Fragen und Antworten mit dem Direktor der IAD

Thema: Die Debatte um die „Softschiiten“

Was denken Sie über die aufgeworfene Thematik hinsichtlich der „Softschiiten“?

Hudschat-ul-Islam Dr. Torabi: „In den Versen des heiligen Koran, den Überlieferungen der Ahl-ul-Bayt und den Büchern der großen Gelehrten existiert ein solcher Begriff nicht. Vor ca. 40 Jahren wurde von Seiten Dr. Schariatis etwas Ähnliches aufgeworfen und von großen Gelehrten abgelehnt, wie bspw. Ayatollah Schahid Motahhari, zumal sein Buch Beleidigungen gegen große Gelehrte der Schia enthielt, wie Allama Madschlisi. Auch Ayatollah Schahid Dr. Beheschti vertrat bezüglich der Schriften Dr. Schariatis die Auffassung, dass sie aus literarischer Sicht zwar erstklassig sind, doch aus inhaltlicher Sicht viele Probleme aufweisen. Ich denke, dass das Aufwerfen solcher Thematiken ein großes theologisches Wissen erfordert, welches auch das fundamentale Problem Dr. Schariatis darstellte, der ja bekanntlich Soziologe und kein Theologe war. Leider wurde ihm die Erkenntnis über seine Fehler erst spät zuteil und sein Entschluss, seine Bücher zur inhaltlichen Korrektur an Ayatollah Schahid Motahari zu übergeben, konnte nicht realisiert werden, da er auf mysteriöse Art und Weise starb und in Damaskus begraben wurde.“

Sie erwähnten, dass hinsichtlich solcher Thematiken nur ausgebildete Experten der islamischen Theologie tragbare Theorien veröffentlichen können, ist das richtig?

Hudschat-ul-Islam Dr. Torabi: „Allerdings. Dies stellt eine natürliche Angelegenheit in jeder Wissenschaft dar. In den Überlieferungen lesen wir, dass man sich besonders in den Angelegenheiten, die in der Zeit der großen Verborgenheit geschehen, an die Gelehrten wenden und um ihre Meinung bitten soll: „Was die eintretenden Ereignisse betrifft, so wendet euch an die Übermittler unserer Lehren, welche meine Beweise für euch sind, während ich der Beweis Allahs für sie bin.“[1]

قال مولانا الامام المهدی عجل الله تعالی فرجه الشریف :
أَمَّا الْحَوادِثُ الْواقِعَهُ فَارْجِعوُا فیها إِلى رُواهِ حَدیثِنا، فَإِنَّهُمْ حُجَّتی عَلَیْكُمْ وَأَنَا حُجَّهُ اللّهِ عَلَیْهِمْ

Ein falsches Wort, welches wir mit der Religion in Verbindung bringen, kann zur Verirrung vieler Menschen führen. Deshalb braucht niemand die Erwartung zu haben, in solchen Angelegenheiten Meinungsäußerungen tätigen zu können, ohne ein Studium der islamischen Theologie erfolgreich absolviert zu haben und selber Experte der islamischen Theologie geworden zu sein sowie moralische Tugenden und Charaktereigenschaften verinnerlicht zu haben. Leute wie Ibn Taymiyya, die Wurzel des salafistischen Gedankenguts, oder Muhammad ibn Abd al-Wahhab, der der Bannerträger der Wahhabiten war, haben auch an einem theologischen Studium teilgenommen, doch teuflische Einflüsterungen und die Selbstliebe haben die Wahrheiten, die sie über die Ahl-ul-Bayt erhalten haben, verfälschen und geheim halten lassen. Wenn wir somit ein wahres Wort sprechen möchten, brauchen wir zwei Eigenschaften: Erstens Wissen und zweitens Gottesfurcht. So spricht der heilige Koran: „O ihr, die ihr glaubt! Fürchtet Gott und sprecht aufrichtige Worte.“ (al-Ahzab | 33:70) In authentischen Überlieferungen vom großen Propheten Muhammad (s.) heißt es, dass er stets auf der Kanzel zunächst diesen Vers rezitierte, um allen in Erinnerung zu rufen, dass das Sprechen immerzu auf Wissen und Gottesfurcht zu basieren hat.

يا ايّها الّذين امنوا اتّقوا اللَّه و قولوا قولا سديدا

Wie ist ihre Meinung bezüglich derjenigen Personen, die solche Thematiken aufwerfen, obwohl sie keine ausgebildeten Experten sind und die genannten Voraussetzungen hierfür nicht erfüllen?

