Hischam ibn al-Hakam

Abdol-Karim Paknia

„Hischam ist der Beschützer unserer Sache [unseres Rechts] und der Vernichter des Geschwätzes und der Nutzlosigkeit unserer Feinde. Ihm zu folgen ist wie uns zu folgen und gleichermaßen ist die Feindschaft zu ihm so, wie mit uns in Feindschaft zu sein.“[1] Mit diesen Worten beschrieb Imam Dschaafar As-Sadiq (a.s.) den Stellenwert von Hischam ibn al-Hakam, einer seiner treuesten Gefährten und Überlieferer der Aussagen der Ahl-ul-Bait (a.s.). Wer war Hischam, der besonders für seine wissenschaftliche und scharfsinnige Argumentation bekannt war?

Hischam – Der Befürworter und Übermittler der Schia

Hischam ibn al-Hakam wurde im zweiten Jahrhundert nach der Hidschra in Kufa geboren. [2] Wegen seines Geburtsortes war er auch unter dem Namen Hischam ibn Hakam Kufi bekannt. Bereits in jungen Jahren widmete er sich den geisteswissenschaftlichen Disziplinen, insbesondere der Theologie und der Philosophie. Hischam hatte sich ausgiebig mit religionsrechtlichen und philosophischen Diskursen auseinandergesetzt, als er seinen Onkel, Umar ibn Yazid ibn Zabyan, darum bat, Imam Dschaafar As-Sadiq (a.s.) vorgestellt zu werden.[3] Nach dem Treffen mit dem Imam empfand Hischam eine außergewöhnlich tiefe Hinwendung zur Ahl-ul-Bait (a.s.), die ihn zur Gefolgschaft der Schia veranlasste. Aufgrund seines weitreichenden Wissensumfangs und seiner Argumentationskunst überzeugte er in religionsrechtlichen Debatten und wurde zum Übermittler der Schia. Hischam zählt zu den entscheidenden Fürsprechern der Ahl-ul-Bait (a.s.) und zu den bedeutenden Vorbildern der Schiiten. Seine Stellung als standhafter Befürworter der Schia lässt sich durch das Verhalten des sechsten und des siebten Imams (a.s.) ihm gegenüber bestätigen. Denn nach dem Ableben Imam Dschaafar As-Sadiqs (a.s.) wurde Hischam zu einer der Gelehrten und Gefährten Imam Kazims (a.s.).

Hischam Ibn Al-Hakam – Der Gefährte von Imam Sadiq (a.s.)

Während einer Pilgerfahrt unterhielt sich Imam Dschaafar As-Sadiq (a.s.) mit seinen gelehrten Anhängern. Anwesend waren unter anderem Hamran Ibn Ain Schaibani, Ghais Ibn Masir, Yunun ibn Yaqub und Abu Dschaafar Ahwal. Als der junge Hischam Ibn Al-Hakam eintrat, verhielt sich der Imam (a.s.) ihm gegenüber sehr aufmerksam und ließ ihn neben sich Platz nehmen. Sein zuvorkommendes Verhalten erklärte der Imam den Anwesenden folgendermaßen: „Dieser junge Mann unterstützt und verteidigt unsere Sache mit all seiner Kraft. Das heißt mit seinem Herzen, seiner Hand und seiner Zunge.“[4] Um die überragende Bildung Hischams darzustellen, stellte ihm der Imam (a.s.) einige Fragen bezüglich der Heiligen Namen Gottes, die er alle vortrefflich zu beantworten wusste. Anschließend wandte sich Imam Dschaafar As-Sadiq (a.s.) Hischam zu und sagte: „Oh Hischam, Gott hat dir diese Vielseitigkeit und diesen Scharfsinn geschenkt, weil du die üblen Handlungen unserer Feinde abwenden musst. Möge Gott dich für dein Wissen belohnen und deine Füße standhaft auf dem Weg Gottes und unserem Weg der Rechtleitung festigen.“ Von da an betrachtete Hischam diese Segnung bzw. dieses Gebet des Imams (a.s.) als den Grund für seine Überzeugungskraft in religiösen wissenschaftlichen Diskussionen.

Hischams Gespräch mit Amr Ibn Ubaid

An einem Tag während der Hadsch wurde Hischam Ibn Al-Hakam gebeten, unter der Anwesenheit des Imams (a.s.) von seinem Gespräch mit Amr Ibn Ubaid zu berichten. Hischam pflegte jedoch einen äußerst respektvollen Umgang mit dem Imam (a.s.) und gab an, nicht die Fähigkeit zu besitzen, um vor ihm sprechen zu können. Nachdem aber Imam Dschaafar As-Sadiq (a.s.) darauf bestanden hatte, schilderte Hischam Ibn Al-Hakam seine Begegnung mit Amr Ibn Ubaid. Jener Amr Ibn Ubaid propagierte in der Moschee von Basra die Ablehnung der Schia und des Imamats. Hischam entschloss sich dazu, ihn mit seiner fundierten Argumentation von der Gefolgschaft der Schia zu überzeugen. Als er dann in der Moschee von Basra angekommen war, näherte er sich Amr Ibn Ubaid.

