Jabir ibn Abdullah Ansari

Unter den siebzig Muslimen, die aus der Stadt Yathrib an einem historischen Abend das Abkommen zur gemeinsamen Unterstützung und Verteidigung des Islam abgeschlossen hatten, war ein junger Mann zu sehen, der gemeinsam mit seinem Vater in dieser Runde anwesend war. Es handelt sich dabei um einen der treuesten Gefährten des heiligen Propheten, Jabir ibn Abdullah Ansari.

Jabir ibn Abdullah Ansari war der Sohn von Abdullah ibn Umar und Nasiba bint Aqaba. Sein Vater lebte in der Stadt Medina, gehörte zum Stamm der Chazradsch und zählte zu den Muslimen, die von Medina nach Mekka reisten, um in dem „Abkommen von Awaba“ gemeinsam mit dem Gesandten Gottes ein Bündnis zu schließen. Abdullah Ansari nahm an der Seite des heiligen Propheten an den islamischen Verteidigungskämpfen von Badr und Uhud teil und gehörte zu den ersten Märtyrern, die in der Schlacht gegen die Widersacher des Islam fielen. Viele bedeutende muslimische Persönlichkeiten führen ihre Abstammung auf den großen Gefährten des gesegneten Propheten zurück. Der bekannteste unter ihnen ist Sheikh Morteza Ansari, ein berühmter persischer Rechtsgelehrter, der im 18. und 19. Jahrhundert das Prinzip der Nachahmung [taqlid] einführte.

Jabir ibn Abdullah Ansari verpflichtete sich als einer der wichtigsten Gefährten und Überlieferer des Propheten zur Verteidigung des Islam und zur Hingabe auf dem Weg Gottes und bewies seinen besonderen Mut und seine Aufrichtigkeit bei seiner aktiven Teilnahme am politischen Geschehen an der Seite des geehrten Propheten (s.a.s.). [1] Neben seinem heroischen Auftreten zur Befolgung und Verbreitung der göttlichen Offenbarung, war er auch eine herausragende Persönlichkeit auf dem Gebiet der islamischen Lehre und Erziehung. Durch die Nähe zur Familie des heiligen Propheten begleitete ihn stets das Wissen über den Islam und implantierte sich in seinem Herzen wie ein Teil seines Körpers.

Auch die Imame, die Reinen und Unfehlbaren der Familie des gesegneten Propheten, zitierten Überlieferungen des treuen Gefährten Jabir ibn Abdullah Ansari, dessen authentische Überlieferungen geschätzt und wortgetreu wiedergegeben wurden. In einigen Überlieferungen wird von einer freundschaftlichen und liebevollen Beziehung zwischen dem heiligen Propheten Muhammad (s.) und Jabir ibn Abdullah Ansari berichtet. Aufschluss darüber gibt ein Ereignis, in dem Jabir ibn Abdullah Ansari im Krankenbett lag und Besuch vom heiligen Propheten empfing. Jabir ibn Abdullah Ansari verspürte keine Hoffnungen mehr auf Genesung und befragte den Propheten, wie er das Erbe unter seinen Geschwistern aufzuteilen hat. Der gesegnete Prophet gab ihm Hoffnung und verkündete, dass ihm noch ein langes Leben bevorstehe. [2] In vielen weiteren Überlieferungen wird die gegenseitige Nähe und Zuneigung zwischen dem Propheten des Islam und seinem Gefährten Jabir ibn Abdullah Ansari wiedergegeben. Im folgenden Abschnitt sollen Einblicke in die treue Gefolgschaft Ansaris geboten werden.

