Fasten und Soziale Gerechtigkeit

Mahatma Gandhi schrieb einst, dass das Fasten diejenige Waffe ist, die Gott uns gegeben hat, um sie in Zeiten zu nutzen, in denen wir uns vollkommen hilflos und ohnmächtig fühlen und in denen wir Unheil ausgesetzt sind, dem wir uns nicht entziehen können. Des Weiteren bezeichnete er ein vollständiges Fasten als die aufrichtigste Form des Gebets. [1] Ähnliches ist uns vom Propheten Muhammad (s.) in Bezug auf das Fasten überliefert worden: „Es gibt zu allem ein Tor, und das Tor zur Gottesdienerschaft ist das Fasten.“ Im Heiligen Qur´an lesen wir: „Oh ihr Gläubigen! Sucht (bei Problemen und in Härten) Hilfe in der Geduld und im Gebet! Gott ist mit denen, die geduldig sind“ (Al-Baqara:153). In diesem Zusammenhang kann die Geduld bzw. Standhaftigkeit [assabr] durchaus auch als Fasten interpretiert werden, sowie es in einer bekannten Überlieferung des Gesandten Gottes (s.) heißt: „Das Fasten ist die Hälfte der Geduld. Und die Geduld ist die Hälfte des Glaubens.“

Das Fasten als effektivstes Mittel zur Reinigung von Körper und Seele ist der Menschheit seit Adams Zeiten bekannt. Es wurde in verschiedensten Kulturen aber auch als politisches Druckmittel der Schwachen und Hoffnungslosen eingesetzt, um gegen Unterdrückung und untragbare Zustände zu demonstrieren. So war es beispielsweise im vorchristlichen Irland gängige Praxis, vor dem Haus eines Tyrannen und Unterdrückers zu fasten, um diesen zu demütigen und ihn dazu zu bewegen, sein unrechtmäßiges Verhalten zu ändern. Das Fasten wurde so unter anderem zu einer wichtigen Methode des gewaltfreien Widerstandes, welche auch in Mahatma Gandhis Strategie der Befreiung Indiens von der britischen Kolonialherrschaft eine wesentliche Rolle spielte. Wir können sie heutzutage beispielsweise in Form von demonstrativen Hungerstreiks in Foltergefängnissen, wie in Guantanamo oder in Palästina, beobachten.

Doch mehr als nur einen Unterdrücker zu beschämen oder auf Unrecht aufmerksam zu machen, reinigt und stärkt das Fasten vor allem auch den Willen des Menschen von innen heraus und befreit dessen Seele aus dem engen Gefängnis der Wünsche, Begierden und körperlichen Bedürfnisse. Auf diese Weise nährt das Fasten den Mut und den Willen zum Widerstand, hilft dem Menschen, seine niedrigen Bedürfnisse und Ängste zu überwinden und eine klarere Sicht der Realität zu gewinnen. Dem Menschen wird während des Fastens seine Bedürftigkeit, seine Schwäche und seine absolute Abhängigkeit von einer höheren Macht bewusst. Nur wenige Stunden ohne Wasser oder Nahrung und aus dem stolzesten König wird ein bettelnder Diener. Doch im gleichen Maße wie uns die Schwäche und Abhängigkeit unseres Körpers bewusst wird, tritt auch die glänzende Stärke und Kraft unserer Seele zu Tage, die es vermag, den Körper und seine Triebkräfte zu disziplinieren, zu kontrollieren und schließlich für ihre Zwecke einzusetzen.

Fasten ist die bewusste und freiwillige Entscheidung des Menschen, auf etwas zu verzichten, wonach sein Körper verlangt und durch diesen Akt seinen seelischen Bedürfnissen den Vorzug einzuräumen. Die Seele wiederum strebt nach der Nähe zu ihrem Schöpfer und alle anderen Bedürfnisse – sowie auch die scheinbare Macht der Hindernisse auf diesem Weg – werden relativiert und treten dabei in den Hintergrund. So stellt das Fasten eine besondere Art des Gottesdienstes dar, der aus zwei Teilen besteht: Der erste Teil umfasst Zurückhaltung, Verzicht und Negation, während sich der zweite Teil durch eine bestimmte Absicht und durch affirmatives Handeln ausdrückt. Diese Absicht, die durch den Verzicht gestärkt werden soll, ist es, die Nähe Gottes anzustreben und dabei all jene Attribute und Eigenschaften in uns zu verwirklichen, deren Essenz in der Essenz des Erhabenen begründet liegen – Eigenschaften wie Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Großzügigkeit, Standhaftigkeit und Geduld. Auf die Leere, die durch das Fasten im Körper und Geist entsteht, sollte demnach die Lehre folgen, durch die unsere Seele erzogen und der Mensch zu den schönsten und edelsten Gedanken und Taten inspiriert wird. Der erste Teil des Fastens ohne diesen zweiten Teil wäre demnach nichts anderes als Hunger und Durst zu leiden, sinnloser Verzicht, der uns müde und passiv macht und den Tag lang und bedeutungslos erscheinen lässt.

