Notwendige Studieninhalte der islamischen Theologie

Ayatollah Dr. Ali Reza Aarafi

Im Folgenden möchte ich einige Gedanken, Ideen und Konzepte zum Thema islamische Theologie an Universitäten und internationalen Bildungszentren vorstellen. Es geht mir dabei primär um die Frage: Wie muss man islamische Religionslehrer, Imame und Theologen an Universitäten ausbilden, damit sie ein fundiertes Wissen über die islamisch-theologischen Grundlagen erhalten?

Erstens: Bei der Planung und Konzeption der Ausbildungsinhalte müssen sowohl die rational-philosophischen Erklärungsmodelle als auch die von Gott offenbarten religiösen Inhalte eine zentrale Rolle spielen. Der Islam darf nicht nur aus rein philosophischer Sicht betrachtet werden, sondern alle seine Facetten müssen bei der Lehre beachtet werden und hierzu gehören auch die religiösen und gottesdienstlichen Rituale. In Wahrheit ist die Vernunft ein gedanklicher Rückhalt, welcher dazu führt, dass der Weg ein moderater Weg ist und vor jeder Art der Übertreibung und Untertreibung bewahrt und geschützt bleibt. Der Bund zwischen der Vernunft und der Religion ist von tiefer Natur und unzertrennlich. Ohne Zweifel ist der vernünftige Mensch ebenso eine nach Glauben strebende Person wie der religiöse Mensch eine vernunftorientierte Person ist. Die Vernunft weist dem Menschen den Weg und verhindert, dass er sich auf imaginären Wegen verirrt, doch sie wird niemals vom wahren Glauben unabhängig sein. Der Weg der Vernunft und der Vernünftigkeit führt den Menschen mit der Unterstützung der Offenbarung zum Weg der wahren Rechtleitung. Diese Thematik ist von eminenter Bedeutung und die Aufmerksamkeit darauf bereitet den Boden für ein richtiges Verständnis des Islam. Der persische Dichter Rumi sagte: „Die Individualvernunft begreift nicht, was der Universalverstand interpretiert. Sie ist nicht selbstständig, sondern auf Methoden und Technik angewiesen. Sie ist des Lernens fähig, doch nur der Besitzer der Offenbarung kann sie belehren. Alles, was der Mensch in seinem Alltag macht, hängt von der Offenbarung ab, die Individualvernunft hat nur die Kenntnisse erweitert, die sie vom Universalintellekt übernommen hat, welcher die gesamte Existenz umfasst.“ Der Islam ist von der Aura des Glaubens und der Offenbarung umgeben, aber ihre Anwendung ist auf das irdische Leben gerichtet. Sie besitzt die Fähigkeit, sich den verschiedenen Bedingungen und Situationen des menschlichen Lebens und den raschen Entwicklungen des Lebens anzupassen, und während sie überirdischen Charakter hat, erfüllt sie auch die Bedingungen der Rationalität.

Zweitens: Aus islamischer Sicht ist der Mensch Gottes Stellvertreter auf Erden. Er kann mit der richtigen Überzeugung, Denkweise, Ethik und Verhaltensweise auf Gott zugehen und diese hohe Position einnehmen. Der Islam ist der Überzeugung, dass der Mensch die wahre Bedeutung des Lebens in der wahren Definition der Menschheit zu suchen hat. Ein Mensch, der für große und hohe Zwecke erschaffen worden ist, kann seine Freiheit nicht in Zügellosigkeit sehen. Er hat sich durch einen reinen Glauben und durch Ethik zu steigern und die wahre Menschlichkeit zu erlangen. Der Islam erlaubt dem Gläubigen nicht, jeden Wunsch so zu erfüllen, wie es ihm beliebt. Ayatollah Motahari sagte: „Nicht nur die Freiheiten und Rechte der anderen, sondern auch das höhere Wohl eines Menschen selbst schränken seine Freiheit ein.“ Die Ansicht, dass die Religion eine persönliche Angelegenheit und gar eine Geschmackssache ist, ist ein ernsthafter Fehler, der sich in den Gedanken der Menschen breitgemacht hat. Es besteht kein Zweifel darin, dass sich der Glaube und die Überzeugung auf Ethik und Verhalten tiefgreifend auswirken, wenn der Mensch von etwas überzeugt ist. Seine Gedankengänge verknüpfen sich mit seiner Überzeugung und bestimmen fortan seine Taten. Deshalb ist es von großer Bedeutung, dass Ethik und Moral an den Universitäten für islamische Theologie nicht nur auf einer theoretischen Ebene gelehrt werden.

Drittens: Es ist erforderlich daran zu erinnern, dass die heutige menschliche Gesellschaft mehr denn je sich auf die Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen konzentrieren muss, damit die Menschen durch die religiösen Lehren nebeneinander in Frieden leben können und einander respektieren. Allerdings sehen einige diese Annäherung zwischen den Religionen und Rechtsschulen als ihren Nachteil an und sind stets bestrebt Konflikte zu schüren. Hier müssen die religiösen Wissenschaftler, Führer und Lehrer durch den Dialog versuchen die Beziehungen zwischen den Anhängern der Religionen zu stärken. Die Feinde dieser Annäherung streben danach, wieder die Flamme des Konfliktes unter den Anhängern der Religionen zu schüren und sind in Wahrheit gegen eine religiöse Herrschaft. Der Islam ist eine Religion der Logik und des Dialogs und betont deswegen die freie Meinungsäußerung. Der Koran betont: „Bringt her euren Beweis, so ihr die Wahrheit sagt.“ (an-Naml | 27:64) Es muss erwähnt werden, dass der Islam die freie Meinungsäußerung nicht nur dann betont, wenn es um Überzeugungen und Denkweisen geht, sondern auch auf politischer und gesellschaftlicher Ebenen gutheißt, weil dadurch die Menschen sich mit verschiedenen Ansichten befassen können. In einer modernen Gesellschaft braucht es Menschen mit interreligiösen Kompetenzen, um den Frieden zu bewahren. In der Atmosphäre der Vielfalt und Verschiedenheit gibt es nichts Notwendigeres als gegenseitiges Verständnis und Verstehen.

