Empfehlungen zur Ausbildung von Religionslehrern

Vortragstext von Ayatollah Dr. Reza Ramezani bei der 4. Hamburger Konferenz der islamischen Einheit

Zunächst möchte ich allen zum Geburtstag des islamischen Propheten Muhammad (s.) und von Imam Jafar Sadegh (a.s.) gratulieren. Dieser Tag wurde von den Muslimen als Tag der Einheit gewählt. Wir hoffen, dass wir durch unsere Hingabe zum heiligen Koran, zum Propheten und seinen Anweisungen sowie durch religiöses und vernünftiges Verhalten den Islam bestens der Gesellschaft vorstellen können. Diese Versammlung, nämlich die vierte Versammlung mit dem Ziel, die Denker dieser Welt einander näher zu bringen, ist eine Gelegenheit für alle Experten, durch das Diskutieren wissenschaftlicher und theologischer Themen – mit dem Ziel, einander näher zu kommen – einen großen Schritt für die Muslime dieser Region zu ermöglichen. Es ist eine Gelegenheit, sich Lösungen für die heutigen Konflikte zu überlegen und im Interesse aller Muslime dieses Teils der Welt zu handeln. An dieser Stelle möchte ich mich auch herzlich dafür bedanken, dass Sie die Einladung des Islamischen Zentrums Hamburg und der Schura-Hamburg angenommen haben.

Diese ganztägige Versammlung ist in vieler Hinsicht von großer Bedeutung, vor allem dient sie dem Zweck, ein für die Muslime sehr wichtiges Thema zu besprechen, nämlich die islamische Lehre an den Schulen, und wie die theologischen Fakultäten Religionslehrer ausbilden können, die sich mit dieser Lehre befassen. Es ist erwähnenswert, dass der Vertrag zwischen der islamischen Vertretung in Hamburg und der Regierung die islamische Lehre ermöglicht hat und dass nun Genehmigungen für Lehrer und Bildungsverantwortliche erteilt werden, damit sie sich an islamischen Institutionen mit der islamischen Lehre befassen können. Etwa zehn Jahre lang haben Anhänger islamischer Denkschulen eine beschränkte, beratende Rolle über die Inhalte islamischer Lehre erfüllt, doch heute scheint es wichtig, dass diese Rolle an alle Gruppen und Denkschulen übertragen wird, wobei die bisherigen Erfahrungen zu schätzen und weiter anzuwenden sind.

Es haben sich Imame aus schiitischen, sunnitischen Zentren sowie Institutionen verschiedener anderer Denkschulen, Professoren an theologischen Fakultäten, Vorsitzende und Vertreter des Rats der islamischen Gemeinschaft aus ganz Deutschland, Vertreter aus verschiedenen Bundesländern sowie von verschiedenen Parteien hier versammelt, und es ist angebracht, nun manche der wichtigsten Themen dieser Versammlung zu benennen. Was die werten Redner dieser Versammlung besprechen werden, wird die Bedeutung dieser Themen unterstreichen und die Planung für spezifischere Ziele ermöglichen. Wir hoffen, dass die theoretischen sowie praktischen Errungenschaften dieser Versammlung allen zugutekommen werden und dass all jene, die an der Verfassung und der Lehre islamischen Unterrichtsmaterials beteiligt sind, dadurch unterstützt werden.

Die Themen dieser wissenschaftlichen Versammlung werden zwei verschiedenen Gebieten untergeordnet. Ersteres befasst sich eher mit inhaltlichen Diskussionen, und letzteres mit dem theologischen Unterricht an den Universitäten und an den Schulen Deutschlands.

Erster Teil: Alle Muslime sind der Überzeugung, dass Muhammad (s.) der letzte, monotheistische Prophet und der hl. Koran die letzte himmlische Schrift sind, die zur Rechtleitung der Menschheit herabgesandt wurden. Er enthält das umfassendste Wissen, welches die Menschheit durch die Offenbarung erhalten hat. Er dient der Menschheit zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort als Gesetz und Regelung für ihr Leben. Die Menschheit soll diese Schrift lesen, sich darin vertiefen und die darin enthaltenen göttlichen Anweisungen befolgen, damit sie die Glückseligkeit in dieser Welt und im Jenseits erlangt. In diesem Teil wird Allgemeines über den Islam aus der Sicht des hl. Korans und der Überlieferungen erwähnt, weil die allgemeinen Themen des Islams für das Verfassen von Lehrbüchern von großer Bedeutung sind und man das erwünschte Ergebnis nicht erzielen kann, ohne sich darin zu vertiefen und diese Themen richtig zu begreifen.

