Imamat und Führerschaft

Ayatollah Dschawadi Amoli

Das Thema „Imamat“ ist eines der lebendigen theologischen, rechtwissenschaftlichen und sozialen Fragen im Islam. Der geehrte Prophet sagte: „Derjenige, der stirbt, ohne den Imam seiner Zeit zu kennen, stirbt den Tod der Unwissenheit.“ [1] Die spezifische Eigenschaft der Ära der Unwissenheit war zweifellos der Götzendienst der Menschen. Aus diesem Grunde bedeutet diese Überlieferung: Wer stirbt, ohne den Imam seiner Zeit gekannt zu haben, ist in Wahrheit als Ungläubiger und Götzendiener gestorben. Der Tod hängt in allen Angelegenheiten von dem Leben ab. Wenn der Tod einer Person oder einer Gruppe wegen Nichtkenntnis des Imams wie der Tod zur Zeit der Unwissenheit (Dschahiliyah) passiert, wird dadurch deutlich, dass auch ihr Leben in Unwissenheit geschah. Aber der Tod einer Person oder einer Gruppe, die ihren Imam gekannt haben, ist ein vernünftiger Abgang, weil ihr Leben ein vernünftiges Leben ist. Jemand, der stirbt, während er seinen Imam kennt, ist wie eine Person, die mit dem sich erhebenden Imam (Imam Mahdi) in seinem Zelt gewesen ist. [2]

So wie Allah durch die genaue Erkenntnis Seiner Göttlichkeit und der Gesandte durch die Erkenntnis der Botschaft (Resalat) erkannt werden, wird der Imam durch die Führerschaft (Imamat) erkannt. In diesem Zusammenhang sagte der Fürst der Gläubigen, Imam Ali (a.s.) Folgendes: „Erkennt Allah durch Allah, den Gesandten durch seine Botschaft und die Befehlshaber durch den Geheiß zum Guten, zur Gerechtigkeit und Wohltätigkeit.“ [3] Das Imamat bedeutet die hohe Stellung der Führung der menschlichen Gesellschaft mithilfe der göttlichen Offenbarung. Aus dem Grunde umfasst das Imamat auch die Botschaft des geehrten Propheten. Er besaß nämlich neben den Angelegenheiten des Prophetentums und der göttlichen Botschaft auch die hohe Stellung des Imamats.

Die Notwendigkeit des Imamats

So wie Allah Seiner Weisheit entsprechend durch die Schöpfung der Welt und dadurch, dass Er sie dem Menschen dienstbar gemacht hat, alle materiellen Bedürfnisse gestillt und die Mittel der menschlichen Entwicklung bereitgestellt und ebenfalls durch die Sendung der Propheten mit dem Gesetz und dem himmlischen Buch die Mittel der menschlichen Erreichung der wahren Vollkommenheit und echten Glückseligkeit geschaffen hat, so erfordert Seine Weisheit auch, dass Er für die Fortsetzung der Führung und Rechtleitung der menschlichen Gesellschaft nach dem Propheten im Sinne der präzisen Einhaltung und Durchführung der Gesetze und Gebote des Islam in all seinen Dimensionen einen Imam und Statthalter der islamischen Gesellschaft bestimmt und damit dem Verlangen der Gesellschaft nach einem Wegweiser entgegenkommt. Die Schiiten sind der Überzeugung, dass Allah Seiner Weisheit entsprechend gehandelt und einen Führer für die islamische Gesellschaft nach dem Propheten  ernannt hat.

