Die Freiheit des Menschen in Bezug auf die Dienerschaft gegenüber Gott

Groß-Ayatollah Jawadi Amoli

Es ist klar, dass Freiheit niemals absolut und uneingeschränkt sein kann, denn die Eigenschaften eines Wesens richten sich nach dem Wesen selbst. Ein eingeschränktes bzw. begrenztes Wesen besitzt eingeschränkte und begrenzte Eigenschaften und ein unendliches Wesen besitzt unendliche Eigenschaften. Das Wesen des Allmächtigen, das absolut und unendlich ist, ist unendlich und unbegrenzt, doch der Mensch, der ein eingeschränktes Wesen ist, ist zwingendermaßen auch in seinen Grundeigenschaften wie Leben, Freiheit, Wissen, Macht, und Willen eingeschränkt. Deshalb sind diese, auch wenn Gott den Menschen frei erschaffen hat und ihm einen freien Willen und die Möglichkeit zur Entscheidung geschenkt hat, doch beschränkt, so dass der Mensch doch nicht die Kraft und Fähigkeit hat, mit seinem Willen all das zu tun, was er möchte.

Die Neigung des Menschen zur Auflehnung

Was die Geschichte der Menschheit bis zum heutigen Tag zeigt und was der Mensch über gewöhnliche Menschen und Personen sah und sieht, ist, dass in der Regel die Menschen aufgrund ihrer Natur nach mehr streben. In vielen Menschen ist die Flamme der Gier nicht mehr auszulöschen, sie begnügen sich mit nichts und sind mit nichts zufrieden. Aber neben diesem natürlichen Streben nach mehr ist im Wesen aller Menschen die Neigung zur Gerechtigkeit angelegt. Auf der Basis von Qur’an-Interpretationen, die auch von vernünftigen Beweisführungen bestätigt werden, ist im menschlichen Wesen (arab. Fitra), aber nicht in seiner Natur (arab.Tabiat), die Neigung zur Verehrung eines einzigen Gottes und die Neigung zur Wahrheit und zur Gerechtigkeit verankert und in einem Vers heißt es dazu: „Das ist die natürliche Art, in der Gott die Menschen erschaffen hat, bei der es keine Änderung gibt und die man nicht abändern kann.“ (Ar-Rum | 30:30)

In einem anderen Vers heißt es dazu „Und der ihr (der Seele) die Erkenntnis von Unrecht und Recht eingab!“ (Ash-Shams | 91:8)

Der Qur’an bestätigt das Streben des Menschen nach mehr und tadelt deshalb den Menschen an mehr als 50 Stellen. Diese Kritik betrifft in allen Fällen die Natur des Menschen. Alle Eigenschaften wie Gier, Ungeduld, Hochmut, Neid, Grausamkeit, Ignoranz, Unüberlegtheit usw. betreffen die Natur des Menschen und nicht sein Wesen, genannt Fitra. In Bezug auf sein Wesen heißt es: „Wir haben doch wahrlich die Kinder Adams geehrt.“ (Al-Isra | 17:70)

In der ersten Ansprache des Werks „Pfad der Eloquenz“ (Nahdsch-ul-Balagha) steht, dass die Propheten gekommen sind, um die verborgenen Schätze der Vernunft des Menschen hervorzubringen. Einige dieser Schätze sind auf Wissen, Erkenntnis und Weisheit ausgerichtet, während andere auf die reinen und göttlichen Neigungen und Bedürfnisse ausgerichtet sind, die mit der Hilfe der Propheten entdeckt und zum Vorschein gebracht werden sollten. Nun ist klar geworden, dass wenn die Natur bzw. Tabiat den Menschen beherrscht, Wünsche und Begierden grenzenlos und unendlich werden und sich der Mensch sodann mit nichts mehr begnügt und die absolute Freiheit verlangt. So eine Situation hat nur Disharmonie zur Folge und es gibt kein Land auf der Welt, weder im Osten noch im Westen, in der modernen- oder in der sogenannten Dritten Welt und völlig unabhängig davon, ob entwickelt oder unterentwickelt, das nicht in Form von Gesetzen Grenzen für den Menschen erstellt und somit mittels dieser Grenzen die Freiheit des Menschen einschränkt und für die Verletzung dieser Grenzen (=Gesetze) Bestrafungen vorsieht.