  1. Aus den Inhalten des hl. Korans und dem ursprünglichen Verständnis davon kann man entnehmen, dass diese himmlische Schrift als Buch des Lebens und der Rechtleitung zu betrachten ist. Man muss aus seinen Versen lernen, wie man ein reines Leben führt. Es ist ein Buch, das niemals altert, sondern der Gesellschaft sowie dem Individuum stets Frische und Lebhaftigkeit verleiht. Imam Reza (a.s.) überliefert von seinem Vater, dass jemand einst Imam Sadegh (a.s.) fragte, was denn die Wahrheit des hl. Korans ist, der ja immer lebhafter und frischer wird, je mehr man ihn studiert. Der Imam antwortete: „Der Grund ist, dass Gott den hl. Koran nicht für ein gewisses Volk oder für eine gewisse Zeit offenbart hat, sodass er zu jeder Epoche und für jedes Volk etwas Neues ist, und zwar bis zum Tag der Auferstehung.“[1]

Der hl. Koran ist wie die Sonne und der Mond, er bestrahlt und beseitigt jedes menschliche Bedürfnis. Er ist eine große Quelle, die durch den unendlichen Ozean des göttlichen Wissens gefüllt wird. Er definiert lebendige und dynamische Vorgänge, die sich über Zeit und Ort erheben und Licht ins Auf und Ab des menschlichen Lebens bringen.

Aus Sicht der Muslime ist der hl. Koran ein ewiges Werk und beinhaltet die Regeln des menschlichen Lebens. Jeder interessierte und fähige Mensch kann durch ihn das Ufer der Rettung erreichen, er erzieht die menschliche Seele so, wie es ihr gebührt. Der hl. Koran sollte von den Muslimen nicht vernachlässigt werden. Sie sollten über seine Verse reflektieren und die darin enthaltenen Anweisungen befolgen, damit sie von ihrer Irreführung befreit und erlöst werden. Muslime sollten an die Ewigkeit des hl. Korans sowie an seine Tiefe glauben und die Notwendigkeit einsehen, tief und fortwährend über ihn nachzudenken.

  1. Es scheint, dass man durch die Sprachrohre des Korans, nämlich durch den Propheten und seine Familie, die Tiefen des Korans entdecken kann. Der hl. Koran präsentiert den Islam als eine allumfassende, vollständige und ewige Denkschule. Der Prophet ist der letzte, monotheistische Prophet (Al-Ahzab | 33:40) und es wird keine Religion mehr geben, die ihn abrogieren wird. Der Islam ist laut den eindeutigen Koranversen die vollständige Religion und Gott hat sich mit einer solchen Religion zufrieden erklärt (Al-Ma`ida | 5:3). Den Islam als die vollkommene Religion zu bezeichnen, impliziert, dass der Prophet der letzte Prophet ist, denn Vollkommenheit bedeutet auch Endgültigkeit, beide setzen einander voraus. Es kann nicht sein, dass sich eine Religion als die letzte Religion erklärt und nicht zugleich Anspruch auf Vollkommenheit erhebt, oder umgekehrt.[2]

Es sollte allerdings daran erinnert werden, dass der Koran den Islam als Religion aller monotheistischen Propheten betrachtet und hervorhebt, dass die Quelle aller himmlischen Schriften und Propheten ein und dieselbe ist, und dass all die himmlischen Schriften die Menschen in ihrer Rechtleitung vereinen: „Er verordnete für euch die Religion, die Er Noah anbefahl und die Wir dir offenbart haben und die Wir Abraham und Moses und Jesus anbefohlen haben.“ (Asch-schura | 42:13) Von Adam (a.s.) wird überliefert: „Siehe, ich wende mich zu Dir; und ich bin einer der Gottergebenen“ (Al-Ahqaf | 46:16) und von Noah: „Mir wurde befohlen, zu den Gottergebenen zu gehören.“ (Yunus | 10:72) Es wird von den Jüngern Christi Folgendes überliefert: „Die Jünger sagten: „Wir sind Allahs Helfer; wir glauben an Allah, und (du sollst) bezeugen, dass wir (Ihm) ergeben sind.“ (Al-i-imran | 3:52) Schlussendlich sagt der hl. Koran: „Wahrlich, die Religion bei Allah ist der Islam.“ (Al-i-imran | 3:19) Zugleich akzeptiert der hl. Koran auch die Vielfalt an Religionen unter den verschiedenen Völkern und sagt: „Für jeden von euch haben Wir Richtlinien und eine Laufbahn bestimmt.“ (Al-Ma`ida | 5:48) Er sagt auch: „Einem jeden Volke haben Wir Andachtsriten gegeben, die sie befolgen; sie sollen daher nicht mit dir über diese Sache streiten.“ (Al-Haddsch | 22:67) Aufgrund der Inhalte der verschiedenen, monotheistischen Religionen, nämlich der menschlichen Rechtleitung, unterscheidet der hl. Koran nicht zwischen verschiedenen, monotheistischen Propheten und sagt: „Wir machen keinen Unterschied zwischen Seinen Gesandten.“ (Al-Baqara | 2:285)

