Prinzipien sozialer Gerechtigkeit im Islam

Mahmud Latifi

Die göttliche Gerechtigkeit umfasst die Methode Gottes bei der Erschaffung der Welt und der Führung der Geschöpfe. Die Beziehung Gottes zur Schöpfung (zur Erschaffung der Seienden) ist eine essentielle und wahre Beziehung. „Das ist Allahs Art (zu handeln). Er schafft, was Er will. Wenn Er eine Sache beschlossen hat, sagt Er zu ihr nur: Sei! dann ist sie.“ (Al-Imran:47) Allah, Der Weise, hat jedem Wesen entsprechende Bedürfnisse und Forderungen separat gewährt und es gibt kein Wesen, das über eine gewisse Kapazität verfügt, aber die dafür geeigneten Entfaltungsmöglichkeiten nicht erhält. Allah bestimmt auf Grundlage dieser Beziehung die Gebote und das zu Verwehrende in Form einer Gesetzgebung für den Menschen. Darin wird der Wille des Menschen, seine Wahl und seine Entscheidungsfreiheit bestätigt und betont, dass Gottes Vorschriften die Fähigkeiten der Menschen nicht überschreiten. „Gott fordert von keinem Menschen mehr als er tun kann.“ (Al-Baqara:286)

1. Die Bedeutung der Gerechtigkeit in der Philosophie

Zuweilen wird mit der Weisheit und der Vernunft die Wahrnehmung der Wahrheit des Universums gemeint (die theoretische Weisheit), d.h. die Wahrnehmung des Gesollten und Nichtgesollten im freiwilligen und vernünftigen Leben (die praktische Weisheit). So wie das Entdecken der Wahrheit das gewünschte Ziel der theoretischen Weisheit ist, ist die Bewegung auf dem Pfad der Gerechtigkeit der Maßstab der praktischen Weisheit, und diese beiden Formen der Weisheiten umfassen all die Aktivitäten der Seele des Menschen. Als Imam Ali (a.s.) gebeten wurde, einen durch seinen Verstand Begabten zu beschreiben, sagte er daraufhin: „Das ist derjenige, der [jede] Sache an ihren Platz setzt.“ [1] Ebenfalls definiert er die Gerechtigkeit folgendermaßen: „Die Gerechtigkeit sorgt dafür, dass die Dinge an ihrem [angemessenen] Platz sind.“ [2]

2. Die Bedeutung der Gerechtigkeit in der Ethik

Die Gerechtigkeit in der Ethik bedeutet das Gehorchen und die Ergebenheit der praktischen Vernunft gegenüber der theoretischen Vernunft. [3] Alle Ge- und Verbote sind auf drei seelische Neigungen zurückzuführen, nämlich auf die Begierde [Schahwad], den Zorn [Ghadab] und die Erfassung [Idrak]. Die Mäßigung dieser Neigungen durch die Leitung der theoretischen Vernunft führt zu drei Tugenden, nämlich Keuschheit, Mut und Weisheit, welche sich insgesamt in der Tugend der Gerechtigkeit manifestieren. So liegt die Gerechtigkeit in der Schnittmenge dieser menschlichen Tugenden. Von Imam Ali (a.s.) wird überliefert: „Es gibt vier Arten von Tugenden: Die erste ist die Weisheit, deren Wurzel das Denken ist. Die zweite ist die Keuschheit, deren Wurzel die Begierde ist. Die dritte ist die Stärke, deren Wurzel der Zorn ist. Die vierte ist die Gerechtigkeit, deren Wurzel die Mäßigung der seelischen Kräfte ist.“ [4] Imam Khomeini (r.a.) sagte: „Die Gerechtigkeit, die den wichtigsten moralischen Tugenden angehört, ist das Mittelmaß zwischen dem Exzess und dem Mangel.“ Imam Khomeini führt für die Darstellung der Gerechtigkeit in den Ebenen der Schöpfung den Vers „Mein Herr ist auf einem geraden Weg“ (Hud:56) an und fügt hinzu: „Allah, der den Propheten erzogen hat, ist auf dem geraden Weg und auf der vollkommenen Mäßigung und der von Ihm Erzogene [Prophet Muhammad (s.)] ist ebenfalls auf dem geraden Weg und auf der vollkommenen Mäßigung, nur mit dem Unterschied, dass die Mäßigung Allahs unabhängig und die des von Ihm Erzogenen [des Propheten] abhängig ist.“ [5]