Also ist es nicht so, dass der Mensch absolute Freiheit besitzt, zu tun was er will. Im Qur’an heißt es: „Meint denn der Mensch, er würde sich einfach selber überlassen?“ (Al-Qiyamat | 75:36)

Freiheit im Sinne der absoluten und bedingungslosen Freiheit ist weder mit der Vernunft noch mit der Natur des Menschen noch mit der Religion noch mit der menschlichen Gesellschaft vereinbar.

Für den Menschen gibt es trotz seiner Freiheit auf der moralischen, rechtlichen, wirtschaftlichen, politischen und militärischen Ebene Grenzen, die er einhalten muss, denn sonst muss er überall auf der Welt mit Konsequenzen rechnen, was auch notwendig ist, da sonst überall Chaos ausbräche.

Innere Freiheit

Der Islam erkennt dem Menschen sowohl das Recht auf Leben als auch das Recht auf Freiheit an, sieht jedoch die Freiheit als notwendige Vorbedingung für ein vollkommenes Leben an. Alle Freiheiten des Menschen, die für die Erreichung der materiellen und spirituellen Ziele notwendig sind, sind für den Menschen angemessen und aus diesem Grund braucht der Mensch die Freiheit. Jedoch ist diese Freiheit nur dann zu erreichen, wenn der Mensch sich von den Ketten der Begierde und Triebseele befreit. Alle Menschen stehen unter der Geißel ihres Verhaltens und nur diejenigen sind frei von dieser Geißel, die in der Reihe der rechten Gefährten, der Reinen und Gläubigen stehen.

Es stellt sich nun die Frage, wie den rechten Gefährten diese Befreiung gelungen ist. Die Antwort auf diese Frage kann in der Ansprache des heiligen Propheten am letzten Freitag des Monats Schaban gefunden werden, in der er sagt: „Oh ihr Menschen! Da euer Leben von euren Taten gefangen ist, befreit euer Leben mit der Bitte um Vergebung und Reue vor Gott.“

Deshalb besteht die wahre Freiheit des Menschen darin, dass er sich durch die Bitte um Vergebung von den Ketten der vergangenen Sünden befreit und sich durch reinen Glauben und aufrichtige Taten in die Reihe der wahrhaftigen Gefährten einreiht. Das nennt man seelische bzw. geistige Freiheit, die eine Vorstufe für ein wahrhaftiges und edles Leben sein kann. Im Qur‘an heißt es „einen Diener befreien“ (Al-Balad | 90:13) und eine wahre Befreiung des Menschen ist genau dieses.

Der Islam definiert für die Menschen zwei prinzipielle Rechte: das Recht auf Leben und das Recht auf Freiheit. Er erwähnte aber auch, dass die Freiheit des Geistes wichtiger und essentieller ist als die Freiheit des Körpers und die geistige bzw. seelische und innere Freiheit wichtiger als die äußere und gesellschaftliche Freiheit ist und die innere Freiheit die Voraussetzung und Ursache für die äußere und gesellschaftliche Freiheit ist. Der Geist des Menschen kann sich dann frei nennen, wenn er sich von der Knechtschaft der Begierden und des Zornes befreit hat und nicht mehr ein Diener seiner Begierden ist.

Wenn eine Person sagt: „Ich mache, was ich will. Oder „Ich gehe hin, wo ich will.“ oder „Ich esse, was ich will“ oder „Ich lebe, wie ich will und akzeptiere keine Grenzen“ usw., bedeutet das nichts anderes, als dass sie ihre Seele / ihren Geist versklavt hat und zum Diener ihrer Begierden und Gelüste gemacht und seine Fitra lebendig begraben hat. Im Heiligen Qur’an heißt es: „Und enttäuscht wird, wer seine Seele verkommen lässt.“ (Ash-Schams | 91:10)

In Wirklichkeit hat er seine menschliche Identität verloren und sich unter die Toten begeben, die sogenannten „lebendigen Toten“, wie es in Bihar-ul-Anwar heißt. Daher sieht der Qur‘an nur die Gläubigen als die wahren Lebendigen an: „Der ihm herab gesandte Qu‘ran ist eine Ermahnung und ein offenkundiges Heiliges Buch, damit er diejenigen warnt, die wahrhaftig in Frömmigkeit leben, so dass Gottes Urteil über die Ungläubigen berechtigt ist.“ (Ya-Sin | 36:69 -70)

In diesem Vers wird scharf zwischen dem lebendigen Menschen und dem, der nicht an den einzigen Gott glaubt, getrennt und gesagt: Der Qur‘an ist als Warnung für die Lebendigen herabgesandt worden und für die Ungläubigen ist er der letzte Beweis oder der Versuch der Rechtleitung. Diese Rede bedeutet, dass die Menschen aus zwei Gruppen bestehen: einige sind gläubig und somit „lebendig“ und akzeptieren Warnungen, während andere, die die Warnung nicht akzeptieren, ungläubig sind. Durch diese Gegenüberstellung wird deutlich, dass die Gläubigen diejenigen sind, die die auf die Warnung hören und dadurch geistlich Lebendige sind, wohingegen die Ungläubigen die Nicht hören wollenden Toten sind.