Der hl. Koran wurde als Buch der Menschen bezeichnet[3], als ein helles Licht und ein klarer Beweis[4]. Aus der Gesamtheit der Verse versteht man, dass der Islam eine Religion der Gnade und der Barmherzigkeit ist, denn im ‚Bismillah‘ wird Gott als der Allerbarmer und der Barmherzige erwähnt, obgleich es nun Teil jeder Sure ist, wie die schiitischen Exegeten glauben, oder nicht als Teil der Sure, sondern als günstiges Omen vor der Sure vorkommt, wovon die sunnitischen Exegeten überzeugt sind. „Der Allerbarmer“ (Ar-Rahman) und „Der Barmherzige“ (Ar-Rahim) kommen jeweils 56 und 228 Mal im hl. Koran vor, Gott schreibt sich selbst diese Eigenschaften zu, und sagt in einem Vers sogar: „Er hat Sich Selbst Barmherzigkeit vorgeschrieben.“ (Al-An`am | 6:12) Er bezeichnet seinen Propheten als „Barmherzigkeit für alle Welten“ (Al-Anbiya` | 21:107). Es ist wichtig zu beachten, dass man sich, um den hl. Koran richtig zu verstehen, zunächst mit den Grundlagen der Exegese befassen muss. Ein Vers allein kann nicht den Koran und den Islam interpretieren helfen. Wenn die Muslime ihr Denken am Koran orientieren wollen, müssen sie alle Koranverse betrachten und zunächst ein richtiges Verständnis davon erlangen. Was die göttliche Barmherzigkeit betrifft, ist z.B. ganz klar, dass alle Menschen davon betroffen sind und dabei nicht zwischen Muslim und Nichtmuslim oder etwa Gläubig und Ungläubig unterschieden wird.

Es kann sein, dass manche erst gar nicht an monotheistische Religionen glauben und dennoch in dieser Welt in Gottes unendliche Gnade miteinbezogen werden. Ihr Jenseits ist natürlich ein ganz anderes Thema, und es ist zwischen Gottes Barmherzigkeit im irdischen Leben und im Jenseits zu unterscheiden. Natürlich haben jene, die im irdischen Leben nicht durch die monotheistischen Propheten rechtgeleitet wurden, die Gaben des Jenseits verwirkt. Die Koranverse sprechen von Barmherzigkeit im Jenseits für Menschen, die gläubig sind und Gutes verrichten. Dies zeigt, dass man sich nicht nur auf einige, wenige Verse beschränken und andere vernachlässigen kann. Um die Koranverse richtig zu verstehen, muss man sich andere Verse sogar zu Hilfe nehmen, bzw. sich auch an die Überlieferungen der Unfehlbaren wenden. Die Interpretation, dass der Koran nur dem Glauben Echtheit zuschreibt, ist falsch, da der Glaube und die Taten  aus der Sicht des Korans beide Echtheit besitzen. Menschen, die sowohl glauben als auch Gutes tun, verdienen sich Gottes besondere Barmherzigkeit, und machen sich auch im irdischen Leben beliebt. Der Koran sagt: „Diejenigen, die da glauben und gute Werke tun, ihnen wird der Allerbarmer Liebe zukommen lassen.“ (Maryam | 19:96) Und auch: „Zu Ihm steigt das gute Wort empor, und rechtschaffenes Werk wird es hochtreiben lassen“ (Al-Mala`ika | 35:10) oder: „Dem, der recht handelt – ob Mann oder Frau – und gläubig ist, werden Wir gewiß ein gutes Leben gewähren“ (An-Nahl | 16:97).

  1. Es gibt mehrere Stufen der Kenntnis des Islams und jeder kann sie gemäß seiner Fähigkeit und Kapazität nützen. Die Kenntnis gehört immer zu den dringlichsten Empfehlungen des Korans und den Überlieferungen, sodass der Koran das Wissen ganz besonders behandelt. Die Verse, die den Menschen als den Engelwesen überlegen bezeichnen, sprechen vom Wissen der Namen (Al-Baqara | 2:31). Die ersten Verse, die dem Propheten offenbart wurden, sprechen vom Vorlesen des Namen Gottes: „Lies im Namen deines Herrn, Der erschuf. Er erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen. Lies; denn dein Herr ist Allgütig. Der mit dem Schreibrohr lehrt…“ (Al-Alaq | 96:1-4). Gott lehrte den Propheten, und gab ihm dann die Anweisung, Wissen zu verbreiten: „Sprich: ,O mein Herr, mehre mein Wissen.‘“ (Ta Ha | 20:114) Der Koran sagt, dass die Wissenden und die Überzeugten die Wahrheit der Verse begreifen werden: „Und (Er läßt dies zu,) damit diejenigen, denen das Wissen gegeben wurde, erkennen, daß es die Wahrheit von deinem Herrn ist, auf dass sie daran glauben und ihre Herzen sich Ihm friedvoll unterwerfen mögen“ (Ta Ha | 20:54).