Doch das Fasten im Islam trägt keineswegs einen asketischen, der Welt abgewandten Anstrich. Vielmehr trägt es zu einer Vertiefung des sozialen Bewusstseins, der Verantwortung gegenüber den Mitmenschen, den Armen und Bedürftigen und der Familie bei. Es stärkt die Gemeinschaft und die Solidarität unter den Menschen, die sich in ihrer Bedürftigkeit und ihrem freiwilligen Hunger und Durst stärker als sonst als Brüder und Schwestern wahrnehmen – unabhängig von ihrer sozialen Stellung, ihrem materiellen Wohlstand, ihrer Nationalität, Herkunft oder Bildung. Die wesentliche soziale Bedeutung des Pflichtfastens im Islam wird nicht zuletzt dadurch ausgedrückt, dass der heilige Monat Ramadan mit der Abgabe der Zakat endet. Das Fasten in jenem Monat wird erst durch die Abgabe jener verpflichtenden Steuer für Bedürftige vervollständigt. Auch die Ersatzhandlungen [qadha] und das Sühnefasten [kaffara] für versäumte Fastentage sind in einer Form des sozialen Ausgleichs zu leisten, entweder indem man Hungrige speist oder – wie früher auch üblich – einen Sklaven befreit.

Der gesegnete Prophet hat in seiner Ansprache über die Vorzüge des Fastenmonats Ramadan deutlich auf diese wesentliche Komponente der sozialen Verantwortung während des Fastens hingewiesen: „Erinnert euch durch euren Hunger und Durst in diesem (Monat) an den Hunger und den Durst am Tage der Auferstehung. Spendet euren Armen und Bedürftigen, ehrt eure Älteren und erbarmt euch eurer Kinder, bewahrt die Verbindung zu euren Verwandten, hütet eure Zungen, schlagt eure Blicke nieder vor dem, was anzusehen euch nicht erlaubt ist, hört nicht dem zu, dem zuzuhören euch nicht erlaubt ist und seid liebevoll zu den Waisen der (anderen) Menschen, damit eure Waisen liebevoll behandelt werden.[…] Oh ihr Menschen! Demjenigen unter euch, der in diesem Monat einen gläubigen Fastenden zum Fastenbrechen [iftar] speist, wird es bei Allah so angerechnet werden, als ob er einen Sklaven befreit hätte, und seine vergangenen Sünden werden vergeben.“

Auch in der Bibel finden wir einen eindrücklichen Hinweis auf die wesentliche soziale Komponente des Fastens. So heißt es in Jesaiah 58: euch selbst quält und nichts esst und trinkt, wenn ihr den Kopf hängen lasst und euch in Trauerkleidern in die Asche setzt? Nennt ihr so etwas ‚Fasten‘? Ist das ein Tag, an dem ich, der Herr, Freude habe? Nein – ein Fasten, das mir gefällt, sieht anders aus: Löst die Fesseln der Menschen, die ihr zu Unrecht gefangen haltet, befreit sie vom drückenden Joch der Sklaverei und gebt ihnen ihre Freiheit wieder! Schafft jede Art von Unterdrückung ab! Gebt den Hungrigen zu essen, nehmt Obdachlose bei euch auf, und wenn ihr einem begegnet, der in Lumpen herumläuft, gebt ihm Kleider! Helft, wo ihr könnt, und verschließt eure Augen nicht vor den Nöten eurer Mitmenschen! Dann wird mein Licht eure Dunkelheit vertreiben wie die Morgensonne, und in kurzer Zeit sind eure Wunden geheilt. Eure barmherzigen Taten gehen vor euch her, meine Macht und Herrlichkeit beschließt euren Zug. Wenn ihr dann zu mir ruft, werde ich euch antworten. Wenn ihr um Hilfe schreit, werde ich sagen: ‚Ja, hier bin ich.‘ Beseitigt jede Art von Unterdrückung! Hört auf, verächtlich mit dem Finger auf andere zu zeigen, macht Schluss mit aller Verleumdung! Nehmt euch der Hungernden an, und gebt ihnen zu essen, versorgt die Notleidenden mit allem Nötigen! Dann wird mein Licht eure Finsternis durchbrechen. Die Nacht um euch her wird zum hellen Tag. Immer werde ich euch führen. Auch in der Wüste werde ich euch versorgen, ich gebe euch Gesundheit und Kraft. Ihr gleicht einem gut bewässerten Garten und einer Quelle, die nie versiegt. (Die Bibel, Jesaiah 58: 3-11)