3. Die Bedeutung der Gerechtigkeit in der Gesellschaft

Die Gerechtigkeit in diesem Sinne umfasst den Zweck des Prophetentums und die Entsendung der Propheten und gehört zu den Grundlagen der Legitimität der Herrschaft. Allah, der Erhabene, fordert durch die entsandten Propheten vom frei handelnden, bewussten und frei wählenden Menschen, dass er anhand seiner Fähigkeiten und Talente sowie durch die himmlische Rechtleitung und die rationale Entfaltung eine gemäßigte, angenehme und harmonische Welt gestaltet. Der Gerechtigkeit im islamischen Recht obliegt es, die Rechte jedes Individuums zu bewahren und jedem das Recht zukommen zu lassen, auf das es Anspruch besitzt. Diese Definition ist eine Zusammensetzung aus einem theoretischen Begriff (Vorhandenes = Recht) und einem vereinbarungsgemäßen und hervorbringenden Begriff (Gesolltes = die Notwendigkeit der Einhaltung). Im Folgenden soll das Verhältnis zwischen dem Recht, der Gerechtigkeit und der Einhaltung der Mäßigung bei der Gewährung des Rechts untersucht werden.

 4. Das Recht und die Gerechtigkeit

Der wichtigste Grundsatz in der Definition der Gerechtigkeit ist das Recht. Aus diesem Grund hängt die Verwirklichung bzw. Nichtverwirklichung der Gerechtigkeit von der Erkennung des Rechts und von demjenigen ab, der auf das Recht Anspruch hat. Das Recht und die Gerechtigkeit sind zwei Seiten einer Medaille. Gerechtigkeit besteht, damit jedes Individuum sein Recht erhält, und für jede Person ist ein Recht vorgesehen, damit Gerechtigkeit verwirklicht wird.

5. Terminologische Bedeutung des Begriffs „Recht“

Der Begriff „Recht“ [Haqq] hat in der Rechtswissenschaft zwei Bedeutungen:

  • Gesetz, juristische Normen, Bestimmungen und Regelungen, die das Leben und die Gesellschaft reglementieren. In den meisten Fällen wird für diese Bedeutung die Pluralform, nämlich „Huquq“ (Plural von „Haqq“) verwendet.
  • Das Recht: Das Privileg oder die Präferenz, das bzw. die für eine Person bestimmt wird. Die Menschen sind aufgrund dieses Rechts verpflichtet, es bei demjenigen, der es innehat, zu beachten und andere daran zu hindern, es zu missachten. [6] Das Recht, das aus der Definition der Gerechtigkeit erkennbar wird, entspricht jener zweiten Bedeutung. Hierbei sollte erwähnt werden, dass das Recht eine begriffliche und keine wesentliche Angelegenheit, daher kein Gattungsbegriff ist, dem eine etwaige logische Definition zugeschrieben werden könnte.

5.1 Der Ursprung der Rechte

Über den Ursprung der Rechte und darüber, auf welchen Kriterien das Privileg eines zugestandenen Rechts beruht, wurde viel gesagt. Der entscheidende Punkt ist hier, dass Allah, Der Erhabene, die Welt gemäß Seiner Weisheit und Seinem Plan erschaffen hat. Sowohl in der Wirkordnung als auch in der Zweckordnung beachtet Er den essentiellen Status der Existierenden, um sie spezifischen Zwecken auszusetzen. Folglich besitzt jedes existierende Wesen – einschließlich dem Menschen – eine eigene existentielle Stellung mit entsprechenden Fähigkeiten und Kapazitäten. Diese Fähigkeiten und Kapazitäten werden „Recht“ oder „Privileg“ genannt. Mit anderen Worten: Die Sammlung der Welt ist wie ein großes Kreuzworträtsel. Die Bedeutung jedes Buchstabenkästchens hängt von seiner Position ab. Die Position bestimmt sein Recht und seine Rolle. In dieser Logik verdient jedes existierende Wesen, welches in die Welt der Existenzen eingetreten ist, durch sein Dasein und seine Präsenz ein Recht gegenüber anderen, so wie auch andere ein Recht gegenüber den anderen Existenzen verdienen. Der Ursprung des Rechts ist in dieser Denkweise die Existenz und die Präsenz der Gegenstände. Die Existenz stellt das Recht dar. Daher hat jedes Existierende gemäß seiner Existenz und seiner wesentlichen Vollkommenheit das Recht über andere.

