Liebe und Freundschaft im Islam

Am 3. Oktober 2011 veranstaltete das Islamische Zentrum Hamburg am Tag der Offenen Moschee ein Symposium zum Thema „Liebe und Freundschaft im Islam“. Der folgende Vortrag des islamischen Theologen Nezam Haeri Shirazi war einer der Beiträge, die die Veranstaltung bereicherten.

Ich freue mich, dass ich heute die Gelegenheit und die Ehre habe, in einer so schönen Runde über dieses Thema sprechen zu können. Dieses Thema ist sehr vielseitig, weshalb ich mich entschlossen habe, nur einige ausgesuchte Aspekte zu erläutern. Als Einleitung möchte ich kurz über den ersten Vers im Koran sprechen, der aus islamischer Sicht einen speziellen Stellenwert besitzt, nämlich den Vers „bismillahir-rahmanir-rahim“. Dieser Vers kommt 114 Mal im Koran vor. Sicherlich ist Ihnen bekannt, dass es für Muslime empfohlen ist, alle Tätigkeiten mit diesem Vers zu beginnen. In einer schönen Überlieferung heißt es, dass, wenn die Menschen, die Gott mit dem Rücken zugewandt sind und sich von ihm entfernt haben, wüssten, wie sehnsüchtig Gott auf sie wartet, sie vor lauter Sehnsucht nach Gott sterben würden.

Ich möchte meinen Vortrag mit einem bedeutsamen Ausspruch aus einer islamischen Quelle fortfahren: „Die Religion und die Liebe sind ein und dasselbe.“ Dieser Ausspruch bedeutet, dass die Basis und Essenz beider Aspekte, Religion und Liebe, keine Unterschiede aufweisen und ihre Quelle in Gott haben. Was in diesem Zusammenhang meiner Meinung nach ausschlaggebend ist, stellt die Richtung dar, die Religion unserer Liebe und Freundschaft schafft und basierend auf göttlichen und ethischen Werten Orientierung geben kann. Von Imam Ali (a.s.) wird überliefert, dass wir den Unterdrückern gegenüber feindlich gesonnen sein sollen und den Unterdrückten Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft entgegenzubringen haben. Wir sollten den Armen und Entrechteten zumindest Mitleid bekunden und den Unterdrückern und Ausbeutern wenigstens unseren Unmut und unseren Zorn über ihr Handeln äußern. Schließlich ist in den monotheistischen Religionen die Gerechtigkeit ein absoluter und grundsätzlicher Wert. Wir dürfen diese deshalb auch nicht nach unseren Interessen relativieren.

Unterdrückung von sogar einem winzigen Lebewesen ist unakzeptabel. Unsere Liebe zum Unterdrückten bedeutet, dass wir verhindern, seine Unterdrückung weiterhin zu dulden. Prophet Abraham (a.s.), der Stammvater aller monotheistischen Religionen, wird laut Koran mit dem Beinamen „Khalilullah“ bezeichnet, was übersetzt werden kann als „der enge Freund Gottes“. Sinngemäß soll dieser Beiname darauf hindeuten, dass zwischen dem Propheten Abraham (a.s.) und Gott ein enges Band der Freundschaft und Liebe besteht. Gleichzeitig hat aber genau derselbe Prophet Abraham (a.s.) direkt und eindeutig seinen Unmut und seine Unzufriedenheit den Götzendienern bezüglich ihrer Anbetung zu den Götzen kundgetan.

Als Theologe bin ich der Meinung, dass die praktizierenden Anhänger der abrahamitischen Religionen – Juden, Christen und Muslime – die unter der deutschen Gesetzgebung und die der Europäischen Union leben, das Recht haben sollten, ihre absoluten Werte zu schützen und ihre eigenen moralischen Regeln zu befolgen. In diesem Zusammenhang möchte ich gerne noch auf einen anderen Gesichtspunkt hinweisen, der mir persönlich ein Anliegen ist. Im Koran steht, dass Gott für jeden Menschen nur ein Herz geschaffen hat: „Gott hat für den Menschen nicht zwei Herzen erschaffen“ (Al-Ahzab: 4). Das Herz ist der Platz für Liebe, Zuneigung und Freundschaft. Wenn also die Liebe zu Materiellem, zu weltlichen Dingen stark und intensiviert wird und sie letztlich ergreift, dann bleibt automatisch kein Platz mehr für die Liebe zu Gott. In so einer Situation entfernt sich der Mensch von seiner eigenen Menschlichkeit und wird unaufhaltbar neidvoll, hochmütig und geizig.

