Die Klassifizierung der Fastenden gemäß ihrer Ziele und Absichten

Es gibt drei Arten von Fasten:

  1. Das Fasten der gewöhnlichen Menschen, d.h. der Verzicht auf Essen und Trinken und die Beachtung der anderen Erfordernisse für das Fasten, wie sie in den Büchern der Rechtswissenschaft beschrieben sind.
  2. Das Fasten der Edlen, das über das zuvor Genannte hinaus den Verzicht auf Sünden umfasst, d.h. die Kontrolle der Augen, Ohren, Zunge und anderen Körperteile vor Sünde und Überschreitung.
  3. Das Fasten der hervorragendsten Edlen, das über das zuvor Genannte hinaus den Verzicht auf alles einschließt, sei es erlaubt oder verboten, was Denken und Bewusstsein das Gottgedenken vernachlässigen lässt. Natürlich muss man verstehen, dass sogar das Fasten der Edlen und das Fasten der hervorragendsten Edlen an sich unendliche Stufen und Ränge umfasst, wie z.B. auch die Gläubigen unterschiedliche Stufen und Ränge haben in Übereinstimmung mit ihrer Frömmigkeit und ihrer Enthaltsamkeit. Wenn man bedenkt, dass jeder Gläubige eine bestimmte Stufe des Glaubens und der Frömmigkeit hat, kann man sagen, dass Glauben, Frömmigkeit und Fasten so viele Stufen und Ränge haben wie es Gläubige gibt.

Die Zuvor beschriebenen Arten des Fastens wurden hinsichtlich des Verzichts auf Dinge in drei Kategorien unterteilt; auf der Grundlage der Ziele und Absichten kann das Fasten wie nachfolgend in fünf Kategorien eingeteilt werden.

  1. Eine Gruppe von Menschen beachtet das Fasten, ohne ein bestimmtes Ziel oder eine bestimmte Absicht damit zu verbinden, die die Grundlage der Richtigkeit ihrer Taten sein könnte und entsprechend ihrer Taten davon abhalten könnte, nichtig zu werden. Z.B. können manche das Fasten beachten aus Furcht vor den Menschen oder um ihrer materiellen und weltlichen Vorteile willen, oder sie fasten, weil es eine vorherrschende Gewohnheit unter Muslimen ist. Einige beachten das Fasten, um vor der Verfolgung der Menschen geschützt zu sein, und auch um materieller Gewinne und Vorteile nicht beraubt zu werden, die erlangt werden durch das Leben in einer Gemeinschaft.
  2. Eine Gruppe von Menschen beachtet das Fasten, um geschützt zu sein vor den Verfolgungen der Menschen und um der Segnungen des Paradieses nicht beraubt zu werden.
  3. Eine weitere Gruppe fastet, um sicher zu sein vor der Strafe der Hölle oder um der Nutzen der himmlischen Segnungen willen oder beidem.
  4. Die vierte Gruppe fastet um der Sicherheit vor der Höllenstrafe willen und auch um mit den Segnungen des Paradieses gesegnet zu werden; aber darüber hinaus streben sie auch Gottes Wohlgefallen und Nähe an.
  5. Schließlich gibt es eine Gruppe, die fastet, und keine andere Absicht und kein anderes Ziel hat als das Wohlgefallen und die Nähe Gottes. Sie fasten nur, um näher zu Gott, dem Gepriesenen und Erhabenen, zu gelangen und Seine Zustimmung zu erlangen.

Das besondere Fasten

Es wurde gesagt, dass das Fasten noch höhere Stufen umfasst, und das ist das Fasten derjenigen, die das Fasten und die Anbetung nur deshalb beachten, weil sie Gott als der Anbetung würdig ansehen. Sie haben keine Absicht und kein Ziel bei ihrem Fasten und Anbeten, auch nicht das Ziel, und die Absicht, näher zu Ihm zu kommen und Sein Wohlgefallen und Seine Gunst zu sehen. Sie sehen selbst die Anbetung und das Fasten mit der Absicht, Gottes Gunst und Nähe zu erlangen, als unvollständig an oder als Anbetung des eigenen Selbst und Egoismus. Es scheint, dass ihr Denken nicht akzeptabel ist, und ich glaube nicht, dass es einen Propheten, Imam oder Lieblingsengel gibt, dessen Taten und Anbetung einzig und allein auf seinem Glauben gründen, dass Gott, der Gepriesene und Erhabene, die Anbetung verdient, und in keiner seiner Taten gewünscht hätte, die Nähe und Gunst Gottes zu erlangen.