Durch das Fasten wird unsere Solidarität mit den Bedürftigen stärker, unsere Beziehung zu unseren Mitmenschen enger, wir scheinen sensibler für soziale Ungerechtigkeiten zu werden und das Wohl unserer Mitmenschen scheint uns mehr zu kümmern als sonst im Jahr. Das unsichtbare und geheimnisvolle Band, das alle menschlichen Seelen miteinander verknüpft und sie zu einem einzigen untrennbaren Organismus verschmelzen lässt, tritt während des Fastens deutlicher zu Tage – und damit auch das Empfinden, dass wir uns für alle anderen dasselbe wünschen wie für uns selbst. Der Schmerz eines Mitmenschen tut uns dann ebenso weh wie unser eigener. Die reine Seele des Menschen wünscht sich instinktiv das Wohlergehen aller anderen Menschen und die Besserung der Zustände aller Seelen. Weil seine Seele mit allen anderen Seelen in enger Verbindung steht, kann der Mensch als Individuum auch nur dann wirkliches Glück und Zufriedenheit erfahren, wenn es auch allen anderen Menschen wohlergeht. So heißt es in dem berühmten Gedicht des persischen Poeten Saadi aus dem 13. Jahrhundert: „Die Menschenkinder sind ja alle Brüder Aus einem Stoff wie eines Leibes Glieder Hat Krankheit nur einzig Glied erfasst So bleibt anderen weder Ruh und Rast Wenn anderer Schmerz dich nicht im Herzen brennt Verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennt.“ [2]

Der Grund, weshalb wir diesen natürlichen Wunsch in uns allerdings nicht immer deutlich wahrnehmen können, liegt in unserer Distanz und Ignoranz gegenüber dem Allbarmherzigen Schöpfer und in der falschen Hoffnung auf die Versprechungen begründet, mit denen uns die materielle Welt erfüllt und die uns von unserer eigentlichen Aufgabe, unserem Ziel und unserem wahren Streben ablenken. Dieser Zustand der Ignoranz oder der tiefen Unachtsamkeit gegenüber dem Wesentlichen [ghaflat] führt uns dazu, uns als unabhängiges Wesen zu fühlen. Solange wir gesund und stark sind, denken wir, dass wir weder von unseren Mitmenschen noch von einer höheren Macht abhängig sind, und dass wir alles, was wir uns wünschen, durch unsere eigene Kraft erreichen können. Das Fasten aber führt uns zurück auf den Pfad der Realität. Es hilft uns, aufzuwachen aus unserem Schlaf der Ignoranz, unser eigentliches Ziel zu erkennen und die notwendigen Handlungen und Schritte zu unternehmen, die zur Verwirklichung dieses Zieles beitragen. Kaum eine andere gottesdienstliche Handlung hat demnach einen derart starken reformierenden Charakter wie das Fasten – für das Individuum, aber auch für die Gemeinschaft und die Gesellschaft als Ganzes. Dennoch sagt Allah selbst in einem Hadith Al-Qudsi: „Das Fasten gilt Mir und Ich selbst werde es belohnen.“

Hier wird etwas über das Fasten gesagt, das Gott über kein anderes islamisches Gebot gesagt hat, nämlich, dass unser Fasten ausschließlich für Gott bestimmt ist und sich im Gegensatz zu anderen rituellen Handlungen nur zwischen Gott und Seinem aufrichtigen Diener abspielt. Nichts und niemand steht dazwischen. Durch das Fasten hat der Mensch die Gelegenheit, sich auf einmalige Weise Gott anzunähern und dabei selbst einen höheren Rang an Vollkommenheit und Gerechtigkeit in sich zu verwirklichen. Doch welchen Einfluss hat das Fasten dadurch auf die Gesellschaft als Ganzes und daraus resultierend auf soziale Gerechtigkeit? Gerechtigkeit in der Gesellschaft kann nur durch Individuen erwirkt werden, die zunächst Gerechtigkeit in sich selbst hergestellt haben. Das wiederum kann nur jemandem gelingen, der Gerechtigkeit zwischen sich selbst und Gott hergestellt hat.

