Islam und Rationalität

Die Rationalität bildet den Ausgangspunkt verschiedener Debatten im Bereich der Erkenntnistheorie, der Soziologie und der Glaubenslehre. Allerdings gehen ihre Definition, die Festlegung ihres Areals und ihre Begriffsformung mit Unklarheiten und einer größeren Zahl unterschiedlicher Standpunkte einher. In diesem Artikel soll das Verhältnis zwischen der Rationalität in der zeitgenössischen Welt und der islamischen und religionsrechtlichen Rationalität geklärt werden. Betrifft die Frage der Rationalität die Vernunft als eine der vier Beweisfaktoren in der islamischen Rechtswissenschaft [Fiqh] oder liegt eine feste Verbindung zu Bana Uqala (Die Vorgehensweise und das Verhalten der Vernünftigen und Intelektuellen in der Ausführung oder Unterlassung von Taten, unabhängig von Zeit, Raum, Nationalität, Religion, etc.) oder zu der Methode der Orientierung nach dem Wohl in der Rechtslehre und den islamischen Rechten vor? Um eine Antwort auf diese und ähnliche Fragen zu finden, möchten wir zunächst die verschiedenen Definitionen für Rationalität betrachten und in einem Vergleich die Frage behandeln, in welchem Bereich sich die Rationalität in der islamischen Rechtswissenschaft mit dem Begriff der Rationalität unseres Zeitalters deckt und in welchem Bereich sie diesem nicht entspricht.

Der Begriff der Rationalität

Das Wort Rationalität wird manchmal im Sinne von „artbedingter“, „normativer“ oder „verantwortungsethischer“, „instrumentaler“ und auch „zusammenschauender“ Rationalität verwendet.

1. Artbedingte Rationalität

Diese Rationalität liegt im Wesen des Menschen und in den Faktoren „Denken“ und „Handeln“ begründet. Eine solche Sinndeutung tritt in der Definition des Menschen als „vernunft- bzw. sprachbegabtes Tier“ bei Aristoteles zu Tage und wurde bei den muslimischen Philosophen mit „Heywane Natiq“ – „denkendes Tier“ – formuliert.

2. Normative Rationalität

Die normative Rationalität, auch verantwortungsethische Rationalität genannt, bezeichnet die Durchführung von besonderen erkenntnistheoretischen Aufgaben, die auf der Bewertungsebene der Überzeugung stehen. Diese Rationalität kommt in Fällen zum Zuge, in denen wir präzise die Vernunft und die Maßstäbe der Rationalität anwenden. [1] In Wahrheit ist die artbedingte Rationalität, eine notwendige Voraussetzung für die normative Rationalität, aber sie ist nicht die einzige notwendige Voraussetzung. Rationalität wird dann normativ genannt, wenn sie eine Bewertung ausdrückt und ein „Sollen“ voraussetzt. Bei dieser Art der Rationalität stehen „rational“ und „gerechtfertigt“ für die erkenntnistheoretische Bewertung. Diese Form der Rationalität setzt „Sollen“ voraus, nämlich die Festlegung der Frage, an welche Dinge wir glauben und wie wir uns verhalten sollen. Daher führt uns der normative Charakter der Rationalität zu den verantwortungsethischen Faktoren. Wir akzeptieren eine Aussage nur dann, wenn sie der Wahrheit gerecht wird. Wir müssen die wahren Aussagen akzeptieren und auf die falschen verzichten. [2]

