Gerechtigkeit – Die wichtigste Säule des Imamats

Ayatollah Javadi Amoli

Die Welt durstet nach der Erscheinung von Imam Mahdi (a.) und zwar deswegen, weil sie seine Gerechtigkeit ersehnt. Über den Grundsatz des Imamats, die Führerschaft der Ahl-ul-Bait, heißt es im Heiligen Qur‘an: „Mein Bund erstreckt sich nicht auf die Ungerechten.“ (Al-Baqara:124) Das Imamat ist ein Bund und ein Versprechen Gottes, und dieser göttliche Bund kann nur mit einem geeigneten und gerechten Partner geschlossen werden. Wir wissen allerdings auch, dass man diese schwere Verantwortung ebenso wenig einem Unwissenden und Frevelhaften übertragen kann, weshalb die grundsätzliche Achse des Imamats die Führung durch Gerechtigkeit ist. Wenn Imam Mahdi (a.) jemandem ein Amt anvertraut, so wird er einen gerechten Menschen wählen, da er der Imam und Stellvertreter Gottes ist. Da der Bund Gottes einem Ungerechten nicht zuteilwird, wird auch der Bund des Gerechten einem Ungerechten nicht zuteil. Folglich wird mit der allgemeinen bzw. speziellen Vertretung von Imam Mahdi (a.) nur derjenige beauftragt, der gerecht ist. Auch seine ständigen Helfer und seine Soldaten unterliegen dieser Regel und diesem Gesetz. Jemand, der sein Diener und sein Missionar sein will, muss gerecht sein, weil der spezielle Segen Imam Mahdis (a.) die Ungerechten nicht erreichen wird. Wir, die auf dem Weg der Ahl-ul-Bait und des Imams der Zeit keine Mühen und Anstrengungen scheuen, hoffen, dass er uns wohlgesonnen ist. Wir sollten wissen, dass die geehrten Unfehlbaren keinem Ungerechten wohlgesonnen sind, denn genau so, wie sie in den Bund Gottes aufgenommen wurden, werden sie den göttlichen Segen der Gemeinschaft, ihren Befolgern und den Gelehrten übergeben. Wer mit dem edlen Stellvertreter der Zeit sein möchte, der muss sich dieses Verses bewusst werden: „Mein Bund erstreckt sich nicht auf die Ungerechten.“

Als Nächstes soll angeführt werden, dass die Verwirklichung der Gerechtigkeit in der Gemeinschaft wie ein Dreieck genau drei Grundlinien benötigt, denn die Gemeinschaft wird erst dann den Genuss der Gerechtigkeit kosten, wenn die Gesetze gerecht sind, der Regent ein Gerechter ist und sein Volk nach Gerechtigkeit strebt. In dem Fall, in dem das Gesetz oder die Vollstreckung der Gesetze problematisch ist oder das Volk nicht nach Gerechtigkeit strebt, wird sicherlich keine gerechte Regierung zustande kommen. In der Regierung der Ahl-ul-Bait werden die ersten beiden Prinzipien realisiert, die auf dem göttlichen Gesetz der Gerechtigkeit und auf den Heiligen Qur‘an basieren, der das Gesetz der Muslime ist, wobei beide Prinzipien unerschütterlich sind: „Falschheit kann nicht daran herankommen, weder von vorn noch von hinten. Es ist eine Offenbarung von einem Allweisen, Preiswürdigen.“ (Fussilat:42) Die Ahl-ul-Bait ist das vollkommene Beispiel für die Gerechtigkeit. Folglich ist sowohl das Gesetz als auch der Führer gerecht. Während der Regentschaft Imam Alis (a.) war sein Gesetz das absolut gerechte Gesetz Allahs und er selbst der gerechteste Mensch unter der damaligen Bevölkerung. Seine Gemeinschaft strebte jedoch nicht nach Gerechtigkeit. Imam Ali (a.) äußerte diese Tatsache in einer seiner Reden: „Die Völker sind dahin gekommen, das Unrecht ihrer Herrscher zu fürchten, und ich bin dahin gekommen, das Unrecht meiner Untergebenen zu befürchten.“ [1] Auch wenn der Regent gerecht sein sollte, wird sich keine gerechte Regierung entfalten, sofern sich das Volk der Gerechtigkeit widersetzt. Aus diesem Grund ist die wichtigste Pflicht desjenigen, der auf die Erscheinung Imam Mahdis (a.) wartet, das Streben nach Gerechtigkeit unter der Weltgemeinschaft zu fördern.