Ein Prinzip in der islamischen Ethik beschreibt, wie auch Imam Khomeini als bekannter Mystiker mehrfach betont hat, dass die Wurzeln für Sünden und Verbrechen aus einer maßlosen Liebe zu Materiellem bestehen. Demgegenüber ist die vermehrte göttliche Liebe in den Herzen der Menschen und die Erkenntnis der Existenz der Schöpfung Gottes, aus der alles entspringt, die Wurzel der Liebe der Menschen allen Lebewesen gegenüber und der Liebe zu Gottes Schöpfung. Jene Menschen versuchen dann, ihren Mitmenschen behilflich zu sein gemäß der einfachen Lebensphilosophie „Was du nicht willst, das man dir tut, das füge auch keinem anderen zu.“ Auf diesem Weg festigen sie ihre eigene Menschlichkeit. So findet der Mensch, wie es im Koran steht, durch die Erinnerung und das Gedenken an Gott sein wahres Selbst und vergisst dieses, wenn er Gott vergisst.

Wir können also als Ergebnis festhalten, dass, wenn die Liebe zu den Menschen, zur Familie, zur Natur usw. durch die göttliche Schöpfung besteht und nicht die Liebe zu Gott verhindert, diese Liebe dann nicht nur nicht schlecht ist, sondern sogar die liebevolle Bindung zu Gott durch die Dienste an den Menschen und an die Natur stärkt. Schließlich besteht aus islamischer Sicht die gesamte Existenz durch Gott, alles bewegt sich auf Ihn zu und kehrt letztendlich zu Ihm zurück. Saadi [1], der bekannte persische Dichter, schrieb in einem seiner Gedichte: “In dieser Welt bin ich voll von Lebensfreude, weil die Welt voller Lebensfreude von Ihm ist. Ich bin verliebt in die ganze Welt, denn die ganze Welt kommt von Ihm.“

Ich möchte mich nun der Frage widmen, wer und was unsere Liebe und Freundschaft aus islamischer Sicht verdient. Liebe und Zuneigung zu Gott, den Eltern, den Propheten, den Auserwählten Gottes usw. wird in der islamischen Kultur stark unterstützt; so wird zum Beispiel in manchen Koranversen die Dankbarkeit gegenüber den Eltern direkt mit der Dankbarkeit gegenüber Gott erwähnt. Güte und Freundschaft in Bezug auf die nahe Verwandtschaft, also die engen Familienmitglieder, gehören zu den Pflichten eines jeden Muslims, sich für seine eigene Familie einzusetzen, durch zum Beispiel einen Verdienst fällt im Islam unter eine der besten Formen der Gottesanbetung. Darüber hinaus ist manchmal die Intensität und Stärke der Liebe ein Zeichen für einen hohen Rang an Glauben. Im Koran steht dazu: „Doch die Gläubigen sind stärker in ihrer Liebe zu Allah“ (Al-Baqara:165), und in einer Überlieferung aus dem Buch Al-Kafi steht: „Wenn sich zwei Gläubige begegnen, ist der Glaube von demjenigen stärker, der mehr für seinen Freund empfindet“ [2].

Der Bereich, auf den sich Liebe und Freundschaft beziehen, umfasst im Islam sogar die Tierwelt und unsere natürliche Umwelt. In einigen islamischen Quellen ist die Rede von der Beachtung von Tierrechten und des Naturschutzes. Es wird beispielsweise vor brutaler Behandlung und sogar Beschimpfung von Tieren gewarnt. Außerdem wird im Umgang mit Tieren unter anderem beschrieben, dass die Gesichter der Tiere nicht mit heißen Metallen markiert werden dürfen und dass auch den Tieren auf Reisen eine Zeit zum Ausruhen und zur Nahrungsaufnahme gewährt werden soll. Bezüglich des respektvollen Umgangs mit unserer Natur gibt es zahlreiche islamische Empfehlungen, wie zum Beispiel, dass stehende Gewässer und öffentliche Orte nicht verschmutzt werden dürfen, oder dass nicht grundlos Äste und Stämme lebender Bäume abgebrochen und gefällt werden dürfen.

Als letzten Aspekt in Bezug auf Liebe und Freundschaft möchte ich darauf eingehen, dass meiner Meinung nach Liebe und Spiritualität im Islam in direktem Zusammenhang mit Verantwortungsbewusstsein stehen. Das heißt, dass pure Liebe und Zuneigung zu Gott, den Propheten und den Menschen nicht ausreichen, sondern auch konkrete Handlungen und Taten verlangen. Im Koran steht in diesem Zusammenhang folgender Vers: „Sprich, wenn ihr Gläubigen Allah liebt, dann folgt mir (dem Propheten), damit auch Gott euch liebt und eure Schuld vergibt. Gott ist barmherzig und bereit zu vergeben“ (Al-Imran:31). Ein Weg, um unsere Kapazität zum Empfang göttlicher Liebe zu erweitern, liegt darin – wie der vorangegangene Vers prägnant aussagt – die göttlichen Gebote und Empfehlungen ernst zu nehmen.

Nezam Haeri Shirazi

Anmerkungen: [1] Kolliat Saadi, Mawaes T. 10 [2] Usul al-Kafi Bd.2, S. 127, H. 15