Gerechtigkeit und Gleichheit im Denken von Ayatollah Motahhari

Nadschmeh Keykha

Obwohl der Begriff Gerechtigkeit für alle klar zu sein scheint, weist er dennoch keine bestimmte und einheitliche Bedeutung auf. Die Thematik „Gerechtigkeit“ beschäftigte in der ganzen Geschichte permanent die Menschen, insbesondere die Gelehrten, und diese Tatsache liefert uns diverse und manchmal unterschiedliche Definitionen von Gerechtigkeit. Natürlich bedeutet die Vielfalt dieser Definitionen nicht, dass dieser Begriff relativ und dessen Essenz in den verschiedenen Epochen unterschiedlich sei. Wenn es einen Unterschied gibt, so ist er meistens in den einzelnen Instanzen zu finden. Die Definitionen sind nicht widersprüchlich, vielmehr ergänzen sie sich gegenseitig. Jede Definition erläutert eine Instanz des Begriffs der Gerechtigkeit.

Auf der anderen Seite wird die Gerechtigkeit in verschiedenen Arten aufgeteilt. Ayatollah Motahhari unterteilte die Gerechtigkeit an einer Stelle in die absolute und soziale Gerechtigkeit und an einer anderen Stelle in die existenzielle, gesetzrechtliche, moralische und soziale Gerechtigkeit. Er meinte mit der absoluten Gerechtigkeit deren klassische Bedeutung, nämlich jedem das Recht zukommen zu lassen, auf das er Anspruch besitzt und die Dinge an ihren angemessenen Platz zu stellen. Die soziale Gerechtigkeit bedeutet die Wahrung von Gleichheit in der Gesetzgebung und die Umsetzung von Gesetzen. Mit anderen Worten: Die soziale Gerechtigkeit steht dafür, für alle die gleichen Bedingungen zu schaffen und für alle gleichermaßen die Hindernisse zu beseitigen. [1]

Mit der existenziellen Gerechtigkeit ist Folgendes gemeint: Die Welt und die Schöpfung wurden basierend auf der Gerechtigkeit, der Ausgewogenheit und den Fähigkeiten gestaltet. Die gesetzrechtliche Gerechtigkeit sagt aus, dass in der Gesetzgebung und der Erlassung von göttlichen Gesetzen die Gerechtigkeit stets beachtet wurde. Der Heilige Qur‘an verkündet, dass der Zweck der Entsendung von Propheten der ist, die Gerechtigkeit über das Leben der Menschen herrschen zu lassen: „Wahrlich, Wir schickten Unsere Gesandten mit klaren Beweisen und sandten mit ihnen das Buch und die Waagewerte herab, auf dass die Menschen Gerechtigkeit üben mögen.“ (Al-Hadid: 25)

Der Märtyrer Motahhari zieht aus dieser Art der Gerechtigkeit die Schlussfolgerung, dass die Festsetzung der Gerechtigkeit in der gesellschaftlichen Ordnung voraussetzt, dass erstens die gesetzrechtliche Ordnung eine gerechte Ordnung sein muss und zweitens in die Praxis umgesetzt werden sollte. [2] Ayatollah Motahhari hat in verschiedenen Büchern hinsichtlich der speziellen Bedeutung der Gerechtigkeit einige Definitionen gegeben. Eine vollständige Zusammenfassung dieser Definitionen formulierte er in seinem Buch „Adle Ilahi“ (Die göttliche Gerechtigkeit). In diesem Buch werden vier Bedeutungen von Gerechtigkeit aufgeführt: Die erste Bedeutung ist die Stimmigkeit. Das heißt, dass jedes der unterschiedlichen Teile eines Systems rechtmäßig und gemäß der benötigten Menge existiert und die Gerechtigkeit hinsichtlich der Qualität der Beziehung der Teile in sich selbst beachtet wird, z.B. dass Arbeit richtig verteilt wird. In Wahrheit setzte Motahhari eine enge Beziehung zwischen Gleichgewicht und Stimmigkeit bzw. Ausgeglichenheit fest, weil eine Gesellschaft erst ausgeglichen sein wird, wenn die Höhe der Anforderungen betrachtet wird und dementsprechend das Budget und die Energie verbraucht werden. Genau hier sollte man an die Interessen denken, in denen das Dasein und die Fortsetzung jedes Systems mit dessen Zielen berücksichtigt werden. [3]