Es wird in diesem Zusammenhang Folgendes von Imam Reza (a.s.) überliefert: Wenn man über die Philosophie der Führung der Imame und die Notwendigkeit des Gehorsams gegenüber ihnen fragt, wird wie folgt geantwortet: „Es hat viele Gründe. Einer der Gründe ist, dass die Gesellschaft auf die Gesetze angewiesen ist und die Menschen die Gesetze nicht übertreten dürfen, weil diese zu übertreten, zu Unheil und Verderb der Gesellschaft führen würde. Um diese Gesetze zu schützen benötigt man einen zuverlässigen Wächter. Andernfalls würde niemand auf seine eigenen Interessen und Freude, auch wenn diese zum Verderb der Gesellschaft führen würden, verzichten. Dementsprechend bestimmt Allah eine Person, die das Unheil verhindert und die Gesetze und Vorschriften in der Gesellschaft umsetzt. Ein anderer Grund ist, dass keine Gemeinschaft und kein Volk ohne Leiter und Führer weiter existieren und die religiösen und irdischen Angelegenheiten, die unbedingt verwaltet werden sollten, leiten kann. Aus diesem Grunde erlaubt die Weisheit Allahs nicht, dass Er den Menschen das, was sie benötigen und worauf sie angewiesen sind, vorenthält, wie z.B.: Krieg gegen Feinde, Teilung der Güter, Verrichtung des Freitags- und Gemeinschaftsgebets und Verhinderung der Unterdrückung der Unterdrücker gegenüber den Unterdrückten.“ [4]

Die Notwendigkeit der Erhaltung des Islam und die Aufklärung seiner Lehren

Das, was in der Thematik „Imamat“ in erster Linie wichtig ist, ist die Nachfolgerschaft des Propheten in der Aufklärung und Erläuterung der Religion. Zweifelsohne ist es nötig, dass die göttlichen Gesetze und Verse, die von Allah herabgesandt worden sind, aufgeklärt und erläutert werden. Diese wichtige Aufgabe wurde in den Lebzeiten des Propheten von ihm selbst erfüllt. Die Menschen fragten ihn persönlich nach den Bedeutungen der Verse und dem Islam. Aber die Frage ist, ob alle Gesetze und Lehren des Islams aus dem Qur’an und der Sunnah des Propheten entnommen sind. Natürlich kann das, über das der Prophet den Menschen aufgeklärt hat, nicht die ganzen Bestimmungen des Islam sein. Denn die Leute waren in der Zeit des Propheten mit vielen islamischen Fragen noch nicht konfrontiert. Mit der Zeit tauchten neue Fragen auf.

Ebenfalls unter Berücksichtigung dessen, dass der Islam eine Religion ist, die bis zum jüngsten Tag fortbestehen wird und es auch die Gefahr der Entstellung und der Verfälschung in der Religion seitens der Feinde steht, ist die Existenz der Experten notwendig, die in der Schule des Propheten erzogen worden sind, die Erben seines Wissens sind und das Wissen der Religion aus der Quelle geschöpft haben, damit diese nach dem Ableben des Propheten die islamischen Gesetze und Lehren aufklären und gegen die Verfälschungen und den Aberglauben kämpfen. Die Ernennung dieser Personen als die kompetenten und legitimierten Experten der Religion und die Behüter des Islam sollten seitens Allahs bestimmt werden. Andernfalls würde dies die Unzulänglichkeit der Religion bedeuten und zu deren Zerstörung führen. Imam Reza (a.s.) sagte: „Ein weiterer Grund ist Folgender: Wenn Allah für die Menschen keinen vertrauenswürdigen und zuverlässigen Führer, Vormund und Beschützer bestimmt hätte, wäre die Religion allmählich verloren gegangen. Die Sunnah und die Gesetze wären abgeändert worden, man hätten etwas davon weggenommen, dazugetan oder gar die Wahrheit für die Muslime verdreht.“ [5]

Zusätzlich zu den oben genannten Gründen gibt es andere Zeugnisse, die das Imamat belegen. Der folgende heilige Vers ist ein Beweis für die Fortsetzung der himmlischen Führerschaft. „Du bist nur ein Warner. Und für jedes Volk wird ein Führer (Rechtleitender) eingesetzt.“ (Ar-Raad:7) Aba Bassir überliefert von Imam Sadiq (a.s.) über diesen Vers Folgendes: „Der Prophet ist der Warner und Imam Ali der Führer.“ Danach sagte er: O Aba Bassir! Gibt es heute einen Führer? Aba Bassir sagte: „Ja, es gab unter euch immer einen Führer nach dem anderen bis die Führerschaft Dich erreicht hat.“ Dann sagte Imam Sadiq (a.s.): „Allah möge dich segnen. [6]