3. Instrumentale Rationalität

Diese Art der Rationalität entspricht der Überprüfung der Mittel, die uns ans Ziel bringen, und ist aus zwei Gründen ein relativer Begriff: Zunächst erhält die Rationalität nur im Verhältnis zu den Zielen einen Sinn. Zweitens sind zudem die Verhaltensbedingungen und -strukturen zu beachten. Zum Beispiel wird das „schnelle Laufen“ einer Person nicht schon durch das „Erreichen des Ziels“ vernünftig, denn diese Person könnte ja auch ein Fahrzeug benutzen und schneller zum Ziel angelangen. Wenn wir jedoch davon ausgehen, dass der Weg dergestalt ist, dass man kein Fahrzeug benutzen kann, ist das „schnelle Laufen“ vernünftig. Daher gibt die instrumentale Rationalität unter der Berücksichtigung aller Umstände ein Verhalten zu erkennen. [3] Bei dieser Art von Rationalität wird nur die Beziehung zwischen Mittel und Ziel beachtet, aber die Bewertung der Ziele fällt außerhalb ihres Bereiches. Die Anhänger dieser Theorie halten die Vernunft für einen völlig klar abgegrenzten Begriff und sind davon überzeugt, dass die Vernunft zur Wahl der richtigen Mittel und zur Erreichung des gewünschten Ziels führt, aber die Vernunft in keinem Zusammenhang zu der Wahl der Ziele steht. [4] Die Theorie der instrumentalen Rationalität mit ihrer Art der Anwendung geht auf David Hume zurück. Nach Ansicht von Hume gehen der Vernunft Wünsche, Neigungen und Gefühle voraus und sie kann nur bei der Festlegung der Mittel zur Erreichung unserer speziellen Ziele unterstützend wirken, aber die Ziele selber werden nicht von der Vernunft sondern von den Gefühlen und Empfindungen bestimmt.[5] Aus diesem Blickwinkel ist die instrumentale Rationalität äußerst eingeschränkt und besitzt hinsichtlich der Ziele keinerlei Macht oder Zuständigkeit. Daher taucht eine weitere Deutung des Begriffes Rationalität auf.

4. Zusammenschauende Rationalität

Diese Art der Rationalität hat die geeigneten Ziele und die Wahl der geeigneten Mittel zur Erreichung dieser Ziele zum Gegenstand.[6] Auf der Basis der zusammenschauenden Rationalität kann der vernünftige Mensch sowohl geeignete Ziele als auch die Mittel, die zu deren Erreichung angemessen sind, wählen.

Phasen der Rationalität in der westlichen Geschichte

Die vier unterschiedlichen Deutungen der Rationalität, die vorgestellt wurden, resultieren aus verschiedenen Phasen der westlichen Geschichte. Diese unterschiedlichen Deutungen sind insbesondere soziologische Definitionen der Rationalität, deren Entwicklungsphasen nun beschreiben werden.

Drei Auslegungen der Rationalität

Liegt der Bereich der Wahrheit jenseits der Erfahrung (reine Vernunft) oder deckt er sich mit dem Bereich der Erfahrung und der Praxis (erfahrungsbegründete Vernunft) oder anders ausgedrückt: Geht eine rationale Angelegenheit aus dem Denk- und Handlungsprozess sowie den Zusammenhängen hervor oder ist sie anderer Natur als die Erfahrung? Deckt die Rationalität die bestehende Wahrheit auf und betreibt sie Wahrheitsfindung oder betreibt sie Wahrheitsbildung? Zur Erwiderung dieser Fragen können wir drei Phasen bzw. drei Deutungen der Rationalität in der westlichen Geschichte beobachten. Die erste Deutung bezieht sich auf die Theorie des Plato. Er sah in der Rationalität das Vermögen, die rationale Ordnung des Kosmos zu erkennen und sich ihr anzupassen. Rational handeln bedeutet demnach, gemäß der Ordnung in der Natur zu handeln und damit gemäß einer Rationalität, die umfassender als die menschliche Ratio ist und über ihr steht. Die zweite Deutung: Philosophen wie Descartes und Hobbes haben eine besondere Methode der Rationalität eingeführt. Sie haben Ratio und Rationalität von der Daseinsordnung und von dem Jenseits der Erfahrung Stehenden auf den Menschen übertragen und den Menschen als ein Wesen definiert, welches die Fähigkeit besitzt, zu denken und vernünftige Entscheidungen zu treffen. Im Gefolge dieser Sichtweise entwickelte sich eine weitere Deutung der Rationalität.