„Oh Gelehrter. Ich bin ein Fremder. Erlauben Sie mir, ihnen eine Frage zu stellen.“, erkundigte sich Hischam.

Nachdem ihm Amr Ibn Ubaid die Erlaubnis gegeben hatte, fragte Hischam: „Können Sie mir sagen, ob Sie Augen haben?“

„Weshalb fragst du nach etwas, dass Du doch sehen kannst, mein Sohn?“, entgegnete Amr Ibn Ubaid.

„Es tut mir leid, doch meine Fragen sind solcher Art und ich würde Sie bitten, diese zu beantworten.“, erklärte Hischam.

„Wenn das so ist, dann frage, gleich wie seltsam Deine Fragen auch sein mögen.“

So wiederholte Hischam die erste Frage und erhielt eine Antwort. „Wozu dienen sie Ihnen?“

„Ich kann durch sie Farben und Körper sehen.“

„Haben Sie eine Nase?“

„Ja.“

„Wozu dient sie Ihnen?“

„Ich kann mit Hilfe meiner Nase unterschiedliche Düfte riechen.“

„Haben Sie eine Zunge?“

„Ja.“

„Wozu dient sie Ihnen?“

„Ich kann mit ihr schmecken.“

„Haben Sie Ohren?“

„Ja.“

„Wozu dienen diese Ihnen?“

„Durch sie kann ich hören.“

„Und verfügen Sie auch über einen Verstand?“

„Selbstverständlich.“

„Wozu dient Ihnen der Verstand?“

„Mit meinem Verstand analysiere und interpretiere ich das, was mich durch meine fünf Sinne und Körperteile an Informationen erreicht, und entscheide zwischen richtig und falsch.“

„Sind Sie durch Ihre Körperteile und Ihre Sinne denn nicht unabhängig von Ihrem Verstand?“

„Natürlich nicht. Mein Verstand ist die Instanz, die bei Unstimmigkeiten und Zweifel über das, was mein Sinne an meine Körperteile weitergeben, entscheidet.“

„Somit ist der Verstand dafür zuständig, die Zweifel und Unstimmigkeiten der Körperteile zu klären?“ „Könnte man so sagen, ja.“

„Also ist der Verstand notwendig um Zweifel und Verwunderung zu beheben?“

„Ja“

„Sie sagen doch selbst, dass Gott, Der Allmächtige, die verschieden Organe und Körperteile des Menschen in ihrer Verwunderung und ihrem Zweifel nicht ohne einen Führer und Wegweiser gelassen hat, an die Sie sich wenden können. Wie ist es dann möglich, dass Gott seine Geschöpfe in ihrem Zweifel und ihrer Unwissenheit ohne Führung und Leitung gelassen hat?“

Diese Ausführung führte zu einem Schweigen seitens Amr Ibn Ubaid. Nach einer kurzen Stille fragte er: „Woher kommst Du?“

„Aus Kufa.“, antwortete Hischam.

„Ich kenne Dich. Du kannst nur Hischam Ibn Al-Hakam sein.“

So beendete Hischam seinen Bericht von einer Begegnung, in welcher er sein sprachliches Geschick bewies und Amr Ibn Ubaid verstummt zurückließ. Imam Dschaafar As-Sadiq (a.s.) zeigte sich erfreut über Hischams Erzählung und fragte: „Sage Hischam, woher hast Du diese Art des Argumentierens erlernt?“

„Ich habe nur die Worte, die ich von Ihnen hören durfte, in dieser Weise ausgedrückt.“

„Bei Gott, diese Worte wurden im Buch Abrahams und im Buch Moses niedergeschrieben“[5], sagte Imam Dschaafar As-Sadiq (a.s.).

Das Ableben Hischam Ibn Al-Hakams

Auf Befehl Haruns arrangierte Yahya Ibn Khalid ein Treffen mit Hischam Ibn Al-Hakam. Harun beabsichtigte, die Debatte über das Imamat hinter einem Vorhang zu belauschen. Nachdem Hischam aufs Neue das Imamat und die Schia auf fundierte Art und Weise verteidigte, erkannte Harun die Ablehnung Hischams gegenüber dem Kalifat. Aus diesem Grund wollte er Hischam Ibn Al-Hakam die Freiheit entziehen. Hischam floh nach Kufa und fand im Haus von Baschir Nabbal Zuflucht. Etwa zwei Monate später verstarb er.

Anmerkungen: [1] Vgl. Maalem al-Ulama und Ibn Schahr Aschub.  [2] Vgl. Safai, Ahmad: Hischam Ibn Al-Hakam, S. 10.  [3] Vgl. Ridschal Kaschi.  [4] Hudschat-ul-Islam Atai, M. R.: Hischam Ibn Al-Hakam, Bremen 2011, S. 14.  [5] Vgl. Al-Kufi, Bd. 1, S.169.