Etablierung einer islamischen Theologie in Deutschland

Eine Zusammenfassung der Rede von Mustafa Yoldaş bei der Einheitswoche 2014

Die Einheit ist für uns Muslime einer unserer wichtigsten Grundsätze, wo doch Allah uns anweist, an „seinem Bindeseil festzuhalten und uns nicht zu spalten.“ Nun ist es so, dass einerseits auf nationalen und internationalen islamischen Konferenzen und offiziellen Anlässen nichts so gern beschworen wird wie die Einheit der Muslime. Andererseits vermissen Muslime in der gesellschaftlichen Realität nichts so häufig wie eben diese. Woher kommt diese Diskrepanz? Sie hat wohl viele Ursachen, aber eine ist sicher die Nichtbeachtung eines Wortes unseres Propheten Muhammad (s.) wonach die „Meinungsverschiedenheiten in der Gemeinschaft eine Gnade“ darstellen. Der Islam ist eine weltumspannende Religion mit einer 1.400 jährigen Religionsgeschichte. Er umfasst unterschiedliche Völker und Kulturen. Er umfasst Sunniten und Schiiten, verschiedene Rechtsschulen, mystische und rationalistische Strömungen und Denkschulen mit einer großen Bandbreite. In Einwanderungsländern wie Deutschland haben wir nahezu einen Mikrokosmos eben der gesamten islamischen Welt mit einer Pluralität der Meinungen und Traditionen.

Eine Voraussetzung für die Einheit ist Freiheit. Die „Meinungsverschiedenheiten als Gnade“ sind nur in Freiheit denkbar, indem sie in einem freiheitlichen Rahmen, in einer vernunftgeleiteten und respektvollen Form ausgetragen werden. Die Feinde der Freiheit sind immer auch Feinde der Einheit. Zwietracht – Fitna – sät nicht, wer eine abweichende Meinung vertritt. Fitna sät, wer seine Meinung zur alleinigen Wahrheit erklärt, wer nichts neben sich duldet, wer andere ausgrenzen und unterdrücken will. Die Unterdrückung einer Meinung führt zur Verstellung und Heuchelei; eine Eigenschaft, die der Islam verachtet. Die Unkultur des Takfir, also die leichtfertige Erklärung einer abweichenden Meinung zur Apostasie, wie sie heutzutage leider von einigen Gruppen und Individuen verbreitet wird, ist deshalb eines der größten Übel, mit denen wir Muslime uns in unserer Gemeinschaft auseinanderzusetzen haben.

Der Islam in Deutschland ist im Wesentlichen durch Migration geprägt. Die Muslime, die hier einwanderten, waren in ihrer Mehrzahl einfache Arbeiter, keine Gelehrten oder Intelektuelle. Es waren gläubige Menschen, die ihren Glauben auch in Deutschland leben wollten. Mit bescheidenen Mitteln schufen sie Moscheen in Kellern und Hinterhöfen, wo sie ihre Gebete verrichteten, Feste begingen und sich sowie ihre Kinder auch in den islamischen Glaubensgrundlagen unterweisen lassen konnten. Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte entstanden Moscheegemeinden und islamische Verbände und überhaupt eine vielfältige islamische Infrastruktur vom islamischen Kindergarten über das Halal‐ Restaurant bis zum islamischen Gräberfeld. Niemand kann heute mehr ernsthaft bestreiten, dass der Islam zu Deutschland gehört. In Hamburg und Bremen wurden Staatsverträge geschlossen. In Niedersachsen und Schleswig‐Holstein wurden Staatsvertragsverhandlungen begonnen und wir hoffen, dass weitere Bundesländer folgen werden. Dies ist ein sehr wichtiger Prozess, weil wir mit den islamischen Landesverbänden eine Struktur etablieren, die den praktischen Erfordernissen gerecht wird, weil sie tatsächlich nahezu alle Moscheegemeinden in den Ländern zu Religionsgemeinschaften vereinigen. Mit dem Staat bringt uns die Anerkennung als Religionsgemeinschaften zur strukturellen Gleichstellung des Islam. Damit sind die islamischen Landesverbände in der institutionellen Anerkennung weiter als die islamischen Dachverbände auf Bundesebene.