Diese und andere Verse sprechen von den verschiedenen Stufen der Kenntnis, des Glaubens und der guten Taten. Auch die Methoden, wie man diese erkennt und begreift sind verschieden, und jeder einzelne ist auf eine oder mehrere Arten bemüht, der Wahrheit näher zu kommen. Es sollte daran erinnert werden, dass die Erläuterung des Islams genauso wie die Kenntnis über den Islam verschiedene Stufen hat. Der Islam sollte mit Rücksicht auf die Stufe der Kenntnis erklärt werden. Was in den Schulen im Rahmen des Religionsunterrichts vorgetragen wird, muss dem Alter und den Bedingungen angepasst werden, so unterscheiden sich die Inhalte dieses Unterrichts zwischen der Grundschule und Gymnasium. Selbst zwischen den verschiedenen Jahrgängen einer Grundschule sollte unterschieden werden, wenn das Alter der Schüler bei dem Unterricht außer Acht gelassen wird, dann wird die Lehre nicht die erwünschten Ergebnisse haben. Die Inhalte des Religionsunterrichts sollten mit Rücksicht auf den Zustand der Schüler verfasst werden, und auch für die Lehrer sollte ein Protokoll verfasst werden, mit Inhalten, die während des Unterrichts zu behandeln sind. Die Standards, an die sich die Unterrichtsstoffe zu orientieren haben, die Unterrichtsmethoden und die Themen des Religionsunterrichts sollten durch ein wissenschaftliches Komitee, bestehend aus Experten, die mit dem Entwurf und der Verfassung vertraut sind, kontrolliert werden.

  1. Aus den Versen geht ganz klar hervor, dass der Koran ein Buch für die ganze Welt ist und dadurch auch ewig und allumfassend ist. Im Koran steht: „Und am Tage, da Wir in jeglichem Volk einen Zeugen aus ihren eigenen Reihen gegen sie selbst erwecken werden, wollen Wir dich als Zeugen bringen gegen diese. Und Wir haben dir das Buch zur Erklärung aller Dinge herniedergesandt, und als Führung und Barmherzigkeit und frohe Botschaft für die Gottergebenen“ (an-Nahl | 16:89) „Wahrlich, in ihren Geschichten ist eine Lehre für die Verständigen. Es ist keine erdichtete Rede, sondern eine Bestätigung dessen, was ihm vorausging, und eine deutliche Darlegung aller Dinge und eine Führung und eine Barmherzigkeit für ein gläubiges Volk.“ (Yusuf | 12:111)

Die Begriffe „Erklärung aller Dinge“ sowie „deutliche Darlegung“ besagen, wie allumfassend der Koran ist. Aus diesen Begriffen geht hervor, dass der Koran die Erklärung, die deutliche Darlegung aller Dinge beinhaltet. Manchen Interpretationen nach ist unter „alle Dinge“ all das zu verstehen, was für die Rechtleitung der Menschen relevant ist und ihm hilft glückselig zu werden. Das umfasst alle Dinge, von denen die menschliche Identität und Wahrheit abhängen. Die Koranverse geben uns zu verstehen, dass es die religiösen Überzeugungen, Kenntnisse und Anweisungen, individuelle und gesellschaftliche, ethische Prinzipien sind, die den Menschen ausmachen. Somit ist der Koran allumfassend und dies ist von großen, muslimischen Wissenschaftlern den Koranversen entnommen worden. Worauf man sich allerdings nicht einigt, ist, wie etwas Allumfassendes zu definieren ist. Manche, wie Ibn Masud[5], Ghazali[6], Zarkaschi[7], Suyuti[8], Sadr-ul-Mutahilin[9] und auch manche kontemporäre Wissenschaftler wie Djohari Tantawi[10] und Abd-ur-radhaq Nufil[11] sind der Überzeugung, dass der hl. Koran alle Wissenschaften beinhaltet. Manche andere sind der Ansicht, dass der Koran all das umfasst, was mit der Rechtleitung der Menschen zu tun hat, weil es nämlich ein Buch ist, welches aus diesem Zweck offenbart worden ist. Es soll den Menschen zum Gipfel der Vervollkommnung führen, und beinhaltet daher alles, was mit der Rechtleitung der Menschen zu tun hat. Historische Persönlichkeiten wie Ibn Abbas[12], Tabari[13], Baidhawi[14], Zamakhshari[15], Tabarsi[16] sowie zeitgenössische Persönlichkeiten wie etwa Allameh Tabatabaei[17], Autor des Werks „Tafsir Namuneh“[18] sind der Ansicht, dass der hl. Koran, was die Religionswissenschaften und die Rechtleitung betrifft, allumfassend ist.