Die zweite Bedeutung ist die Gleichbehandlung und die Verneinung jeglicher Diskriminierung. Aus dem Grund ist der Gerechte derjenige, der keinen Unterschied zwischen den Individuen sieht. Die dritte Bedeutung umfasst die Wahrung der Rechte der Individuen und lässt jedem das Recht zukommen, auf das er Anspruch besitzt. Dies ist die wahre Bedeutung der sozialen Gerechtigkeit. Die vierte Bedeutung ist die Fähigkeit des Bewusstseins zur Erteilung des Segens und der Gnade und dazu, diese entsprechend der Möglichkeit des Seins oder der Möglichkeit der wesentlichen Vollkommenheit nicht abzulehnen. Gemäß dieser Ansicht erreicht in der Ordnung der Schöpfung jedes Existierende die Stufe des Seins und der Vollkommenheit des Seins, die es verdient und der es würdig ist. [4]

Die vierte Bedeutung von Gerechtigkeit bezieht sich auf die göttliche Gerechtigkeit. Auch die erste Bedeutung, in der die Interessen der ganzen Welt berücksichtigt werden, entspricht jener. Die zweite und dritte Art der Gerechtigkeit stellen nebeneinander die Gerechtigkeit in der menschlichen Gesellschaft dar. Somit bedeutet die Gerechtigkeit im Ganzen, dass dem Menschen die Rechte, auf die er aufgrund seiner Schöpfung, Natur und seiner Aktivitäten Anspruch hat, ohne jegliche Diskriminierung gegeben werden. Gerechtigkeit ist also der Gegensatz zu Ungerechtigkeit und Diskriminierung. Ungerechtigkeit besteht, wenn dem Individuum etwas, zu dem er berechtigt ist, vorenthalten und ihm genommen wird. Diskriminierung hingegen besteht, wenn beispielweise eine von zwei Personen der anderen vorgezogen wird, wobei beide die gleichen Fähigkeiten und Qualitäten aufweisen. [5]

Die Bedeutung der Gleichstellung, aus der Sicht Motahharis, umfassen einige der Grundsätze der islamischen Ideologie. Gemäß dem Islam sind die Menschen hinsichtlich des menschlichen Wesens gleich erschaffen. Aus diesem Grund stellen die Hautfarbe, das Blut, die Rasse, die Nationalität usw. kein Kriterium für die Überlegenheit der Menschen untereinander dar und Menschen, ob Araber, Nichtaraber, dunkelhäutig oder hellhäutig, sie sind alle gleich. Die Freiheit und die Gerechtigkeit im Islam rühren von der Gleichheit und der Gleichstellung der Menschen her. Der heilige Prophet sagte: „Die Menschen sind (einander) gleich wie die Zähne des Kammes.“ In einer anderen Überlieferung sagte er: „Wahrlich, euer Herr ist Einer und euer Stammvater ist einer. Ihr seid alle von Adam, und Adam ist aus der Erde.“ [6] Somit sollten die Prioritäten nur auf der Basis der Tugenden beruhen, sowie aus der Sicht des Heiligen Qur‘an nur das Wissen, der Glaube und die Gottesfurcht der Anlass zur Überlegenheit der Menschen untereinander sind.

  • „Oh ihr Menschen, Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, auf dass ihr einander erkennen möget. Wahrlich, vor Allah ist von euch der Angesehenste, welcher der Gottesfürchtigste ist.“ (Al-Hudschurat:13)
  • „Oder sollen Wir (etwa) diejenigen, die glauben und tun, was recht ist, denen gleichsetzen, die (überall) auf der Erde Unheil anrichten, oder die Gottesfürchtigen denen, die ein sündhaftes Leben führen?“ (Sad:28)
  • „Sind die Wissenden den Unwissenden gleich?“ (Az-Zumar:9)

So können wir schlussfolgern, dass die Gleichstellung nicht bedeutet, dass die Menschen, ob Wissender, Unwissender, Gottesfürchtiger, Ungottesfürchtiger, Gläubiger, Ungläubiger usw. bedingungslos gleich sind. Auf der anderen Seite sind die Menschen hinsichtlich der natürlichen Fähigkeiten und Talente nicht gleich, sondern im Hinblick auf die vererbten Eigenschaften, den Grad an Intelligenz usw. unterschiedlich. Das Urteil, das die Menschen gemäß der Gleichheit auf einer Ebene entsprechend der marxistischen Parole „Arbeit gemäß der Kraft und Lohn gemäß des Bedarfs“ erhalten sollten ist ungerecht und eine Unterdrückung, denn nach der Gerechtigkeit sollte man jedem sein Recht zusprechen und jeden an seinem dem Platz, dem er würdig ist, positionieren. Nach dieser Ansicht bekommt man jedoch nicht das Recht, welches der tatsächlichen Höhe seiner Bemühungen, seiner Fähigkeit, seiner Kompetenz und seiner Persönlichkeit entspricht. Nach dieser Auffassung unterscheidet sich die Gleichheit von der Gerechtigkeit und es wird deutlich, dass Motahhari mit der Gleichstellung etwas anderes gemeint hat. Er betrachtet diese beiden Begriffe nicht als gegensätzlich, sondern bezeichnet die Gleichheit als die Grundlage, den Sinn und die eigentliche Wurzel der Gerechtigkeit. [7]

