Individuelle Aspekte der Pilgerfahrt

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Die meisten Muslime sind mit diesem Thema vertraut und manche haben vielleicht schon ein- oder mehrmals diese islamische Grundpflicht erfüllt. Trotzdem werde ich versuchen, für diejenigen, die mit diesem Ereignis weniger bekannt sind, einige seiner Aspekte hervorzuheben, und ich hoffe, dass es in den anderen zumindest gute Erinnerungen an dieses faszinierende Erlebnis im Leben eines Muslims weckt. Bekanntlich ist die Hadsch eine islamische Pflicht, die jeder Muslim, der die physischen und finanziellen Möglichkeiten dazu besitzt, mindestens einmal in seinem Leben zu einer bestimmten Zeit im Monat Dhul-Hidscha zu verrichten hat.

Jährlich nehmen mehr als zwei Millionen Muslime aus allen Ländern der Welt daran teil. Verschiedene Rassen, Hautfarben, Kulturen und Sprachen mischen sich untereinander und verschmelzen in der Gleichheit eines göttlichen Glaubens. Sie repräsentieren die höchste Einheit in der äußersten Mannigfaltigkeit. Die Hadsch ist ohne Zweifel eine der eindrucksvollsten Manifestationen des islamischen Monotheismus (tauhid). Menschen aus aller Welt, die sich bis dahin noch nie gesehen haben, versammeln sich für einige Tage an einem bestimmten Ort. Dieser Ort ist das Zentrum ihres Glaubens, in dessen Richtung sie jahrelang als Symbol ihrer Einheit ihr Gebet verrichten haben, eine Stätte, mit der sie gut vertraut sind, obwohl sie sie bisher noch nie gesehen haben.

Alle Fremdheit verliert sich im Bund des einheitlichen Glaubens, alle Schranken der Unterschiede fallen und man erlebt mit Erstaunen, wie Menschen sich unmittelbar miteinander verbunden fühlen können und sich für einige Tage aus dem Bann ihres alltäglichen Lebens mit all ihren persönlichen Zielsetzungen und Problemen loszulösen und zu einer Einheit zusammenzufügen vermögen. Alle Gebote und Rituale der Hadsch weisen auf dieses Ziel hin. Der Muslim soll sich als Muslim, als derjenige Mensch fühlen, der Gott – und nur Gott allein – ergeben ist. Er besucht das Haus Gottes, das Bayt-Allah.

Er zieht hinaus, aus seinem Haus, seinem Zelt, aus seinem Leben, seinen Gewohnheiten, kurz: er zieht hinaus aus seinem eigenen Ich, zum gnädigen, allmächtigen, barmherzigen Schöpfer und Herrn. Schon das Wort Hadsch (d.h. Hinwendung) weist darauf hin. Hadsch ist eine Reise, eine Reise aus sich selbst hinaus zu Ihm. Eine Reise auf der der Mensch, Frau und Mann, all jene Hürden überwinden soll, die ihn von Ihm trennen. Es ist eine Reise, auf der man die Reinheit des Glaubens gewinnen soll, die innere sowie die äußere Reinheit.

Sogar der erste Schritt zeigt schon, wohin diese Reise gehen soll. Du sollst dich dann auf diese Reise begeben, wenn deine Mittel zu dieser Reise, d.h. dein Geld und dein Eigentum, von allem, was anderen gehört, gereinigt ist. Du sollst jegliches Eigentum der anderen diesen übergeben, deine Schulden gegenüber den anderen getilgt, die Pflichten gegenüber anderen Mitmenschen erfüllt haben.

Erst dann darfst du dich auf die Reise begeben. Der wahrhaftige Muslim muss sich von seinem Hab und Gut trennen können. Obwohl der Islam das diesseitige Leben des Menschen mit all seinen Bedürfnissen und Motiven ernst nimmt und sich nicht von seinem weltlichen Leben als etwas verwerflichem oder gar schlechtem abwendet, will er den Menschen so erziehen, dass die weltlichen Bedürfnisse und Genüsse ihn nicht von seinem letztendlichen Ziel abhalten.