Es gibt auch andere Ansichten, was die Universalität betrifft, doch die zwei eben erwähnten sind die beiden wichtigsten. Viele Koranverse[19] belegen, dass die zweite Ansicht richtiger zu sein scheint, doch der Koran beinhaltet auch wissenschaftliche Hinweise und studiert die Natur und ihre verschiedenen Phänomene. Dabei hat er natürlich die Rechtleitung der Menschen im Sinn. Er verfügt über eine umfassende und solide Weltanschauung, wenn er sich mit dem Glaubensgrundlagen, praktischen Regelungen und religionsrechtlichen Anweisungen befasst. Er zeigt allen Menschen den Weg zur Glückseligkeit in Form einer praktischen Anleitung für das Individuum sowie für die Gesellschaft. Es ist wichtig, dass der Mensch diese Wahrheiten erkennt, indem er mit dem hl. Koran in Kontakt bleibt und sich mit ihm vertrauter macht. Eine solche Ansicht widerspricht keineswegs der Modernität und den heutigen oder zukünftigen wissenschaftlichen Fortschritten der Menschheit. Worauf sich der Koran bezieht, wenn er sich mit der menschlichen Rechtleitung befasst, ist etwas, was die Menschen aller Epochen betrifft und was nicht für eine gewisse Gruppe von Menschen bestimmt ist. Aus den Koranversen wird interpretiert, dass jeder Mensch die Rechtleitung des Korans nützen kann, um Glückseligkeit zu erlangen. Diesen Islam der heutigen Welt vorzustellen, kann den Menschen mit all ihren Kapazitäten und Talenten den richtigen Weg zeigen.

  1. Der Islam ist eine Religion für jede Zeit und für jeden Ort. Dies ist die Überzeugung aller Islamexperten, nachdem sie die Koranverse und Überlieferungen korrekt verstanden haben. Was über die islamische Gesetzgebung gesagt wurde, ist nicht einer besonderen Zeit eigen. Durch gewisse Quellen und unter Berücksichtigung gewisser Regelungen kann der hl. Koran zu jedem Zeitpunkt die Fragen der Gesellschaft beantworten und dabei helfen, ihre Probleme zu beseitigen. Die Wissenschaft, die sich mit den gesellschaftlichen und individuellen Anweisungen, Geboten und Verboten aus praktischer Sicht befasst, ist die islamische Jurisprudenz. Der Gelehrte bezieht sich auf Quellen wie den hl. Koran, die Lebensweise des Propheten, den Verstand und den Konsens zwischen Rechtsgelehrten, um zu jedem Gebiet Anweisungen zu interpretieren. Es ist ganz klar, dass der Gelehrte alle Belege und alle Perspektiven beachtet, wenn er ein religionsrechtliches Gutachten erstellt. Er muss den Sinn der Scharia und die allgemeinen Ziele der Anweisungen beachten. Diese zu vernachlässigen kann in der Gesellschaft zu Problemen führen.

Es muss daran erinnert werden, dass sich alle göttlichen Anweisungen an das Wohl der Gesellschaft und des Individuums orientieren. Alles, was für die Gesellschaft gut ist und beachtet werden muss, wird logischerweise vorgeschrieben. Was wiederum unter Umständen vorteilhaft bzw. schädlich sein kann, wird empfohlen bzw. missbilligt. Wasser zu trinken, ist z.B. empfohlen, wenn man zwar noch keinen Durst verspürt, der Körper jedoch Wasser benötigt, selbst wenn es noch kein Zustand der Not ist. Tritt dieser Zustand aber ein, dann ist man dazu verpflichtet, zu trinken. In anderen Zuständen, z.B. direkt nach dem Erwachen von einer Vollnarkose, wo das Trinken schädlich sein könnte, ist es verboten bzw. wird missbilligt. Was die religionsrechtlichen Verpflichtungen betrifft, gibt es also 5 Bestimmungen: Verpflichtung, Verbot, Empfehlung, Missbilligung und Freigabe. Dies gilt für individuelle wie für  gesellschaftliche Angelegenheiten. Das richtige Urteil liegt hier beim Rechtsgelehrten, doch in vielen Fällen auch beim verantwortlichen, volljährigen Individuum selbst. Das Studium der islamischen Jurisprudenz gehört im Islam zu den Notwendigkeiten. Es ist die islamische Jurisprudenz, die der islamischen Problemlösung ihre Dynamik verleiht. Klarerweise wirken auch Zeit und Ort auf das Urteil ein, und der Rechtsgelehrte muss alle Bedingungen berücksichtigen, wenn er ein Urteil fällt.