Die Liebe des Propheten Muhammad (s.a.) zu Jabir ibn Abdullah Ansari

Nachdem Abdullah Ansari den Märtyrertod gestorben war, wurde sein Sohn Jabir zum Oberhaupt einer großen Familie, die schweren finanziellen Nöten ausgesetzt war. Aufgrund der innigen Freundschaft zum heiligen Propheten, besuchte dieser Jabir ibn Abdullah Ansari nach einem Verteidigungskampf und erkundigte sich nach seinem Wohlbefinden. Er erzählte dem Propheten von seinen finanziellen Bedrängnissen und erhielt daraufhin große Unterstützung bei der Versorgung seiner Familie. In einer Überlieferung von Jabir ibn Abdullah Ansari heißt es: „Mein Vater hatte sich, bevor er in der Schlacht von Uhud als Märtyrer gefallen war, von einem jüdischen Geschäftsmann Geld geliehen. Eines Tages fragte mich der Prophet: ‚Hast du die Schulden deines Vaters beglichen? ‘ Ich erklärte ihm, dass ich sie noch nicht gezahlt hätte. Der Prophet fragte daraufhin: ‚Wann muss das Geld bezahlt werden? ‘ Ich antwortete ihm: ‚Sobald die Datteln getrocknet sind. ‘ Der Prophet forderte: ‚Sortiere die Datteln, sobald sie getrocknet sind und gib mir dann Bescheid! ‘ Ich befolgte die Aufforderung des Propheten und rief ihn, nachdem ich die Datteln sortiert hatte. Der Prophet kam und nahm aus jedem Behälter eine Handvoll Datteln heraus und ließ diese wieder zurück auf die restlichen Datteln fallen. Dann wies er an: ‚Sag dem jüdischen Geschäftsmann, dass er kommen möge.‘ Als der Geschäftsmann kam, fragte ihn der Prophet: Von welchen dieser Datteln möchtest Du?‘ Er antwortete: ‚Gib mir von den Sayhani-Datteln.‘ Der Prophet sprach: ‚Bismillahir-rahmanir-rahim‘ und nahm anschließend eine Handvoll Datteln aus dem Behälter, wog sie ab und gab sie dem Geschäftsmann in der Höhe der Schulden von Abdullah Ansari bis die gesamte Schuld beglichen war. Als wir jedoch die Sayhani-Datteln begutachteten, sahen wir, dass diese nicht an Gewicht verloren. Der Prophet fragte mich: ‚Oh Jabir, hast du noch weitere Schulden? ‘ Ich antwortete ihm: ‚Nein Prophet.‘ Der Prophet sagte daraufhin: ‚Möge Gott deine Datteln segnen und mehren.‘“ [3]

Jabir ibn Abdullah Ansari und Imam Ali al-Amir al-Muminin (a.s.)

Aufgrund seiner Liebe zur Familie des heiligen Propheten und seiner Anhängerschaft zur Führerschaft [Imamat] des Fürsten der Gläubigen, Imam Ali (a.s.), erduldete Jabir ibn Abdullah Ansari die Regentschaft der ersten drei Kalifen nach dem Ableben des gesegneten Propheten und hoffte inständig, seinen Glauben an die rechtmäßige Führerschaft durch das Imamat im aufrichtigen Kampf für die Verteidigung der Gerechtigkeit demonstrieren zu können. Nachdem Imam Ali (a.s.) Jahrzehnte abwartete, um seinen politischen Anspruch geltend zu machen, begannen die Intrigen der ihm feindlich Gesonnenen und läuteten die Kamelschlacht ein. Jabir ibn Abdullah Ansari kämpfte an der Seite von Imam Ali (a.s.) und überlieferte zahlreiche Ansprachen und Vorträge des Fürsten der Gläubigen, die in vielen Überlieferungsbüchern angeführt sind.

Im Dienste der rechtgeleiteten Imame

Nach dem Märtyrertod Imam Alis (a.s.), den Auseinandersetzungen zwischen Muawiya und Imam Hassan al-Mudschtaba (a.s.) und der gänzlichen Machtübernahme durch Muawiya, versicherte Jabir ibn Abdullah Ansari der Ahl-ul-Bait seine Loyalität. Obwohl er bereits ein hohes Alter erreicht hatte und als Zeitgenosse der jungen islamischen Geschichtsschreibung zahlreiche Verteidigungskämpfe unterstützt hatte, zollte er den beiden Enkelsöhnen des heiligen Propheten, Imam Hassan (a.s.) und Imam Hussayn (a.s.), einen überaus großen Respekt. So soll der bereits betagte Jabir ibn Abdullah Ansari gemäß einer Überlieferung während einer Begegnung mit den beiden Imamen ihre Hände geküsst haben. Ein Anhänger Marwans, der Zeuge dieser Begegnung wurde, beschwerte sich bei Jabir ibn Abdullah Ansari mit den Worten: „Du bist einer der ältesten Gefährten des Propheten, einer der großen Generäle des Badr-Krieges und im hohen Alter! Weshalb küsst Du deren Hände?“ Er antwortete ihm: „Suche das Weite! Wenn Du nur wüsstest, welchen Stellenwert diese beiden bei Gott haben, würdest du sogar die Erde unter ihren Füßen küssen!“ und erwähnte anschließend eine Überlieferung des Propheten über seine reine und makellose Familie: „Der Mahdi [Erlöser] der am Ende der Zeit erscheint, wird von den Nachfahren des Imam Hussayn (a.s.) abstammen und glücklich werden diejenigen sein, welche die beiden Enkel des Propheten und deren Eltern lieben.“ [4]