Die dritte Deutung: Bei ihr bilden die Wünsche, Bedürfnisse und Vorteile des Menschen (anstelle seiner Vernunft) die Grundlage der Ethik, des Verhaltens und die Vernunft, so wie sie Descartes, Hobbes und andere Denker definierten und von der reinen Berechnung und sozusagen instrumentaler Vernunft zurückgedrängt wurde. Die Philosophie der Denkschule des Gewinnprinzips (Utilitarismus) legt der Ethik nicht die Vernunft sondern die Psyche des Einzelnen zugrunde. [7] In der instrumentalen Rationalität, welche in Wahrheit die überwiegende Strategie der liberalen Rationalität bildet, gilt das Mittel und nicht das Ziel als vernünftig. Deshalb ist für einige sogar die Bereitstellung der besten und effektivsten Mittel für die Vernichtung des Menschengeschlechts ein rationales Vorgehen im Sinne der instrumentalen Funktion der Rationalität.

In diesem Sinne ist ein rationales Verhalten kein Verhalten, das rationale Ziele hat, sondern ein Verhalten, welches aufgrund der einfachsten und am leichtesten zur Verfügung stehenden Mittel zur Erreichung der Ziele geplant wird. Es gilt, mit dem geringsten Aufwand und dem größten Tempo vorwärtszukommen. Was die Ziele auch immer sind, welche inhaltlichen Werte sie auch besitzen und wo sie auch herstammen: Das ist alles nicht-rational und spielt keine Rolle. Das Ziel steht nicht zur Debatte. Was zählt, ist der gesteigerte Gewinn und der zunehmende Vorteil bei reduziertem Aufwand. Aus der Sicht von Hobbes, Hume und Bentham ist der Mensch nicht in dem Sinne vernünftig, dass er seine Ziele und Absichten aufgrund der Vernunft wählt. Im Gegenteil beleben Lust, Wünsche, Bedürfnisse sowie die Abneigung den Menschen und geben ihm die notwendige Motivation, sich auf einen bestimmten Sinn zuzubewegen. Akzeptiert man diese Art der Deutung der menschlichen Bestrebungen, kann die Vernunft nur als Diener, oder wie Hume es ausdrückt, als „Sklave“ der Wünsche und Bedürfnisse bezeichnet werden. Im Rahmen dieses Modells der Beziehungen zwischen den Zielen des Menschen und Vernunft und Gefühl, kann die Vernunft lediglich als Mittel betrachtet werden und ist daher grundsätzlich ein Kalkulator. Dabei kann die Vernunft nicht darüber bestimmen, dass ein Ziel rationaler als ein anderes ist. Jedes erwünschte Ziel und Ding ist gut, weil es „wünschenswert“ ist. Die Rolle der Vernunft besteht darin, die Art und Weise zur Befriedigung der Wünsche und deren Vereinbarung miteinander und mit dem Verlangen nach dem gleichen seitens anderer festzulegen. [8]

Wie Max Weber erklärt, liegt grundsätzlich bei einer solchen Rationalität die Festlegung der Ziele außerhalb des Zuständigkeitsbereiches der Vernunft. [9] Laut des berühmt gewordenen Ausspruches von Hume, ist aus keiner Existenz auf ein „Muss“ zu schließen. Hume sagt: „Es läuft der Vernunft nicht zuwider, wenn ich lieber die Zerstörung der ganzen Welt will, als einen Ritz an meinem Finger.“[10] Angesichts des instrumentalisierten Umgangs mit der Rationalität und der Begründung der liberalen Rationalität haben einige Autoren über Bestandteile der letzteren geschrieben.

Prinzipien der liberalen Rationalität

Das erste Prinzip bezieht sich auf die Frage des Ursprungs des Seins des Menschen, welche im Bestfall eine verschwommene und schwierige Frage darstellt, die nicht klar beantwortet wird. Dieses Prinzip hat Folgen, unter anderem die, dass im Falle der Überzeugung vom Seinsursprung das Handeln des Menschen Ziele und Absichten besitzt und daher beim Verhalten jene Absichten und Zwecke beachtet werden müssen. Das zweite Prinzip besteht darin, dass der Mensch ein verborgener Schatz ist, dem es möglich sein muss, all das zu tun, was er möchte. Er muss frei sein. Diese Meinung hat den Grundsatz der absoluten Toleranz im Auge, aus der der Pluralismus hervorgeht. Das dritte Prinzip ist das Prinzip der Nichtschädigung von anderen, denn eine absolute Freiheit ist nicht ertragbar und daher wird es erforderlich, notgedrungen und nur insofern es notwendig ist, Einschränkungen vorzusehen. Daher können alle frei handeln, es sei denn, sie würden anderen schaden. Das vierte Prinzip hat damit zu tun, dass eine Regierung aufgestellt wird, um die Grenzen der Freiheit zu behüten. Die Regenten haben lediglich die Aufgabe, Sicherheit herzustellen, damit keiner die Freiheit der anderen verletzten kann. [11]