Der Islam ist daher nie von der Scharia und von praktischen Anweisungen getrennt. Den Glauben von der Praxis zu trennen ist in der Tat ein fehlgeleiteter Gedanke. So sagt der Prophet über den Vers 177 der Sure Baqara: „Es ist keine Frömmigkeit, wenn ihr eure Angesichter in Richtung Osten oder Westen wendet; Frömmigkeit ist vielmehr, daß man an Allah glaubt, den Jüngsten Tag, die Engel, das Buch und die Propheten und vom Besitz, obwohl man ihn liebt, den Verwandten gibt, den Waisen, den Armen, dem Sohn des Weges, den Bettlern und (für den Freikauf von) Sklaven, daß man das Gebet verrichtet und die Zakah entrichtet. Es sind diejenigen, die ihr Versprechen einhalten, wenn sie es gegeben haben; und diejenigen, die in Elend, Not und in Kriegszeiten geduldig sind; sie sind es, die wahrhaftig und gottesfürchtig sind.“ Am Anfang des Verses werden die Elemente des Glaubens an Gott erwähnt: Die Auferstehung, die Engelswesen, die Schrift und die Propheten. Dann handelt er von den Abgaben im Namen der Religion und der Gottesanbetung in Form der täglichen Gebete, welche die praktische Manifestation des Glaubens an Gott sind. Zum Schluss werden auch Treue zum eigenen Wort sowie Geduld und Konsequenz beim Durchsetzen des „Guten“, der Aufrichtigkeit und der Gottesfurcht erwähnt.

  1. Eine Übersicht der Inhalte, die beim Verfassen von Lehrbüchern für den Religionsunterricht beachtet werden sollten:
  • Der islamische Prophet sowie die anderen, monotheistischen Propheten
  • Der hl. Koran als die Heilige Schrift der Muslime
  • Allgemeines zu den islamischen Glaubensgrundlagen, wie z.B. die Gottes- und Prophetenkenntnis sowie die Auferstehung
  • Die Hauptprinzipien des Glaubens und deren Derivate
  • Der Zusammenhang zwischen Glaube und Praxis und dessen Bedeutung aus der Sicht des hl. Korans
  • Der Zusammenhang zwischen Diesseits und Jenseits und deren Eigenschaften
  • Die Menschenkenntnis und die Philosophie seiner Schöpfung und wie ein Mensch die Glückseligkeit erlangen kann
  • Erzählungen über die monotheistischen Propheten im hl. Koran
  • Kenntnis über Gottes Geschöpfe, wie z.B. die Engelswesen
  • Die Notwendigkeit der Religion für ein glückseliges Leben
  • Wie man Gott erkennen kann
  • Wie sich der Glaube an Gott und ans Jenseits auf das menschliche Leben auswirkt
  • Der Islam als Religion für das Leben
  • Die Bedeutung der Mäßigung im menschlichen Charakter aus islamischer Sicht, und in allen Phasen des Lebens; das Meiden von Extremen
  • Der Islam als Religion des Erbarmens, der Rechtleitung und der Ethik
  • Der Islam als Religion der Beziehungen zwischen:
  1. Dem Menschen und sich selbst
  2. Dem Menschen und Gott
  3. Dem Menschen und Anderen
  4. Dem Menschen und der Natur

Der zweite Teil befasst sich mit ein paar Stichpunkten bezüglich der islamischen Theologie in den Universitäten und dem Religionsunterricht sowie seinem Inhalt in den Schulen Deutschlands.