Wenn einige Mystiker die Anbetung mit der Absicht, Seine Nähe und Gunst zu erlangen, als Selbstanbetung oder Egoismus angesehen haben, dann haben sie übertrieben agiert. Natürlich muss man wissen, dass für Mystiker und Heilige gelegentlich eine Situation entsteht, in denen ihre Anbetungen, Handlungen und sogar Absichten nicht beabsichtigen, die Nähe oder Gunst Gottes zu erlangen, sondern vielmehr tun sie das, weil sie Gott, den Gepriesenen und Erhabenen, als der Anbetung würdig ansehen. Ich glaube jedoch nicht, dass für irgendeinen der Propheten, geschweige denn für andere Menschen, die Fortsetzung dieser Situation permanent möglich wäre. Ich ziehe die Anbetung mit dieser Absicht der Anbetung zur Erlangung der Nähe und Gunst Gottes nicht vor. Wie könnte ich eine solche Anbetung vorziehen, da ich keine Anbetung kenne, die höher wäre als die Anbetung des Heiligen Propheten und des Sachwalters der Gläubigen, Imam Ali (a.s.), die verschiedenen Überlieferungen zufolge in den meisten Fällen von der alleinigen Absicht getragen war, die Gunst und Nähe Gottes zu erlangen.

Ich kann sogar noch genauer werden und sagen, dass es dadurch realistisch ist, zu sagen, dass die Anbetung dieser Edlen zuweilen möglicherweise aus Furcht vor der göttlichen Bestrafung durchgeführt werden. Warum sollte das nicht so sein? Ist es möglich, dass jemand die göttliche Bestrafung  so sehr fürchtet, dass er in Ohnmacht fällt, wenn er an die Hölle denkt? [1] Wie sollte eine so intensive Furcht dann in seinen Taten und Anbetungen nicht wirksam sein? Auch wenn das nicht unmöglich ist, so ist es doch ziemlich inakzeptabel. Ich würde sogar sagen, dass sich die jeweilige Situation der göttlichen Propheten und Heiligen einschließlich ihres Herrn und Meisters, des Propheten des Islam, wesentlich voneinander unterscheiden, und zwar aufgrund der jeweils für sie spezifischen Manifestationen der Pracht der geheiligten Namen Gottes. Manchmal, wenn die geheiligten Namen der Schönheit Gottes ihnen offenbar wurden, waren sie voller Liebe vernarrt in Ihn, suchten Ruhe in Seiner Liebe und Zuneigung, verhielten sich wie Liebende, die liebevolle Worte sprechen, wünschten nichts anderes als Ihn, und manchmal verhielten sie sich sogar auf affektierte Weise. Wenn ihnen die geheiligten Namen von Gottes Pracht und Zorn offenbar wurden, dann waren sie von Furcht und Angst ergriffen, zitterten und vergossen Tränen, brachten Ausdrücke der Reue auf ihre Zunge, betonten ihre Demut und Bedürftigkeit, flehten ihn um Seine Vergebung an und erbaten Schutz vor göttlicher Strafe und dem Feuer der Hölle.

Der Grund für solche Manifestationen waren göttliche Gebote und Sachzwänge; auf diese Weise konnten diese edlen Gottesgeschöpfe erzogen werden, zu höheren erhabenen spirituellen Stufen gelangen und Seine Nähe gewinnen. Ja! Die spirituelle Übung und Stellung dieser edlen Persönlichkeiten waren in Gottes Hand, und Er selbst hat sie mit solchen Manifestationen aufwärts getragen zu bedeutungsvoller Vollkommenheit und erhabenen spirituellen Stellungen.

Der unterschiedliche Lebenswandel der göttlichen Gesandten und Heiligen wird in Überlieferungen bestätigt, und jeder, der in den Überlieferungen hinsichtlich ihrer Biografien ein wenig geforscht hat, kann diesen Punkt leicht akzeptieren. So wurde z.B. im Hinblick auf den Propheten in einigen Überlieferungen berichtet, dass er manchmal sagte: „O Humera (Aischa)!“ Und er rief Aischa, um sich mit ihr zu unterhalten, während er andererseits die Gebetszeit erwartete und zu Bilal sagte. „Tröste mich, o Bilal! (indem du zum Gebet rufst).“

Zuweilen, wenn er eine Offenbarung empfing, wechselte seine Gesichtsfarbe, und bei Stürmen war er gewöhnlich besorgt und fürchtete göttliche Vergeltung. Weist das nicht deutlich hin auf die Unterschiede im Verhalten dieses edlen Menschen? Und wenn es so ist, wie kann man dann akzeptieren, dass er all seine Anbetungen und seinen Gehorsam nicht mit einem Ziel verbindet abgesehen davon, dass er Gott, den Gepriesenen  und Erhabenen, der Anbetung würdig ansieht?

