Freitagsansprache – Scharia und Islam

Von den Versen und Überlieferungen erfahren wir, dass der Islam eine Religion für die gesamte Welt und die Ewigkeit darstellt. Im heiligen Qur’an steht über den Propheten des Islam, dass er der Prophet der Barmherzigkeit ist und dafür entsandt wurde, allen die Barmherzigkeit zu schenken. An einer anderen Stelle wird erwähnt, dass seine Sendung von globaler Reichweite ist. Es ist selbsterklärend für einen Propheten, der eine globale Sendung hat, dass auch sein Buch ewig und global sein muss. Aus dieser Sicht ist der heilige Qur’an das ewige Buch, welches allen die richtige Art und Weise zum Leben und zur Glückseligkeit lehrt und sie zu jeder Zeit und an jedem Ort rechtleitet und berät: „Wahrlich, dieser Qur`an leitet zum wirklich Richtigen an und bringt den Gläubigen, die gute Taten verrichten, die frohe Botschaft, auf dass ihnen großer Lohn zuteil werde.“ (Bani Israil | 17:9)

Auf der anderen Seite muss der Mensch auf seinem Lebensweg auf die Verkündungen und Warnungen achten. Er muss wissen, weshalb und wie er diesen Weg zu beschreiten hat. Aus diesem Grund hat der erhabene Gott seine Propheten als Verkünder und Boten eingesetzt, um sowohl diesen Weg richtig erkenntlich zu machen als auch die nötige Motivation für ihre Anhänger zu bereiten diesen zu beschreiten. Nun stellt sich die Frage, ob der Islam als eine globale Religion und der heilige Qur’an als ein Wunder und ewiges Buch einen Plan zum Aufzeigen des Weges hat oder nicht? Existieren im Islam Gebote und Verbote oder nicht? Sind die Menschen verpflichtet, einige Sachen zu erledigen und sich von einigen zu distanzieren? Wenn derartige Gebote und Anweisungen existieren,  sind diese dann gegen die Freiheit gerichtet? Wie kann es sein, dass der Mensch sowohl frei ist als auch durch Anweisungen und Gebote unterwiesen wird? Wenn nun solche Gebote im Islam bestehen, welchen Lohn bekommt man für die Erfüllung von ihnen? Welche Bedingungen bestehen für diese Verpflichtungen? Sind alle Frauen, Männer, ob alt oder jung, nun zum Erfüllen dieser Gebote verpflichtet oder bestehen zur Erfüllung der Verpflichtungen Bedingungen und Voraussetzungen? Allerdings gibt es noch weitere Fragen bezüglich der islamischen Scharia, die noch beantwortet werden müssen.

Anscheinend liegt es an der mangelnden Bekanntschaft mit der Scharia des Islam, die dazu führt, dass einige Personen falsche Positionen gegenüber der Scharia vertreten und den Islam in ein falsches Licht rücken. In Wahrheit richten sie nicht auf Basis der Gerechtigkeit und kommen so zu falschen Urteilen. Wenn hingegen auf die eigentliche Scharia und die Gebote der abrahamitischen Religionen geblickt wird, so gelangt man zum Ergebnis, dass all jene Gebote zum Nutzen des Menschen aufgestellt wurden. Der allweise Gott würde niemals ein Gebot auferlegen, welches schädlich für den Menschen ist oder worin der erhabene Gott einen Vorteil für sich selbst sehen könnte. Der gepriesene Gott ist reich und auf nichts angewiesen und ist nicht auf die Erfüllung dieser Verpflichtungen angewiesen.

Existierte ein solches Bedürfnis im erhabenen Gott, so wäre jener Gott nicht länger vollständig, da ein solcher Gott versuchen wollte auf diesem Wege sein Bedürfnis zu stillen, wohingegen Gott der erhabene sämtliche Vorzüge in sich vereinigt und zu allem imstande ist. Wenn bspw. Wissen, Macht, Leben oder Weisheit Vorzüge darstellen, so hat der erhabene Gott all jene Vorzüge in ihrer vollständigsten  Form, ohne dass es Ihm irgend jemand gegeben hätte. Und somit ist die Erfüllung jener Verpflichtung im Nutzen und zum Vorteil des Menschen und somit kann der Mensch den Weg der Glückseligkeit beschreiten.