Der zweite Schritt erfolgt dann, wenn du dich Mekka näherst. Hier, im Umkreis von einigen Kilometern, ist die Grenze des Haram (des Verbotenen), und du sollst sie nicht überschreiten, bis du dich auf die Begegnung mit Gott vorbereitet hast. An vier Treffpunkten (mawaqit) sammeln sich am Anfang des Monats Dhul-Hidscha die Huschadsch (Pilger), und hier beginnt die bisher vielleicht größte Umwandlung ihres Lebens. Sie begeben sich in den Ihram (Weihezustand) und werden Muhrim.

Es ist wirklich interessant, welchen Sinn der Islam dabei verfolgt. Diese Absichten spiegeln sich in den Geboten und Verboten der Hadsch wieder. Zuerst soll die Unterschiedlichkeit der Bekleidung, welche die Muslime auf den ersten Blick voneinander trennt, aufgehoben werden. Der Mann zieht nach dem Waschen seines Körpers (ghusl) seine Alltagskleidung aus und umhüllt sich mit zwei umgenähten weißen Tüchern, eines als Lendenschurz und eines als Bedeckung des Oberköpers.

Die Frau wechselt ihre Bekleidung gegen einen weißen Überzug, der den ganzen Körper mit Ausnahme des Gesichtes umhüllt. Der weiße Stoff muss ohne jegliche Verzierung sein. Somit begeben sich alle in eine einheitliche schlichte Bekleidung und der Unterschied zwischen Arm und Reich und Heimisch und Fremd entfällt. Mode, Schnitt, Farbe, alles, was als Auszeichnung einer Bekleidung gilt, verliert sich.

Du ziehst die Schuhe aus und darfst in den nächsten Tagen nur Sandalen tragen, die den gesamten Fußrücken nicht bedecken. Dann entledigst du dich jeglichen Schmucks und jeder äußerlichen Zierde. Du darfst in diesen Tagen kein Parfüm und keine Kosmetika verwenden. Die Eigenartigkeit und Einmaligkeit der Hadsch zeichnet sich auch hier ab. Obwohl der Islam ansonsten und besonders für das tägliche Gemeinschaftsgebet ausdrücklich empfiehlt, dass man seine besten Kleider anziehen, auf sein gepflegtes Aussehen achten und sich vor dem Verlassen des Hauses im Spiegel betrachten und besonders in der Moschee auch die äußerliche Zierde nicht meiden soll, ist es hier während der Zeit, da du Muhrim bist, ganz anders. Hier darfst du in diesen Tagen kein Parfüm benutzen, auf deinen Körper kein Pflege-Öl auftragen, deine Haare und Fingernägel nicht kürzen, ja, sogar im Spiegel darfst du dich nicht beschauen.

Als Mann darfst du von nun an den Kopf nicht mehr bedecken und von keinem Schattenspender Gebrauch machen. Kurzum: Du übst in diesen wenigen Tagen des Ihram, dich auch von manchem, was an und für sich nichts Verwerfliches oder Unerlaubtes ist, zu trennen, und es ist in der Tat eine neue Erfahrung, im Leben dem Begehren des Herzens mal nicht nachzugeben, sich zu enthalten, sich zu beherrschen, auf Situationen vorzubereiten, in denen höhere Ziele im Leben dich vor die schwierige Entscheidung zwischen dem Nachgeben deines Begehrens oder seiner Überwindung stellen.

Aber die Gebote und Verbote des Ihram beschränken sich nicht nur auf das Äußere. Von nun an musst du den Geschlechtsverkehr und jegliche andere Art des sexuellen Genusses meiden. Du sollst mit der Natur Frieden schließen. Von nun an darfst du keine Pflanze beschädigen oder entwurzeln, kein Tier jagen, töten oder verjagen, nicht einmal die Insekten, die sich auf deinem Körper niederlassen.

Du darfst keine Waffen tragen, dich nicht mit anderen streiten, deine Stimme nicht im Zorn erheben, nicht lügen, keine abfällige Rede oder Geste äußern, dich nicht brüsten, du sollst nicht schwören, du sollst Frieden schließen mit deinen Mitmenschen, die alle dem gleichen Ziel zustreben: Sie wollen alle zum Hause Gottes, sind Seine Gäste.