Islamische Rationalität

Der Islam hat gerade in den gesellschaftlichen Bereichen niemals unwissenschaftliche Lehren verteidigt. Er hat durch die Bestätigung von Vernunft, Wissen und Denken den Fehler jeder Art von Konfrontation zwischen Vernunft und Glauben ausgeschaltet. Die Trennung zwischen einer göttlichen und einer üblichen Angelegenheit und Gewohnheit wird zwar in christlicher Kultur und Erkenntnis anerkannt und hat die Grundlage dafür geschaffen, dass der Einzelne und die Gesellschaft sich nach den üblichen Gewohnheiten richten, aber eine solche Trennung kann für die islamischen Überzeugungslehren keinen Sinn ergeben und sie lassen eine solche nicht zu. Beim Islam sind beide Bereiche miteinander verwoben und ihre Beziehungen zueinander sind nicht wie die zweier rivalisierender Größen, sondern sie ergänzen und unterstützen einander.

Unter den islamischen Denk- und Glaubensschulen ist zweifelsohne die schiitische Lehre am meisten der Rationalität zugeneigt. Sie konnte mit Hilfe der Lehren des Heiligen Qur’an und der Macht der Logik und dem rationalen Reichtum eine geeignete Grundlage für die Fortdauer und das Aufblühen der islamischen Rationalität schaffen. Wenn Ahmad Amin Mesri oder Scheich Abdullah Ne‘mah den Gelehrten Farabi den Schiiten zuordnen, dann nur deshalb, weil seine rationalen Tendenzen nur auf der Grundlage des schiitischen Glaubens Gestalt angenommen haben können und allgemein die schiitische Lehre als die rationalistischste Glaubensrichtung unter den islamischen Denkschulen galt.[12] In der islamischen Geschichte und Kultur waren Religionsrichtungen, die sich von der Vernunft abkehren, weder auf dem Gebiet der Scholastik noch im Bereich des Religionsrechts und der Philosophie von langer Dauer. Denn die islamische Kultur hat die Möglichkeiten für den Fortbestand und den Verbleib von Gedanken, die die Vernunft meiden oder sie bekämpfen, ausgeschaltet. Außerdem „haben sich antiphilosophische Lösungen wie das Denken Ghazalis oder anderer Anhänger der ascharitischen Lehre niemals zu einer vollkommen antirationalistischen Bewegung unter den Muslimen entwickelt und zu einer Ablehnung der Wissenschaft geführt. Denn was im Heiligen Qur’an über die Notwendigkeit des Nachdenkens und hinsichtlich der Ermunterung zur geistigen Vertiefung steht, hat alle, die breite Masse und die Elite, dazu angeregt, in der Beachtung des Wissens und Achtung der Gelehrten ein Erfordernis zu sehen.“[13]

Wenn in Debatten um die politische Philosophie die Vernunft wie ein Gegensatz zu Gewalt und Zwang, den persönlichen Bedürfnissen und Begierden des Menschen und sogar zu Religionsgesetz und der Religion behandelt wird, mag dies bei einigen religiösen Gruppen und Ansichten nicht unangemessen sein. Bei der politischen Philosophie der Schia findet sich jedoch kein fester Anlass für diese Gegenüberstellung und man hat daher die Vernunft nicht der Religion gegenüber gestellt sondern sie im Zusammenhang mit der Überlieferung in Betracht gezogen: „Die reine Vernunft ist der zuverlässigen Überlieferung gleichgestellt. Sie ist Beweis Gottes und von keinem anderen religionsrechtlichen Beweis verschieden. Dadurch wird deutlich, dass die Vernunft nicht im Widerspruch zur Religion steht oder von ihr getrennt ist, sondern Aql [Vernunft] auf der Seite von Naql [Überlieferung] steht. [14]