5.2 Legitimität der Rechte

Das Recht und die Gerechtigkeit agieren auf der Handlungsebene in ihrer Legitimität und Notwendigkeit als separate Realitäten. Die natürlichen Rechte der existenziellen Wahrheiten erfordern eine große Erkenntnis und ein umfassendes Wissen über die Existenz und die Natur des Menschen, und der einzige Faktor zur Erkennung solcher Tatsachen sind die Überlieferungen der Unfehlbaren (a.s.) und die Vernunft, die frei von Einbildung, Analogie und Mutmaßung ist. Eine Vernunft, die wie die endgültige Offenbarung und die Worte der Unfehlbaren (a.s.) das Recht erkennt und die juristischen Regeln auf der Basis der Gerechtigkeit aufstellt, ist keine empirische und auf das Gefühl gestützte (positivistische) Vernunft. Vielmehr handelt es sich um eine Vernunft, die – wie auch die Offenbarung – vor Fehlern, Einbildung und Wahn geschützt ist und über der Materie, dem Körper, der Begierde und dem Zorn steht und eine rechtleitende und mäßigende Wirkung besitzt. Es ist deutlich, dass eine solche Vernunft nicht im Widerspruch zur Offenbarung steht.

Daher können Sitte, Brauch und Verhaltensweisen der Vernünftigen oder die sozialen Vereinbarungen und gegenseitigen Verpflichtungen usw. nicht Quelle für die Legitimität und ein Ursprung für das Recht und die Gerechtigkeit sein, denn selbst die Legitimität und die Annehmbarkeit der Sitte und des Brauches oder der Verhaltensweise und der Vereinbarung folgen aus deren Übereinstimmung mit der Gerechtigkeit und der Beachtung der Rechte. Diese Angelegenheiten sollten durch das Recht und die Gerechtigkeit bestätigt werden. Zweifelsohne stehen das Recht und die Gerechtigkeit über den sozialen Verpflichtungen und den erlassenen Gesetzen und sind deren verpflichtende und hervorbringende Ursache sowie ein Kriterium für deren Wahrheit und Legitimität. Gerechtigkeit und Rechte existierten bereits vor der Einführung des ersten Gesetzes auf der Welt, weshalb man durch den Erlass eines Gesetzes das Wesen der Gerechtigkeit und der Rechte nicht ändern kann. [7]

5.3 Die Beziehung zwischen dem Recht und der Pflicht

Das Recht erfordert ein Gegenüber, das sich dem Recht verpflichtet und es beachtet. Wenn beispielsweise ein Herrscher dem Volk gegenüber ein Recht innehat, dann heißt „das Recht zu haben“, dass dieses wiederum vom Volk zu beachten ist. Es ist absurd, dass eine Person gegenüber jemand anderem ein Recht innehat, das Gegenüber jedoch nicht verpflichtet ist, dieses Recht zu beachten. So bedeutet die Formulierung „ich habe eine Forderung an eine Person, dass diese mein Geld zahlen muss“, dass in dem Fall eine Forderung bzw. ein Recht im Raum steht, das nur durch z.B. einen Verzicht des Fordernden oder durch einen Ausgleich abgetreten werden kann. Folglich stellt sich die Beziehung zwischen dem Recht und der Pflicht folgendermaßen dar: Dort, wo ein Recht für ein Individuum bestimmt wird, sind die anderen diesem Recht gegenüber verpflichtet.