Um diese Dynamik näher zu erläutern, wollen wir uns einem Vers aus dem berühmten Bittgebet [3] zuwenden, das im heiligen Monat Ramadan nach jedem Gebet oder zumindest einmal am Tag rezitiert werden soll. Darin heißt es: „Oh Allah, reformiere jede Angelegenheit der Muslime, die aus dem rechten Lot geraten ist! Der arabische Imperativ „Aslih!“, der hier mit „reformiere“ übersetzt wird, stammt von dem Wort As-Salah ab, was so viel wie Equilibrium oder Gleichgewicht bedeutet. Das Gegenteil von Salah ist fasad und bedeutet, dass etwas aus dem Gleichgewicht bzw. aus dem rechten Lot geraten ist. Wenn wir Allah also aufrichtig um die Reformierung der aus dem Gleichgewicht geratenen Angelegenheiten der Muslime bitten, dann müssen wir selbst auch bereit sein, dieses Anliegen durch unsere Handlungen zu ermöglichen. Wenn wir für das Entstehen einer gerechten Gesellschaft bitten, dann müssen wir auch bereit sein, diese zu reformieren, was wiederum voraussetzt, uns zunächst grundlegend selbst zu reformieren und alle Angelegenheiten, die in unserem Leben aus dem Gleichgewicht geraten sind, wieder ins Lot zu bringen. Kein Monat ist dazu besser geeignet, als der heilige Monat Ramadan, in dem die Tore zur Reue, Vergebung und Reformierung des Menschen weit offen stehen.

Der erste Schritt zur Reform liegt in der Bewusstwerdung dessen, was aus dem Gleichgewicht geraten ist. Dann müssen wir uns darüber klar werden, auf welchem Weg und durch welche Methode wir dieses Ungleichgewicht auf die beste Weise wieder ausbalancieren können. Schließlich ist Mut, Fleiß, Anstrengung und Willenskraft nötig sowie die innere Bereitschaft, alles dafür zu tun, um dieses Gleichgewicht wieder herzustellen. Freilich kann nun niemand, der nicht zunächst dieses Equilibrium in sich selbst verwirklicht hat, dieses in der Gesellschaft verwirklichen. Selbstreform hat daher immer Priorität vor der Reformierung der Gesellschaft. Die spirituelle Krise der westlichen Welt lässt sich unter anderem darauf zurückzuführen, dass jener wesentliche auf einem simplen logischen Schluss basierende Grundsatz nicht beachtet wurde. Oft waren es gerade Menschen, die mit sich selbst alles andere als im Einklang und Gleichgewicht waren, welche zu den berühmtesten Reformern der Gesellschaft gezählt wurden. Doch der Heilige Qur´an warnt uns deutlich vor jener Art von selbsternannten Reformern der Gesellschaft: „Und wenn zu ihnen gesagt wird: Stiftet kein Unheil [Chaos, Ungleichgewicht] auf Erden, so sagen sie: Aber wir alleine sind die Reformer. Aber in Wahrheit sind sie diejenigen, die Unheil und Chaos stiften, doch sie sind sich dessen nicht bewusst.“ (Al-Baqara:11-12)

Jene, die in diesem Vers beschrieben werden, leben in der Illusion, Reformer zu sein, die Gesellschaft weiterzuentwickeln und Frieden zu bringen. Sie sind sich nicht einmal dessen bewusst, dass sie in Wahrheit nichts als Chaos stiften. Ihnen fehlt damit nicht nur die Reinheit in ihren Herzen, sondern auch die nötige Einsicht in das Wesen der Dinge, ohne die eine sinnvolle Reformierung der Gesellschaft nicht möglich ist. Aus islamischer Sicht sind diese beiden Dimensionen, die Reinheit des Herzens und wahre Einsicht, untrennbar miteinander verbunden und bedingen sich gegenseitig. Demnach ist auch die innere Reformierung des Menschen und dessen Fähigkeit zur äußeren Reformierung der Gesellschaft eng miteinander verknüpft. Von Imam Ali (a.) wird in diesem Zusammenhang überliefert: „Ich bin verwundert über jemanden, der die Menschen reformieren will, während seine eigene Seele der Reform mehr bedarf und der sich selbst nicht reformiert, aber sich bemüht andere zu reformieren.“ Außerdem wird von Imam Ali (a.) überliefert: „Wer sich selbst nicht reformiert, der wird auch andere nicht reformieren.“

