Freiheit nach dem Glaubensverständnis der Evangelischen Kirche

Ein Interview mit D. Görrig.
Pastor Dr. Detlef Görrig ist seit 2013 Referent für Interreligiösen Dialog im Kirchenamt der EKD in Hannover.

Pastor Dr. Detlef Görrig - Freiheit nach dem Glaubensverständnis der Evangelischen Kirche

Beschreiben Sie doch bitte zunächst unseren Lesern, für welche Organisation bzw. Institution Sie tätig sind und welche Aufgabenbereiche unter Ihrer Verantwortlichkeit stehen?

Die Einrichtung, für die ich tätig bin, ist das „Zentrum für Mission und Ökumene – Nordkirche weltweit.“ Es ist ein Werk innerhalb der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), das die Beziehungen zu Kirchen- und Nichtregierungsorganisationen in Afrika, Asien, im Pazifischen Raum, Amerika und in Europa gestaltet und fördert. Gemeinsam mit weltweiten Partnern engagiert es sich für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Es unterstützt kirchliche, soziale, medizinische und Bildungs-Projekte in den Partnerländern.

Mein Zuständigkeitsbereich ist der interreligiöse und speziell der christlich-islamische Dialog im Bereich der Nordkirche. Dazu gehört es, den Kontakt zu den verschiedenen islamischen Verbänden, Vereinen und Moschee-Gemeinden zu suchen und zu vertiefen. Dazu gehört es aber auch, Informationen und Auskünfte zu geben, die für ein Miteinander zwischen Menschen verschiedener Religionszugehörigkeit hilfreich sein können. Nahezu jeder kirchliche Arbeitsbereich hat in der einen oder anderen Form schon einmal Erfahrungen mit interreligiösen und interkulturellen Begegnungen gemacht. Schließlich gehört es zu meiner Aufgabe, Projekte zu initiieren und zu begleiten, die das Miteinander von Muslimen und Christen in der Gesellschaft fördern. In diesem Zusammenhang wäre etwa die Veranstaltungsreihe „Kulturwochen Mittlerer Osten“ zu nennen, die in den Jahren 2006, 2010 und 2012 in Hamburg stattgefunden hat. Ihr Ziel ist es, die religiöse, kulturelle und ethnische Vielfalt des Raumes Mittlerer Osten einem Hamburger Publikum zu vergegenwärtigen, das ebenfalls in seiner Religion, Herkunft und kulturellen Prägung sehr pluralisch aufgestellt ist.

Wie ist „Freiheit“ nach dem Glaubensverständnis der Evangelischen Kirche definiert? Welche Verbindung sieht die Evangelische Kirche zwischen „Freiheit“ und „Glauben“? Sind diese beiden Themen miteinander vereinbar oder gegensätzlich?

Von der Reformation her kommend sind meines Erachtens vor allem drei Aspekte von Freiheit in der Evangelischen Kirche zentral. Zum einen ist es die Freiheit, die sich daraus ergibt, dass nach evangelischer Überzeugung Glaube als ein Geschenk verstanden wird, das ich nicht mir selbst verdanke, das ich auch nicht verdienen kann oder durch gute Taten und Werke erarbeiten muss. Diese geschenkte Freiheit des Glaubens ermöglicht – zumindest in der Theorie – dann auch einen entspannten Umgang mit Andersglaubenden. Sie lässt mich offener mit dem umgehen, was anderen „geschenkt“ wurde.

Der zweite Aspekt ist die Freiheit des Gewissens. Sie setzt jedweder klerikalen Bevormundung eine Grenze. Martin Luther, der letztlich seinem Studium der Heiligen Schrift und seinem theologischen Urteil mehr getraut hat als kirchlicher Hierarchie, ist ein gutes Beispiel dafür. Die Freiheit des Gewissens bezieht sich aber nicht nur auf die individuelle geistliche Autonomie, mit der ein jeder und eine jede sich Bibel und Kirche nähern kann, sie drückt sich auch in der Selbständigkeit der Kirche insgesamt aus, mit der sie ihre Stimme, wenn nötig auch gegen den Mainstream, gegen staatliche und gesellschaftliche Vorgaben oder Entwicklungen erheben kann.

Und damit bin ich beim dritten Aspekt der Freiheit: Der Freiheit zur Verantwortung für das eigene Leben genauso wie für das Leben in der Kirche, in der Gesellschaft und im Staat. Bei allen diesen drei Aspekten gibt es also eine unlösbare Verbindung zwischen Glauben und Freiheit. Es ist die geschenkte Freiheit des Glaubens, die mich zur individuellen Wahrnehmung der Freiheit meines Gewissens befähigt, und es ist der Glaube, der mich dies in Verantwortung für mein eigenes Leben und das Leben anderer tun lässt.

Können Sie uns sagen, wie „Freiheit“ im Christentum aus Sicht von Martin Luther gesehen wurde und was sein Standpunkt hierzu war? Ist das heutige Verständnis der Evangelischen Kirche das gleiche wie das von Luther vertretene?