Imam Ali (a.s.) sagte in diesem Zusammenhang Folgendes: „Denn das Recht ist das mit der größten Bandbreite an Beschreibung, und mit der engsten hinsichtlich Angemessenheit [danach zu handeln]. Wenn jemandem ein Recht [über andere] zufällt, dann nicht ohne dass [andere auch] über ihn Rechte haben, und jeder, über den [andere] ein Recht haben, ist nicht ohne dass ihm [auch] ein Recht [auf andere] zufällt. Wenn irgendjemand ein Recht hat, ohne dass andere Rechte über ihn haben, dann gehört dies einzig und allein Allah, Dem Erhabenen, unter Ausschluss Seiner Geschöpfe, aufgrund Seiner Macht über Seine Diener und wegen Seiner Gerechtigkeit in all Seinen Bestimmungen.“ [8] Es muss erwähnt werden, dass das zugestandene Recht eines Individuums nicht gleichzeitig eine uneingeschränkte Berechtigung darauf bedeutet. Schließlich haben auch die anderen Rechte, während sie verpflichtet sind, das Recht jenes Individuums zuzugestehen. Es ist nicht gestattet, aufgrund einer Forderung einem anderen Rechte zu entziehen. Auch diese Tatsache basiert auf den Ursprüngen der Gerechtigkeit und Rechtmäßigkeit.

6. Gleichheit und Gerechtigkeit

Die Gerechtigkeit und die Gleichheit sind interdependent. Leider interpretieren manche aufgrund ihres mangelhaften Verständnisses das Wort „Gleichheit“ als sinnliche Gleichstellung. Denn obwohl soziale, wirtschaftliche, juristische usw. Ungleichheiten dazu führen, dass der Mangel an Gerechtigkeit die nach Gerechtigkeit suchende Natur des Menschen deutlich verletzt, ist die absolute und mathematische Gleichheit unterdrückerisch und unerwünscht. Aus diesem Grund sollte man die Gerechtigkeit als die Gleichstellung von Individuen gegenüber dem Gesetz, den Rechten, den grundsätzlichen Pflichten, der Beseitigung von Privilegien und den grundlosen, unlogischen Ungleichheiten interpretieren.

In dieser Hinsicht ist die wichtigste Aufgabe der juristischen Denkschulen, dass sie erstens die Gesellschaft zur weiteren Entfaltung der Fähigkeiten und zur Förderung der Talente führen und sich zweitens mithilfe der Erziehungs- und Verhaltensmethoden anstrengen, den Abstand der Schichten zu verringern, die Achtung und die Würde des Menschen zu bewahren und die Gesellschaft zur Gleichheit und Gerechtigkeit rechtzuleiten. Sie sollten nicht mit dem Glauben an ethischen und philosophischen Relativismus und unter dem Vorwand der Gleichheit von Rechten einem Friedensstifter und Unheilstifter und einem Gerechten und Ungerechten gleichen, die soziale Vorteile zugestehen, „[d]enn das würde Entmutigung der Tugendhaften von guten Taten bedeuten sowie Gewöhnung der Übeltäter an schlechte Taten.“ [9]

7. Die Grundsätze der sozialen Gerechtigkeit im Islam

Da die Grundlagen der sozialen Gerechtigkeit im Islam nicht von der göttlichen Herrschaft [Rububiyyah] und der Entsendung der Propheten und der Gesetzgebung der göttlichen Religion getrennt werden können, begnügen wir uns in diesem Kapitel mit der Nennung einiger eindeutiger Verse.

7.1 Gerechte Gesetzgebung

Der Gesetzgeber einer islamischen Ordnung ist derjenige, der sich selbst auf dem rechten Weg befindet: „Mein Herr ist auf einem geraden Weg.“ (Hud: 56) Durch die Gerechtigkeit hält Er die Himmel und die Erde aufrecht: „Durch die Gerechtigkeit stehen die Himmel und die Erde aufrecht.“ [10] Es gehört zu den Manifestationen der göttlichen Gerechtigkeit, dass Allah von niemandem mehr, als er (zu leisten) vermag, verlangt: „Gott fordert von keinem Menschen mehr als er tun kann und rechnet ihm zu seinem Vorteil an, was er Gutes leistet und zu seinem Nachteil, was er Böses tut.“ (Al-Baqara: 286)