Nun, da du dich vorbereitet hast, erhebst du deine Stimme und rufst: „Labbaik Allah humma labbaik Labbaik la sharika laka labbaik Innal hamda Wan-ni’mata Laka walmulk Laa sharika lak.” „Ich bin hier, Dir zu Diensten, o mein Gott. Ich bin hier, Dir zu Diensten. O mein Gott. Ich bin hier, Dir zu Diensten, Du hast keinen Gefährten. Dir sind Lobpreisung und Segen, und Dein ist die Herrschaft. Du hast keinen Gefährten.“

Jetzt darfst du das Gebiet um Mekka betreten. Du näherst dich der Stadt, während du diesen Spruch wiederholst, ihn in deinem Innern wiederhallen lässt: Labbaik Allah humma labbaik. „Ich bin hier, Dir zu Diensten!“ bis du aus der Ferne die Stadt erblickst. Nun verstimmt die Stimme, stattdessen spricht dein Herz. Du betrittst Al-Masdschid-ul-Haram.

Mit jedem Schritt kommst du näher ans Ziel, bis du die Kaaba siehst. Der erste Anblick der Kaaba ist überwältigend. Ich habe es selbst erlebt, und auch jeder, den ich gefragt habe, hat dies bestätigt. Du stehst vor dem geistigen Mittelpunkt der islamischen Welt. Dieses schlichte würfelförmige Haus, deine Qibla, steht vor dir, schwarzumhüllt. Schlicht und erhaben zugleich.

Ich muss sagen, dass ich viele eindrucksvolle Bauten gesehen habe, Gebäude, deren Architektur und kunstvolle Strukturen den Blick in sich gefangen halten. Auch viele Gotteshäuser, die gewaltig auf den Betrachter wirken. Als Kind, aber auch vor  nicht allzu langer Zeit habe ich in Rom den Petersdom gesehen, Jahrhunderte altes Herzstück der christlichen Religion und Mittelpunkt des katholischen Glaubens. Ich muss sagen, dass dieses Gotteshaus wirklich beeindruckend ist.

Jede Ecke dieses Gebäudes zeigt ihre eigene einzigartige Schönheit an Architektur und Kunstgebilden: Die Kuppel mit dem hohen Gewölbe, das Kirchenschiff, die Nebenflügel, die Treppen, die zu den Gräbern von Petrus und Paulus führen, die Kanzel, der wundervolle Altar mit dem Thron Gottes hoch über den Wolken, der Fußboden mit den reichverzierten Mosaiken, die hohen Wände mit den einmaligen Fresken und nicht zuletzt die wunderbaren Skulpturen der weltberühmten Bildhauer, allen voran die des Michelangelo. Sie alle zeigen die prachtvolle Kunstfertigkeit des menschlichen Könnens, aber sie zeugen auch von der innigen Liebe und dem tiefen Glauben der Menschen, die sie erschaffen haben.

Auch den eindrucksvollen Dom in Mailand habe ich gesehen, die Notre Dame Kathedrale in Paris, die Kathedrale San Marco in Venedig. Ich sah auch die legendären Zikkurate der Ureinwohner Mesopotamiens, siebenstöckige Gebäude mit ihren gewaltigen geometrisch gestalteten Plattformen und den mühevoll mit Keilschrift beschriebenen Wänden, die Ruinen von Babylon, die überdimensionalen Reste des Tempels in Baalbak in Libanon und den Anahita-Tempel in Nischapur, aber auch prächtige Moscheen in Isfahan im Iran oder Irak, die Umayyaden-Moschee in Damaskus in Syrien, die Sultan Ahmad Moschee und die Hagia Sophia in Istanbul in der Türkei. Aber ich muss gestehen, dass der Anblick keines dieser Gebäude mich so ergriffen hat wie der erste Anblick der Kaaba.