Auch an der Seite Imam Hussayns (a.s.) genoss Jabir ibn Abdullah Ansari einen besonderen Stellenwert. Als Imam Hussayn (a.s.) in Kufa auf die Armee Yazids traf, äußerte er: „Die Gefährten des Propheten, wie Jabir ibn Abdullah Ansari, Abu Said Khudri, Saleh Saidi und weitere sind noch immer am Leben. Wenn ihr sie fragt, würden sie antworten, dass der Prophet einst sagte: ‚Hassan und Hussayn sind Herren der Jugendlichen des Paradieses. ‘“ [5] Die Hinwendung Jabir ibn Abdullah Ansaris zu Imam Hussayn (a.s.) wird durch seine Bittgebete an Arbain, dem vierzigsten Todestag Imam Hussayns (a.s.), greifbar. Zum Zeitpunkt des Aufstandes von Karbala verbrachte Jabir ibn Abdullah Ansari seinen Lebensabend in Medina. Als ihn die Nachricht des Märtyrertods erreichte, machte er sich trotz den Gefahren, die den Anhängern Imam Hussayns (a.s.) drohten, auf den Weg nach Karbala und erreichte die Stadt am 40. Tag des Martyriums des tapferen Imams. Nachdem er die rituelle Vollkörperreinigung [Ghusl] im Flussbett des Euphrats vollzogen hatte, ging er trauernd und mit gesenktem Haupt zum Grab von Imam Hussayn (a.s.). Er begann, aufrichtig mit dem Imam zu reden, rezitierte Bittgebete und äußerte seine bedingungslose Liebe für die Ahl-ul-Bait. [6]

Jabir ibn Abdullah Ansari erlebte noch die beiden Imame Sadschad (a.s.) und Imam Baqir (a.s.), hatte eine enge Beziehung zu ihnen und lernte von ihrem Wissen, dass er dann an die Bevölkerung weitergab. Zu seinen Lebzeiten sagte der heilige Prophet Muhammad zu Jabir ibn Abdullah Ansari: „Oh Jabir, es wird der Tag kommen, an dem du einen meiner Nachkommen sehen wirst, der meinen Namen trägt und der der Schlüssel zu all dem Wissen ist. Wenn du ihn siehst, dann grüße ihn von mir.“ Jahre verstrichen, bis er eines Tages in Medina Imam Baqir (a.s.) sah, der als Jugendlicher mit dem Spielen beschäftigt war. Er erkannte ihn sofort und begann, ihn väterlich zu liebkosen und sagte: „Mögen meine Eltern ihr Leben für dich geben! Dein Großvater, der Prophet Gottes, sendet dir seine Grüße.“ Seit diesem Tag besuchte Jabir ibn Abdullah Ansari Imam Baqir (a.s.) täglich. Da er der einzige Gefährte des Propheten war, der den fünften Imam noch erlebte, besuchte er als Zeichen seiner Liebe zum Propheten dessen Enkel und erweiterte sein Wissen in den Unterhaltungen mit ihm. [7]

Jabir ibn Abdullah Ansari – Eine große wissenschaftliche Persönlichkeit und ein bedeutender Überlieferer

Jabir ibn Abdullah Ansari zählt zu den Gefährten, die für besonders viele Überlieferungen des geehrten Propheten verantwortlich sind. In der islamischen Geschichte und in den Überlieferungen finden seine Erzählungen häufig Erwähnung. Jabir ibn Abdullah Ansari war stets bemüht, unterschiedliche Facetten des Islam zu tradieren, weshalb er aufgrund dessen auch als Bewahrer der prophetischen Kultur und Vervielfältiger bezeichnet wurde. Er hatte umfassendes Wissen über islamische Lehren und veröffentlichte auch Fatwas. [8] Einige Zeitgenossen beschrieben seine Stellung als die eines Rechtsgelehrten. [9] Sheikh Tusi, einer der großartigen Gelehrten der Schiiten, nennt in seinem Werk „AlKhalaf“ die Fatwas des Jabir ibn Abdullah Ansari.