7.2 Gerechte Regelung

Ein weiterer Beweis der göttlichen Gerechtigkeit ist, dass die Ordnung der Welt eine gerechte Ordnung ist und es darin kein Böses und keine Inkonsistenz gibt: „Der alles gut gemacht hat, was Er erschuf.“ (As-Sadschda: 7) „Der dich erschuf und dich dann ebenmäßig geformt, und in einer geraden Gestalt gemacht hat?“ (Al-Infitar: 7) Folglich resultiert jedes Böse und jedes Unrecht aus der Nichtbefolgung Seiner gerechten Ordnung: „Was dich an Gutem trifft, kommt von Allah, was dich an Schlimmem trifft, von dir selbst.“ (An-Nisa: 79) Was uns an Unglück trifft, ist wegen dem, was wir eigenhändig erworben haben, obgleich Allah vieles vergibt: „Was euch an Unheil geschieht, rührt von euren bösen Taten her. Gott vergibt jedoch viele üble Taten.“ (Asch-Schura: 30)

7.3 Gerechter Rechtsspruch

Die göttliche Gerechtigkeit erfordert logischerweise, dass man nichts Weiteres erntet bis auf das, was man gesät hat: „Wenn dann einer (auch nur) das Gewicht eines Stäubchens an Gutem getan hat, wird er es zu sehen bekommen. Und wenn einer (auch nur) das Gewicht eines Stäubchens an Bösem getan hat, wird er es (ebenfalls) zu sehen bekommen.“ (Az-Zalzala: 7-8) Das ist darin begründet, dass die Ordnung der Schöpfung, der Himmel und der Erde usw. auf der Wahrheit und der Gerechtigkeit beruht:  „Allah erschuf die Himmel, die Erde und das, was zwischen ihnen ist, nur nach Wahrheit […].“ (Ar-Rum: 8) Aus dem Grund gestaltet jeder seine eigene Glückseligkeit und erfolgt das Elend der Gemeinschaften durch das, was sie eigenhändig erwerben: „Wer sich um Rechtleitung bemüht, nützt sich selbst, und wer in die Irre geht, schadet sich selbst. Keiner trägt die Schuld eines anderen […].“ (Al-Isra: 15)

7.4 Gerechtes Entgelt

Es ist unmöglich, dass das gute und schlechte Handeln der Menschen nachlässig beachtet wird bzw. der Lohn und die Strafe eines Menschen vergessen, verringert bzw. ungerechtfertigt vervielfacht werden: „Und für alle gibt es Rangstufen gemäß dem, was sie getan haben, auf dass Er ihnen ihre Taten voll heimzahle; und kein Unrecht soll ihnen widerfahren.“ (Al-Ahqaf: 19) „Dann wird jeder Seele das zurückerstattet, was sie erworben hat, und ihnen wird kein Unrecht geschehen.“ (Al-Baqara: 281; Al-Imran: 161)

7.5 Gerechtes Leben

Aus der Gerechtigkeit in der Welt resultiert das gerechte soziale Leben. Der Heilige Qur‘an sagt aus, dass der Zweck der Festsetzung der göttlichen Waagschale in der Rechtleitung der Menschen begründet liegt: „Den Himmel erschuf Er hoch und stellte die Waage der Gerechtigkeit auf, damit ihr die Waage der Gerechtigkeit nicht überschreitet. Bei allem sollt ihr gerecht und genau auf Gewicht und Maß achten und nichts vermindern.“ (Ar-Rahman: 7-9) In einer Überlieferung von Imam Ali (a.s.) heißt es: „Die Gerechtigkeit ist die Waage Allahs, Des Gepriesenen, Der sie in den Geschöpfen aufgestellt und sie für die Verrichtung der Wahrheit festgesetzt hat. So widersetzt euch Ihm nicht in Seiner Waage und bekämpft nicht Seine Macht.“ [11] Nach allen vorgebrachten Charakteristika kann die Gerechtigkeit nicht als vertraglich geregelt interpretiert werden, was bedeuten würde, dass deren Bejahung und Verneinung von dem Willen des Menschen abhängen würde. Gerechtigkeit ist vielmehr eine göttliche, wahre Tatsache. Der Mensch neigt durch seine individuelle Natur zur Gerechtigkeit und sein soziales Leben basiert auf der Gerechtigkeit.

