Fastenzeiten in den großen Weltreligionen

In allen großen Weltreligionen sind das Fasten und Einhalten bestimmter Fastenzeiten ein fester Bestandteil des Gottesdienstes und der Gottesanbetung und -verehrung, mit dem der Gläubige die Verbindung zu seinem Schöpfer stärken und die Nähe zu Ihm erlangen will. In den drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam sehen wir, dass viele Propheten diese Art der Selbstbesinnung praktiziert haben: Moses (Friede sei mit ihm) erklomm den Berg Sinai und fastete 40 Tage, als er das Wort Gottes empfing; Jesus (Friede sei mit ihm) zog sich 40 Tage lang in die Wüste zurück und fastete, bevor er öffentlich zu wirken begann, und auch Muhammad (Friede sei mit ihm und seinen Nachkommen) zog sich von der Menschengemeinschaft zurück und fastete, als ihm der göttliche Bote die qur’anische Botschaft überbrachte. Im Buddhismus wird der Weg der Mitte gelehrt, der Verzicht auf Nahrung als empfehlenswert angesehen, da es den meditativen Weg zu innerem Frieden und Erleuchtung unterstützt, während im Hinduismus die Loslösung von allen körperlichen Bedürfnissen also auch von der Nahrung, als idealer Weg zur Erlösung gilt.

Fastenzeiten in den abrahamitischen Religionen

In den abrahamitischen Religionen Judentum und Christentum ist das Fasten ein Zeichen der Trauer oder der Buße für vorausgegangenes sündhaftes Verhalten. Im Alten Testament gilt das Fasten als Zeichen der Demut und Buße, mit der man den zornigen Gott mitleidig stimmen will (vgl. 1. Kön. 21,27). Deshalb wurde insbesondere bei schweren Heimsuchungen gefastet (vgl. Ri. 29,26 oder 1. Sam. 7,6).

Fasten im Judentum

Das Judentum hat mehrere Fastentage bzw. -zeiten, vor allem die zehn Tage zwischen dem jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana und dem Versöhnungstag (Jom Kippur), an dem alle zuvor begangenen Sünden gesühnt werden und an dem weder gegessen noch getrunken wird, an dem man sich nicht wäscht, enthaltsam ist und auch nicht zur Arbeit geht. Ein weiterer Fastentag ist der Tischa beAv (der neunte Tag des neunten jüdischen Monats), an dem von Sonnuntergang bis zum Sonnenuntergang des nächsten Tages nicht gegessen und getrunken werden darf. Darüber hinaus gibt es noch Tage, an denen das Fasten nicht vorgeschrieben ist, aber empfohlen wird, wie z. B. am Todestag von Vater und Mutter, dem eigenen Hochzeitstag, am Vortag des Purimfestes usw.

Fasten im Christentum

Im Christentum wurde ursprünglich mittwochs gefastet, weil an diesem Tag Jesus durch Judas verraten wurde, und freitags, weil Jesus an diesem Tag starb. Diese Tradition ist weitgehend verloren gegangen, aber der Brauch, freitags kein Fleisch zu essen, ist insbesondere bei strenggläubigen Katholiken noch verbreitet. Heute kennt das Christentum die vorösterliche Fastenzeit von Aschermittwoch bis Ostern, für die es jedoch keine strengen Regeln mehr gibt. In Bezug auf das 40tägige Fasten Jesu in der Wüste (vgl. Mt. 4,2) legte die Kirche die Länge der Fastenzeit auf vierzig Tage fest. In der evangelischen Kirche ist in den letzten Jahren diese Fastenzeit als „Sieben Wochen ohne“ populär, in denen die Gläubigen bewusst auf etwas verzichten, was für sie einen Genuss darstellt, wie z. B. Rauchen oder der Verzehr von Süßigkeiten oder auch auf eine alltägliche Gewohnheit wie Fernsehen oder Musik hören. Neben der Einschränkung der täglichen Mahlzeiten sollen mit diesem Verzicht, dem „Opfer bringen“, Solidarität mit Notleidenden und Umkehr und Neubesinnung auf den eigenen Daseinssinn gefördert werden.