In Bezug auf die Selbstreform [Islah-an-nafs] bezeichnen die Mystiker als ersten Schritt das Erwachen [yaqzah]. Dieses spirituelle Erwachen bedeutet, aus dem Schlaf der Ignoranz [ghaflat] aufzuwachen, wahre Einsicht in das Wesen der Dinge zu gewinnen und sich auf die Reise, auf den Wegen Gottes aufzumachen. Imam Khomeini (r.) schrieb in Bezug auf dieses Erwachen in seinen Erläuterungen zu den 40 mystischen Hadithen Folgendes: „Die erste Stufe der Menschlichkeit [insaniyyat] ist ‚yaqzah‘. Das bedeutet das Erwachen aus dem Schlaf der Ignoranz [ghaflat] und der Vergiftung durch die materielle Natur. Der Mensch muss erkennen, dass er nichts weiter als ein Reisender ist und wie ein jeder Reisender, so benötigt auch er einen Proviant für seine Reise. Der Proviant für diese Reise ist ein guter Charakter und eine aufrechte Moral (…).“ [4]

Um diesen göttlichen Funken empfangen zu können, der uns aus unserem Schlaf erweckt und uns den Weg erhellt, müssen wir notwendige Voraussetzungen schaffen. Wir müssen unser Herz reinigen und uns von Sünden fernhalten, damit wir die Kapazität erlangen, diesen göttlichen Funken ins uns wahrnehmen zu können. Wiederum ist es der heilige Ramadan, der Monat „in dem die Sünden schneller verbrannt werden als das Holz im Feuer“, der uns die ideale Gelegenheit dazu gibt, die Vorrausetzungen für das Empfangen jener speziellen göttlichen Gnade zu schaffen, die uns aufzuwecken, aufzuwühlen von innen her zu reformieren vermag. Vom geehrten Propheten wird uns überliefert: „Beschäftige dich mit dem Kampf gegen dich/ um dich/in dir selbst [Jihad un-nafs] auf dem Weg von Durst und Hunger. Die Belohnung dafür wird wie die derjenigen sein, die sich im bewaffneten Kampf auf Gottes Wegen abgemüht haben. Es gibt nichts Ehrwürdigeres vor Gott, als Hunger und Durst während des Fastens mit Geduld zu ertragen.“ [5]

Die erste Bedingung, die jemand, der die Gesellschaft reformieren will, mitbringen muss, ist demnach, dass dieser sich selbst reformiert, indem er zwischen den Kräften, die seine Seele beherrschen, ein perfektes Gleichgewicht herstellt. Denn nur wer zuerst Gleichgewicht und damit Gerechtigkeit in seiner eigenen Seele gefunden hat, vermag auch in der Gesellschaft für Gerechtigkeit zu sorgen. Auf eine weitere Bedingung eines aufrichtigen Reformers weist uns der Heilige Qur´an sehr deutlich hin. „Und diejenigen, die an dem Buch festhalten und das Gebet bewahren; wahrlich Wir werden sicherlich nicht die Belohnung für die Reformer verschwenden.“ (Al-Araf:170) Dieser Vers beschreibt jene Reformer, die von Gott ihren Lohn zu erwarten haben, als Menschen, die am Buch festhalten, d.h. jene, die sich die Bewahrung, die Wiederbelebung und die praktische Implementierung der Lehren des Heiligen Qur‘an in der Gesellschaft zum Ziel gemacht haben.

Im Heiligen Qur‘an ist alles enthalten, was sowohl für die individuelle, als auch für die gesellschaftliche Reformierung notwendig ist. Jemand, der sein Leben nach den Lehren des Heiligen Qur‘an ausrichtet und sich auf dieser Grundlage selbst reformiert, wird demnach auch die nötige Grundlage mitbringen, um die Gesellschaft als Ganzes reformieren zu können. Was den Reformern der Renaissance und Aufklärung, den Reformern der Moderne und des Marxismus gleich war, ist, dass diese bestrebt waren, die Gesellschaft letztendlich nur oberflächlich zu reformieren und dabei wesentlich die Bedürfnisse der Seele des Menschen und ihr empfindliches Gleichgewicht außer Acht ließen. Ob nun der Geist der Naturwissenschaften dem Menschen materiellen Wohlstand gewährleisten sollte oder die Befreiung des Menschen von den Zwängen der Religion oder des Kapitals: All diese Reformbewegungen operierten lediglich an der Oberfläche der menschlichen Natur, versagten aber darin, das Bewusstsein des Menschen von Grund auf aus seinen Tiefen her zu verändern.