In der islamischen Rationalität können, wenn man gerecht bleiben will, keine Widersprüche und keine Reibungen zwischen der Vernunft und der Religion gesehen werden. Wie kann man einerseits die Kämpfe der Propheten in der Geschichte und ihre Bestrebung, die Götzen des Unglaubens, des Starrsinns und der Maßlosigkeit zu zerstören, und anderseits die Anregung zum Nachdenken über die Schöpfung und den Kampf gegen die politischen, wirtschaftlichen und geistigen Abgötter „…und nimmt ihnen die Bürde und die Fesseln ab, die ihnen angelegt worden waren“ (Al-Araf: 157) sowie den Kampf gegen die Herrscher des Geldes, der Gewalt und List als Konfrontation zwischen Vernunft und Religion interpretieren?

Im Gegensatz zu anderen Religionen, die sich keine Gedanken um das Religionsgesetz machen und deren wichtigster Gegenstand der Aufmerksamkeit ausschließlich der „Glaube“ ist, stellt die Scharia für die islamische Rationalität ein ernsthaftes und komplexes Thema dar. Deshalb nehmen der Idschtihad [selbstständige religionsrechtliche Urteilsbildung] und die Fragen, welche die primären und sekundären Gebote und die Regeln für die Verwaltung betreffen, sowie das Gewohnheitsrecht und die Bana Uqala (Vorgehensweise der Vernünftigen) sowie die Berücksichtigung des Wohls in der Diskussion um die Vernunft einen hohen Platz ein. Aus diesem Grund haben einige schiitische Denker von der Rolle der Vernunft auf drei verschiedenen Ebenen gesprochen und die Vernunft manchmal als Maßstab, manchmal als Weglicht und in einigen Fällen als Schlüssel zur Erkenntnis und zur Beurteilung von Regeln und Bestimmungen bezeichnet. [15] Das deutlichste Zeichen für die islamische Rationalität liegt besonders darin, dass die Vernunft als Kriterium und Maßstab für die Gebote angeführt wird. Außerdem wird schon seit langer Zeit und fundiert die Vernunft als eine der vier Argumentationswege und als eine erhabene Kraft, die Gutes und Schlechtes unterscheiden kann, vorgestellt.

Die Prinzipien der islamischen Rationalität

Im islamischen Denken steht die Rationalität nicht im Dienst der Neigungen und Wünsche und ist kein Mittel, um an die Erfüllung von Wünschen zu gelangen. Bei dieser Sichtweise tritt die Pflicht anstelle des „Schaffens“ [Dschaal], wobei das Ziel und die Zielbestimmung der Schöpfung den Ausgangspunkt der Pflichten und Verantwortungen bilden. Die nachfolgend genannten Prinzipien können als die wichtigsten der Islamischen Rationalität betrachtet werden:

Erstes Prinzip: Ursprung und Zielbestimmung. Die Frage des Ursprungs ist eine der wichtigsten für ein rationales und rechtfertigendes Handeln des Menschen. Aufgrund des Glaubens an „Herr, du hast das nicht umsonst geschaffen!“ (Al-Imran: 191) wird allen ursachenbedingten „möglichen“ Geschöpfen [Mumkinat], darunter auch dem Menschen, ein Ziel zugeordnet und sie erfüllen einen Zweck. Zur Erfüllung dieses Zwecks müssen alle Handlungen des Menschen in die Bahn zu diesem Ziel gelenkt werden. Dies wird als „Zentralität der Wahrheit (Haqq)“ diskutiert. [16] Der Heilige Qur’an hat diesen Punkt in seinen Versen oft unterstrichen und er gehört zu den herausragenden Grundlagen des Islams. [17] Natürlich setzt die Zentralität der Wahrheit die Existenz von beständigen Wahrheiten und die Möglichkeit, an die Wahrheit zu gelangen, voraus.