Denn das menschliche Leben bzw. das, was den Menschen ausmacht, bezieht sich auf die Fitra als sein göttliches Wesen und wenn diese Fitra unter dem Staub der Natur und der Begierden und Gelüste begraben wird, verliert der Mensch seine menschliche Essenz und seine Lebendigkeit, auch wenn sein Körper und sein tierisches Leben noch bestehen bleiben. Genau aus diesem Grund sagt Gott zu seinem Propheten über die Ungläubigen mit einem kalten und dunklem Herzen: „Und die Lebendigen sind nicht den Toten gleich. Gott kann bei wem er will bewirken, dass er hört. Du aber kannst nicht bewirken, dass diejenigen hören, die in den Gräbern sind.“ (Al-Fatir | 35:22)

Oder an einer anderen Stelle heißt es: „Du kannst nicht bewirken, dass die Toten hören, auch nicht, dass die Tauben den Zuruf hören, wenn sie den Rücken kehren. Du kannst auch nicht die Blinden rechtleiten von ihrem Irrtum. Du kannst nur bewirken, dass diejenigen hören, die an unsere Zeichen glauben und ergeben sind.“ (An-Naml | 27:80 -81)

Die Versklavung der menschlichen Seele

Die Begierde und der Zorn sind zwei gute Mittel für die menschliche Seele. Sollten sie jedoch nicht erzogen und unter die Kontrolle der Vernunft gebracht worden sein, werden sie aufgrund ihrer Unersättlichkeit die Seele des Menschen zu ihrem Sklaven machen. So wird die Gier dominant und die Vernunft des Menschen wird zum Gefangenen. Imam Ali (a.s.) hat in seinen Maximen in Nadsch-ul-Balagha gesagt: „Die Welt ist der Ort, an dem man vorbeiziehen muss, aber kein Haus, in dem man verbleiben muss. Auf dieser Welt sind die Menschen in zwei Gruppen einzuteilen: Eine Gruppe, die ihr eigenes Leben an ihre Begierden verkauft und so dem Untergang preisgibt, und die andere, die ihr Leben den Begierden abkauft und somit ihre wahre Existenz befreit.“

Ein Mensch, der sich selber schadet und sein wahres Selbst an seine Begierden und sein Ego verkauft und versklavt, dessen Wissen und Vernunft werden Gefangene seines Egos und wenn er

z. B. eine Stadt zerstören möchte, verwendet er auch sein gesamtes Wissen auf diesen Zweck und stellt alles in den Dienst seines Egos und seiner Begierden. Solche Menschen, die quasi das eigene Ego verehren, sind auch bereit mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, sich gegen die Propheten und ihre Botschaften zu stellen und versuchen diese um jeden Preis zu vernichten. Sie erfinden neue Lehren und Sekten und bezeichnen sich selber als Propheten und manchmal verfassen sie sogar Bücher und geben diese als göttliche Botschaft aus und versuchen so den Qur’an für ungültig zu erklären.

Der Teufel ist kein unbedeutendes Wesen, sondern ein Wesen, das 6000 Jahre mit der Anbetung Gottes verbracht haben soll und nach der Aussage von Imam Ali (a.s.) ist es nicht klar, ob mit diesen 6000 Jahren weltliche Jahre oder Jahre aus dem Jenseits gemeint sind, wo jeder Tag 50.000 Jahre dauert. Jedenfalls konnte Iblis (so hieß der Teufel vorher) eine lange Vergangenheit der Gottesverehrung aufweisen. Wenn also so ein standhaftes Wesen überheblich, hochmütig und eigensinnig wird, wird zuerst der Verdienst so vieler Jahre der Dienerschaft zunichte gemacht und dann wird er zum „offenen Feind“ des Menschen.