Abgesehen von den vielen Überlieferungen des Propheten, stammen von Jabir ibn Abdullah Ansari Erzählungen und Ereignisse, in denen weitere Gefährten des Propheten, wie Imam Ali ibn Abi Talib (a.s.), Talha ibn Ubaidullah, Ammar und Yassir, Muaz ibn Jabal oder Abu Said Khudri erwähnt werden und die in einem Atemzug mit anderen geschichtsträchtigen Überlieferungen, wie dem Hadith Thaqalayn und dem Hadith Ghadir genannt werden. [10] Jabir ibn Abdullah Ansari war allzeit mit der Aneignung von religiösem Wissen beschäftigt. Selbst um eine Überlieferung über die Vergeltung an Abdullah ibn Anis, ein Gefährte des Propheten (s.a.s), überprüfen zu können, machte er sich auf den weiten Weg nach Scham. [11] Er unterrichtete in der Prophetenmoschee in Medina und lehrte seine Schüler aus erster Hand die Inhalte der Überlieferungen. [12] Auch seine Interpretationen des Heiligen Qur’an werden seit Jahrhunderten hoch geschätzt und stimmen mit den gängigen Auslegungen schiitischer Gelehrter überein.

Sein Lebensende

Die meisten geschichtlichen Überlieferungen besagen, dass Jabir ibn Abdullah Ansari im Alter von 90 Jahren im Jahre 78 nach der Hidschra in Medina, der Stadt des gesegneten Propheten, verstarb. Sein Grab befindet sich im Süden der Stadt.

Auszüge aus Überlieferungen, die von Jabir ibn Abdullah Ansari stammen

Jabir ibn Abdullah Ansari spielte in der Archivierung und Weitergabe der Überlieferungen des Propheten eine große Rolle. Einige der vielen Ansprachen und Aussprüche lauten wie folgt:

  1. Versammelt euch um keinen Gelehrten, außer er lädt euch von fünf Dingen zu fünf anderen Dingen ein: Vom Zweifel zur Sicherheit, von der Heuchelei zur Aufrichtigkeit, vom Genuss zur Frömmigkeit, von der Selbstsüchtigkeit zur Demut und von der List zum Wohlwollen. [13]
  2. Der Respekt vor einem alten muslimischen Mann ist die Achtung der Herrlichkeit Gottes. [14]
  3. Der Prophet wurde gefragt, welcher Muslim der beste sei. Er antwortete, der beste sei der, vor dessen Zunge (Worte) und Hand (Taten) die Muslime in Sicherheit und Ruhe sind. [15]
  4. Gott hat den Propheten Ibrahim (a.s.) zu Seinem Freund gemacht, weil er seine Nahrung mit seinen Mitmenschen teilte und um Mitternacht, wenn alle schliefen, das Gebet verrichtete. [16]
  5. Wer einen Herrscher zufrieden stellt und dabei Gott verärgert und erzürnt, ist von der Religion Gottes abgeschieden. [17]
  6. Der schlechteste Mensch am Tag des Jüngsten Gerichtes ist jener, dem die Menschen allein aus Furcht mit Freundlichkeit gegenüberstehen. [18]
  7. Die fünf täglichen Gebete gleichen einem Bach, der an eurem Haus vorbei fließt und euch fünf Mal am Tag von euren Sünden reinigt. Genauso wie mit den fünf Waschungen keine Unreinheiten zurückbleiben, werdet ihr mit den fünf täglichen Gebeten von den Sünden gereinigt, bis nichts mehr von ihnen übrig bleibt. [19]

Seyed Mohsen Alebatool

Anmerkungen: [1] Bihar-ul-Anwar, Bd. 16, S. 233.  [2] Vgl. Sure An-Nisa: 176; Sheikh Al-Tusi: Al-Tebian.  [3] Bihar-ul-Anwar, Bd.18, H.24, S. 31.  [4] Ebd., Bd. 22, S. 110 sowie Bd. 37, S. 44..  [5] Sheikh Al-Mufid: Kitab Al-Irshad, Bd. 2, S. 97.  [6] Bihar-ul-Anwar, Bd. 98, S.196 und 330.  [7] Usul Al-Kafi, Bd.1, S. 469.  [8] Ibn Qayyim Djauziy: Aalam Al-Mugheyn, Bd. 1, S. 12.  [9] Zahabi Al-Aalam, Bd.3, S. 189.  [10] Ibn Asakir: Tarikh Madinat Dameshq, Bd. 11, S. 208.  [11] Ein Gebiet im Nahen Osten, das das heutige Syrien, den Libanon, Palästina und weite Teile Jordaniens umfasst.  [12] Ebd., S. 233.  [13] Bihar-ul-Anwar, Bd. 71, S. 188.  [14] Djam Al-Akhbar, S. 242.  [15] Bihar-ul-Anwar, Bd. 71, S. 53.  [16] Elal Al-Sharaya, S. 35.  [17] Usul Al-Kafi, Bd. 2, S. 373.  [18] Ebd., S. 327.  [19] Sheikh Al-Mufid: Al Amali, S. 190.