Zweites Prinzip: Das zweite Prinzip besteht darin, dass der verborgene Schatz des Menschen durch rechtschaffenes Handeln zum Vorschein gebracht wird. Die menschliche Weiterentwicklung ist eine Bewegung in Richtung der wahren Vollkommenheit und rechtschaffendes Handeln bedeutet Pflichterfüllung, wobei die Pflicht in der Durchführung einer Handlung besteht, die zur Erreichung der Vollkommenheit notwendig ist. Es gibt ein zentrales „soll“, nämlich die Bewegung in Richtung der wahren Vollkommenheit und die Pflicht besteht in der Übertragung dieses „soll“ auf die verschiedenen Situationen.[18]

Drittes Prinzip: Für die islamische Rationalität ist das menschliche Handeln der Ursprung für Vorteilhaftigkeit und Nachteiligkeit, ob nun in Bezug auf die Person selber oder in Bezug auf die anderen. Dieser Vorteil bzw. Schaden wird ebenso im Zusammenhang mit dem Entwicklungsprozess zur wahren Vollkommenheit und dem Ziel beurteilt und bewertet.

Viertes Prinzip: Bildung einer vernunftmäßigen Gesellschaft, was eine Pflicht darstellt, denn sie verhindert den Schaden und bedeutet Bewegung in Richtung der Vollkommenheit. Die Pflicht zur Gründung der vernunftmäßigen Gesellschaft zeigt, dass sie nicht notgedrungen entsteht, sondern eine Notwendigkeit zur Erreichung der Vollkommenheit und des Ziels darstellt. In der liberalen Rationalität ist das „Schaffen“ Grundlage der Rechtmäßigkeit, aber bei der islamischen Rationalität legt die Pflicht den Grundstein für die Rechtmäßigkeit. [19]

Die westlichen Denker beschränken nicht alle die Rationalität auf instrumentale Vernunft. Diejenigen unter ihnen, die bei der Begriffsdefinition die verantwortungsethische oder die zusammenschauende Rationalität im Auge haben, stellen mit Sicherheit bei ihren Darlegungen der Rationalität deren instrumentale und liberale Version als fehlerhaft und begrenzt vor. Die islamische Rationalität aber lehnt nicht nur nicht die instrumentale Vernunft ab, sondern hält ausdrückliche Empfehlungen über die Vernunft der Lebensplanung [aql muasch] und die praktische Rationalität bereit. Sie gebietet der Vernunft der Lebensplanung keinen Einhalt, sondern erweitert den Denkhorizont und erwidert auch in den ethischen und Erkenntnisbereichen die wichtigen und grundlegenden Fragen des Menschen. Diese Sichtweise hat die islamische Rechtswissenschaft, Grundsatzlehre, Scholastik und Philosophie auf wertvolle Weise beeinflusst.

Rechtswissenschaft (fiqh) und Rationalität

Bei der instrumentalen Rationalität ist einzig die Zielerreichung entscheidend. Ob die eingesetzten Mittel Zielkonform sind oder nicht, spielt hierbei keine Rolle. In der rechtswissenschaftlichen Rationalität hingegen spielt die Kenntnis und Beibehaltung von Ziel und Zielausrichtung eine bedeutende Rolle. Und nicht nur das: Das Erreichen von Zielen, die als erwünschte Vollkommenheit gelten, bildet die Grundlage des Fiqhs. Die Rationalität beschränkt sich in den islamischen Rechtswissenschaften nicht auf das rational Gute und Schlechte. Bei dieser Rationalität werden auch das Wohl und die Vorteile, die nationalen Interessen und das Wohl der Gesellschaftsordnung, die Interessen der Allgemeinheit und des Islam diskutiert. Außerdem behandelt sie die Frage nach dem geeigneten Verhältnis zwischen Ziel und Mittel und den Methoden, die hinsichtlich der Umsetzung der Gerechtigkeit [Adl] und des Wohles wünschenswert sind. Dabei kann es manchmal vorkommen, dass die Durchführung oder das Unterlassen einer Handlung weder gut noch schlecht sind, aber in verschiedener Hinsicht als zum Wohle gereichend eingestuft werden.

Im Bereich der gottesdienstlichen Gebote [Ahkam Ibadi] sind mit Sicherheit ein Wohl und verborgene Grundlagen vorhanden, welche die Vernunft eines Einzelnen und selbst die kollektive Vernunft nicht erfassen können. Aber auf dem Gebiet des Geschäftsaustauschs und bei Geboten, welche die gesellschaftlichen Beziehungen betreffen (und sich nicht auf das Gott-Dienen beziehen) spielt die Rationalität im weiteren Sinne, ebenso wie die Abwägung des weltlichen Wohls eine wichtige Rolle, denn anderenfalls wären sie für die weltlichen Angelegenheiten und das alltägliche Leben ungeeignet.

