bzw. den daraus möglicherweise erwachsenden Konsequenzen für die zeitgenössische und auch zukünftige hiesige islamische Theologie in Deutschland.

Wir begrüßen den Mut und die Eigenwilligkeit seitens Prof. Dr. Khorchide, ein Heranwagen an die islamische Theologie im Sinne eines besonderen Fokus auf die Barmherzigkeit im Islam durch sein Werk Islam ist Barmherzigkeit[1] (im Folgenden: „Werk“ bzw. „des Werkes“) zu unternehmen.

Wir begrüßen ebenfalls die Kritik, die seitens eines wichtigen Anteils der hiesigen islamischen Bevölkerung (im Folgenden: „Kritik“), insbesondere vertreten durch ein ausführliches, im Auftrag einiger koordinierten Muslim-Verbände vergebenes Gutachten[2], stattgefunden hat (im Folgenden: „Gutachten“). Diese gesamte Kritik war und ist notwendig und weist eine lebendige, dynamische und kritische islamische Gemeinschaft hierzulande aus.

Wir freuen uns, in einem Land wie Deutschland, der Wiege der modernen Aufklärung zu leben und setzen uns unmissverständlich für den Erhalt der Freiheit der Forschung und Lehre sowie der Wissenschaftlichkeit an deutschen Universitäten, Hochschulen und Lerninstitutionen ein. Dazu gehört der wissenschaftliche Freiraum, auf akademischem Niveau kontroverse Thesen zu vertreten und diese ohne Furcht vor persönlichen bzw. materiellen Konsequenzen diskutieren zu können.

Wir freuen uns, dass auch der Islam, insbesondere in früheren Jahrhunderten, eine große Blüte der eigenen islamischen philosophischen Aufklärung bereits erlebt hat[3]. Verehrte Namen wie Al-Farabi[4], Al-Kindi[5], Ibn Haytham[6], Ibn Sina[7], S. Suhrawardi[8], Az-Zamakhshari[9], Al-Ghazali[10], Ibn Rushd[11], Ibn Arabi[12], Sadra Ad-Din Schirazi[13], Muhammad Iqbal[14], Sayyid Allamah Tabataba’i[15], Seyyed Hossein Nasr[16] und viele andere prägten und prägen nicht nur die Entwicklung der islamischen Philosophie, sondern darüber hinaus auch die europäischen und asiatischen Philosophieströmungen in unermesslicher Qualität bzw. Quantität mit einer kumulativen Wirkung bis hin zu unserer zeitgenössischen philosophischen Gegenwart. Das gewichtige philosophische Vermächtnis des Islams können alle Muslime daher zu Recht mit Würde und Stolz und alle engagierten Nichtmuslime mit intellektueller Begeisterung  wahrnehmen.

Wir erkennen, dass wir alle sehr viel von diesen früheren islamischen Generationen lernen könnten. In Offenheit, Respekt und Toleranz wurden Fragen etwa zur göttlicher Bestimmung im Kontrast zum menschlichem freien Willen[17], zur Zugehörigkeit zum Paradies bzw. zur Hölle nach dem Tode[18], und andere hochkomplexe theologische Fragen in einem Klima unvoreingenommener Wissenschaftlichkeit diskutiert. Philosophieströmungen wie die der Altgriechen[19], der Zoroastrier[20], der Byzantiner[21] und andere[22] wurden systematisch gesammelt, erforscht, weiterentwickelt in den Islam hinein integriert und ihre jeweiligen Synthesen als Bereicherung für die gesamte islamische Gemeinschaft und weit darüber hinaus empfunden.

Wir begrüßen daher eine öffentliche philosophische Debatte gerade in Bezug auf die grundsätzlich in Deutschland zu stellende Frage, „Wie wird bzw. wie sollte der Islam in Deutschland künftig aussehen?“ als einen wichtigen, folgerichtigen und notwendigen Schritt sowohl für die eigene islamische Gemeinschaft als auch weit darüber hinaus.

