Die philosophischen Grundlagen des Friedens im Islam

Der Islam ruft seine Anhänger zur Beachtung der Ruhe und des Friedens auf, indem er im gegenseitigen Umgang der Individuen den Frieden und die Stabilität in den menschlichen Gesellschaften als Grundsatz betrachtet, und sieht alles, was den Frieden und die Sicherheit der Gesellschaft stört, als die Befolgung der Fußstapfen des Satans an. „Ihr Gläubigen! Tretet allesamt ein in den Zustand des Friedens und folgt nicht den Fußstapfen des Satans; wahrlich, er ist euch ein klarer Feind.“ (Al-Baqara:208) Der Frieden im Islam beruht auf bestimmten Grundlagen, die in dieser Abhandlung Erwähnung finden sollen.

1. Ontologische Grundlagen

Jedes systematische Denken basiert auf zwei Grundlagen: Die Weltanschauung (die Erkenntnis des Seins bzw. der Schöpfung und die darüber herrschenden Gesetze) und die Ideologie (die Gesamtheit der Ordnung zur Regulierung der Handlungen des Menschen). Die Ideologien werden stets von der Art und Weise der Weltanschauung des Menschen beeinflusst. Deswegen ist es notwendig, dass alles, was in der Legislative erlassen wird, mit der Schöpfung und den in der Ordnung der Schöpfung geltenden Geboten vereinbar ist. Dies bedeutet, dass es keine Differenz zwischen den über die Schöpfung herrschenden Bestimmungen und den über die Gesellschaft herrschenden Gesetze geben sollte. Man kann die Weltanschauung daher als den ersten kognitiven Ausgangspunkt des Menschen und folglich als die Basis der Handlungen des Menschen betrachten. Nun möchten wir einige über die islamische Ontologie bestehende Grundsätze, die die Grundlage des Friedenswillen gestalten, anführen:

1.1 Die Einheit Gottes (Monotheismus)

Der Islam hat durch seine Stützung auf das monotheistische Denken und seine Überzeugung von der Eigenschaft des Erschaffens eines einzigen Gottes den wichtigen Schritt in der Regulierung der menschlichen Beziehungen unternommen. Die Einheit Gottes stellt in der islamischen Weltanschauung die Grundlage des Weltbildes des Menschen dar und spielt eine große Rolle in der Vorbeugung von Kriegen und Konflikten. Der Islam manifestiert seine Strategie auf der Grundlage der Aufrechterhaltung des Friedens und ruft seine Anhänger zur Wohnstatt des Friedens auf. Im Koran heißt es dazu: “Und Allah lädt zur Wohnstatt des Friedens und leitet, wen Er will, auf den geraden Weg.” (Yunus:25)

Im Islam ist die Einheit Gottes der Grundsatz der Harmonie religionsrechtlicher Vorschriften, d.h. alle islamischen Vorschriften werden entsprechend der Einheit Gottes bestimmt. Somit ist kein Widerspruch unter ihnen zu finden. Aus diesem Grund würde es eine Vielzahl von Kriegen und Konflikten nicht geben, wenn in einer Gesellschaft menschliche Beziehungen und deren Gehorsamkeit basierend auf göttlichen und vereinenden Lehren gestaltet werden. In der Wirklichkeit ist nur das auf Gottes Einheit ausgerichtete Denken dazu fähig, die Gesellschaft zum Frieden zu führen.

Deswegen war der Gelehrte Motahhari der Ansicht, dass die Menschlichkeit, die menschlichen Werte und der Wille zum Frieden nur auf dem Pfad des Monotheismus realisierbar sind. Er schrieb: „Wenn die Menschlichkeit auf einen festen Grundsatz aufgebaut werden sollte, dann müsste sie auf dem Prinzip des Monotheismus aufgebaut werden. Wir nennen eine Reihe von Angelegenheiten als ‚menschliche Rechte‘ oder ‚menschliche Fälle‘; wir sagen z.B.: Die Menschlichkeit gebietet uns, barmherzig, edelmütig und gütig zu sein; dass wir den Frieden und die Ruhe unterstützen und den Krieg hassen; dass wir den Mittellosen, Kranken, Verletzten und Bedürftigen helfen; dass wir unseren Mitmenschen keinen Schaden zufügen, sondern hinsichtlich ihrer Dienstleistung selbstlos sind; dass wir keusch und gottesfürchtig sind; dass wir die Rechte anderer nicht übertreten. All diese sind wahr und man sollte ohne Zweifel derartig sein. Aber wir könnten bestimmt ohne Berücksichtigung des Glaubens an die Einheit Gottes keine Antwort darauf geben, wenn man uns darüber fragen würde, was für eine Logik und Philosophie, die uns überzeugt, unsere eigenen Interessen für diese Angelegenheiten zu opfern und Entbehrungen auf sich zu nehmen, hinter diesen Anweisungen steckt?“ [1]

Die edle islamische Anschauung strebt danach, im Licht des Friedens und der Sicherheit ein universales Konzept zu präsentieren, denn die individuellen und sozialen Verpflichtungen sind im islamischen Denken zweckgerichtet und diese Tatsache manifestiert sich in Richtung der Vorherrschaft der wahren Religion.

1.2 – Die Zweckgerichtetheit der Welt

Im Gegensatz zu den Materialisten, nach deren Ansicht die Ordnung der Welt zwecklos ist, ist die Welt wahrhaftig (Al-Nahl:3; Al-Anam:73) und wurde nicht sinnlos erschaffen. All ihre Teile und Elemente wurden zu einem bestimmten Zweck erschaffen (Al-Imran:190- 191). Die Erde, der Himmel, die Natur und weitere Bestandteile wurden für den Menschen und dessen Dienstleistung erschaffen (Al-Baqara: 29; Al-Dschathiya: 12 und 13; Al-Nahl: 12; Luqman: 20).