Martin Luther hat im Jahr 1520 eine Schrift veröffentlicht, die mit dem Satz beginnt: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan“ und dann heißt es: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Diese beiden paradox klingenden Sätze gehören mit zu den bekanntesten Äußerungen Martin Luthers. Die Freiheit des Christen bezieht sich dabei nicht auf eine Leistung oder ein Vermögen des Menschen, sondern auf die ihm von Gott gegebene Rechtfertigung. Im Blick auf das Heil muss sich der Christ keine Sorgen machen. Dieses wird ihm geschenkt, es steht nicht in seiner Macht und Hand, er kann sich in Gottes Liebe geborgen wissen. Das schafft Freiheit. Auf der anderen Seite heißt das aber für Luther nicht, dass der Christ damit frei wäre von ethischen Ansprüchen. Im Gegenteil, aus der geschenkten Freiheit im Blick auf das Heil vor Gott erwächst – geradezu automatisch und zwanglos – die Verpflichtung gegenüber dem Mitmenschen. Die Gabe führt in die Liebe.

Ich denke, die Erkenntnisse des lutherischen Denkens wirken bis heute in der evangelischen Kirche nach. Die Frage nach dem eigenen Heil und nach den Einlassbedingungen in den Himmel spielen für viele evangelische Christinnen und Christen eher eine untergeordnete Rolle. Man kann darin einen Reflex der lutherischen Heilsgewissheit aus Gnade sehen.

Natürlich ließe sich dem entgegnen, dass sich die Zeiten und Menschen in der Zwischenzeit sehr geändert haben. Die Frage, die Martin Luther umtrieb: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ steht heute wohl weniger im Fokus. Andererseits heißt das aber nicht, dass die Antwort darauf nicht auch heute noch wichtig ist. Die Suche nach Ruhm und Erfolg, nach Anerkennung und Belohnung – wie sich die Frage nach dem gnädigen Gott heutzutage vielleicht in ein säkulares Gewand fassen lässt – kann den Menschen überfordern und unfrei werden lassen. Da lohnt es, mit Martin Luther an die Rechtfertigung allein aus geschenktem Glauben zu erinnern.

Was sind die wesentlichen Unterschiede zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche in Bezug auf die Definition von „Freiheit“ im Christentum?

Das ist eine Frage, die ich lieber in einem direkten Dialog mit einem katholischen Theologen klären möchte. Ich bin mir nicht sicher, ob die entscheidenden Unterschiede zwischen diesen beiden Kirchen sich heute nicht weniger an der Definition des Freiheitsbegriffes zeigen als vielmehr in anderen Dingen, wie etwa im Amtsverständnis der Pastoren bzw. Priester oder in der Struktur der Kirchen. Es war ja ein bemerkenswerter Schritt, dass Lutheraner und Katholiken im Jahr 1999 eine gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre abgeben konnten, also zu eben jener Lehre, an der sich die Trennung der evangelischen von der katholischen Kirche im Zeitalter der Reformation entzündet hatte. In der gemeinsamen Erklärung heißt es u. a.: „Wir bekennen gemeinsam, dass der Mensch im Blick auf sein Heil völlig auf die rettende Gnade Gottes angewiesen ist. Die Freiheit, die er gegenüber den Menschen und den Dingen der Welt besitzt, ist keine Freiheit auf sein Heil hin. Das heißt, als Sünder steht er unter dem Gericht Gottes und ist unfähig, sich von sich aus Gott um Rettung zuzuwenden. Rechtfertigung geschieht allein aus Gnade.“

Wie wir wissen, wurde der christliche Glaube, vor allem nach Paulus, von den Geboten und Regeln des jüdischen Glaubens freigestellt. Welche Vor- oder auch Nachteile entstanden dadurch für das Christentum aus Ihrer Sicht?

Der Apostel Paulus sah sich bei seiner Verkündigung des Heils in Jesus Christus mit der Frage konfrontiert, inwieweit die Christusgläubigen wesentliche Bestandteile des jüdischen Glaubenslebens übernehmen sollten. Dazu gehörten etwa Speisevorschriften, aber auch die Beschneidung. Das Neue Testament berichtet in der Apostelgeschichte (Kapitel 15) von einem Apostelkonzil, bei dem beschlossen wurde, dass diejenigen, die sich von den „Heiden“ zu Gott bekehrten, nicht das ganze Gesetz des Moses halten müssten. Der Vorteil dieser Entscheidung war, dass es dadurch vielen erleichtert wurde, Teil der Gemeinschaft und der christlichen Kirche zu werden. Der Nachteil war, dass durch die tatsächliche Entwicklung bis heute die Kirche weitestgehend eine heidenchristliche Kirche geworden ist, in der die jüdischen Wurzeln bald in Vergessenheit geraten sind. Das hat sich in manchen Phasen der Christentumsgeschichte fatal für die Juden, aber auch für Christen jüdischer Herkunft ausgewirkt. Für Paulus, der selbst ein Jude war, stand außer Frage, dass man Christ sein und das Gesetz des Moses beachten konnte. Er hat sogar aus Rücksicht auf die Juden seinen Begleiter Timotheus beschnitten (Apostelgeschichte 4,3).