Hudschat-ul-Islam Dr. Torabi: Es ist zu erwähnen, dass derjenige, der von solchen wissenschaftlich nicht fundierten Äußerungen Nutzen zieht, sicherlich nicht die islamische Gemeinschaft ist. Ich kenne jedoch nicht alle Personen, die an dieser Diskussion beteiligt sind. Allerdings bin ich der Auffassung, dass diejenigen, die ich kenne, sicherlich keine schlechte Absicht hatten und dass es sich um einen unabsichtlichen Fehler von ihnen handelt. Für die Dienste, die sie gelegentlich leisten, schließe ich sie sogar in meine Gebete ein. Sicherlich werden sie ihre Positionen korrigieren, sobald sie mit den wahrhaftigen religiösen Gelehrten in Kontakt treten und von ihrer Beratung profitieren, selbst wenn es zunächst ihrer eigenen Meinung widersprechen sollte. So spricht der heilige Koran: „Doch nein, bei deinem Herrn; sie sind nicht eher Gläubige, bis sie dich zum Richter über alles machen, was zwischen ihnen strittig ist, und dann in ihren Herzen keine Bedenken gegen deine Entscheidung finden und sich voller Ergebung fügen.“ (an-Nisa | 4:65) Die Gelehrten sind für ihre Gemeinden wie Väter, die stets ihre Arme zur Umarmung ihrer Kinder geöffnet halten.

فَلَا وَرَبِّكَ لَا يُؤْمِنُونَ حَتَّىٰ يُحَكِّمُوكَ فِيمَا شَجَرَ بَيْنَهُمْ ثُمَّ لَا يَجِدُوا فِي أَنفُسِهِمْ حَرَجًا مِّمَّا قَضَيْتَ وَيُسَلِّمُوا تَسْلِيمًا

Kehren wir zum eigentlichen Thema zurück. Also gibt es gar keine Softschiiten?

Hudschat-ul-Islam Dr. Torabi: Wenn mit „Softschiiten“ gemeint ist, dass man als Schiit über eine sanfte Persönlichkeit verfügt und Tugenden wie Vergebung, Geduld, Freundlichkeit, Barmherzigkeit und dergleichen verinnerlicht hat, so sollten gemäß den Überlieferungen alle Schiiten anstreben „soft“ und sanftmütig zu sein. Doch wenn mit dem Begriff etwas anderes gemeint ist, so ergibt dieser Begriff keinen richtigen Sinn und ist paradox. Als ich in Anwesenheit einer großen Persönlichkeit zugegen war und dieser Begriff fiel, war eine große Enttäuschung und Ablehnung aus seinem Gesicht und seinen Worten diesbezüglich zu entnehmen.

Wie ist generell die Neukreation von Bezeichnungen, welche die Schiiten spalten, einzustufen?

Hudschat-ul-Islam Dr. Torabi: Ich denke nicht, dass die Neukreation von solchen Bezeichnungen der Schia nützlich ist, da sie weder akademisch fundiert noch fachmännischer Natur sind. Daher stellt es eine sinnlose Angelegenheit dar, die besonders die Zeit der jungen Geschwister in Anspruch nimmt, sodass sie wichtige Thematiken aus den Augen verlieren, über die sie aber nachzudenken hätten. Es entspricht der unbedachten Rede, über die es in diesem gesegneten Vers heißt: „Und [die Gläubigen] sind diejenigen, die sich von der unbedachten Rede fernhalten.“ (al-Mu´minun | 23:3)

وَالَّذِينَ هُمْ عَنِ اللَّغْوِ مُعْرِضُونَ

Was ist nun die Aufgabe der muslimischen Gesellschaft und insbesondere der Schiiten in dieser Angelegenheit? Wie sollen wir uns verhalten?