Wir erkennen ebenfalls die Bedeutung und das Interesse an einer verlässlichen und nachvollziehbaren Verbindung zwischen den akademischen Lehrstühlen an deutschen Universitäten einerseits und der hiesigen islamischen Gemeinschaft andererseits an. Denn sowohl die Studierenden als auch ihre Eltern und auch die islamische Gemeinschaft im weiteren Sinne müssen auf die methodische Aufrichtigkeit der hiesigen Universitäten in Bezug auf gelehrte Islamtheologie vertrauen können. Auch müssen die islamischen Besucherinnen und Besucher von Moscheen, islamischen Vereinen, Seelsorge-Anlaufstellen und anderen islamischen Institutionen ein Vertrauen zu ebendiesen Institutionen aufbauen können.

Wir bedauern jedoch die teils überdeutlich voreingenommene und polemische Art und Weise, wie sich diese Debatte seit Herausgabe des Werkes entwickelt hat[23]. Androhungen existenzieller und materieller Art[24] haben innerhalb einer vernünftigen Islam-Debatte überhaupt nichts zu suchen. Die islamischen Prinzipien Adab –feinfühlige islamische Sittlichkeit- und Tarbiyya – gelungene islamische Charakterbildung – müssen stets unser Verhalten auch und gerade in Debatten zu kontroversen Sachverhalten rund um den Islam auszeichnen.

Des Weiteren bedauern wir zutiefst die von mancher Seite gestellte Forderung, auf Grund der primären Hauptthese von Prof. Dr. Khorchide „Islam ist Barmherzigkeit“ diesen von seinem Lehrstuhl für islamische Theologie an der Universität Münster versetzen zu wollen.

Wir benennen im Zusammenhang mit dieser Stellungnahme bewusst keine Schuldigen, sondern stellen fest, dass sich hier ein aus islamischer Sicht sehr unglücklicher Debattenverlauf eingestellt hat. Sollte sich hier keine zeitnahe Beruhigung der Lage bzw. moderate Lösungserarbeitung im Konsens mit allen Beteiligen ergeben, wird dies aller Voraussicht nach zu einem langfristig anhaltenden Image-Schaden des akademischen bzw. philosophischen Islams und auch der organisierten Muslim-Repräsentation innerhalb Deutschlands führen.

  1. Kritik der Kritik in kompakter Form

Wir beobachten, dass das Werk an sich eine „Hauptthese“ vertritt, nämlich dass Islam Barmherzigkeit sei, gestützt von mehreren „Unterthesen“, die dieser Behauptung Rechnung tragen wollen. Den populärwissenschaftlichen Charakter des Werkes wollen wir hierbei als solchen wahrnehmen und entsprechend auf dieses und die dazugehörige Kritik, insbesondere in der Form des bereits erwähnten Gutachtens antworten.

Wir stellen fest, dass einige der Kritikpunkte an dem Werk „Islam ist Barmherzigkeit“ insbesondere durch das Gutachten des KRM ihre theologische Berechtigung haben. Mit anderen Kritikpunkten an dem Werk sind wir wiederum nicht einverstanden.

Wir möchten an dieser Stelle eine differenzierte und sehr kompakte „Kritik der Kritik“ üben[25], und zwar wie folgt:

Wir stellen fest, dass Islam Barmherzigkeit ist. Die qur’anischen Begriffe für Erbarmen und Barmherzigkeit schmücken den Anfang aller Suren des Qur’ans mit Ausnahme der 9. Sure, bei der es ausdrücklich um die Reue des Menschen gegenüber Allah geht. Eine der schönsten Suren des Qur’an heißt ausdrücklich „Der Allerbarmer“, Ar-Rahman (ar-Rahman | 55:1-78). Und im Qur’an steht bekanntlich: „Ruft Allah oder ruft den Allerbarmer an; welchen ihr auch ruft, Sein sind die schönsten Namen.“ (al-Isra`| 17:110) Die qur’anischen Begriffe Allerbarmer und Allbarmherziger – Ar-Rahman bzw. Ar-Rahim – gehören zu den 99 Heiligen Namen Allahs und sind in ihrem Sprachwesen ja nahe verwandt, was eindrucksvoll auf die höchst ausgeprägte Priorität der Barmherzigkeit als Leitwert des Islams schließen lässt.