Papst Paul VI. hat 1966 das Fastengebot der römisch-katholischen Kirche neu geordnet und die bis dahin verbindliche vorösterliche Buß- und Fastenzeit aufgehoben, das Fasten in dieser Zeit jedoch weiterhin empfohlen. Auch die Neufassung des Katholischen Kirchenrechts von 1983 enthält vor allem Rahmenbestimmungen und sieht unter dem Ausdruck „suo quisque modo“ – „jeder auf seine Weise“ von Generalvorschriften ab. Gegenwärtig gelten Aschermittwoch und Karfreitag als Fasten- und Abstinenztage für alle Gläubigen vom 18. bis zum 60. Lebensjahr; an diesen Tagen soll sich der Gläubige nur einmal sättigen und kein Fleisch verzehren. Da die Fastenzeit als eine Zeit der Buße und Umkehr verstanden wird, sollen Katholiken sich in dieser Zeit auf ihre Schwächen und Fehler besinnen und die Beichte ablegen.

Bis ins Mittelalter waren neben Fleisch- auch alle Milchprodukte und Eier, die als eine Art „flüssiges Fleisch“ galten, verboten. Papst Julius III. hat diese Vorschriften Mitte des 16. Jahrhunderts gelockert und den Verzehr von Butter, Öl, Käse, Eier, Milch etc. auch an Fastentagen erlaubt. Nach Augustinus ermöglicht das Fasten dem Menschen, der gewöhnlich gemäß dem Fleisch, d. h. den Trieben, lebt, sich und sein Leben nach dem Geist Gottes auszurichten. In der Orthodoxen Kirche gibt es hingegen mehrere mehrwöchige Fastenzeiten, die mit intensivem Gebet einhergehen: wie im Christentum das achtwöchige Osterfasten, das einwöchige Apostel-Fasten nach Pfingsten, das zweiwöchige Marien- Fasten Anfang August und das Advents- Fasten von Mitte November bis Weihnachten. Darüber hinaus wird immer mittwochs und freitags gefastet. An allen Fastentagen sind grundsätzlich Fleisch, Eier und Milchprodukte verboten.

Das qur’anische Fastengebot

Das Fasten gehört im Islam zu den göttlichen Geboten und stellt eines der grundlegenden Glaubensprinzipien dar. Der Monat Ramasan, der neunte Monat des islamischen Mondjahres, kennzeichnet die islamische Fastenzeit. Da die islamische Zeitrechnung sich nach dem Mond richtet, verschieben sich die islamischen Monate jährlich um ca. zehn Tage. Das bedeutet, dass der Fastenmonat im Laufe von 33 Jahren alle Jahreszeiten durchläuft, und der Gläubige in unseren Breiten in manchen Jahren 22 Stunden fastet, während er in anderen Jahren nur etwa 10 Stunden fastet.

Beim Fasten verzichtet der Gläubige von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Essen, Trinken, Rauchen und andere körperliche Befriedigungen. Aber auch die Sinne müssen in das Fasten einbezogen werden, d. h. der Mund soll keine wütenden, gereizten, ungerechten Worte sprechen, die Augen sollen das Verbotene nicht anschauen, die Ohren sollen nicht dem lauschen, was Gott missfällt, die Hände sollen nicht nach dem Verbotenen greifen usw. Hunger und Durst zu erfahren ist nicht das primäre Ziel des islamischen Fastens, sondern vielmehr soll es den Gläubigen zu Selbstbeherrschung und Selbstkontrolle erziehen. Das qur’anische Wort für das islamische Fasten lautet as-siyam oder auch as-saum.

Der Qur’an legt dieses Fastengebot unmissverständlich fest: „O ihr, die ihr glaubt! Das Fasten ist euch vorgeschrieben, so wie es denen vorgeschrieben war, die vor euch waren. Vielleicht werdet ihr (Gott) fürchten. Es sind nur abgezählte Tage. Und wer von euch krank ist oder sich auf einer Reise befindet, soll eine Anzahl anderer Tage (fasten). Und denen, die es mit großer Mühe ertragen können, ist als Ersatz die Speisung eines Armen auferlegt. Und wenn jemand freiwillig Gutes tut, so ist es besser für ihn. Und dass ihr fastet, ist besser für euch, wenn ihr es nur wüsstet.“ (Sure al-Baqara, Vers 184). Das Fasten ist eine Übung, ein Verzicht, der den Geist und das Herz frei macht für Gottesdienst und Anbetung. Gleichzeitig macht dieser Vers deutlich, dass vom Gläubigen nichts verlangt wird, wozu er nicht in der Lage wäre.