Sayyid Qutb schrieb in seinem berühmten Werk „Soziale Gerechtigkeit im Islam“: „Der Islam arbeitet/funktioniert stärker auf einer inneren, spirituellen Ebene der menschlichen Natur als auf einer äußeren. Er versucht, den Menschen von den Tiefen seines Bewusstseins her zu reformieren und beschränkt sich nicht nur auf oberflächliche oder materielle Dimensionen. Aber gleichzeitig ist er doch niemals achtlos gegenüber den praktischen Aspekten des materiellen Lebens; er vergisst nicht die wahre Natur des menschlichen Geistes, aber vernachlässigt dabei auch nicht jene Aspekte, die diesen beeinflussen – in negativer oder positiver Hinsicht.“ [6] Wenn wir nun annehmen, dass der Heilige Qur´an alles beinhaltet, was zur Herstellung des Gleichgewichts und der Gerechtigkeit im Individuum selbst wie auch in der Gesellschaft sowohl auf seelisch-geistiger wie auch auf materieller Ebene notwendig ist, dann können wir davon ausgehen, dass die Wiederbelebung der qur´anischen Lehren in der Gesellschaft die eigentliche Bedeutung von gesellschaftlicher Reform und des ins Gleichgewichtbringens der Angelegenheiten der Muslime ist.

Und ist es nicht wiederum der heilige Monat Ramadan, in dem wir uns ganz besonders mit dem Heiligen Qur´an auseinandersetzen, in dem wir uns die Zeit nehmen sollten, das ganze Buch zumindest einmal vollständig zu rezitieren, tief über dessen Verse zu reflektieren und zu einer Einsicht zu gelangen, die uns schließlich dazu führt, die qur´anischen Lehren in uns selbst zu verwirklichen und in unserem täglichen Leben und in der Gesellschaft umzusetzen? Welch bessere Methode gibt es, um unser Denk- und Reflexionsvermögen zu stärken und uns der tieferen Bedeutung der offenbarten Worte anzunähern als das Fasten? So wird vom heiligen Propheten Muhammad (s.a. s.) überliefert: „Wer seinen Magen hungrig hält, dessen Denken wird die höchste Stufe erreichen und sein Reflexionsvermögen wird stärker.“ [7]

Doch selbst wenn eine Gesellschaft nun das Glück haben sollte, auf jemanden zu treffen, der alle Bedingungen eines wahren Reformers aufweist, so kann dieser dennoch nichts bewirken, wenn die Herzen der Menschen keine innere und äußere Reform anstreben. Erst wenn genügend Menschen die Kapazität erreicht haben, um mit dem Reformer gemeinsam aufzustehen, um eine gerechte Gesellschaft zu schaffen, können diese Reformbemühungen in der Praxis fruchtbar werden. Und erst wenn eine Mehrheit der Mitglieder einer Gesellschaft eine aufrichtige Reform wünscht, kann es gelingen, das Gleichgewicht und die Gerechtigkeit wiederherzustellen, indem das Volk dem Reformer freiwillig und im Konsens auch die politische Autorität überträgt, die dieser benötigt, um die Strukturen der Gesellschaft zu verändern.

Dies setzt wiederum eine tiefgehende Bewusstseinsveränderung und ein Wachwerden einer Vielzahl von Menschen voraus, welches durch kollektives Fasten ungemein begünstigt werden kann. In einem weiteren bekannten Bittgebet, dem Dua Al-Iftitah, das speziell im heiligen Monat Ramadan häufig in der Gemeinschaft nach dem Fastenbrechen rezitiert wird, heißt es: „Oh Allah, wahrlich wir bitten Dich um eine edle Regierung, durch die Du den Islam und seine Anhänger erhöhen wirst und die Heuchelei und deren Anhänger erniedrigen wirst. Und lass uns zu denen gehören, welche zum Gehorsam Dir gegenüber einladen und die auf Deinen Pfad führen und gewähre uns das Beste dieser und jener Welt.“ Wenn jemand ein Bittgebet wirklich ernst nimmt, dann wird er sich aktiv darum bemühen, alles in seiner Macht stehende zu unternehmen, damit das, worum er bittet, auch erfüllt werden kann. Wenn wir uns demnach ernsthaft das Wiedererscheinen des letzten Imams (a.) und die Reformierung der Gesellschaft auf Basis seiner erhabenen Führung wünschen, dann liegt es an uns, den Weg zu bereiten und die Voraussetzungen und Strukturen zu schaffen, die nötig sind, damit eine Vielzahl von Menschen den Imam erkennen und seine Regierung unterstützen werden.