Der Gelehrte Motahhari unterstreicht, dass die islamische Rechtswissenschaft zwar einen himmlischen Ursprung hat, aber ihre Anwendung irdischer Natur ist, d.h. das Religionsrecht ist entsprechend des Wohls und Schadens des menschlichen Lebens aufgebaut. Er sieht der Betonung verborgener Vorzüge und Geheimnisse von religionsrechtlichen Geboten, die sich nicht auf das Gott-Dienen beziehen, Schranken auferlegt und sagt: „Die Gebote haben keinen hundertprozentig verborgenen Charakter […], d.h. sie gehören nicht zu den Dingen die sozusagen ‚verdeckt‘ sind und an die der menschliche Verstand nicht gelangen kann“.[20]

Einige zeitgenössische Vorbilder der Nachahmung [Maradje-e-Taqlid] sind hinsichtlich der Frage der Grundlagen und Kriterien von Geboten sogar in einigen gottesdienstlichen Bereichen auf die gleiche Weise vorgegangen: „Gedanklich können wir für Geschäftsabschlüsse mehr Kriterien erschließen, denn sie gehören zu den Angelegenheiten des Gewohnheitsrechtes und der Gesetzgeber hat sie unterschrieben, aber die Kriterien für das Gottesdienstliche sind geringer. Das soll jedoch nicht bedeuten, dass wir für das Gott-Dienen niemals solche finden können. Es ist bei vielen gottesdienstlichen Angelegenheiten möglich, Kriterien und Grundlagen festzustellen. [21]

Die religiöse Rechtswissenschaft ist von der Aura des Glaubens und der Offenbarung umgeben, aber ihre Anwendung ist auf das irdische Leben gerichtet. Sie besitzt die Fähigkeit, sich den verschiedenen Bedingungen und Situationen des menschlichen Lebens und den raschen Entwicklungen des Lebens anzupassen, und während sie überirdischen Charakter hat, erfüllt sie auch die Bedingungen der Rationalität. Diese Rationalität tritt in den Methoden und Größen der Grundsatzlehre, der Rechtswissenschaft und rationalen Theologie auf, wie zum Beispiel bei der Vernunft als Quelle des Rückschlusses, der Abwägung von Wohl und Gerechtigkeit, der Beachtung der Ziele der Scharia [Religionsgesetz] und Bana Uqala [Vorgehensweise der Vernünftigen], den sekundären Geboten und weiteren Größen dieser Art.

Fazit

Dinge wie „Wohl der Vernunft“, „Gewohnheitsrecht“, „Zwecke der Scharia“, „zeitliche und örtliche Erfordernisse“, „Vorgehensweise der Vernünftigen“, „Zielgerichtetheit“ und insbesondere die Methode des „kontinuierlichen Idschtihads“ [selbständige Rechtsfindung] zeugen dafür, dass die islamische Rechtsfindung und Gesetzgebung insbesondere für den gesellschaftlichen Bereich, Geschäfte und die Politik rational gestaltet sind. Die islamische Rationalität bildet demnach keinerlei Widerspruch zu der artbedingten, der verantwortungsethischen und der zusammenschauenden Rationalität. Sie wird sogar mit der instrumentalen Rationalität, die im Mittel das Ziel sieht, nicht in Konfrontation treten und sie strikt abweisen.