Allerdings muss man den Aspekt in Erinnerung rufen, dass die muslimischen Wissenschaftler, die mit den Grundsätzen der Religion ausreichend vertraut sind und in den verschiedenen Bereichen Fachleute sind, zur Zeit sehr wichtige Verpflichtungen inne haben. Einige sind bestrebt durch Propaganda und falsche Darstellungen der religiösen Wahrheiten den Glauben der Menschen zu zerstören und sie gegenüber den religiösen Geboten, speziell denen des Islams, aufzuweichen. Falls also die Presse einen Dienst an die Gläubigen leisten möchte, so müssen sie die Grundlage bereitstellen, damit die Fachleute der Religion die Anhänger der Religionen mit den Grundlagen richtig vertraut machen und dadurch der Glückseligkeit den Boden bereiten. Unter Berücksichtigung der unzähligen Angriffe auf den Islam muss diese Gelegenheit entstehen, damit sie mit der Wahrheit des Islams auf richtige Art und Weise vertraut werden.

Weiterhin ist es erforderlich in Erinnerung zu rufen, dass heutzutage viele Wissenschaftler der Auffassung sind, dass in der Gesellschaft die Spiritualität verbreitet werden muss. Es ist einleuchtend, dass die Wahrheit der Spiritualität in den abrahamitischen Religionen – sollten diese nicht verfälscht worden sein – zu suchen ist. Es stellt das Einswerden mit der Religion dar, welches eine Person und Gesellschaft zur Harmonie bringt und den diesseitigen Blick des Menschen wandelt. Sollte die heutige Menschheit diese Erfahrung machen, so wird sich die Gesellschaft wandeln und die wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und seelischen Probleme mit der Zeit gelöst werden.

Die besondere Stellung der Propheten

Der Sinn der Anwesenheit und Gesandtschaft der göttlichen Propheten ist eben jener, dass sie die Wegweiser der Menschen sind und ihnen ihren Weg und das Ziel aufzeigen. Dieser Segen stellt eine Gnade dar, die vom gepriesenen Gott dem Menschen gegeben wurde. Der Dank für diese Gnade stellt die Befolgung des Weges dar, den sie uns aufgezeigt haben. Aus diesem Grund danken wir dem erhabenen Gott und bitten ihn täglich um die Standfestigkeit auf diesem Weg und bei dieser Entscheidung und sprechen zu ihm: „Leite uns auf den rechten Weg“ (al-Fatiha | 1:5). So wurde bisher klar, dass die göttliche Scharia eben jene rettende Gesetzgebung für die Rechtleitung der Menschen darstellt, bis sie schließlich die diesseitige und jenseitige Glückseligkeit erhalten. Dies stellt eine Verfahrensweise vom erhabenen Gott für alle Diener dar, in der Art, dass nach der Erschaffung des Menschen einerseits jede Begabung im menschlichen Wesen platziert worden ist und andererseits Propheten geschickt wurden, die entweder selbst eine Scharia mit sich führten oder Befolger der Scharia waren, damit sie die Menschen auf den Weg der Rechtleitung hinweisen können und diese nicht auf den Irrweg geraten.

Nun muss die Frage beantwortet werden, in was für einer Situation sich die Menschen befänden, wenn es die Scharia und Gesetzgebung nicht gäbe, und die Menschen keine Verpflichtungen hätten. Bei der Antwort ist zu sagen, dass wenn der erhabene Gott den Weg für die Menschen nicht durch die Propheten aufgezeigt hätte, er sie im eigentlichen Sinne sich selbst überlassen hätte. Diese Selbstüberlassung hätte dazu geführt, dass die Menschen nach niederen Handlungen strebten. Die Selbstüberlassung durch Gott wäre eine abscheuliche Angelegenheit, die Er niemals machen würde. In dieser Richtung gibt es eine Aussage Allameh Hillis, in der es zusammengefasst heißt, dass wenn der erhabene Gott die Menschen, die die Voraussetzungen zur religiösen Verpflichtung erfüllen, nicht verpflichtet hätte, diese obszöne Handlungen trieben und zweifellos wäre die Bestimmung der Menschen zur Begehung von obszönen Handlungen selber eine Obszönität, welches verurteilt werden müsste. Deshalb ist es ausgeschlossen, dass der weise Gott eine solche Handlung begeht[1].