Die verblüffende Einfachheit und Schlichtheit dieses gleichmäßig geformten Gebäudes lenkt deinen Blick nicht auf irgendwelche Strukturen oder Ornamente, es saugt deinen Blick auf in seiner Einfachheit, zieht dich an und reflektiert deine Aufmerksamkeit auf dich selbst zurück. Es ist das Haus Gottes, soll das Symbol Seiner Erhabenheit darstellen und nicht die Kunstfertigkeit des Menschen. Der Kontrast zwischen dem mächtigen Gebäude der Moschee, die in drei Stockwerken fast 2 Millionen Menschen fassen kann, und der im Mittelpunkt stehenden einfachen Kaaba, die die Unmittelbarkeit des menschlichen Bezugs zu Gott manifestiert, ist enorm.

Dies ist das Haus, welches Abraham und Ismail erstmals errichtet haben, und das der Islam von allen Zeichen der Vielgötterei gereinigt und zum Zentrum des Taahid erhoben hat. Du beginnst den Tawaf, gehst siebenmal um die Kaaba. Du spürst die Nähe zu Gott. Dein Körper und deine Selle vereinigen sich in dieser Bewegung. Dein ganzes Dasein, dein ganzes Leben dreht sich um diese Achse. Dann gehst du für den Sa‘y zu Safa und Marwa, ursprünglich zwei kleine felsige Hügel in der Nähe der Kaaba, die nun aber überdacht sind. Hier war Hagar, die Frau Abrahams, auf ihrer verzweifelten Suche nach Wasser für ihren Säugling siebenmal von Safa bis Marwa und zurück gerannt.

Jedes Mal wähnte sie am anderen Ende das kostbare Wasser zu sehen. Und du gehst eiligen Schrittes den gleichen Weg. Er zeigt den Verlauf deines Lebens, das hin- und Zurückstreben nach dem vermeintlichen Glück. Und jedes Mal, wenn du die Kaaba erblickst, beschleunigst du Hagar nachahmend den Schritt, denn auch sie hatte ihren Lauf jedes Mal beim Anblick des durstenden Säuglings beschleunigt. Dann schneidest du ein Stück von deinem Haar und deinen Nägeln ab und gibst für einige Tage den Zustand des Ihram auf. Alle besonderen Gebote und Verbote des Ihram sind aufgehoben, denn du sollst Kräfte sammeln für ein größeres Ereignis, die eigentlichen Hadsch.

Am achten Tag des Monats Dhul-Hidscha brechen alle Hudschadsch in Richtung „Arafat“ auf. Du wirst wieder Muhrim, bekleidest dich wieder mit Ihram und ziehst in die Wüste „Arafat in der Nähe von Mekka. Du verlässt die Stadt und ihre Annehmlichkeiten und begibst dich in die karge Wüste. „ Arafat bedeutet Stätte der Erkenntnis. Du sollst zu dir kommen, dich selbst und deinen Herrn erkennen, eine Nacht dort unter primitiven Zelten verbringen, am Tage darauf, dem Tag von „Arafa“ (Erkennen), den Dschabal ar-Rahma (Berg der Barmherzigkeit) besteigen und dort mit deinem ganzen Herzen das wundervolle Gebet von „Arafa“ sprechen. Dann brechen alle wieder auf.

Mehr als drei Millionen Menschen, alle in gleicher Bekleidung, alle mit dem gleichen Ziel, Individuen, die sich zu Wogen von Menschen zusammenfügen. Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl. Auf der einen Seite bist du allein, weit entfernt von deiner Heimat, deinen gewohnten Leben, deinen Verwandten. Du müsstest dich eigentlich einsam fühlen in dieser Wüste, wo dein Obdach wieder nur primitive Zelte sind, aber du fühlst dich geborgen inmitten anderer Menschen, die du vorher nicht gekannt hast, zu denen du dich aber hingezogen fühlst. Sie sind deine Schwestern und Brüder im Islam.

Es geht weiter zu einer anderen Wüste: Mas’ar, wieder vielbedeutend, die Wüste des Bewusstseins. Hier wird deine gewonnene Erkenntnis vertieft, dringt in dein Inneres ein, wird zur Bewusstheit. Aber genau wie im alltäglichen Leben genügt das Erkennen der Wahrheit nicht. Vor dir steht der felsige dornige Weg des Lebens. Du wirst vor den Prüfungen der Versuchung stehen.