Dadurch wird ersichtlich, dass der Satz „für jedes Volk wird ein Führer eingesetzt“ auf die Notwendigkeit des Imamat in jeder Zeit und in jeder Generation hinweist und man diesen Vers nicht nur auf eine Person beschränken sollte, denn die Fortsetzung des Imamat ist eine fortbestehende göttliche Verfahrensweise. Weiterhin wird in Sure Fatir, Vers 24 gesagt: „Es gibt kein Volk, das nicht seinen Warnenden gehabt hätte.“ Zwar kann die Bereitschaft der Menschen zur Herabsendung der verborgenen Segnungen führen, jedoch verhindert ihre Fahrlässigkeit die Weiterführung des göttlichen Vorgehens nicht. Im Tafsir von Ali bin Ibrahim wird bei der Auslegung des Verses „Sollen Wir da die Ermahnung von euch abwenden, weil ihr ein maßloses Volk seid?“ (Az-Zukhruf:5) überliefert: „Eure Maßlosigkeit führt nicht dazu, dass wir für euch keinen Propheten, Führer oder Beweis von ihnen bestimmen.“ [7]

Es sollte noch gesagt werden, dass die Unfehlbarkeit im Imamat wie im Prophetentum notwendig ist. Es ist hier zu beachten, dass die Unfehlbarkeit nicht ganz erkannt werden kann, denn was sich in der Ebene der Tat manifestiert, zeigt nur eine gemeinsame Eigenschaft, die zwischen der Unfehlbarkeit und der Gerechtigkeit steht und weist nie auf das Merkmal der Unfehlbarkeit hin. Folglich kann die Unfehlbarkeit durch die Schönheit des Äußerlichen und dergleichen nicht entdeckt werden. Aus diesem Grunde wird das Imamat nur durch die Verkündung Allahs, der das Verborgene und das Sichtbare kennt, erkannt. Ebenfalls sollte angemerkt werden, dass man die Wilayah (Bevormundung) durch große Anstrengung und Gottesfurcht erlangen kann. Aber das Imamat ist eine besondere göttliche Gnade, die nur von Allah beschert wird und niemals durch eigene Anstrengung oder durch die Gabe und den Beschluss der Anderen vergeben wird. „Dein Herr erschafft und erwählt, was Ihm gefällt. Nicht ihnen steht die Wahl zu. Gepriesen sei Allah und hoch erhaben über das, was sie anbeten!“ (Al-Qasas:68)

Durch zwei Wege kann man das Imamat eines unfehlbaren Imams entdecken: Der eine ist das Wunder, das sich in Tat oder in Wort ereignet, wie das Berichten über das Verborgene usw. und der andere ist das klare Wort (die endgültige Äußerung) des vorherigen Imams. Diese Äußerung geschieht entweder durch direkte Hinweisung auf eine Person, z.B. sagt der Prophet oder der Imam: „Der Imam nach mir ist jener mein Sohn“, oder durch indirekte Hinweisung unter Berücksichtigung der Stufen der Notwendigkeit, z.B. sagt er: „Jener mein Sohn ist der Angesehenste der Menschen seiner Zeit.“ Wer das Imamat behauptet und für seine Behauptung Wunder zeigt oder es einen klaren, überlieferten Beweis für sein Imamat gibt, so ist sein Imamat bewiesen.

Wer gerecht ist, wird nach der Erkenntnis das Imamat des Imams anerkennen. Wer aber stur ist, wird trotz seiner klaren Erkenntnis an ihn nicht glauben. „Und sie verwarfen sie in Ungerechtigkeit und Hochmut, während ihre Seelen doch von ihnen überzeugt waren.“ (An-Naml: 14) Man zeigt seine Akzeptanz und Überzeugung durch den Schwur, Treueeid usw. Folglich wird das Amt des Imamat nur durch göttliche Gnade erteilt und wird für eine bestimmte Person durch das Wunder oder das klare Wort bewiesen – Natürlich kann es auch gleichzeitig durch beiden erwiesen werden. Der Schwur und der Treueeid der Menschen sind nur Zeichen ihrer Akzeptanz und Gefolgschaft. Aus diesem Grunde spielen der Schwur und Treueeid weder an der Entstehung noch an der Beweisführung eine Rolle.