Diese Strukturen müssen wir zunächst in uns selbst, in unserer Umgebung und schließlich in der Gesellschaft schaffen. Wenn wir uns vorstellen, dass es die Aufgabe des letzten Imams (a.f.) sein wird, eine globale Regierung einzurichten, dann müssen wir bereit sein, als globale Gemeinschaft geeint hinter solch einer Regierung zu stehen und diese zu unterstützen, wo wir nur können, und das wird von jedem einzelnen zunächst auch individuelle und materielle Opfer abverlangen. Wieso erwarten wir den 12. Imam überhaupt? Wünschen wir uns wirklich eine gerechte Gesellschaft ohne Korruption, in der sich alle Menschen gleich und frei entfalten können? Wenn wir das wirklich aus unserem tiefsten Herzen wollen, was hindert uns dann daran noch in diesem Augenblick damit zu beginnen, alles Notwendige zu unternehmen, das zur Herstellung einer solchen Gerechtigkeit notwendig ist? Beten wir nur dafür oder spiegelt sich dieser Wunsch auch deutlich in unseren täglichen Handlungen wieder? Haben wir schon damit begonnen, in uns selbst Gerechtigkeit herzustellen, in unserer Familie, unserer Nachbarschaft, Gemeinschaft, Gesellschaft?

Solange wir damit nicht begonnen haben, werden unsere Gebete nichts anderes sein als leere Worte, denen der Geist und die aufrichtige Absicht fehlen. Es heißt, dass der 12. Imam (a.f.) in seiner Mission die Menschheit zu reformieren, nicht allein sein wird. An seiner Seite werden 313 noble Helfer und Reformer stehen – darunter auch 50 Frauen – deren Eigenschaften in den Überlieferungen deutlich beschrieben werden. Jeder, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, sich selbst zu reformieren und die daraus resultierenden spirituellen Segnungen in sein Leben aufzunehmen, kann sich für diesen Rang qualifizieren. Jede Mutter, die ihre Kinder mit aufrechtem Charakter und wahrer Frömmigkeit erzieht, jeder junge Mensch, der achtsam ist in der Wahl seines oder ihres Ehepartners, um eine neue Generation von reinen und leuchtenden Menschen großzuziehen, kann einen Beitrag dazu leisten, dass jene 313 gesegneten Persönlichkeiten, die dem Imam auf dem Weg zur Reform zur Seite stehen werden, schneller in Erscheinung treten.

Jeder von uns trägt seine oder ihre persönliche Verantwortung – egal wo er oder sie gerade stehen mag – um diese Reform zu beschleunigen. Und der heilige Monat Ramadan bietet uns jedes Jahr aufs Neue unzählige Möglichkeiten und Segnungen, um mit dieser Reform in uns selbst zu beginnen. Epilog Der Gebetsruf begann sanft wie ein weinendes Kind und steigerte sich allmählich zu einer polyphonen Flut von Dolby-Surround Seufzern, die bezeugten, dass Allah größer ist als alles und Muhammad der Gesandte Gottes ist für alle Menschen und alle Zeiten. Eilet zum Gebet. Eilet zur besten Handlung. Eilet zur Erlösung. Gott ist größer. Er ist größer als eure Vorstellung von Ihm. Er ist größer als eure Sorgen. Er ist größer als eure Wut. Er ist größer als alles, was ihr besitzt. Ihre Augen suchten im Dunkel der Nacht. Sie suchten nach dem Morgenstern, der heller war, als die fahlen Lichter der Stadt, sie suchten nach der schmalen Mondsichel, die wie ein alter Palmzweig wiederkehren würde. Sie suchten nach der Hoffnung, die geblieben war und ohne die das Leben zur Sünde werden würde.

„Wenn wir die Hoffnung aufgeben, dann haben wir unsere Menschlichkeit verloren. Dann haben wir unseren Glauben aufgegeben, dann hat derjenige gesiegt, der uns näher ist, als wir uns selbst. Näher als er ist uns nur Allah.“ Die Stimme ihrer Großmutter hallte in ihrem Gedächtnis nach. Eine weit entfernte aber wohlvertraute Stimme. Die Hoffnung festhalten… Sie konnte ihn förmlich riechen, denjenigen, den Allah zum offenen Feind der Menschen erklärt hatte. Er war es, der neben ihr stand, um ihr die Hoffnung zu rauben, an die sie sich krallte mit letzter Kraft. „Im Namen Gottes, des Gnädigen des Barmherzigen. Ich suche Zuflucht bei Dir“, flüsterte sie und ließ sich das kühle Wasser über Gesicht und Arme laufen und strich dann über ihren Scheitel und ihre Fußrücken. Ihre Beine zitterten als sie vor ihren Schöpfer traten, sich beugten und knieten wie das Schilfrohr im Wind. Sie flüsterte, Er möge ihr die Hoffnung schenken, die sie benötigte, um weiter zu atmen und ihr Herz leuchtete auf, wie eine stumme Kerze, die gerade genug Licht gab, um die schemenhafte Existenz der Dinge wahrzunehmen. Sie starrte aus dem Fenster, suchte im Dunkel, das langsam heller werden würde, nach jener verbliebenen Hoffnung. Als sich die Sonne langsam erhob, gab sie die Sicht auf die Ruinen frei.