Das Fasten ist ebenso wie jedes andere Gebot des Islam an die Fähigkeit des einzelnen geknüpft, dieses Gebot auszuführen. Wer also z. B. krank oder gebrechlich ist, für den gilt dieses Fastengebot nicht, denn der Körper ist eine Gabe Gottes, und jeder einzelne Mensch ist verpflichtet, mit dieser Gabe verantwortlich und sorgsam umzugehen, wie z. B. auch die Menschheit insgesamt verpflichtet ist, mit der Natur verantwortlich und sorgsam umzugehen und für diese göttlichen Gaben dankbar zu sein. Im Gegenteil: Für einen Menschen, der weiß, dass das Fasten ihm schadet, ist es sogar verboten, zu fasten. „…Und wer krank ist oder sich auf einer Reise befindet, soll eine Anzahl anderer Tage (fasten) – Gott will es euch leicht, Er will es euch nicht schwer machen – damit ihr die Frist vollendet und Gott rühmt, dass Er euch geleitet hat. Vielleicht werdet ihr dankbar sein.“ (Sure al-Baqara, Vers 185). Die Dankbarkeit des Gläubigen bringt seinen Gehorsam Gott gegenüber und seine Ergebenheit in Gott zum Ausdruck. In einer Überlieferung vom Propheten (s.a.) heißt es: „Es gibt zu allem ein Tor, und das Tor zur Gottesknechtschaft ist das Fasten.“

Die Bedeutung des Monats Ramasan

Der Monat Ramasan wird auch als der Monat Gottes bezeichnet, weil in ihm der Heilige Qur’an herabgesandt wurde und in ihm die Nacht der Macht (Lailat-ul-qadr) liegt, die laut Qur’an „besser als tausend Monate“ ist. Von Prophet Muhammad (s.a.) ist überliefert, dass er sagte: „Gott hat den Freitag vor allen anderen Tagen bevorzugt, den Monat Ramasan vor allen anderen Monaten und die Nacht der Bestimmung vor allen anderen Nächten.“ [1] Deshalb lesen die Gläubigen in diesem Monat besonders viel im Heiligen Qur’an, und es ist bei den Muslimen Sitte, den Qur’an, der in 30 Teile unterteilt ist, während der dreißig Fastentage ganz zu lesen. Als der Prophet des Islam einmal sagte: „Die Herzen verrosten genau wie Eisen rostet.“, wurde er gefragt, was den Rost der Herzen entfernen könne, und er antwortete: „Das Lesen des Qur’an und das Gedenken an den Tod.“

Von Imam Ali (a.s.) ist folgende Beschreibung des Qur’an erhalten: „Niemand sollte klagen, dass er etwas neben dem Qur’an brauche. Von jemandem, der seiner beraubt ist, kann nicht gesagt werden, dass er überhaupt etwas hat; deshalb sucht in ihm das Heilmittel für eure Leiden, und erbittet seine Unterstützung, wenn ihr einer Schwierigkeit ausgesetzt seid, denn er enthält ein Heilmittel für die schlimmsten Leiden: Unglauben, Heuchelei und Irreleitung. Fleht zu Gott durch ihn, anstatt Seine Schöpfung anzuflehen. Niemand kann Gott mit etwas suchen, das besser wäre als er, und seid ermahnt, dass er ein Fürsprecher ist, der Fürsprache für euch einlegen wird und ein Sprecher, der die Wahrheit spricht. Für den der Heilige Qur’an am Tag des Gerichts Fürsprache einlegen wird, der wird sicherlich Fürsprache erlangen, und wer danach strebt, seine Wahrhaftigkeit zu bezeugen, wird sicherlich als ein Mensch der Wahrheit angesehen, denn jemand wird am Tag des Gerichts rufen: ‚Jeder, der etwas fördert, wird geprüft durch das, was er fördert, ausgenommen jene, die den Qur’an fördern.’ Deshalb seid unter jenen, die den Qur’an fördern und ihm folgen und ihn zum Mittel machen, um euren Herrn zu erreichen. Sucht seinen Ratschlag hinsichtlich eurer Seelen und vergleicht eure Ansichten mit den seinen, und sucht seine Hilfe, damit ihr nicht euren Neigungen nachgebt.“ [2]