Die Zweckmäßigkeit der Schöpfung ist einer der konstitutiven Grundsätze der Harmonie in den Gesetzen und in den individuellen und sozialen Handlungen der Menschen. Dieser wichtige Grundsatz ist es, der veranlasst, dass viele Konflikte in der Meinung, Neigung und den Handlungen eines Menschen gelöst werden und dem Menschen die Logik des Krieges unverständlich wird, bevor er sich für den Krieg entscheidet. Andererseits, wer nicht an die zweckmässige Ausrichtung der Schöpfung glaubt oder die Vielfalt und Verschiedenheit der Bestimmungen akzeptiert, der hat das Fundament der Konflikte und Kriege in sich gegründet.

Diese Tatsache wird im Vers 115 der Sure Muminun, in dem die Prüfung des Menschen als das Mittel zum Erreichen der endgültigen Vollkommenheit und zum Vollbringen der besten Taten gilt, deutlicher: “Meint ihr etwa, dass Wir euch ohne Zweck geschaffen hätten und dass ihr nicht zu Uns zurückgeführt würdet?”

Die Zweckgerichtetheit der Schöpfung bestätigt die echte Einheit der Welt, nämlich eine systematische Einheit. Diese Tatsache ist der wesentliche Faktor für die Herstellung der Harmonie und folglich der Ruhe und des Wohls des Menschen. Zweckgerichtetheit in diesem Sinne bedeutet nicht, dass der Vollkommenheitswille Kriege verhindert oder dass diejenigen, die Vollkommenheit behaupten, miteinander keinen Konflikt hätten, vielmehr bedeutet sie, dass die Orientierung der allgemeinen Bewegung der Welt auf ein erhabenes Ziel ausgerichtet ist. Mit anderen Worten: Die Welt befindet sich in einem umfassenden Erwerb von Vollkommenheit, der die Basis für die Stabilität und den Frieden der menschlichen Gesellschaft schafft.

Eine Religion, die in allen Bereichen der Welt eine organische Verbindung unter den Bestandteilen und Phänomenen sieht, kann nicht die organische Verbindung der Gesellschaft mit der Schöpfung außer Acht lassen. Der Mensch lebt als wichtigstes Geschöpf in dem System der Schöpfung, das aus vielen unterschiedlichen Elementen besteht, wie z.B. die Erde, Sterne, Nacht und Tag, Pflanzen, Tiere usw. Die Existenz des Menschen im zentralen Kern des Universums macht die Welt dynamisch und vervollständigt ihre Wandlung.

Zwar herrscht über die Existenzen auf der Welt eine Ordnung, nämlich das natürliche göttliche Gesetz, doch besitzt der Mensch als einziges Element der Schöpfung einen freien Willen. Je mehr sich der Mensch an die Ordnung der Schöpfung anpasst und ihre Bestimmungen befolgt, desto mehr wird er zur Glückseligkeit und zum Glück rechtgeleitet. Folglich gilt die Anpassung an die Ordnung der Schöpfung und die Vereinbarung mit deren Gesetzen als der Schlüssel zur Rechtleitung und Glückseligkeit des Menschen und der Gesellschaft.

Zusammenfassend kann festgehalten werden: Die Einheit in der Schöpfung, die Zweckgerichtetheit der Welt und die Gesetzmäßigkeit der Schöpfung weisen darauf hin, dass der Islam danach strebt, dass sich der Mensch im Licht der Harmonie aller Gesetze mit der Ruhe und dem Frieden zur absoluten Vollkommenheit der Welt, nämlich zu Allah, Der das Endziel aller ist, bewegt. Demnach sind der Friede und die Ruhe im islamischen Denken die besten Mittel zum Begreifen des Schöpfungszwecks der Welt und des Menschen. Die Vielfalt der Schöpfer würde demzufolge zu Unheil und Unordnung führen: „Gäbe es in (Himmel und Erde) Götter außer Allah, dann wären wahrlich beide dem Unheil verfallen“ (Al-Anbiya: 22).

Der Mensch als ein Teil der Gesamtheit der Welt kann also die notwendige Vollkommenheit nicht erlangen, außer im Lichte des Friedens und der Ruhe.

2 – Anthropologische Grundlagen

Die Art und Weise der Ansicht des Menschen über das Selbst beeinflusst die Ontologie des Menschen und die Erkenntnis seiner Stellung in der Schöpfung. Sie ist zudem eine der wichtigsten wirksamen Faktoren in den sozialen Gesetzen. Die sozialen Beziehungen, einschließlich der wirtschaftlichen, moralischen, politischen und anderen Formen von Beziehungen, sind ohne Berücksichtigung der anthropologischen Eigenschaften unmöglich.

In Wirklichkeit ermittelt die Beschreibung der Rolle und Stellung des Menschen einen Rahmen und eine Grundlage, in denen entsprechend die Art und Weise der Beziehungen der Menschen miteinander bestimmt wird. Folglich hängt unsere Neigung zum Frieden oder zum Krieg von der Einstellung ab, die wir vom Menschen haben. Allerdings werden uns diese verschiedenen Sichtweisen seitens der anthropologischen Forschungen zur Verfügung gestellt.

Nafisa Faqihi Moqaddas

[1] Morteza Motahhari: Madschmoaye Asar, Bd. 2, S. 68.