Die Erklärung dieser Thematik ist, dass der erhabene Gott die Menschen in einer Art und Weise erschaffen hat, dass Er auf der einen Seite sowohl den Intellekt, den Willen und das Gewissen in seinem Wesen platziert hat und auf der anderen Seite rebellische Neigungen und Triebe entsprechend der Weisheit zu ihrer Postierung. Auf Basis dieser Neigungen hat der Mensch stets ein Verlangen zur Befriedigung seiner Gelüste und  entbehrt der Tugenden und der Vervollkommnung, die schwer zu erlangen. . Wenn Er sie nicht zur Erledigung von Angelegenheiten, die dem Wohl dienen, verpflichten und sie vor der Begehung schädlicher Handlungen warnte, so würde ein solcher Mensch niemals eine Motivation zum Verlassen der vergänglichen Neigungen der Triebseele haben. Deshalb erzieht Er sie durch Verpflichtungen, die eben jene göttliche Scharia bilden, um treu zu leben, dem gesellschaftlichen und persönlichen Verfall zu widerstehen und sich nicht in den Schlund der Sünde und des Ungehorsams zu werfen.

Dies stellt einen sehr wichtigen Punkt beim Sinn der Scharia dar, dem man Aufmerksamkeit schenken muss. Ein solches Wort wird durch Überlieferungen bestätigt, so sagt der Führer der Gläubigen, Imam Ali (a.): Es ist äußerst schwer in Richtung der Tugenden, Vollkommenheit und des Guten emporzusteigen und die charakterliche Vervollkommnung zu erhalten, doch ist es errettend. Umgekehrt ist der Fall in die moralische Verwerflichkeit äußerst einfach, jedoch tödlich. Auch steht in einer anderen Überlieferung, dass man seine Seele in Richtung der moralischen Tugenden und menschlichen Vollkommenheit leiten und zwingen soll. Doch bezüglich der moralischen Verwerflichkeit bewegt sich die Seele von selbst in ihre Richtung, ohne dass man sich bemühen müsste. Anders ausgedrückt steht die Nutzung materieller Genüsse leicht zur Verfügung, doch die Versprechen vom Paradies und der Hölle stellen Guthaben dar.

Wenn nun die göttliche Scharia nicht in ernster Art und Weise für die Rechtleitung der Menschen anwesend wäre, so würden viele Menschen nicht von materiellen Gelüsten ablassen. Dies ist der Punkt, wo die Scharia und göttliche Gesetzgebung ihre Rolle bei der Verhinderung des Verfalls entfalten. Zusammengefasst kann man sagen, dass die Scharia den Boden für den Wachstum der Spiritualität des Menschen und den Erhalt von großen jenseitigen Belohnungen bereitet. Weiterhin garantiert sie die Gerechtigkeit in der Gesellschaft und zügelt die triebhaften Neigungen des Menschen. Sie legt den Grundstein für jeden Menschen, dass dieser dem Zweck der Schöpfung, welcher aus dem Dienst und demAnstreben der Nähe Gottes besteht, entsprechen kann.

Beziehung zwischen Recht und Pflicht

Zu den wichtigen Themen, die die Scharia aufwirft, gehört, dass wenn der Muslim seine Verpflichtungen erkannt hat und gemäß diesen handelt, dieser auf gewisse Art und Weise auch ein Recht erfüllt. Mit anderen Worten, existiert entsprechend jeder Verpflichtung auch ein Recht – die Erwähnung dieses Punktes ist essenziell für die Vervollständigung dieser Erörterung und es ist angebracht die Beziehung zwischen Recht und Pflicht in einem gewissen Maße abzuhandeln.

Es scheint, dass wenn man auf die Bedeutung der beiden Wörter Recht und Pflicht achtet, man zu dem Schluss kommt, dass die beiden Wörter selbst in ihrer Bedeutung Gemeinsamkeiten aufweisen; das heißt, um die Bedeutung von „Pflicht“ zu verstehen, benötigt man den Sinn des Wortes „Recht“, sowie umgekehrt für das Verstehen der Bedeutung von „Recht“ ebenfalls die der „Pflicht“. Deswegen betrachten einige die Gemeinsamkeit und den Gegensatz zwischen Recht und Pflicht, wie den Gegensatz und die Gemeinsamkeit, die zwischen Vater und Kind existieren; sprich, dass ein Kind, welches dem Vater erst seine Existenz schenkt – so schenkt auch  das  Recht der Pflicht die ihre und umgekehrt.