Es hat sich gezeigt, dass sich die islamischen Landesverbände schon deshalb als die pragmatischeren Ansprechpartner anbieten, weil Bildung in erster Linie Ländersache ist. Ferner werden die künftigen Absolventen der Hochschulen in den privaten islamischen und öffentlichen Schulen, Moscheen und sozialen Einrichtungen der Muslime auf Landesebene eingestellt werden. Da ist eine auf Vertrauen basierende Basis mit der Zeit durch das persönliche Kennen unter den Akteuren eine bessere Voraussetzung für eine fruchtbare Zusammenarbeit. Im Übrigen werden die künftigen Beschlüsse der Islamkonferenz auf Bundesebene – sollten sie tatsächlich einmal brauchbare Ergebnisse erbringen – letztendlich auf Landesebene umgesetzt werden müssen. Die Entwicklungen der letzten Jahre haben auch zu neuen Herausforderungen geführt: Muslime wollen islamischen Religionsunterricht an staatlichen Schulen. Religionsunterricht erfordert muslimische Religionslehrer. Diese müssen an deutschen Hochschulen ausgebildet werden. Schon deshalb brauchen wir islamische Theologie an deutschen Universitäten. Viele wünschen sich auch in Deutschland wissenschaftlich ausgebildete Imame. Überhaupt brauchen wir den wissenschaftlichen Input einer Theologie, welche die Existenz der Muslime in dieser Gesellschaft auf eine zeitgemäße Weise reflektiert und den Muslimen das Dasein als Minderheit erleichtert. Auch wenn das Bild des Islam in Deutschland bisher vornehmlich von Arbeitern geprägt wurde, so ändert sich das Profil unserer Religion mit der Zeit auch durch die zunehmende Zahl an qualifizierten und gut ausgebildeten Muslimen, z.T. in angesehenen Positionen der Gesellschaft. Folgerichtig ist es unabdingbar, dass sich die islamische Theologie auf einem ebenbürtigen Niveau mit anderen Theologien auf universitärer Ebene etabliert.

Wir betreten hier also in gewisser Weise Neuland. Die Etablierung einer islamischen Theologie wird deshalb nicht von heute auf morgen zu bewerkstelligen sein, sie wird ein längerer Prozess sein. Dieses wird allmählich auch von vielen Entscheidungsträgern in dieser Gesellschaft anerkannt. Deshalb sprießen Lehrstühle für islamische Theologie an zahlreichen Universitäten innerhalb weniger Jahre aus dem Boden. Dabei sollten aber einige Rahmenbedingungen unbedingt eingehalten werden: Zunächst und zu allererst die Freiheit von politischer Instrumentalisierung. Die islamische Theologie ist eine Angelegenheit der Muslime. Sie ist kein Mittel der Sicherheitspolitik und auch nicht der Integrationspolitik. Der deutsche Staat hat sich dem Ansinnen zu enthalten, sich hierüber einen ihm genehmen Islam formen zu wollen. Es geht gar nicht an, wenn eine dem Bundesinnenministerium untergeordnete Behörde, die sich anmaßt, die Inhalte unserer Religion definieren zu wollen, bestimmt, wer in Universitätsbeiräten sitzen darf und wer nicht.

Hierbei appellieren wir eindringlich an die Universitäten, die uns Muslimen gegenüber die Freiheit und Unabhängigkeit von Forschung und Lehre betonen, sich nicht nur gegen die Einflussnahme durch die islamischen Verbände zu positionieren, sondern auch gegen jeglichen Versuch der Einflussnahme durch die Politik zu stellen, die uns Muslimen eine Mündigkeit abspricht, einen heilsamen innerislamischen Diskussionsprozess selbst durchführen zu können und „Hoftheologen“ nach eigenem Gusto ausbilden zu wollen. Es gibt einen eklatanten Unterschied und eine große Ungerechtigkeit in den Berufungsverfahren von Professoren in theologischen Fakultäten. Es gäbe einen Aufschrei in den Kirchen, wenn sich die Politik in ihre Angelegenheiten so einmischen würde, wie sie es so selbstverständlich im Falle der Muslime für sich beansprucht. Wir Muslime wollen keine Privilegierung, aber auch keine Diskriminierung. Wenn die islamische Theologie eine Sache der Muslime ist, so bedürfen ihre Inhalte und Ziele einer breiten und offenen Debatte unter den Muslimen. Die Theologie muss für die Menschen da sein, nicht für einen wissenschaftlichen Elfenbeinturm. Hochschulabsolventen sollen als Religionslehrer muslimische Kinder unterrichten und brauchen das Vertrauen der Eltern. Wenn sie später als Imame tätig sein wollen, müssen sie mit den Moscheegemeinden vertraut sein. Überhaupt spielen die Moscheegemeinden und die sie repräsentierenden islamischen Religionsgemeinschaften eine zentrale Rolle. An ihnen vorbei kann eine islamische Theologie nicht etabliert werden.

Was wir brauchen, ist ein offener Diskurs. Er muss die Pluralität des Islam in Deutschland berücksichtigen und verschiedene Positionen und Traditionen zulassen können. An ihm müssen alle Akteure gleichberechtigt teilhaben können, insbesondere die islamischen Religionsgemeinschaften und die Vertreterinnen und Vertreter der universitären Lehrstühle und Institute. Soll das Projekt islamische Theologie gelingen, müssen Religionsgemeinschaften und Hochschule Partner sein; sie dürfen sich nicht gegeneinander in Stellung bringen lassen. Politische oder mediale Vorstöße in diese Richtung – wo dann die einen als „liberal“ und die anderen als „konservativ“ etikettiert werden – sollten besser gemeinsam zurückgewiesen werden.