Es muss zwischen der Gerechtigkeit als Gleichstellung und der Gleichstellung als einem Teil der Gerechtigkeit unterschieden werden, denn sonst würde dies erstens eine Unterdrückung bedeuten und zweitens zu der Zerstörung der Gesellschaft führen, weil alle Individuen von Natur aus unterschiedlich sind. [8] Gerechtigkeit bedeutet nicht, dass alle Menschen in jeder Hinsicht auf gleiche Ebenen und Stufen gesetzt werden sollten, denn die Gesellschaft hat eigene Stellungen und Stufen und ist aufgebaut wie ein Körper. Und weil sie in sich Stellungen und Stufen hat, sollte sie gegliedert und eingestuft werden. Wie sollte diese Gliederung und Einstufung erfolgen und wie kann man die Gleichstellung mit dem Anspruch, „jedem das Recht zukommen zu lassen, auf das er Anspruch besitzt“, in Einklang bringen und Gleichgewicht in der Gesellschaft schaffen? Motahhari ist der Überzeugung, dass die Freiheit soweit wie möglich in der Gesellschaft etabliert werden muss, damit die Gleichstellung in einer gerechten Art und Weise in der Gesellschaft festgesetzt werden kann.

Die gerechte Gleichstellung erfordert also eine vernünftige Freiheit. Besser gesagt: Die Freiheit ist eine Methode zur Förderung von Gleichstellung: „Der einzige Weg ist, die Menschen frei zu lassen und für alle die Bedingungen von einem Wettbewerb bereitzustellen. Und da die Fähigkeiten, die Aktivitäten und die Bemühungen aller Menschen nicht gleich sind, entstehen Unterschiede. Einer macht Fortschritte und ein anderer bleibt zurück. Einer entwickelt sich mehr und ein anderer bleibt weiter zurück. Die Gerechtigkeit erfordert, dass die Unterschiede, die gewollt oder ungewollt in einer Gesellschaft vorhanden sind, nach den Fähigkeiten und den Kompetenzen gemacht werden. Dies ist die Bedeutung von Gleichstellung und der Maxime, alle gleich zu behandeln.“ [9]

In der Tat sollte man einerseits die Chancen und die Freiheit für alle bereitstellen und andererseits die Hindernisse zur Entwicklung von Fähigkeiten und Kreativität besonders beseitigen. Die Gerechtigkeit und die Gleichheit bedeuten, dass Rauheit, Gemeinheit und Diskriminierung, deren Ursprünge in Bräuchen, Gewohnheiten oder Gewalt zu finden sind, beseitigt, die sozialen Möglichkeiten für alle gleich bereitgestellt und die Rahmenbedingungen der Teilnahme am sozialen Wettbewerb allen ermöglicht werden. [10] Es ist zu beachten, dass einer der wichtigsten Unterschiede zwischen der Gerechtigkeit und der Gleichstellung in der islamischen Gesellschaft und anderen Gesellschaften folgender ist: Islamische Gerechtigkeit beinhaltet menschliche Gefühle und ihre wichtigsten Elemente sind die Moral und das gerechte Verhalten.

Somit sollte die Regierung den Bürgern die gleichen Chancen gewährleisten und sie gleichzeitig gerecht behandeln. Sie sollte dementsprechend die Bedingungen eines richtigen wissenschaftlichen Wettbewerbs bereitstellen. Aus allem, was bisher gesagt wurde, geht hervor, dass nicht jede Gerechtigkeit Gleichstellung bedeutet und nicht jede Gleichstellung gleich Gerechtigkeit ist. Manchmal ist es also möglich, dass in einem System zwar Gerechtigkeit, aber keine Gleichstellung existiert, oder, dass es Gleichstellung gibt, aber keine Gerechtigkeit, allerdings kann es in einigen Fällen sowohl Gerechtigkeit als auch Gleichstellung geben.

Anmerkungen :  1) Motahhari, Morteza: Barrasiye Edschmaleye Mabaniye Eqtisadi Islam, S. 157. 2) Motahhari, Morteza: Madschmueye Athar, Bd. 2, S. 59. 3) Ebd., S. 79. 4) Ebd., S. 80. 5) Motahhari, Morteza: Siyreye Aimmaeye Athar, S. 253-254. 6) Vgl. Motahhari, Morteza: Wahy wa Nobowwat, S. 127 sowie vgl. Bist Goftar, S. 128. 7) Motahhari, Morteza: Islam wa Muqtaziyate Zaman, S. 305. 8) Ebd., S. 306. 9) Motahhari, Morteza: Bist Goftar, S. 128-129. 10) Ebd., S. 143.