Manche sehen „Recht“ und „Pflicht“ als zwei Seiten einer Münze. Andere Experten und Gelehrte des Islam sind bezüglich der Beziehung von Recht und Pflicht der Überzeugung, „die Pflicht ist die Entscheidung des Menschen über Tun und Lassen und verhält sich in der Beziehung zum Recht gegensätzlich“. Mit anderen Worten, jede Pflicht setzt ein Recht voraus und jedes Recht eine Pflicht – mit dem Unterschied, dass man gemäß dem Sinn des Rechts die Möglichkeit hat daraus Nutzen zu ziehen oder darauf zu verzichten und der Besitzer des Rechts Entscheidungsfreiheit darüber hat, während es sich bei der Pflicht nicht so verhält. Obwohl im Bereich der Taten der Mensch befähigt ist, den Pflichten nicht nachzukommen. Und an anderer Stelle wird angedeutet, dass „jede Pflicht in den gesetzlichen Verordnungen von einem Recht begleitet wird, welches für andere Personen vorgesehen ist und mit jedem Recht geht eine Pflicht für andere einher, daher sagen wir: Recht und Pflicht. Zwei voneinander abhängige Begriffe oder anders gesagt, die zwei Seiten ein- und derselben Münze. Wenn wir also sagen, jemand hat das Anrecht auf eine gewisse Sache, so ist es die Pflicht der Anderen, sein Recht zu respektieren.“

Was dabei aus der Sicht der islamischen Scharia dringend zu beachten ist, ist, dass die Rechte und Pflichten der Menschen eng miteinander einhergehen, in einer Art, dass man diese beiden nicht voneinander trennen kann. Diese Angelegenheit gehört zu den wichtigen Problemen, deren Dimension man größere Beachtung schenken sollte, denn in der heutigen Zeit wird man Zeuge davon, dass Einige unter dem Vorwand des Rechts auf Freiheit – und dies mit einem falschen und fehlerhaften Verständnis – ihre Verantwortung und Pflichten mit Füßen treten, wobei überall wo ein Recht existiert, mit Sicherheit auch eine angemessene Pflicht dafür vorhanden ist.

Zum Beispiel, wenn das Recht auf Freiheit des Menschen akzeptiert wurde, so wurde dieses Recht in Anbetracht der Würde des Menschen und seiner Umwelt definiert und darüber hinaus müssen die eigene Menschenwürde und die Rechte, die für das Leben anderer definiert wurden, erhalten bleiben. Es ist nicht so, dass nur weil man das Recht auf Freiheit genießt, man auf alles, was dem eigenen Willen und den Neigungen des eigenen Egos entspricht, auf jedem beliebigen Wege zugreifen kann. Aus diesem Grund hat die islamische Scharia für alle Rechte und Pflichten eine Gesetzgebung mit bestimmten Bedingungen vorgesehen, so dass die Menschen mit der Nutzung ihrer eigenen Rechte und den Verantwortungen, die ihnen auferlegt worden sind, die Glückseligkeit und das vollendete Ideal erreichen.

In Gesellschaften, in denen auf Grundlage von Gerechtigkeit und Weisheit gehandelt wird, ist die Beziehung zwischen Recht und Pflicht nicht einseitig – daher lässt sich schlussfolgern, dass jedes Mitglied der Gesellschaft gegenüber der Gesellschaft, aber auch den anderen Individuen sowohl Rechte als auch Pflichten hat. Es ist nicht richtig, dass der Mensch sich ausschließlich als der Träger von Aufgaben und Verpflichtungen oder ausschließlich als Besitzer von Rechten betrachtet. Es ist klar ersichtlich, dass die Rechte eines Jeden sich auf das Maß seiner Pflicht und Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und Anderer beziehen und dass derjenige, der in Bezug auf die Gesellschaft und seinen Mitmenschen keinerlei Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein empfindet, kein Nutznießer der Rechte anderer sein wird.