Der Begriff Ramasan ist abgeleitet von dem Begriff ramad d. h. Verbranntsein des Bodens aufgrund sehr starker Hitze. In einer bekannten Überlieferung vom Propheten des Islam wird die Bezeichnung dieses Monats wie folgt erklärt: Der Monat Ramasan wurde so genannt, weil er die Sünden verbrennt.“ Es ist eine besondere Heiligkeit, die diesen Monat auszeichnet, denn er spielt damit in der spirituellen Vervollkommnung und Orientierung des Menschen auf dem göttlichen Weg der Rechtleitung eine entscheidende Rolle. Wie der Prophet des Islam, der sich in die Einsamkeit zurückzog, betete und fastete, bis er die göttliche Offenbarung empfing, soll sich auch der Gläubige in diesem Monat Gott in besonderem Maße annähern, Ihm mit Ehrfurcht begegnen, sich Ihm ergeben und sich schließlich Seinem Willen unterwerfen. Diese Unterwerfung impliziert einen absoluten Gehorsam, d. h. der Gläubige richtet all sein Tun und Streben an nichts anderem aus als der Zufriedenheit Gottes.

Zu Lebzeiten des Propheten wurde dieser Monat auch als al-marzuq bezeichnet, und zwar wegen der Fülle an Versorgung und den ungezählten Segnungen, die Gott Seinen Dienern in diesem Monat in besonderem Maße zuteilwerden lässt. Vom Propheten des Islam ist überliefert, dass er sagte: „O Dschaber! Das ist der Monat Ramasan. Wer während seiner Tage fastet und einen Teil seiner Nächte im Gebet verbringt, nichts Unerlaubtes zu sich nimmt, seine Keuschheit wahrt und seine Zunge davon abhält, etwas Unrechtes zu sagen, der wird seine Sünden hinter sich gelassen haben, wenn dieser Monat vorüber ist.“ Dschaber sagte. „O Gesandter Gottes! Wie schön sind diese Worte.“ Darauf entgegnete der Gesandte Gottes: „Und was für schwere Bedingungen sind das!“ Spirituelle, soziale, wirtschaftliche und andere Nutzen des Fastens sind im Islam eng miteinander verbunden. Das Fasten ist eine ethische Erziehung und Nahrung für das Gedeihen erhabener Tugenden. Die Gläubigen sind gleich vor Gott, und das stärkt ihre Einheit, ihre Solidarität und ihren Zusammenhalt. Egal ob arm oder reich, Frau oder Mann, mächtig oder schwach – für alle ist das Fasten verpflichtend.

Zusammenfassend gesagt fördert das Fasten nicht nur die Frömmigkeit, Geduld und Standhaftigkeit des Menschen, sondern auch seine Solidarität mit den bedürftigen Menschen und das Gemeinschaftsgefühl der Gläubigen. Die Nähe Gottes zu erlangen, Seine Eigenschaften zu erkennen und mit aufrichtiger Absicht und reinem Herzen danach zu streben, sie zu verwirklichen, werden eine Belohnung bringen, die mit nichts verglichen werden kann. Gott, der Erhabene, hat in zwei außerqur’anischen Aussprüchen gesagt. „Ich Selbst bin die Belohnung für das Fasten.“ Und „O mein Diener! Bete Mich an, damit Ich dich letztlich wie Mich Selbst mache!“

Zaynab Khamehi

Anmerkungen: [1] Muftahul dschannat, Bd. 3, S. 265. [2] Rabi al-Abrar fi Nusus al-Ahbar, S. 258f.