Viertens: Einer der wichtigsten Faktoren, die zur Erziehung der Menschen beitragen, sind Lehrer. Der Lehrer hat eine besonders wichtige Rolle in der Entwicklung des Verstands, der Emotionen und des sozialen Verhaltens der Menschen und dabei ist die Liebe die geheime Zutat, die notwendig ist, damit der Lehrer seine Rolle in jeder Dimension und zu jeder Zeit am besten erfüllen kann. Der Grund dafür, dass es in vielen Familien so zahlreiche erziehungstechnische Probleme gibt, ist der, dass die Eltern die islamische Lehre und die Grundlagen der Erziehung nicht kennen, und da rühren auch die Ungereimtheiten zwischen den Eltern her, wenn es um die Erziehung der Kinder geht. Dieses Problem betrifft jedoch nicht nur die Eltern, sondern auch die Lehrer und Dozenten. Die Anweisungen des Islam richten sich an die menschliche Natur und betonen daher, was die Erziehung und Lehre betrifft, stets Dinge wie Liebe, Gewissenhaftigkeit, Sanftmut und Freundlichkeit als Grundlagen, weil dies eine Methodik darstellt, die die Talente der Studenten erfolgreich entfalten lässt. Der Prophet Muhammad (s.) war als größter Lehrer der Menschheit stets liebevoll und mild und er empfahl dies auch allen anderen Lehrern. Nur durch liebevolles Verhalten kann der Lehrer dazu beitragen, dass die Funktionen des Verstands der Lehrlinge, wie z.B. ihre Wahrnehmung, das Bilden von Bedeutungen und deren Analyse, Gedankengänge, Schlussfolgerungen, gedankliche Vorwegnahme, die Wahl von Zielen, Mitteln und Lösungen voll und ganz entfaltet werden. Es werden die notwendigen Bedingungen geschaffen und die Lehrlinge werden in Zukunft mithilfe ihres geübten, vorbereiteten Verstands ihre Probleme erfolgreich lösen können. Auch in sozialer Hinsicht spielt der Lehrer eine wichtige Rolle. Er bereitet seinen Lehrling auf die Gesellschaft vor, indem er ihn mit den Bräuchen und Sitten bekanntmacht und ihm ein Gefühl für Zusammenarbeit, Mitgefühl, Umgangsformen, Konkurrenz, Toleranz, Ordnung und Disziplin, Selbstlosigkeit, richtige Denkweise, Respekt vor den Rechten anderer und Problemlösung vermittelt. Durch die Liebe des Meisters kann der Lehrling in allen drei wichtigen Aspekten, nämlich dem emotionalen, dem gedanklichen und dem sozialen ausgezeichnete Resultate erzielen. Gibt der Meister seine Lehre mit Liebe wieder, zieht es das sonst flüchtige Kind auch am Feiertag in den Unterricht.

Fünftens: Der Islam selbst betont stark, dass man strengstens meiden sollte, sich unwissenschaftlich mit ihm zu befassen, und sich eine eindeutige Meinung über etwas zu bilden, worüber man nicht informiert genug ist. Es kommt vor, dass jemand dem Islam und dem Koran etwas zuschreibt, ohne die Konsequenzen dieser Äußerung abzuwägen und noch schlimmer, Religionen miteinander vergleicht, ohne dabei ihre wahren Quellen studiert zu haben. Um den Islam richtig zu kennen, muss man seine Quellen kennen. Man sollte den Islam mit anderen Worten von innen erforschen, und nicht von außen. Der Ansatz, den manche westliche Theologen angewendet haben, wird zweifelsohne scheitern und nicht die erwünschten Ergebnisse liefern. Die Hauptquellen des Islam aber, nämlich der Koran, die Art des Propheten und der Verstand, die in der Praxis umzusetzen sind, helfen auch darin, den Islam richtig und tiefgehend zu erkennen. Man wird feststellen, dass der Islam eine dynamische Identität und Essenz und verschiedene persönliche, gesellschaftliche, kulturelle, ökonomische und politische Dimensionen besitzt. Er liefert Lösungen und Anweisungen für alles, was den Menschen und seine Position als göttliches Geschöpf betrifft, und lässt dabei nichts aus. Wir sind der Überzeugung, dass alle Aspekte und Themen dieser göttlichen Religion von Bedeutung sind. Unsere Kinder haben es verdient, dass wir ihnen den Glauben vollständig vermitteln und nicht gewisse Punkte betonen und andere vernachlässigen. Die jungen Menschen müssen sowohl die Individuellen als auch gesellschaftlichen Aspekte der Religion kennen lernen. Dabei spielt die altersgerechte Vermittlung der Inhalte eine zentrale Rolle. Deshalb brauchen wir gut ausgebildete Theologen und Islamwissenschaftler mit einem tiefgründigen Verständnis.