Trotzdem muss beachtet werden, dass die Pflicht nur da ihre Bedeutung entfaltet, wo auch die Befähigung zur Ausübung vorhanden ist. Somit haben alte und unfähige Menschen sowie Kranke, denen die Kraft für Taten und Bemühung im Kreislauf des Lebens fehlt, aufgrund ihrer Unterlegenheit keine Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft und den Mitmenschen. Deshalb birgt die islamische Scharia, welche auf Barmherzigkeit und Mitgefühl fußt, auch für diese Gruppe der Gesellschaft Konzepte und Gesetze.

In den Lehren des Islam wird berichtet, dass man mit ihnen mit Würde und Respekt umgehen soll und diese sowohl berechtigt sind, von ihrem Bürgerrecht und dem Recht auf ein menschenwürdiges Leben Gebrauch zu machen, als auch, dass ihnen sowohl von der Gesellschaft, als auch der Regierung Respekt gezollt werden soll und dass es niemandem gestattet ist, ihr Recht auf das Weiterführen ihres Lebens außer Acht zulassen. Dass in unseren Überlieferungen gesagt wird: „وَقّرواکِبارَکم“, verhaltet euch gegenüber den Älteren respekt- und würdevoll“, betont  die Wahrung des Rechtes eben dieser Gruppe der Gesellschaft.

Das Gebet führt zum Frieden

In der islamischen Scharia wird dem Thema Recht auf so genaue und umfassende Art und Weise Beachtung geschenkt, dass sogar in den Vorschriften des Einzelnen wie den Pflichtgebeten eine Weisheit und Philosophie vorgesehen wurde, so dass der Mensch mittels des Gebets zum wahrhaftigen Frieden findet, welches sein Menschenrecht darstellt. Da das Gebet, die Bittgebete sowie andere Vorschriften des Einzelnen auf diesem Gebiet eine wichtige Schlüsselrolle einnehmen, wurden sie als Pflicht angesehen und wenn die Menschen dazu bestimmt sind den wahrhaftigen Frieden, nicht jedoch die flüchtigen materiellen Freuden, zu erreichen – so ist der Weg zum Erreichen dieses Friedens jener, den die offenbarten Lehren des Islams definierten. Aus diesem Grund sagt der heilige Koran: „Und verrichtet das Gebet zu Meinem Gedenken“ und in einem anderen Vers wird das Gedenken Gottes als die einzige Ursache für den Frieden und das Gefühl der Geborgenheit des Menschen angegeben: „Wahrlich, im Gedenken Allahs werden die Herzen ruhig“.

Daher kann behauptet werden, dass alle göttlichen Pflichten daher rühren, dass schließlich alle ihre menschlichen und göttlichen Rechte erreichen. Letztendlich lässt sich sagen, dass der Weg zum Erreichen der wahrhaftigen Seligkeit und des Glücks für die Menschen durch das Befolgen der Scharia definiert wurde. Hierbei ist wichtig, dass wir wissen und verstehen, dass jeglicher Nutzen und Gewinn, den das Erfüllen der göttlichen Pflichten birgt, zurückgeht auf den Menschen selbst. Hingegen ist offenkundig, dass das Erfüllen keiner dieser religiösen Aufgaben und Verpflichtungen einen Gewinn für den erhabenen Gott darstellt, welcher reich daran ist und keines Seiner Geschöpfe bedarf und all diese Pflichten, die Gott uns auferlegt, den Verpflichtungen, die der Arzt seinen Patienten auferlegt – so gleichen, dass das Befolgen der ärztlichen Anordnungen nur zum Vorteil und Nutzen für einen selbst, nicht jedoch zu dem des Arztes ist und dass wenn er den Anweisungen trotzt, nur dem Menschen selbst und der Gesellschaft Schaden zugefügt wird. Wenn der Mensch also nicht gemäß den göttlichen Verpflichtungen handelt und nicht diesen Pfad und Weg einschlägt, so ist es nur der Mensch selbst, der  Schaden erleidet.