Wir erinnern daran, dass im Qur’an und in der prophetischen Tradition selbstverständlich zeitweilig begrenzte Momente des Gotteszorns, der Strafe, der Entziehung und andere prägenden Momente beschrieben werden, die bei einem Menschen zeitweilig zu Schmerz, Verzweiflung und gar Enttäuschung über Gottes Wege führen können[26]. Jedoch entspringen alle solche im Leben empfundenen Momente selbstredend dem höheren Zwecke Allahs, den Menschen „im feinsten Sinne“ zu entwickeln und durch kurzfristige Entziehung bzw. Strafe zu einem langfristig besseren Menschen zu formen. All dies bildet nichts anderes als Rahmatullah, die übergeordnete Barmherzigkeit Gottes gegenüber Seiner höchsten Schöpfung, der Menschheit, ab. Mit dieser „Hauptthese“ Khorchides sind wir also durchaus einverstanden.

Wir beobachten die Debatte zu dieser Ansicht um die Qur‘anverse 15:49ff. (al-Hidschr | 15:49ff.)[27]. Auch wenn sich sowohl das Werk[28] als auch das Gutachten auf diesen Vers bezieht[29], so ist hier wiederum unsererseits spätestens jetzt die zaidische Sicht[30] zu erwähnen, die Syed Mehdi Imam Razvi vertrat und die indes die Heiligen Namen Gottes als identisch mit Seinem Wesen ansehen[31]. Die Gleichsetzung der Gottesnamen mit Seinem Wesen nach mu’tazilitischer Denkweise wird zwar im Gutachten erwähnt; die logische Schlussfolgerung daraus – nämlich dass zumindest nach dieser These Allah (t) selbst Allbarmherzigkeit sei – jedoch unterlassen[32]. Bei dieser theologischen Herleitung handelt es sich also keineswegs um eine Neuerfindung Khorchides, sondern um eine geschichtliche Minderheitsposition innerhalb des Islams, die jedoch keineswegs den Bruch mit bekenntnisgebundener Theologie darstellt. Theologisch gilt diese Sichtweise auch dann, wenn Prof. Dr. Khorchide sich von einer bewusst mu’tazilitischen Position ansonsten zu distanzieren scheint[33].

Wir begrüßen den reichen und vielfältigen Bezug des Gutachtens auf Ansichten diverser, meist historisch sunnitischer Islamtheologen vergangener Jahrhunderte[34]. Sich auf diese Ansichten in der eigenen Interpretationsbildung zu beziehen, ist eine allgemein akzeptierte Form der islamischen Theologie. Diese sind jedoch nicht allgemein verpflichtend, sie entbinden keineswegs vom islamischen Gebot zum eigenen Nachdenken! Die arabische Wortwurzel zu al-’Aql – der Vernunft – erscheint über 46 Mal im Qur’an[35]. Sayyid Imam Razvi, Zeit seines Wirkens Zaidi im Fiqh (Rechtsmethodologie) und Mu’tazili in der ’Aqida (religiöse Dogmatik), hat die Methodologie der eigenen Vernunft in der Islamtheologie stets konsequent hervorgehoben. Islamtheologie kann auch losgelöst von Einzelströmungen stattfinden und eine diametral entgegengesetzte Position berücksichtigt nicht angemessen, wie diese Einzelströmungen erst geschichtlich entstanden sind – nämlich durch die angewandte Vernunft einiger sehr begabter und gewandter islamischer Persönlichkeiten[36], die wir heute alle zitieren.

Wir stellen fest, dass die Andeutung seitens des Gutachtens, dass ein auf Liebe und Barmherzigkeit fokussiertes Islamverständnis verengt und unwissenschaftlich sei[37], im hiesigen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang bedauerlicherweise absolut kontraproduktiv wirkt, insbesondere in einem immer islamfeindlicher werdenden gesellschaftlichen Klima in Deutschland und in Europa insgesamt. Denn durch diese Andeutung und auch durch die Forderung der Absetzung Prof. Dr. Khorchides von seinem Lehrstuhl an der Universität Münster kann die Fraktion der organisierten Islampanik[38] wiederum behaupten, dass dem Islam doch die Liebe und Barmherzigkeit fremd seien, und zwar unter Verweis auf das von einigen muslimischen Verbänden hierzulande in Auftrag gegebene Gutachten. Eine überregionale deutsche Tageszeitung sprach gar von einem „Eigentor“ für den hiesigen Islam[39].