Du sollst nach Mina gehen. Man sagt, dass Mina vielleicht von Muna abgeleitet ist. Wenn dies stimmt, bedeutet es die Wüste der Wünsche und des Begehrens. Dort wird dich die Versuchung einholen, genauso wie sie in Gestalt des Satans Jesus versuchen wollte. Deshalb sammelst du hier in Mas’ar während der Nacht Steine. Sie sollen die Versuchung von dir abweisen.

Im Morgengrauen betrittst du nach dem Morgengebet Mina. Dort wirst du die drei Steinsäulen als Symbole mehrmaliger Versuchung durch den Satan mit Steinen bewerfen. Die Steine der Bewusstheit sollen das Frohlocken der Versuchung von dir weisen. Aber du weißt, dass die eigentliche Quelle der Versuchung in deinem Innern ist. Du bewirfst deine eigene Selbstsucht, deinen Hochmut, deine Heuchelei, deine Zaghaftigkeit im Einsatz für die Wahrheit und die Gerechtigkeit.

Dreimal wirst du diese Tat wiederholen, denn auch in deinem Leben schleicht sich die durch die Tür hinausgeworfene Versuchung durch die Hintertreppe wieder ein. Dein ganzes Leben ist umspannt von der Erkenntnis und dem Streben nach der Wahrheit und dem Ringen mit den Versuchungen, die dich auf deinem Wege aufhalten wollen.

Nun kommt es zum Höhepunkt der Hadsch, zur Opfergabe. Du opferst ein Tier als Zeichen deiner Hingabe zu und deiner Ergebenheit in Gott. Damit folgst du wieder Abraham, dem Stammvater aller monotheistischen Religionen. Er sah im Traum, wie er seinen Sohn opferte, den langersehnten Sohn, der ihm im hohen Alter geschenkt worden war, und den er über alles liebte. Dreimal wiederholte sich der Traum. Ein Sturm erhob sich im Innern Abrahams.

Soll dieser Traum Wahrheit werden? Soll dies eine Aufforderung zu solch‘ einer unerhörten Tat sein? Wie kann ich mich von meinem Allerliebsten im Leben trennen, meinen Sohn eigenhändig opfern? Aber er überwindet schließlich seinen Zweifel und teilt es seinem Sohn mit. Beide, Vater und Sohn, konnten aus freiem Willen ihre Selbstsucht und Eigenwilligkeit überwinden. Abraham begann das Werk zu vollbringen. Da kam das Gebot: „Abraham, halt ein. Wir wissen, dass du dich zu diesem Werk unwiderruflich entschlossen hast. Dies war nur eine Prüfung, die ihr beide bestanden habt, die Prüfung deiner Gottergebenheit und Gottesliebe. Opfere nun anstatt deines Sohnes ein Tier.“

Und von da an wird er Al-Khalil genannt, der Freund Gottes, denn diesen Schritt hat er nicht aus Zwang oder Furcht getan, sondern aus Liebe zu Gott, und deshalb erlangt er nun auch die Ehre, Gottes Freund zu sein. Und du ahmst Abraham nach, indem du ein Tier opferst als Zeichen dafür, dass auch du auf diesem Wege alles, was dir lieb ist, aufopfern kannst. Aber in dir bohrt die ernste Frage: Bist du wirklich so weit wie Abraham? Kannst du dich wirklich von deinem Gewinn, deinem Vorteil, deinem Begehren trennen? Geschweige denn von dem, was dir lieb ist, und sogar von deinem Allerliebsten? Diese Frage wird dich nie mehr in Ruhe lassen.

Gott braucht weder das Leben des Sohnes Abrahams, noch die Opferung eines Tieres. Über die Opfertiere spricht Er zu uns im Koran. „Ihr Fleisch erreicht Allah nicht, noch tut es ihr Blut, sondern eure Gottesfurcht ist es, die ihn erreicht.“ (Al-Hadsch: 37) Damit ist der Gipfelpunkt der Hadsch erreicht. Dies ist das größte Fest der Muslime, Id-ul-Adha, oder Id-ul-Ghurban, und Ghurban bedeutet das, was dich in Seine Nähe bringt.