  1. Es ist ganz klar, dass die islamische Theologie, wie im Fall jeder anderen Religion, ein sehr spezialisiertes Gebiet ist und von Experten gehandhabt werden muss, damit sie nicht fehlgeleitet wird. Es ist nur natürlich, dass jede Angelegenheit von deren Experten bearbeitet werden muss. Dies ist eine Regel, die auf wissenschaftlichen Standards auf der ganzen Welt basiert. Klarerweise befasst sich jeder Experte anhand von wohl belegten Grundlagen und Prinzipien mit der Analyse und der Interpretation seines Themas.
  2. Der Islam, der im Religionsunterricht an den Schulen unterrichtet werden soll, ist derselbe Islam, der an den Universitäten unterrichtet oder in islamischen Zentren von Imamen und Geistlichen befördert wird. Der Unterschied liegt nur im Niveau der Bildung der Angesprochenen und die Lehrer und Gelehrten müssen dies beachten – es besteht also kein Grund zur Sorge, wenn sich die Inhalte an den Schulen, Universitäten und islamischen Zentren unterscheiden. Der Islam muss anhand seiner Hauptquellen tiefgründig und korrekt unterrichtet werden und nicht alles darf im Namen des Islam an verschiedenen Zentren verbreitet werden.
  3. Islamische Themen werden an theologischen Fakultäten und Universitäten genauer erörtert und detaillierter besprochen, daher kann es bei Studenten zu vielen Fragen kommen, und dies ist eine natürliche Angelegenheit. Um einheitliche Antworten auszuarbeiten, sollten die gängigeren und offiziellen Lektüren vorgetragen werden. Leider ist dies in manchen Fakultäten nicht der Fall, was die jeweiligen Lehrveranstaltungen wissenschaftlich in Frage stellt. An großen Universitäten wie Sorbonne, Harvard, Cambridge und Oxford wird dies beachtet, man befasst sich mit dem wissenschaftlichen Aspekt, ohne sich zwingend an eine gewisse Lektüre zu halten. An manchen Universitäten wird jedoch versucht, eher die inoffiziellen und nicht anerkannten Interpretationen zu propagieren. Dies bringt die Verantwortlichen an diesen Universitäten vielleicht kurzfristig an ihre Ziele, wirkt sich aber auf Dauer negativ auf das Ansehen des jeweiligen Instituts aus.
  4. Damit der Islam richtig an den Schulen unterrichtet wird, muss man logischerweise muslimische Lehrer einsetzen, so kann sich der Staat an Imame und Leiter wenden, die die deutsche Sprache beherrschen, sie während ihres Dienstes für die jeweiligen Zentren unterrichten lassen und zugleich auch ihre Fortbildung unterstützen. Es ist sinnvoll, diese Kräfte zu nutzen um die Unterrichtsmethoden einheitlich zu gestalten. Durch Workshops können die neuesten Unterrichtsmethoden adaptiert werden, was den jeweiligen unterricht wissenschaftlich effektiver zu gestalten helfen wird.
  5. Es ist notwendig, einen moderaten Islam zu unterrichten und jeden Extremismus zu vermeiden, weil derartige Interpretationen des Islams nicht auf der Religion basieren, und es keine Verse oder Überlieferungen gibt, die solche Methoden belegen, genauso wenig kann ein solcher Islam wissenschaftlich unterstützt werden. Vieles, was im Namen des Islam propagiert wird, hat nichts mit dem Islam zu tun und führt nur noch zu mehr Spaltung unter den Muslimen. Wissenschaftliche Themen in wissenschaftlichen Versammlungen zu analysieren, ist etwas Natürliches, was schon sehr lange von sunnitischen sowie schiitischen Islamexperten praktiziert wird. Sie haben gegenseitig ihre Werke behandelt und auch kritisiert, doch sie hielten sich dabei an die islamische Etikette, und es kam nie zu Beleidigungen. Dies ist die Art großer Wissenschaftler.
  6. Der Islam soll anhand seiner Kennzeichen, nämlich Vernunft, Mäßigung, Spiritualität, Gerechtigkeit, Sicherheit und Ethik unterrichtet werden. Der Islam ist ein Beschützer der Menschenwürde und will den Menschen ihre wahre Position und ihren wahren Wert zeigen, damit sich jeder selber richtig erkennt und sich darum bemüht, seine Beziehung zu sich selbst, zu Gott, zu anderen Menschen und zu seiner Umwelt zu verbessern. Es ist offenbar, dass der Islam von der Vernunft unterstützt wird und alle dazu aufruft, sich Wissen und Kenntnis anzueignen und somit ist er das beste Mittel, die Menschen

miteinander zu versöhnen und kann eine große Rolle darin spielen, die Beziehungen zwischen den Menschen zu erweitern und den Geist der Zusammenarbeit und Annäherung unter der Menschheit zu befördern.