Da die Schöpfung und die Ernennung des Imams zu den göttlichen Attributen und Handlungen gehören, steht der Glaube an das Imamat auf der Linie des Monotheismus und des Prophetentums und insofern gibt es keinen Unterschied zwischen dem Imam und Ummah (der islamischen Gemeinde). Die beiden müssen an das Imamat glauben. Weil der Imam mit der Führung der Gesellschaft verpflichtet ist, ist das Handeln dem gemäß auf der Linie der anderen religiösen Pflichten platziert. Und weil die Akzeptanz der Führung des Imams eine Pflicht für die Gesellschaft ist, ist der Gehorsam gegenüber dem Amt des Imamat mit den anderen Pflichten wie dem Gebet, dem Zakat usw. als Teil der Fundamente des Islam genannt. Anhand dieser Analyse wird die Bedeutung der folgenden edlen Überlieferung ersichtlich. „Der Islam wurde auf fünf (Säulen) aufgebaut, auf dem Ritualgebet, der Zakat, dem Fasten, der Pilgerfahrt und dem Führungsauftrag [Wilayah]. Es wurde zu nichts aufgerufen, wie es zu Wilayah aufgerufen wurde.“ [8]

Daraus geht hervor, dass das Imamat der Schlüssel aller Bestimmungen auf der Ebene der Bildung, Erziehung und auf der Ebene der Handlung ist. Der Imam ist verpflichtet, die Umsetzung und Durchführung dieser zu gewährleisten. Diese Tatsache lässt sich folgendermaßen erklären: Obwohl das Gebet und andere Pflichten in vielen Versen und Überlieferungen verkündet wurden, ist aber auf der Himmelsreise (Miradj) des Propheten kein – Thema von Allah so angegangen worden, wie die „Wilayah“. Es wird von Imam Sadiq (a.s.) folgendes überliefert: „Der Gesandte Allahs wurde 120 mal in den Himmel geführt und jedes Mal hat Allah, der Erhabene, den Gesandten auf die Bedeutung der Wilayah von Ali und den Imamen hingewiesen und ihm die Wichtigkeit nahegelegt, mehr als Er dies bei den Pflichtgeboten tat.“ [9]

Ebenfalls wurde bei der Verbreitung der Religion kein Thema zwischen dem heiligen Propheten und den Menschen so häufig besprochen, wie die Wilayah. Die Bedeutung wird noch einmal an Hand der folgenden Verse verdeutlicht: „O du Gesandter! Verkünde, was zu dir hinabgesandt ward von deinem Herrn; und wenn du es nicht tust, so hast du Seine Botschaft nicht verkündet.“ (Al-Maide: 67) Der Umgang mit diesem Thema sowie die öffentliche Bekanntmachung und die Generalversammlung zum wichtigsten Zeitpunkt – während der Rückkehr von der letzten Pilgerfahrt, am Tag von „Ghadir-e-Chumm“, ist beispiellos und hat für keinen der anderen religiösen Verpflichtungen und Gebote in dieser Form stattgefunden. In diesem Zusammenhang sagte Imam Baqir (a.s.): „Zu nichts anderes wurde am Tag von Ghadir aufgerufen, wie zur Wilayah.“ [10] Mit dieser Erläuterung wird die Bedeutung und Sinn der zahlreichen Überlieferungen, die auf die Größe und Wichtigkeit der Wilayah und dessen Einfluss auf die Akzeptanz der Taten hinweisen, deutlich.

Anmerkungen: [1] Kafi, B. 2, S. 21.  [2] Mahasine Barqi, B. 1, S. 156.  [3] Kafi, B. 1, S. 85.  [4] Uyune Achbar al-Reza, Bab 34, Hadith 1.  [5] Uyune Achbar al-Reza, Bab 34, Hadith 1.  [6] Bihar-al-Anwar, B. 23, S. 4, zitiert von Basair al-Daradschat, S. 31.  [7] Tafsir al-Qomi, B. 2, S. 280.  [8] Kafi, B. 2, S. 18.  [9] Bihar-al-Anwar, B. 23, S. 69.  [10] Kafi, B. 2, S. 21.