Wir erkennen die Kritik jedoch insofern als theologisch berechtigt an, als sie die durchaus kontroversen „Unterthesen“ Prof. Dr. Khorchides etwa zur göttlichen Gewährung des Paradieses bzw. Verdammung in die Hölle untersucht[40]. Diese theologische Fragestellung ist höchst komplex und bedarf mehr als einer populärwissenschaftlichen Aufarbeitung, um ihr Genüge zu tun. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diversen Ansätzen komparativer Theologie auch auf übergeordneter Ebene wäre dazu die Voraussetzung. Als Beispiel sei der Vergleich zwischen exklusivistischen, inklusivistischen und pluralistischen Religionspositionen genannt. Während dieser theologischen Bearbeitung niemals in einer solch kurzen Stellungnahme Genüge getan werden könnte, so erkennen wir hier bei aller berechtigten Kritik an der These Khorchides weder Unglauben noch einen Bruch mit bekenntnisorientierter Theologie. Die Leserin sei auf die bereits vorhandene Literatur zum Thema hingewiesen[41].

Des Weiteren erkennen wir die Berechtigung der Kritik an der Unterthese des diskutiertes Werkes zur Schari’a als größtenteils losgelöst[42] von einer etwaigen, in einer islamischen Gemeinschaft zu ergründenden Rechtsprechung an. Der Qur’an als „Buch der Weisheit (Ya-Sin | 36:2)“ schlägt doch selbst in vielen Fällen den genauen rechtlichen Rahmen für die islamische Gemeinschaft vor, wie ja auch im Werke selbst erwähnt[43], und bei allem Unterschied in der Methodologie der Rechtsprechung unter den unterschiedlichen islamischen Strömungen besteht doch Einigkeit darin, dass eine gemeinschaftlich im Konsens erarbeitete islamische Rechtsprechung sich aus den einschlägigen Quellen des Qur’ans bzw. der Sunnah des Propheten Muhammad ableiten muss, wenngleich diverse weiteren Quellen wie etwa die Vernunft, der Konsens, die Analogie etc. je nach Einzelströmung des Islams eine bedeutsame Rolle spielen.

Wir stellen fest, dass die Kritik in der Form des erwähnten Gutachtens zwar sicherlich zum Teil, jedoch leider nicht durchgehend als „wissenschaftlich unvoreingenommen“ wahrgenommen werden kann. Erstens wurde das Gutachten von einem bereits aktiv in der Debatte agierenden koordinierten Muslim-Verband in Auftrag gegeben, und zwar zeitlich nach dessen ursprünglicher, bereits sehr kritischen öffentlichen Rezeption[44] zum Werk Khorchides. Ein neutrales, unvoreingenommenes Gutachten hätte jedoch von einem in der Debatte von beiden debattierenden Parteien als „unabhängig“ anerkannten Gutachter erstellt werden müssen. Dazu kommt der bereits sehr zielgerichtete Sprachgebrauch während der Entwicklung des Gutachtens, oft bereits in der Phase der Methodik der jeweiligen Autoren, der sich durch das gesamte Gutachten wie ein roter Faden zieht. Einige der auffälligsten Beispiele dazu werden in den Fußnoten gesondert erwähnt[45].

Wir bedauern den im Zuge dieser Debatte in unterschiedlichen Formen gefallenen Begriff eines „Mainstream-Islams“[46]. Islam ist eine heute durch etwa 1,6 Milliarden Menschen, durch 14 Jahrhunderte und auf allen Kontinenten weltweit vertretene Religion. Im heutigen Islam alleine gibt es je nach Zählweise 8 bis 10 im Konsens gegenseitig anerkannte Rechtsschulen[47]. Auch gibt es derzeit keine weltweit zentralisierte Repräsentation für den Islam, und eine solche wäre heutzutage auch gar nicht denkbar, ohne die jeweiligen Belange aller Strömungen des Islam zu berücksichtigen. Ein elitär wirkender Anspruch auf absolutistische Deutungshoheit ist der geschichtlichen islamischen Epistemologie äußerst fremd und daher schlichtweg irreführend. Er hat weder in dieser Debatte noch ansonsten innerhalb der islamischen Theologie etwas verloren.