  1. Die Medien können eine wichtige Rolle in der Präsentierung jeder Religion, auch des Islams, erfüllen. Sollten die lokalen Medien die Versammlungen und Programme islamischer Gemeinden an Freitagen ausstrahlen, hätten sie damit den Muslimen geholfen, so wie dies an Sonntagen und für Christen der Fall ist. Der Islam ist als Teil Deutschlands, und die Muslime als Staatsbürger Deutschlands anerkannt worden und die verschiedenen Bundesländer können durch das ausstrahlen solcher Programme die Rolle des Mediums erfüllen.
  2. Es wird empfohlen, die Lehrbücher vor allem an Grundschulen und Gymnasien mit allgemeineren Themen des Islams zu versehen und daher ist es wichtig, ein wissenschaftliches Gremium aus der islamischen Gemeinde zu wählen, das sich mit den Inhalten dieser Lehrbücher befasst. Sie übernehmen die Verantwortung, diese Lehrbücher zusammenzustellen. Es gibt in jeder Religion Meinungsverschiedenheiten und diese sollten in den allgemeineren Themen nicht hervorgehoben werden. Zunächst ist es besser, sich mit Themen zu befassen, über die allgemeiner Konsens herrscht. Zu diesem Zweck ist es sehr sinnvoll, wenn die islamischen Gemeinden, Zentren und Universitäten ihre Beziehungen ausbauen.
  3. Frauen sind unter den Lehrern präsent und sind überdies sehr geeignete Vortragende. Die Zusammenarbeit muss so ausgebaut werden, dass sie auch im Unterricht mehr präsent sind. Die Bedingungen müssen dafür geschafft werden, dass der Unterricht auch durch Frauen stattfindet, womit auch das Problem des Mangels an Lehrern angesprochen werden kann. Es müssen auch Bemühungen in der Richtung stattfinden, dass Dinge wie die Kopfbedeckung kein Hindernis darstellen.
  4. Es wäre angebracht, dass wenn islamische Gemeinden mit dem Unterricht beauftragt werden, was nach einem Vertrag mit dem Staat möglich sein wird, alle islamischen Gemeinden dabei miteinbezogen werden.
  5. Es wird vorgeschlagen, einen islamischen Expertenrat zu gründen und ihn gleichmäßig mit Gelehrten und Wissenschaftlern verschiedener islamischer Denkschulen zu besetzen, damit auch in Richtung der Annäherung der Muslime gearbeitet werden kann. Auseinandersetzungen sollten soweit wie möglich verhindert werden. Unbegründete Behauptungen und religionsrechtliche Gutachten, die eher unnötige, unwissenschaftliche und gar unlogische Angelegenheiten betreffen, sollten nicht befördert werden.
  6. Die beratenden Gremien der Schulen und Universitäten sollten Vertreter aus allen Religionen haben, weil dies auch pädagogisch sehr wertvoll sein kann. So wird darum ersucht, dass die Verantwortlichen, die die besagten Gremien gründen und koordinieren, dabei die Vertreter aller islamischen Denkschulen zu Gehör kommen lassen.

 

[1] Lichtermeere, Band 15, Überlieferung Nr. 8.

[2] Abdullah Djawadi Amoli, Scharia im Spiegel der Kenntnis, S. 194.

[3] Al-Mudaththir | 74:31: „Dies ist nur eine Ermahnung für die Menschen.“

[4] An-Nisa | 4:174: „O ihr Menschen, zu euch ist in Wahrheit ein deutlicher Beweis von eurem Herrn gekommen; und Wir sandten zu euch ein klares Licht hinab.“

[5] Kenntnis, Exegese und Exegeten, Band 1, S. 201.

[6] Ghazaali, Edelsteine des Korans S. 1-28.

[7] Al-Borhan fi olum el-Qur’an, Band 1, S. 537.

[8] Al-itqan fi olum el-Qur’an, Band 2, S. 164.

[9]  Sadr ed din Schirasi, Mafatih ul Quaib, S. 60.

[10] Tantawi, Al-Djawahir fi Tafsir el Qur’an el-karim.

[11] Al-Qur’an el-karim wal ilm al-hadith, S. 26.

[12] Firoozabadi, Tanwir al-Miqias, S. 299.

[13] Djame-ul-bian, Band 14, S. 108.

[14] Anwar al-tanzil wa asrar al-ta’wil, Band 1, S. 475.

[15] Al-ikschaf, Band 2, S. 628.

[16] Madjma-ul-bayan, Band 6, S. 586.

[17] Al-misan, Band 12, S. 324 u. 325.

[18] Tafsir nemuneh, Band 11, S. 361.

[19] Folgende Verse beschreiben den hl. Koran ganz klar als Buch der Rechtleitung: al-Baqara | 2:97-185, an-Nisa | 4:138, al-Ahqaf | 46:30, al-Isra`| 17:9, an-Nahl | 16:1-2, al-An`am | 6:157, al-A`raf | 7:203, Yunus | 10:57, an-Nahl | 16:89 und Luqman | 31:3.