Unter den Aussagen von Amir al-Muminin (a.) lesen wir, dass er sagte: „Gott hat das Heim des Jenseits voller Segen erschaffen und er sandte die Propheten, um die Menschen zu diesem Land des Segens (دارالنعمة) einzuladen. Leider sind einige dieser göttlichen Einladung nicht gefolgt und als Ergebnis ihrer Taten essen sie vom Aas dieser Welt und erleiden dessen Schmach.“ Hinsichtlich der Beziehung zwischen der Moral und der Scharia gibt es zahlreiche Abhandlungen. Doch da das Gebet in allen himmlischen Religionen und Rechtsschulen als eine Notwendigkeit der Religion unterstrichen wird, ist es angemessen auf die Beziehung zwischen dem Gebet und dem göttlichen Gebot und der Moral sowie Spiritualität einzugehen.

Aus den Versen und Überlieferungen geht eindeutig hervor, dass der Mensch für den wichtigen und eigentlichen Zweck erschaffen wurde, an die Wahrheit zu gelangen und dass der erhabene Gott alles bereitgestellt hat, um an diese Wahrheit zu kommen. Zu jenen Werkzeugen, mit denen man zur Wahrheit gelangt, gehört das Gebet, welches die wichtigste Rolle in der Religion spielt. In Wirklichkeit ist das Gebet das wichtigste Mittel zur Gottesnähe. Wenn man sich in diesem Zustand begibt, ist es eindeutig, dass man in Wahrheit an die Wurzel der Spiritualität, welche jene Gottesnähe und göttliches Leben darstellt, gelangt. So steht in einer Überlieferung von Imam Hassan al-Askari (a.): Das Ankommen bei Gott ist eine Reise, in deren Genuss der Mensch nicht kommen wird, es sei denn durch das Gebet und die nächtlichen Gottesdienste.“[2] Von Imam Baqir (a.) wird überliefert: „Das Gebet ist bei dem erhabenen Herrn derart bedeutend, dass wenn jemand es in einer Art und Weise verrichtet, dass es bei Gott angenommen wird, so auch seine anderen Gottesdienste angenommen werden.“[3]

Diese Aufmerksamkeit auf das Gebet rührt daher, dass es als göttliches Gebot sowohl beim Wachstum des Menschen hin zu den Gipfeln der Spiritualität und Moral Einfluss ausübt als auch das beste Heilmittel für die geistigen Krankheiten darstellt. Es kann bis zu einem gewissen Grad auch den Glauben und die Stellung des Menschen erkenntlich machen, da er beim Gebet durch die Erkenntnisse des Herzens die Pracht Gottes sehen kann. Jeden Tag zeigt er dem erhabenen Herrn mehrmals seine volle Aufmerksamkeit und das Streben nach Nähe auf und bezeugt als ein Verliebter, welcher sein Herz verloren hat, seinem Geliebten seine spirituelle Anwesenheit.  Das Gebet hat bei der Reise von der Zerstreuung hin zur Einheit und vom Geschöpf hin zum Schöpfer eine unvergleichliche Rolle. Der Gläubige kann sich durch die Entwerdung in den Namen und die Eigenschaften Gottes zur höchsten Stufe und zum Gipfel der Spiritualität, welcher die Überzeugung ist, bringen.

Auch in der islamischen Mystik wird sich dieser Thematik gewidmet, dass wenn der Mensch zur Wahrheit der Schönheit und Spiritualität gelangen möchte, er den Pfad der Scharia und der göttlichen Gebote zu beschreiten hat. Die Scharia ist der einzige Weg zur Erreichung der Wahrheit und Spiritualität und das bis zum letzten Augenblick des diesseitigen Lebens. Demnach ist der Gedanke falsch, dass wenn man durch die Scharia zur Überzeugung und der Wahrheit der Spiritualität gelangt, man diese nicht mehr benötigt. Wenn der Mensch auf den Gipfel der Spiritualität gelangen sollte, so gibt es auf jenem Gipfeln Stufen, die seinen Bedarf nach der Scharia mehr als je  zuvor steigern. Weiterhin zeigen sich die Bedrohungen auf jeder Stufe anders und dies führt zur Bedarfssteigerung des Menschen nach einem Zufluchtsort, wo er sich auf jeder Stufe und zur jeder Gelegenheit retten und flüchten kann.