Wir erkennen bei aller Kontroverse um die bereits erwähnten vereinzelten Unterthesen Khorchides nicht, dass diese Unterthesen jeweils Kufr, also einen Unglauben, darstellen. Vielmehr deuten diese eher auf einige bereits islamgeschichtlich kontrovers diskutierten Positionen der Mu’taziliten hin. Diese behaupteten zu ihrer Zeit, dass der Mensch alleine durch eine Ethik, die sich rein aus der Gott gegebenen Vernunft ableitet, die Existenz bzw. Einheit Gottes hier und jetzt erkennen könne bzw. auch solle[48]. Diese der Mu’tazila anscheinend angelehnte Positionierung Khorchides kann man sicherlich diskutieren –insbesondere darum, weil er sich ja gerade von ihr zu distanzieren scheint[49]. In Hinblick auf die klassischen islamischen Debatten stellt sie jedoch sichtbar keinen Unglauben, wie auch das Gutachten anerkennt[50], sondern viel eher eine besondere islamgeschichtliche Minderheitsposition dar. In dieser Hinsicht wirkt auch der neuerlich erhobene Vorwurf des Plagiats[51] gegen Prof. Khorchide aus unserer Sicht ebenfalls nicht ausreichend differenziert.

Wir können daher seitens Prof. Dr. Khorchide weder Unglauben als solchen noch einen Bruch mit der Selbstverpflichtung zur bekenntnisgebunden Islamtheologie erkennen. Im Gegenteil betont er an mehreren Stellen seines Werkes[52] seine tiefe islamische Glaubensüberzeugung, die er immerhin mit Bezug auf Qur’an und Sunnah darlegt. Daher ist es höchst unproduktiv bis hin zu islamisch unzulässig, von ihm persönliche bzw. materielle Konsequenzen aus der Vertretung seiner islamischen Thesen in akademischer Position heraus zu verlangen (al-Hudschurat | 49:15).

III. Fazit

Wir begrüßen, dass Prof. Dr. Mouhanad Khorchide durch sein Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ eine Sichtweise des Islam in die deutschsprachige Gesellschaft eingebracht hat, wonach der Islam sich auf  Barmherzigkeit gründet, die bis dato durch hiesige Gesellschaftsakteure aller Art womöglich nicht ausreichend beleuchtet bzw. insgesamt unterquantitativ diskutiert wurde. 

Wir erwarten, dass die Westfälische Wilhelms-Universität Münster bei aller womöglich berechtigten theologischen Kritik an vereinzelten Unterthesen Prof. Dr. Khorchides dessen Hauptthese „Islam ist Barmherzigkeit“ als islamisch absolut legitim und vertretbar anerkennt, diesen in seiner derzeitigen Position als Professor der islamischen Theologie behält und auch im Verlaufe der öffentlichen Diskussion hinsichtlich dieser Hauptthese aktiv und erkennbar unterstützt.

Wir begrüßen die islamtheologische Kritik an einigen vereinzelten, losgelöst wirkenden Unterthesen Prof. Dr. Khorchides, insbesondere seitens der koordinierten Muslim-Verbände und sehen diese als wichtigen Beitrag der Sichtweise insbesondere der sunnitischen Strömung des Islams zu den jeweiligen Unterthesen Prof. Dr. Khorchides an. Eine solche Kritik, in Unvoreingenommenheit entwickelt und im vernünftigen Ton geführt, könnte diese Debatte in all ihren Feinheiten und Nuancen für alle Beteiligten und Interessierten nachhaltig bereichern.

Wir wünschen uns eine islamische Vertretung in Deutschland durch Institutionen aller Art, die gewillt und in der Lage sind, die Vielfalt und Pluralität des Islams innerhalb Deutschlands abbilden zu können. Eine abschließende Deutungshoheit zugunsten einer Einzelströmung des Islams darf innerhalb Deutschlands nicht gewährt werden, denn sie würde die unabhängige Wissenschaftlichkeit im Bereich der Islamtheologie innerhalb des Bildungsstandortes Deutschlands sehr gefährden.

Wir erwarten, dass alle beteiligten akademischen Persönlichkeiten sich primär auf die Erforschung der Islamtheologie in deutscher Sprache als solche konzentrieren und daher von etwaigen Nebenkriegsschauplätzen Abstand nehmen und sowohl auf die berechtigten Belange der hiesigen islamischen Gemeinschaft als auch auf die allgemein gültige Freiheit der Forschung und Lehre erkennbare Rücksicht nehmen.