Ein Wesen, das es geschafft hat, mehrere tausend Jahre mit Anbetung zu verbringen und sich den Engeln als tugendhaft zu präsentieren und es fertig brachte, diese ganzen Mühen auf einen Schlag zu vernichten, so ein Feind wird sicherlich in Bezug auf den Menschen auch nicht gnädig verfahren. In erster Instanz hat er seine eigene Existenz an seinen Hochmut und seine Eigenwilligkeit versklavt und dann begonnen, die Menschen zu seinen Sklaven zu machen. Und wenn er dann einen Menschen beherrscht, so verkauft dieser Mensch seine Menschlichkeit an seine Begierden und kennt gegenüber den anderen Menschen keine Gnade mehr und versucht auf dem Weg, auf welchem er seine unersättliche Gier zu stillen gedenkt, auch andere Menschen zu versklaven.

Freiwilliger Gehorsam

Was im Qur’an zum Thema Dienerschaft der Menschen steht, ist, dass die vollkommenste und höchste Eigenschaft des Menschen ist, der Diener Gottes zu werden. Denn der Mensch und die anderen Lebewesen sind alle Geschöpfe Gottes und jedes Geschöpf ist der Diener seines Schöpfers und die Vernunft befürwortet die Dienerschaft Gottes und wenn der Schöpfer die göttliche Anbetung im Qur’an erwähnt, führt er dafür vernünftige Beweise an und er wendet sich an die vernünftigen Menschen.

Der heilige Qur’an bezeichnet diejenigen, die die Anbetung Gottes verweigern, als töricht: „Wer anders könnte die Religion Abrahams verschmähen als einer, der selber töricht ist?“ (Al-Baqara | 2:130)

Die Vernunft gebietet, dass jedes Geschöpf seinem Schöpfer gehorchen muss und jede Wirkung einer Ursache, die auf diesen zurückgeht, annehmen. Die Vollkommenheit eines jeden Geschöpfs besteht darin, dass es sich zwar auf Basis seines Entwicklungssystems bewegt, aber auf die Hilfe und Rechtleitung Gottes angewiese ist, weil es davon keine genaue Kenntnis hat,

Der Mensch ist auf der Welt mit verschiedenen Phänomenen konfrontiert, über seine eigene Wirklichkeit und die Wahrheit der Welt jedoch und auch über die Qualität der Beziehung zwischen Menschen und Gott hat er jedoch kein ausreichendes Wissen, was die Notwendigkeit einer Rechtleitung von Seiten des allwissenden Gottes zur Folge hat.

Wenn der Mensch Gott als Schöpfer und Herrscher empfindet und sich dessen bewusst ist, dass das Wissen Gottes alle Facetten des Lebens, die menschliche Existenz und die Welt umfasst und er in der Praxis auch ein gehorsamer Diener Gottes ist, dann erreicht er die höchste Stufe an Vollkommenheit. Somit besteht die wichtigste Vollkommenheit des Menschen, über die im Qur’an gesprochen wird, in der Dienerschaft Gottes. Im Qur’an bezeichnet Gott sogar Propheten wie Khizr (a.s.) als Diener, die nicht nur durch normales und äußeres Wissen, sondern auch durch besonderes Wissen über das Verborgene (ein Wissen, das Gott nur seinen besonderen Diener schenkt) Entscheidungen trafen.

Die Gottesverehrung befreit den Menschen von allen anderen Verehrungsformen und somit wird der Mensch niemals der Sklave bzw. der Diener von seinen inneren bzw. von äußeren Faktoren. Das göttliche Wesen im Menschen befiehlt zwei Dinge, nämlich zum Ersten, ein Diener Gottes zu sein und zweitens, sich von allem außer Ihm zu befreien. Denn wenn der Mensch der reine Diener seines Schöpfers ist und seine Dienerschaft nur Gott gilt, dann bleibt zweifellos keine Möglichkeit mehr für eine Dienerschaft für andere außer Gott und wenn der Mensch Gott in seiner Allmächtigkeit und Größe findet, wird alles andere ihm winzig und klein erscheinen.

Daher sagte Imam Ali (a.s.): „Der Schöpfer erscheint in den Augen der Gottesfürchtigen in seiner ganzen Größe und folglich wird alles außer Gott in ihren Augen klein.“ Er sagte auch zu seinem Sohn Imam Hassan (a.s.): „Sei nur der Diener Gottes, denn Gott hat dich frei erschaffen.“ Genau aus diesem Grund sieht Imam Ali (a.s.) seinen Stolz und Wert in seiner Dienerschaft: „Oh Gott! Mir genügt diese Gnade, dass ich dein Diener bin und mir genügt dieser Stolz, dass du mein Schöpfer bist.“[1]

[1]Bihar-ul-Anwar. Band 71, S. 402.