Wie steht die Evangelische Kirche zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen? In wieweit ist dieses mit der Menschenwürde und Stellung des Menschen vereinbar?

Es gibt eine Stellungnahme der Synode der damals noch Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche aus dem Jahr 2000, aus der ich zitieren möchte. Die Synode hat sich sehr umfassend mit Fragen zur Ehe, Familie und anderen Lebensformen befasst und dabei auch das Thema „Homosexualität“ behandelt. In der entsprechenden Passage heißt es dazu: „Die jahrhundertelange Verdammung weiblicher und männlicher Homosexualität durch Theologie und Praxis der Kirche hat zur Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung homosexueller Frauen und Männer entscheidend beigetragen. Die Synode erkennt dies als Schuld. Sie bittet Gott und die betroffenen Menschen um Vergebung. Sie sieht sich in der Verpflichtung, auch gegenwärtiger Diskriminierung und Verachtung von homosexuellen Frauen und Männern öffentlich zu widersprechen und jeder Gewalt entgegenzutreten. Da homosexuelle Praxis in einigen Bibelstellen pauschal als Sünde verurteilt wird, ist es für etliche Christinnen und Christen schwierig, eine eigenwertige homosexuelle Lebensform zu respektieren. Diese Bibelstellen stehen jedoch in einem zeitbedingten Kontext und müssen aus der Mitte der Schrift, der befreienden Botschaft Christi von der Liebe Gottes zu allen Menschen interpretiert werden. Es ist entscheidend anzuerkennen, dass homosexuelle Orientierung zur Individualität und Identität zahlreicher Menschen unablösbar hinzugehört. Daher muss eine entsprechende Lebensgestaltung möglich sein.“

Was ist aus Ihrer Sicht der Grund für das mangelnde Interesse oder gar Flucht der Jugendlichen vor dem Glauben? Könnte die Ursache hierfür in den religiösen Geboten und Regelungen sowie im Gefühl von Einschränkung der individuellen Freiheit zu finden sein oder liegt es vielleicht an der nicht richtigen Erklärung bzw. am falschen Verständnis der göttlichen Gebote?

Ich würde nicht von einer „Flucht“ der Jugendlichen vor dem Glauben sprechen. Im Gegenteil, ich denke, dass religiöse Fragen eine wachsende Bedeutung auch für junge Menschen haben. Vielleicht ist es aber so, dass die institutionelle Verankerung von Glauben bei vielen Jugendlichen skeptisch gesehen wird. Das macht sich dann auch in der Kirche bemerkbar. Aber auch andere gesellschaftliche Einrichtungen, wie z.B. Parteien, Gewerkschaften oder Vereine, machen ähnliche Erfahrungen. Die Plausibilität solcher Einrichtungen kann nicht einfach vorausgesetzt werden, sondern muss sich in jeder Generation wieder neu erweisen. Veränderte Lebensumstände und Alltagsgewohnheiten machen das mitunter schwer. Grundsätzlich besteht meines Erachtens die Notwendigkeit, sich selbstkritisch zu fragen, ob ich das vorlebe, was ich mir von der nächsten Generation wünsche, und ob ich bereit bin, die religiösen Sehnsüchte und Hoffnungen der nächsten Generation wirklich wahr- und ernstzunehmen. Zur Weitergabe religiöser Traditionen gehört nicht nur die Frage nach der Art und Weise der Vermittlung, sondern eben auch die Gewährung der Freiheit, dass das Tradierte sich im Verstehens- und Aneignungsprozess durch andere verändern kann und darf. An der Bedeutung grundlegender religiöser Bildung, sei es im Elternhaus, in der Schule, in der Kirche oder Moschee, besteht dabei kein Zweifel. Sie ist nicht nur für die individuelle Glaubensverortung wichtig, sondern hilft auch, im Miteinander mit Menschen anderer oder keiner Religionszugehörigkeit zu einer von Respekt und Toleranz gezeichneten Haltung zu gelangen.

Wir sind am Ende unserer Fragen angelangt und möchten uns ganz herzlich für dieses Interview bedanken. Falls Sie mögen, möchten wir Ihnen gerne die Gelegenheit geben, abschließende Worte an unsere Leser zu richten.

Ich danke Ihnen für das Interview und hoffe, dass es dazu beiträgt, den Dialog zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, religiöser und kultureller Prägung zu vertiefen. Nur so lässt sich meines Erachtens ein gesellschaftliches Zusammenleben fördern, das die leider noch vorhandenen Gräben aus Vorurteilen, Ignoranz und Furcht überbrücken hilft, und das geprägt ist von Verständnis, Vielfalt und Nächstenliebe.