Die liberale Rationalität denkt vor allen Dingen an die Eignung der Mittel für das Ziel und für sie liegt das Ziel außerhalb des Zuständigkeitsbereiches der Vernunft. Aber die religiöse und religionsrechtliche Rationalität legt auch für die Kenntnis und Bewertung der Ziele den Maßstab der Vernunft an, und die Mittel werden im Dienste der vorher festgelegten Ziele eingesetzt. Folglich wird die instrumentale Rationalität von der religionsrechtlichen akzeptiert. Aber letztere verharrt nicht auf dieser Stufe, sondern sieht die Überprüfung anderer Aspekte, darunter die Ziele, im Kompetenzbereich der Vernunft stehen. Gemäß der islamischen Rationalität verfolgt nicht nur die Religion größere Ziele, sondern strebt auch die Schöpfung und die Gesamtheit der Geschöpfe Ziele an. „Wir gehören Gott und kehren zu Ihm zurück.“

Demzufolge hat die auf dem Glauben beruhende Gezieltheit der Religion Wirkungen und trägt Früchte in dem Sinne, dass kein Bestandteil der Religion mit einem ihrer anderen Bestandteile in Konflikt gerät. Niemals disharmoniert die Religionswissenschaft mit dem Heiligen Qur’an oder z.B. die Scholastik mit den Grundlagen des Fiqh oder auch das Fiqh mit den Grundzielen der Religion. Aufgrund dieser Sichtweise können die Nichtbeachtung des Ziels und die ausschließliche Konzentration auf die Mittel in der liberalen Rationalität als irrational gelten. Die Frage des Allgemeinwohls, welches Recht und Gerechtigkeit in sich birgt, ist untrennbarer Teil der Rechts- und Politikphilosophie.

Genau an dieser Stelle betritt die Rationalität die Szene. Kann man denn von Recht und Gerechtigkeit und Wohl sprechen und gleichzeitig die Ziele, deren wichtigste Säule eben Recht und Gerechtigkeit sind, als außerhalb des zuständigen Bereiches der Vernunft und Rationalität sehen? Aus eben diesem Grunde wurde die instrumentale Rationalität kritisiert und verworfen und entwickelte sich die Überzeugung von der zusammenschauenden Rationalität unter den westlichen Denkern, so dass die Beachtung der Gerechtigkeit und der sozialen Gerechtigkeit im Rahmen der Ansichten von Gelehrten wie Rawls wieder zu neuem Leben fand.

Seyyed Mohammad Asghari

Anmerkungen: 1) Stenmark, Mikael: Rationality in Science, S. 22-23.  2) Chisholm, R.A.: Theory of Knowledge, S. 14.  3) Stenmark, a.a.O., S. 27-28.  4) Russell, B.: Human Society in Ethics and Politics, S. 87. 5) Stenmark, a.a.O., S. 33.  6) Ebd., S. 35. 7) Puladi, Kamal: As Dulat-e Iqtidar ta dulat-Aql [von der Machtregierung zur rationalen Regierung], S. 34. 8) Arblaster, Anthony: Rise and Decline of Western Liberalismus, S. 50-51 sowie Stenmark, a.a.O., S. 33.  9) Turner, Brian: Weber and Islam, S. 263. 10) Baschiriyeh, Hussein: Aql dar siasat [Vernunft in der Politik], S. 115.  11) Laridjani, Mohammad Djawad: Tadayon, Hokumat wa Tuse`e [Religiosität, Regierung und Entwicklung], S. 199-200. 12)Nemah, Abdullah: Schiitische Philosophie, S. 202. 13) Sarinkub, Abdul Hussein: Dar Qalamru Wedjdan [im Reich des Gewissens], S. 226.  14) Ayatollah Djawadi Amoli: Nesbat-i Din wa Donya [Verhältnis Religion und weltliches Leben], S. 81. 15) Ayatollah Djawadi Amoli: Schariat dar Aineh M`arefat [die Scharia im Spiegel der Erkenntnis], S. 199-208. 16) Ayatollah Djawadi Amoli: Nesbat-i Din wa Donya, S. 182.  17) siehe Sure Al-Baqara: 91,119,176; An-Naba: 39; Al-Anbiya: 16,3; At- Taghabun:3; Al-Imran: 190.  18) Laridjani, Mohammad Djawad, a.a.O., S. 204. 19) Ebd., S. 205. 20) Motahhari, Morteza: Islam wa Moqtaziate Zaman [Der Islam und die Erfordernisse der Zeit], Bd. 2, S. 27.  21) Ayatollah Makarem Schirazi: Naqsch-e Zaman wa Makan dar Idjtihad [Die Bedeutung von Zeit und Ort bei der selbstständigen Rechtsfindung], S. 381.