Der Hadsch hebt damit die letzten Hindernisse zwischen sich und seinem Herrn auf. Er spürt die wunderbare Nähe zu Gott. Aber auch diese Nähe könnte verführerisch sein und dich mit Hochmut erfüllen, dir zu Kopfe steigen. Deswegen sollst du als Mann gleich nach dem Opfern dein Kopfhaar rasieren lassen. Es ist die letzte Zierde, die du nun auch hingibst.

Von Mina brechen die Hudschadsch dann nach Mekka auf. Hier betrittst du wieder die Masdschid-ul-Haram. Du machst den Tawaf, um nochmals den Mittelpunkt deines Lebens und Wandelns zu umkreisen, strebst wieder siebenmal von Safa nach Marwah und zurück, verrichtest wieder dein Gebet hinter der Stätte, wo Abraham beim Aufbau der Kaaba gestanden hat (Maqam Ibrahim). Nun sollst du wiedereingeführt werden in den dir gewohnten Lebensverlauf. Die erste Person, zu der du die engste Beziehung hast, ist dein Ehepartner.

Aber auch diese Beziehung soll nun aufgrund der hier gewonnen tieferen Erkenntnis Gottes wiederaufgebaut werden. Du darfst mit deinem Ehepartner erst wieder in den intimsten und privatesten Bereich deines Lebens eintreten, wenn du die sieben Tawaf und die zwei Rak’a des Nisa-Gebtes verrichtet hast. Sonst kannst du mit deinem Ehepartner diese Beziehung nicht aufnehmen. Und wenn du es vergessen und vor der Rückkehr in deine Heimat nicht nachgeholt hast, musst du es ein Jahr später nachholen, oder jemanden, der zur Hadsch geht, bitten, dies an deiner Stelle zu verrichten.

Nach dieser Handlung trittst du aus dem Zustand des Ihram heraus und kehrst zum normalen Verlauf deines Lebens zurück. Die Hadsch ist zu Ende. Manche nutzen die Zeit noch aus, um den Dschabal al-Nur zu besteigen, einen nicht allzu hohen Berg in der Nähe Mekkas. Hierhin hatte sich Muhammad (s.a.) vor seiner Berufung zum Propheten alljährlich für einige Tage vom Trubel der Stadt Mekka zurückgezogen, oben in eine kleine Grotte namens Hara. Ich habe mich mit einigen Reisegefährten auf dem Weg gemacht, um diese Stätte zu besuchen.

Es war kurz nach Mitternacht; wir wollten die Kühle der Nacht nutzen, um den steilen Berg zu erklimmen, beim Mondschein, in der Stille der Nacht. Du kannst den Weg nicht verlieren. Millionen von Muslimen vor dir haben sich schon auf den gleichen Weg begeben, um die erste Stätte der Offenbarung zu sehen, und ihre Spuren weisen dir den Weg. Auch du schreitest in dich versunken diesen Berg hinauf, wie vor dir Muhammad (s.a.). Er zog sich hierher zurück, um nachzudenken: über seine Mitmenschen, über sich, über sein Leben, über die Welt, über ihren Anfang und ihr Ende, über seinen Schöpfer und Herrn.

Die Sterne strahlen am Himmel über dir in der dunklen Nacht. Fast anderthalb Stunden dauert es, bis du zu einer Felskluft gelangst. Du musst dich mit Mühe hindurchzwängen. Dann stehst du jäh vor der kleinen Grotte. Ich hatte sie mir größer und auch geräumiger vorgestellt. Aber hier war nur eine kleine Felsgrotte, mannshoch und nur einige Meter tief und bereit. Trotz der frühen Uhrzeit sind einige vor dir da. Man wartet geduldig, um hier zwei Rak’a (Gebetsabschnitt) zu beten.