Wir erwarten von einer aktiven islamwissenschaftlichen Studentenschaft in Deutschland die kritische Begleitung islamwissenschaftlicher Thesen innerhalb der Universität sowie dass die Professoren islamwissenschaftlicher Fakultäten wiederum auch eine kritische, konstruktive und wissenschaftliche Debatte innerhalb ihrer Lehrveranstaltungen zulassen. Etwaige Beeinflussungsversuche einer bzw. von einer Studentenschaft in jedweder Richtung sind vor dem Hintergrund der für gründliche und kompetente Islamwissenschaft notwendigen Unabhängigkeit der Forschung und Lehre nicht akzeptierbar.

Wir fordern die deutsche Gesellschaft samt ihrer Akteure Regierung, Politik, Medien, Vereine und Bürger dazu auf, sich bei der Gestaltung zentralisiert wirkender islamischer Institutionen aller Art für die Teilnahme an der hiesigen „Islam-Debatte“ ausreichend Zeit und Überlegungsspielraum zu lassen. Eine überfrühe Festlegung auf die eine bzw. andere Einzelströmung könnte zu unerwünschter Einschränkung künftiger gesellschaftlicher Freiräume und politischer Handlungsoptionen im Sinne der künftigen Kontextualisierung des vielfältigen Islams in Deutschland führen.

Abschließend fordern wir alle Beteiligten dazu auf, zu einer erkennbar in islamischer Haltung der Einheit, Ruhe und Vernunft erarbeiteten Lösung für die derzeitige Situation an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster durch einstimmigen Konsens aller Beteiligten zu gelangen. Damit würden wir alle gemeinsam dem Qur’an (al-Hudschurat | 49:10) gerecht: „Die Gläubigen sind doch Brüder. So stiftet Frieden zwischen euren Brüdern und fürchtet Allah, auf dass ihr Erbarmen finden möget.“

Wir bitten erstens Allah, und dann auch die gesamte islamische und nichtislamische Gemeinschaft in Deutschland inbrünstig um Verzeihung für etwaige hierin enthaltene Fehler gleich welcher Art. Getreu der wissenschaftlichen Tradition des Syed Mehdi Imam Razvi nehmen wir höfliche, konstruktive bzw. wissenschaftliche Kritik gerne entgegen, samt des Vorbehalts auf künftige Anpassung dieser Stellungnahme, die wir als lebendes und daher dynamisches Dokument betrachten, und die zu keinem anderen Zwecke erstellt wurde bzw. dienen sollte, als Ruhe, Vernunft und Besonnenheit rechtzeitig in diese Debatte einzubringen, inschallah. Und Allah weiß es am Besten.

FUßNOTEN

Qur’anübersetzungen nach Bubenheim & Elyas. Die verwendete Geschlechterform innerhalb dieser Stellungnahme ist als neutral zu verstehen. Alle Links sind am 22.01.2014 noch akkurat abrufbar. Alleinige Haftung für alle hierin zitierten Internet-Links und deren Inhalt bzw. weitere Verlinkung bleibt beim jeweiligen Domänenbetreiber der jeweiligen Webseiten.

[1] http://www.herder.de/buecher/details?k_tnr=30572

[2] http://koordinationsrat.de/media/File/gutachten_krm_17122013.pdf

[3] http://www.sunypress.edu/p-4288-islamic-philosophy-from-its-ori.aspx Eine gelungene Einstiegsquelle in die reiche Welt der islamischen Philosophie.

[4] http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018663-3/Al_Farabi__Abu_Nasr_/Die_Prinzipien_der_Ansichten_der_Bewohner_der_vortrefflichen_Stadt

[5] http://www.muslimphilosophy.com/books/kindi-met.pdf

[6] http://news.bbc.co.uk/2/hi/science/nature/7810846.stm

[7]https://ia700300.us.archive.org/0/items/diemetaphysikavi00avicuoft/diemetaphysikavi00avicuoft.pdf

[8] http://www.shershir.ch/index.php?id=bu_gestaltdeslichts

[9] http://www.britannica.com/EBchecked/topic/655524/Abu-al-Qasim-Mahmud-ibn-Umar-al-Zamakhshari

[10] http://www.muslim-buch.de/Islamische-Buecher/Verhalten-Erziehung/Das-Elixier-der-Glueckseligkeit::266.html

 

Bei Bedarf kann eine vollständige Fußnotensammlung zur Verfügung gestellt werden.