Diese Diskussion beweist, dass jene, die gesagt haben, dass die Anbetung allein von der Absicht getragen werden sollte, dass Er (Gott) der Anbetung würdig ist – eine Aussage ist, die nicht erwartet werden kann, auch wenn sie von den großen Gelehrten und Mystikern geäußert wurde mit der Ausnahme, dass diese Edlen damit etwas verfolgt haben, was mit ihrer Absicht übereinstimmt, Gottes Nähe zu erlangen. Denn das Ziel, die Nähe zur Erhabenen Wirklichkeit oder die Gunst des Geliebten zu erlangen, ist möglich ohne die Verliebtheit des Herzens zum Paradies oder die Furcht vor den Qualen der Hölle, sondern mit der Absicht, Ihn als der Anbetung würdig anzusehen und folglich Seine Nähe zu erstreben. Deshalb ist die Durchführung der Anbetung und Taten mit dieser Absicht an sich ein Beweis und die Bedeutungen dieser Anbetung und Tat,  die durchgeführt wurde mit der alleinigen Absicht, Gott, den Gepriesenen und Erhabenen, zu kennen, als der Zierde würdig, wie der Sachwalter der Gläubigen, Imam Ali (a.s.), gesagt hat: „O Gott! Wenn ich Dich anbete und meinen Kopf in Knechtschaft neige, dann weder aus der Verliebtheit des Herzens zum Paradies noch wegen der Furcht vor dem Höllenfeuer, sondern ich bete Dich an, weil Dich der Anbetung würdig ansehe.“

Diese Überlieferungen betont den gleichen Punkt, denn der edle Imam hat die Anbetung aufgrund von Würde nur vor die Anbetung um des Begehrens oder der Furcht willen gestellt und nicht vor jede andere Art von Anbetung, auch wenn sie mit der Absicht durchgeführt wird, Gottes Nähe und Sein Wohlgefallen zu erlangen.

Ja! Ich ersuche Gott, den Gepriesenen und Erhabenen, mir die Gnade, Gunst und Stärke zu gewähren, Ihn mit der Absicht anzubeten, Seine Nähe zu erlangen. Darüber hinaus bitte ich ihn, uns dazu zu führen, die richtige und korrekte Bedeutung Seiner Nähe zu verstehen und folglich nach ihrer Erlangung zu streben, so dass wir nicht zu denen gehören, die Seine Nähe als bedeutungslos und unmöglich ansehen. Haben nicht einige der herausragenden Gelehrten und Rechtsgelehrten Gottes Nähe als bedeutungslos angesehen, wenn auch zu Unrecht, und gesagt, dass die Absicht der Nähe Gottes nichts anderes bedeuten könne als Knechtschaft gegenüber Seinen Geboten, ansonsten wäre es im Wiederspruch zu Gottes Eigenschaften?

Es sollte auch nicht vergessen werden, dass die Anbetung aufgrund von Begehren oder Furcht als vergebens anzusehen nicht wünschenswert und falsch sind, auch wenn diese Worte von einigen Gelehrten und Gnostikern geäußert wurden. Natürlich stellen derartige Nachlässigkeiten und Fehler seitens dieser Edlen und deren erhabene akademische und mystischen Ränge keine Disharmonie dar, weil Gott, der Gepriesene und Erhabene, in Seiner Weisheit sie sich in solche Nachlässigkeiten und Fehler verstricken lässt.

Es muss auch verstanden werden, dass einer der berühmtesten und größten Gelehrten, Sayyid Tawus in seinem Buch Iqbal al-Amal jene, die Gott den Gepriesenen und Erhabenen, nur aus Furcht vor der Hölle anbeten, als niedrig angesehen hat. Seiner eigenen Erklärung zufolge sind das die Menschen, die Gott nicht als der Anbetung würdig ansehen, und wenn es keine Furcht vor der Hölle gäbe, hätten sie Ihn überhaupt nicht angebetet. Natürlich sind solche Ansichten, wie sie Sayyid Tawus zum Ausdruck gebracht hat, nicht richtig, und jene, die so denken, sind in der Tat niedrig, und ein solcher Islam und Glaube sind in der Tat krank und verschmutzt. Es muss auch klar sein, dass ein aufrichtiger Gottergebener zu nichts anderem schaut als seinem Geliebten; darüber hinaus verrichtet er aus der Sicht der Toleranz und Schwierigkeiten die härtesten Anbetungen, wie vom Sachwalter der Gläubigen, Imam Ali (a.s.) berichtet wurde, wonach er, wenn es für zwei Taten die gleiche Belohnung gäbe, er die härtere ausgesucht hätte. Das sind die wahrhaft Ernsten, und Allah segne sie.

Ayatollah Dschawad Maleki Tabrisi