Die zerstörte goldene Kuppel, die verstümmelten Minarette. Doch die Vögel kreisten unaufhörlich. Sie schrien auf in tiefer Trauer und doch priesen sie gleichzeitig die Schöpfung des Menschen, der so viel Blut vergießen würde und dem Gott dennoch die Erde anvertraut hatte. Eine Gestalt saß nahe den Mauern der Ruinen, eingehüllt in einen dunklen Umhang. Sie saß beinahe reglos, und wollte man in das Gesicht dieser Gestalt blicken, würde man nichts erkennen als die eigene Unvollkommenheit. Denn das Gesicht war verhüllt durch den Schleier der Unendlichkeit, in der sich die unergründliche Quelle der Hoffnung der Menschen wiederspiegelte. Das Umfeld dieser Person war dicht gefüllt mit dem Flüstern der Engel, das sich mit dem Klang jener Stimme verwebte, die unaufhörlich dem Einen gedachte. Auf diesen Schultern lastete das Gewicht der ganzen Erde, die sich um diesen Menschen bewegte wie um die eigene Achse. Alles Leid der Menschheit wurde in diesem Herzen getragen, denn es war verantwortlich für sie alle.

Und doch, als sie sich erhob, schritt diese Gestalt leicht wie eine Feder, beinahe schwebend, voran, unerkannt unter den Menschen – unter diesem Volk, das weinte, um die Hoffnung nicht zu verlieren. Könnten wir den undurchdringlichen Schleier, der unsere Herzen umgibt, nun für einen Atemzug lang lichten, würden wir vielleicht das Lächeln erkennen, welches die Erde jeden Tag von Neuem erhellt. Sie starrte in den Tag hinein und suchte nach ihm. Sie wusste nicht, dass er näher war als ihr Herz und dass er genauso wie sie darauf hoffte, dass die Zeit des Wartens eines Tages vorüber sein würde. Muhammad. Wie oft in ihrem Leben, war dieser Name schon über ihre Zunge geflossen. Wie oft hatte sie diesen Namen gesegnet, gemurmelt, gerufen. Aber was bedeutete er eigentlich? Dieser Name. Muhammad – Der Friede sei mit dir und deiner reinen Familie. Die Wörter folgten dem Namen als Reflex einer untrennbaren Wirklichkeit. Muhammad. Als ob sie diesen Namen zum ersten Mal hören würde. Muhammad. Es traf sie wie ein Ziegelstein, aber es war unmöglich, dafür Worte zu finden. Zum ersten Mal begriff sie, wieso sie ihr Leben lang täglich niedergekniet hatte. Ein Atemzug nur. Muhammad. Plötzlich stand ihr Herz in Flammen. Die Hoffnung, an die sie sich geklammert hatte, wurde zu einer Stichflamme, die alles verbrannte, was an Dunkelheit da war. Ihre Stirn lag auf dem kühlen Stein und das Universum überwältigte ihr Innerstes, bis ein Meer aus Tränen ihr die Sicht nahm.

Anmerkungen: 1) Vgl. http://www.mkgandhi.org 2) Saadi: Der Rosengarten, 1, Von der Lebensweise der Könige, (Übersetzung durch Karl Heinrich Graf) Carl Schünemann Verlag, Bremen 1982. 3) Sheikh Al-Kafamiy schreibt in Al-Misbah und in Al-Balad Al-Amin, dass der Prophet (s.a.s.) gesagt hat, dass demjenigen, der dieses Bittgebet nach jedem verpflichtenden Gebet im heiligen Monat Ramadan rezitiert, all seine Sünden vergeben werden bis zum Tage der Auferstehung. 4) Imam Ruhollah Khomeini: 40 Hadith: An exposition of ethical and mystical traditions. [Sharh-e Chehel Hadith. 1939], International Affairs Department & Ansaryian Publications, Tehran & Qom: 2003. 5) Agha Maliki Tabrizi, Hajj Mirza Javad: Spiritual Journey of the Mystics: Etiquettes of the Holy Month of Ramadhan [Saluk-e-Arifan. 1965], Ansaryian Publications Qom 2005, 1965: 17. 6) Sayyid Qutb: Social Justice in Islam. [Al-Adalah al ijtima´iyah fi´l- Islam. 1953], Islamic Publications International, Oneonta, New York: 2000, 1953: 93. 7) Agha Maliki Tabrizi, a.a.O., 1965:20.