Hudschat-ul-Islam Dr. Torabi: Genauso wie der heilige Koran spricht, müssen wir gemäß den eindeutigen Aussagen des Korans handeln und nicht auf Basis von Mehrdeutigkeiten: „Es enthält eindeutige, grundlegende Verse, die den Kern des Buches bilden und Verse, die verschieden gedeutet werden können. Diejenigen aber, die im Herzen abwegige Absichten hegen, befassen sich vorrangig mit den nicht eindeutigen, mit der Absicht, Verwirrung zu stiften und eigene Deutungen zu entwickeln.“ (Al-i-Imran | 3:7)

مِنْهُ آيَاتٌ مُّحْكَمَاتٌ هُنَّ أُمُّ الْكِتَابِ وَأُخَرُ مُتَشَابِهَاتٌ ۖ فَأَمَّا الَّذِينَ فِي قُلُوبِهِمْ زَيْغٌ فَيَتَّبِعُونَ مَا تَشَابَهَ مِنْهُ ابْتِغَاءَ الْفِتْنَةِ وَابْتِغَاءَ تَأْوِيلِهِ

So gehört beispielsweise die islamische Einheit zu den eindeutigen Aussagen des heiligen Koran. Diesen Weg müssen wir gehen und dürfen nicht zulassen, dass zwischen Schiiten und unseren sunnitischen Geschwistern eine Spaltung entsteht. Wenn von islamischer Einheit die Rede ist, so sind nicht die Extremisten und Salafisten gemeint, wie der Imam und Leiter des Islamischen Zentrums Hamburg als höchste wissenschaftliche und spirituelle muslimische Autorität in Europa in seiner Rede anlässlich einer Tagung über die Aufgaben der islamischen Jugend in Deutschland wissenschaftlich nachgewiesen hat.

Hingegen können Angelegenheiten wie die blutige Selbstgeißelung zu den Mehrdeutigkeiten gezählt werden, da es sich unter den zahlreichen Überlieferungen hinsichtlich der Liebe zu den Ahl-ul-Bayt und dem Lohn für die Trauer über sie mit keiner Silbe widerspiegelt. Auf der anderen Seite stellt diese Handlung in den Augen der Weltbevölkerung und insbesondere der Europäer eine erschreckende und fürchterliche Handlung dar, welche dazu führt, dass sie vom Islam Abstand nehmen und die Chance verpassen von den zur Glückseligkeit anleitenden Botschaften des Islam zu profitieren.

Vielen Dank für Ihre aufschlussreichen Auskünfte. Haben Sie abschließend noch einige Worte, die Sie an die Leser dieser Zeilen richten möchten?

Hudschat-ul-Islam Dr. Torabi: Auch ich bedanke mich herzlich und hoffe, dass das, was gesagt wurde, die Zufriedenheit Gottes und der Ahl-ul-Bayt auf sich ziehen konnte und zur Erwachung von unseren lieben Geschwistern führen möge. Ich nutze die Gelegenheit, um die lieben Jugendlichen darum zu bitten ihre wertvolle Lebenszeit mehr auf dem Weg für den Wissenserwerbs der Botschaften des heiligen Korans und der Ahl-ul-Bayt zu verwenden. Ich bin der Auffassung, dass Probleme, wie das hier besprochene, aus dem Grund entstehen und derart weite Kreise ziehen können, da wir nicht über genügend ausgebildete Gelehrte und Theologen verfügen, die mit der Lage in Deutschland genauestens vertraut und der deutschen Sprache mächtig sind, über ausreichend fachmännisches Wissen und Gottesehrfurcht verfügen sowie bei Dozenten der Islamisch-Theologischen Hochschule gelernt haben. Für die jungen Geschwister in Deutschland stellt es eine Kollektivpflicht dar, sich zum Studium der islamischen Wissenschaften zu begeben, genauso wie der heilige Koran spricht: „Warum rückt nicht aus jeder Gruppe unter ihnen eine Gemeinde aus, um sich in der Religion Wissen anzueignen?“ (at-Tauba | 9:122)

فَلَوْلَا نَفَرَ مِن كُلِّ فِرْقَةٍ مِّنْهُمْ طَائِفَةٌ لِّيَتَفَقَّهُوا فِي الدِّينِ

Die Menschheit dürstet nach Botschaften, die sowohl vom Herzen als auch vom Verstand angenommen werden. Die Islamische Akademie Deutschland verkündet hierbei, dass sie für das Wintersemester 2014/15 beginnend ab Oktober diesen Jahres Bewerbungen für das Studium der Islamischen Theologie entgegen nimmt. Weitere Informationen hierfür können auf der Internetpräsenz der IAD[2] in Erfahrung gebracht werden. Möge der Frieden und die Barmherzigkeit Gottes mit euch sein.

[1] Sheikh Tusi: Al-Gheyba, S. 291.

[2]  www.islamische-akademie.de