Widmen wir uns der Frage: „Welche Gemeinschaft dürstet nach Gerechtigkeit?“ Vom edlen Propheten wird überliefert: „Derjenige, der stirbt, ohne den Imam seiner Zeit zu kennen, stirbt den Tod der Unwissenheit.“ Der Tod ist das Ergebnis und die Ernte eines ganzen Lebens des Menschen. Wenn der Tod eines Menschen, ein Tod der Unwissenheit ist, wird deutlich, dass auch sein Leben, ein Leben der Unwissenheit war. Deswegen ist die Erkenntnis des edlen Imams unserer Zeit für uns von besonderer Wichtigkeit. Wer keine Beziehung zum Imam seiner Zeit hat und ihn nicht erkennt, gleicht einem Toten, und derjenige, der eine Beziehung zum Imam seiner Zeit hat, der lebt! Jeder, der stirbt und den Imam seiner Zeit nicht erkennt, stirbt den Tod der Unwissenheit! Er ist zwar äußerlich lebend, innerlich jedoch tot, weil die Essenz der Menschlichkeit des Menschen seine Erkenntnis ist! Wenn ein Mensch kein Wissen und keine Erkenntnis besitzt, dann ist er kein realer Mensch. Folglich wird das Leben eines Menschen, der sich wegen der Nichtkenntnis des Imams seiner Zeit von der Erkenntnis und der Wahrheit entfernt hat, kein menschliches, erkenntnisorientiertes Leben sein. Der Heilige Qur‘an spricht an einer Stelle über passiv lebende Menschen folgendermaßen „Sie sind in der Tat den Tieren gleich, sogar noch weiter abgeirrt.“ (Al-Furqan: 44) Der Heilige Qur‘an beabsichtigt jedoch nicht, den Menschen zu erniedrigen. Der Heilige Qur‘an ist das Buch der Wahrheit und sagt aus, dass diese Menschen Tieren ähneln, da sie sich durch ihre Unwissenheit und ihre falsche Erkenntnis von der Menschlichkeit entfernt haben.

Anhand der vorangegangenen Einleitung wird deutlich, dass die Erkenntnis des edlen heiligen Imams notwendig ist, weil eine Gemeinschaft zu keinem wahren Leben, zu keiner wahren Glückseligkeit und zu keiner Vollkommenheit gelangen wird, wenn sie den Imam ihrer Zeit nicht kennt und zu ihm keine Beziehung hat. Wenn eine Person oder eine Gemeinschaft wahre Gerechtigkeit nicht kennt, weder nach ihr strebt, noch nach ihr dürstet sowie sicherlich auch den Imam ihrer Zeit nicht gekannt hat, wird sie weder Gerechtigkeit, noch den Imam seiner Zeit erkennen. Wir müssen uns vorsichtig verhalten. Unsere Pflicht ist sehr schwer und unsere Arbeit ist besonders wichtig. Wir müssen uns wirklich beleben und die Essenz des Lebens besitzen, damit wir dann die Gemeinschaft zum Leben erwecken. Andernfalls wird auch Imam Mahdi (a.), wenn er erscheint, das erleben, was Imam Ali (a.) einst erlebte. Denn Imam Ali (a.) wurden viele Kriege auferlegt. Die Erkenntnis der Gerechtigkeit und das Streben nach Gerechtigkeit sind sehr wichtig. Wir müssen das Streben nach gerechten und ansehnlichen Handlungen üben. Wenn wir dies befolgen, dann wird sich uns auch die Gemeinschaft der Welt anschließen. Wenn die Erdbevölkerung sieht, dass unsere Gemeinschaft reich an Gerechtigkeit und Gerechtigkeitswillen ist, dann wird sie sich hinter uns stellen, weil diese eben nach diesen Prinzipien dürstet.

In den Überlieferungen über die Erscheinung Imam Mahdis (a.) ist vermerkt, dass in dieser Zeit der Grad der Rationalität der Einzelnen gestärkt werden wird. Wie diese Stärkung der Rationalität erreicht wird, weiß nur Gott. Das Ergebnis dieser Rationalität wird das Streben nach Gerechtigkeit sein. Das Wunder Imam Mahdis (a.) ist nicht, dass er Gerechtigkeit verbreitet, denn sollte das Volk nicht nach Gerechtigkeit streben, dann wird auch keine Gerechtigkeit verbreitet werden. Imam Mahdi (a.) wird mit besonderem Wohlwollen Gottes die Gemeinschaft zum Leben erwecken. Sie wird dadurch erst in vollem Maße nach Gerechtigkeit dürsten und danach streben. Der Verstand der Menschen wird entweder aufgrund dessen vervollkommnet, dass Imam Mahdi (a.), wie aus den Überlieferungen hervorgeht, mit seiner heiligen Hand ihre Köpfe berühren wird, oder durch das göttliche Wohlwollen, das ihnen zuteilwird. Was auch immer es sein wird, die Vervollkommnung des Verstandes wird ein Wunder Imam Mahdis (a.) sein. Danach wird die Welt voller Gerechtigkeit und Recht sein. Eine solche Gemeinschaft wird lebendig sein und die Führung der Lebendigen ist leicht. Imam Ali (a.) sagte: „Mein Problem ist, dass ich gegenüber Toten und Unwissenden bin.“ Wir müssen zuerst den Geschmack der Gerechtigkeit kosten und dann die Gemeinschaft nach Gerechtigkeit dürsten lassen. Am Anfang wird diese Arbeit schwierig sein, aber dann in dem Maße süß, dass die Menschen nicht mehr ungerecht sein können.