Das Gebet, welches mit Genauigkeit in seinen Bedingungen verrichtet wird, steigert die Anwesenheit des Herzens und die Gottesfurcht sowie zur Entwerdung des Menschen in die Pracht und Schönheit Gottes hinein. Ein Mensch mit einer solchen Aufmerksamkeit und Anwesenheit zieht Erkenntnisse aus den Qualen, die anderen widerfahren, wie auch im gesegneten Vers auf diese Wichtigkeit hingewiesen wird: „Hierin liegt wahrlich eine Ermahnung für den, der ein Herz hat oder zuhört und bei der Sache ist.“ (Qaf | 50:37)

In einer Überlieferung von Imam Baqir (a.) wird berichtet: „Es gibt keinen Menschen, außer dass sich in seinem Herzen eine weiße Stelle befindet. Wenn er sündigt, so entsteht eine schwarze Stelle auf ihr und wenn er bereut, entfernt sie sich wieder. Doch wenn man derart sündigt, dass jene weiße Stelle sich vollständig verfinstert, so wird dem Besitzer jenes Herzens kein Segen mehr widerfahren, welcher in diesem Vers ausgedrückt wird: „Nein, jedoch das, was sie zu tun pflegten, hat auf ihre Herzen Schmutz gelegt.“[4]

Doch wenn der Mensch beim Gebet als wichtigstem Pfad zur Erreichung der Spiritualität dem erhabenen Gott Aufmerksamkeit schenkt, so wird ihm im selben Ausmaß vom erhabenen Gott Hilfe und Aufmerksamkeit zuteil, wie auch in einer Überlieferung von Imam Baqir (a.) berichtet wird, der vom Gesandten Gottes (s.) erzählt: „Wenn der gläubige Mensch zum Gebet steht und mit seinem Herzen Gott Aufmerksamkeit schenkt, so schenkt auch Gott ihm Seine Aufmerksamkeit, bis das Gebet beendigt wird, welches er als Schirm seiner Barmherzigkeit platziert hat. Der Umfang dieses Schirmes der Gnade beginnt über dem Kopf des Betenden und reicht bis zum Horizont des Himmels.“[5]

Das Gebet verfügt als ein göttliches Gebot über weitläufige persönliche und gesellschaftliche Einflüsse zur Korrektur der menschlichen Beziehungen. Genauso wie es auf persönlicher Ebene die Spiritualität des Menschen erhöht, entfaltet es auch bei der Stärkung der Beziehung zu Gott und den Menschen diese wichtige Rolle.  Wir haben in dieser Sitzung das Gebet als ein Beispiel aufgeführt, welches auf die enge Beziehung zwischen der Moral und der Spiritualität hinweist. Diese Beziehung kann man nun in allen anderen göttlichen Geboten und der herrlichen Scharia wiederfinden. Alle göttlichen Gebote üben einen solchen Einfluss auf den Geist des Einzelnen und der Gesellschaft aus, dass Sicherheit und Harmonie in der Gesellschaft hergestellt werden. Genauso wie das Gebet seine Rolle zur Hinwendung zu den Tugenden und Abwendung von der Verwerflichkeit entfaltet, übt auch der Besitz von guten und schlechten Charaktereigenschaften in der Gewichtung der Akzeptanz des Gebets eine Rolle aus. So steht in den Überlieferungen, dass wenn der Mensch etwas  Stolz im Gebet hat oder es mit der Absicht der Selbstdarstellung verrichtet, jenes Gebet keinen Wert hat und aus religionsrechtlicher Sicht in gewissen Fällen ungültig ist. Es ist ein überaus wichtiger Punkt, dem man Aufmerksamkeit schenken muss, dass die Beziehung zwischen den moralischen Geboten und den religionsrechtlichen Geboten äußerst eng ist und dass die Ignoranz hinsichtlich dessen dazu führt, dass keiner der Gottesdienste seine besondere Stellung finden kann.

[1]Allameh Hilli, Kashf ul-Murad, S. 350.

[2]Bihar ul-Anwar, Bd. 75, S. 380.

[3]Bihar ul-Anwar, Bd. 7, S. 267.

[4]Usul ul-Kafi, Bd. 2, S. 273.

[5]Wasail u-Shia, Bd. 4, S. 32.