Hier kannst du dich in deinen Gedanken zurückversetzen. Hier hat der vierzigjährige Muhammad (s.a.) in einer stillen Nacht die Stimme des Boten Gottes vernommen, der seinen Namen rief. Erschrocken zog er sich in die Höhle zurück. Aber immer wieder hallte die Stimme: „Muhammad, Muhammad!“ Und dann plötzlich: „Im Namen Gottes, des Barmherzigen und Gnädigen. Lies!“ Er antwortet verzweifelt: „Ich kann nicht lesen.“ Aber der Engel fährt fort: „Lies! Im Namen deines Herrn, der den Menschen aus einem Blutklumpen erschuf. Lies, denn dein Herr ist der Allgültigste, der mit der Feder lehrt, den Menschen lehrt, was er nicht wusste.“

Hoch oben auf dem Berg siehst du aus einer Felsspalte heraus von Weitem Mekka. Die Lichter der Masgid al-Haram sind von hier aus zu erkennen. Ich habe dort auch mein Morgengebet verrichtet. Man kann sich schwer von diesem Ort trennen. Hier ist fast alles noch unberührt geblieben, die Hand der Geschichte scheint hier vorübergegangen zu sein, ohne die Unbeflecktheit dieser Stätte anzutasten.

Du versuchst dir den einzigartigen Anblick für immer in deinem Gedächtnis einzuprägen, kehrst langsam wieder zur aufwachenden Stadt Mekka zurück. Allmählich verlassen die Hudschadsch Mekka, jeder in Richtung seiner Heimat. Die meisten besuchen auf dieser Reise vor oder nach der Hadsch noch Medina, die Stadt des Propheten, die Entwicklungsstätte des Islam. Da, wo jeder Schritt, jeder Winkel die Erinnerung an die bewegte und bewegende Geschichte des Islam in dir wachruft.

Die Grabstätte des Propheten, der Friedhof von Baqi‘, wo mehr als zwölftausend der Gefährten des Propheten ruhen, der Kriegsplatz Uhud mit der Grabstätte von Hamzah, die sieben Moscheen entlang des Handaq, die Quba‘-Moschee, die erste Moschee, die nach dem Islam entstanden ist, die Qiblatayn-Moschee, in der die Richtung des Betens von Jerusalem nach Mekka umgewandelt wurde, und viele andere Stätten.

Ich bin nur auf die individuellen Aspekte der Hadsch eingegangen. Aber der Islam ist im Gegensatz zu manch anderen Religionen nicht nur ein persönlicher Glaube des einsam und isoliert lebenden Individuums. Hier gibt es nicht das Mönchtum, die Einsiedelei, die Zurückgezogenheit und die Gleichgültigkeit gegenüber dem gesellschaftlichen Leben.

Auch die Hadsch zeigt diese Dimension des Islam aufs Höchste. Muslime aus allen Ländern der Welt treffen sich während der Hadsch. Sie besprechen die Probleme ihrer Länder. Sie lernen, die Situationen in diesen Ländern besser zu beurteilen. Sie lernen Fehlurteile und Vorurteile, die aufgrund des Entferntseins und der Unkenntnis herrschen, zu korrigieren oder abzubauen. Die Hadsch hat ohne Zweifel eine große Rolle bei der Aufrechtleitung des Gefühls der Zusammengehörigkeit der Muslime und den islamischen Ländern gespielt. Ohne sie wären die Muslime noch zerstreuter.

Die Anhänger der verschiedenen islamischen Rechtsschulen und Glaubensrichtung können ihre Gemeinsamkeit mit den anderen Muslimen feststellen und sich auf diese Gemeinsamkeit als eine starke Grundlage für ihre Beziehungen zueinander stützen. Sie können ihre Erfahrungen austauschen. Besonders in Zeiten wie der unsrigen, da die Muslime und der Islam so massiv und hämisch durch die vom Westen kontrollierten Massenmedien angegriffen werden, fühlt man das Zusammenrücken der Muslime und das sich neu entwickelnde Bewusstsein bei der jüngeren Generation ganz deutlich.

Man wird angesprochen. Man fragt den neben sich Sitzenden in den Moscheen in Mekka und Medina nach seiner Herkunft, den Zuständen in seinem Lande. Man erfährt so über das Alltagsleben anderer Muslime weit mehr, als es die ohnehin globalen Medien zu vermitteln vermögen. Man fühlt sich mit dem Schicksal anderer Muslime eng verbunden.

R. Hosseini