Der edle Prophet sprach: „Ihr wisst nicht, dass Ungerechtigkeit und Sünden Abfall sind und übel riechen.“ Der normale Mensch gleicht jemandem, der erkältet ist und Gerüche nicht wahrnimmt. Die Sünden und die Ungerechtigkeit gegen sich oder andere hinterlassen einen üblen Geruch. In diesem Zusammenhang sagte der Prophet folgendes: „Macht euch durch das Bitten um Vergebung wohlriechend, damit euch die üblen Gerüche der Sünden nicht bloßstellen.“ [2] Wenn ein Mensch zum wahren Leben gelangt, dann wird er nach der Quelle des Lebenselixiers streben, weil er weiß, dass sein Leben mit eben diesem verbunden ist! Wir sind mit Hilfe der sauberen, klaren Luft am Leben. Deswegen lieben wir die klare Luft sehr. Viele spüren diese Tatsache des Imamats und die Überlieferung: „Jeder, der stirbt, ohne den Imam seiner Zeit zu kennen, stirbt den Tod der Unwissenheit.“ Daher sind sie sehr betrübt und ungeduldig, da sie Imam Mahdi (a.) nicht sehen. Sie wissen, dass sie erst durch die Verbindung mit Imam Mahdi (a.) wahrhaftig lebendig sein werden. Sie sehnen sich nach Imam Mahdi (a.) und rezitieren kontinuierlich das Bittgebet des Bündnisses [Dua al-Ahd].

Im Folgenden sollen die Stufen der Gerechtigkeit und der Ungerechtigkeit erläutert werden. Zu ihnen zählen: Kleine Ungerechtigkeit und kleine Gerechtigkeit, mittlere Ungerechtigkeit und mittlere Gerechtigkeit sowie große Ungerechtigkeit und große Gerechtigkeit. Im kleinen Dschihad (Anstrengung auf Gottes Weg) streben wir nach der kleinen Gerechtigkeit. Die kleine Gerechtigkeit ist die Erlösung aus der Ungerechtigkeit der Tyrannen. Dieser kleine Dschihad und das Erreichen der kleinen Gerechtigkeit ist eine Pflicht für uns alle. Wir haben noch eine mittlere Gerechtigkeit gegenüber einer mittleren Ungerechtigkeit. Die mittlere Gerechtigkeit umfasst gute Eigenschaften des Menschen. Wir müssen uns gute Eigenschaften aneignen und die Laster von uns entfernen. Ein guter Mensch zu werden, der gerecht, gottesfürchtig und tugendhaft ist, entspricht dem mittleren Dschihad. Unser höchster Fortschritt ist ebendieser. In manchen Fällen erreichen Personen auch den großen Dschihad. Der große Dschihad meint die Bemühung, um das Erreichen der Stufe der Anschauung. Unter den Weisen und Mystikern gibt es hier unterschiedliche Auffassungen. Die Ersteren erbringen Beweise, dass das Paradies und die Hölle existieren. Die Zweiten sagen: „Diese Beweise nützen euch selbst; wir wissen, dass das Paradies und die Hölle existieren, aber wir möchten das Paradies und die Hölle sehen.“ Hier ist von der Anschauung die Rede. Auch das Erblicken des geehrten Imam Mahdis (a.) benötigt den großen Dschihad. Der große Dschihad meint nicht, dass man ein guter Mensch ist. Gute Menschen gibt es auf der Erde viele. Der große Dschihad meint, dass der Mensch zur Anschauung gelangt und alles, was er sich wünscht, auch sieht! Beispielsweise ließ Imam Hussayn, der Fürst der Märtyrer (a.), seinen besonderen Gefährten diese Stufe in der Nacht zu Aschura zuteilwerden und sagte: „Seht her, das Paradies ist euer!“ Hier ist von der Anschauung und dem großen Dschihad die Rede. Dies war eine kleine Ausführung über die Gerechtigkeit und das Mahditum. In der Hoffnung, dass wir zum besonderen Wohlwollen Imam Mahdis (a.) gelangen. Möge Allah uns allen vergeben und verzeihen.

Anmerkungen: 1) Nahdsch-ul-Balagha, Predigt 97. 2) Bihar-ul-Anwar, Bd. 7, S. 278.