8. Individuelle Gerechtigkeit ist die Grundlage der sozialen Gerechtigkeit

Die Legitimität der politischen Macht in der islamischen Rationalität basiert auf der Kompetenz. Eine der wichtigsten Grundlagen der Kompetenz ist der Besitz der individuellen Gerechtigkeit und der Gottesfurcht. Eine Person, die hinsichtlich ihrer eigenen Leitung trotz all ihrer Fähigkeiten die Gerechtigkeit nicht walten lassen und sich selbst vor Verderben in verschiedenen Begierden nicht retten kann, kann anderen gegenüber ebenfalls keine Gerechtigkeit walten lassen. Eine Gesellschaft, die die Gerechtigkeit unter ihren Bürgern nicht schaffen kann, ist nicht dazu befähigt, in anderen Gesellschaften zur Gerechtigkeit aufzurufen. Eine Person, die in ihrer privaten und persönlichen Sphäre den Ungehorsam und den Widerstand gewohnt ist, wird auch keine Gerechtigkeit im Zusammenhang mit der Gemeinschaft walten lassen. Der Gerechtigkeitswille der der monotheistischen Religionen nicht ein Recht, sondern allgegenwärtige Pflicht

9. Soziale Gerechtigkeit als ein Recht und eine Pflicht

Der Gerechtigkeitswille in der Kultur der monotheistischen Religionen ist nicht nur ein Recht, sondern eine allgegenwärtige Pflicht. Zweifelsohne haben alle Menschen das Recht, im Raum der Gerechtigkeit und Mäßigung zu leben, weil es ihr natürliches und von Allah gegebenes Bedürfnis ist. Dennoch sollten sie selbst aufgrund ihrer Willenskraft und Wahlfreiheit die Bedingungen jenes Raums schaffen. Die Qur‘anverse verpflichten mehrmals die Menschen mit der Gerechtigkeit, halten sie von der Unterdrückung und der Annahme der Unterdrückung ab und warnen sie vor den schlimmen Konsequenzen der Unterdrückung. Im Heiligen Qur‘an heißt es: „Gott zeigt euch den geraden Weg. Es gibt auch irreführende Wege. Wenn Gott wollte, würde Er euch alle rechtleiten.“ (An-Nahl: 90) Allamah Tabatabai schreibt in seiner Exegese zu diesem Vers Folgendes: „Obwohl die Gerechtigkeit in individuelle und soziale Gerechtigkeit eingeteilt werden kann und der Begriff des Verses unbedingt ist und die beiden Arten umfasst, bezieht sich aber der Kontext auf die soziale Gerechtigkeit. D.h. Allah befiehlt jedem Gläubigen, nach der Gerechtigkeit zu handeln. Dies bedeutet, dass der göttliche Befehl auch an die Gemeinde gerichtet ist. Und weil die Regierung Verwalter und Leiter der Gemeinde ist, bezieht sich diese Bestimmung in erster Linie auf die islamische Regierung.“ [12]

In mehreren Versen des Heiligen Qur‘ans werden die Gläubigen aufgefordert, gegenüber den Rechten der Individuen der Gesellschaft, ob Muslim oder Nichtmuslim, die Gerechtigkeit zu beachten. Als die Juden von Chaibar zu dem Gesandten (s.a.s.) kamen und ihn baten, im Zusammenhang eines Verbrechens als Schiedsrichter Urteile zu fällen, erlaubte Allah Seinem Gesandten (s.a.s.), diese Verantwortung nicht anzunehmen und sie sich selbst zu überlassen. Wenn aber der gesegnete Prophet (s.a.s.) diese Aufgabe akzeptiert hätte, hätte er der Gerechtigkeit entsprechend urteilen können: „Wenn sie zu dir kommen und dich bitten, als Schiedsrichter Urteile zu fällen, darfst du unter ihnen richten, wenn du willst, oder dich von ihnen abwenden. Solltest du dich dafür entscheiden, dich von ihnen abzuwenden, würden sie dir nicht im Geringsten schaden können. Wenn du unter ihnen urteilst, musst du wie immer der Gerechtigkeit entsprechen, denn Gott liebt die Gerechten.“ (Al-Maida:42) 10. Gerechtigkeit ist eine wirtschaftliche Pflicht Das deutlichste Porträt der Gerechtigkeit ist ihre Beachtung in wirtschaftlichen Angelegenheiten. Der Heilige Qur‘an tadelt die ungerechten sozialen Beziehungen folgendermaßen: „Wehe denjenigen, die das Maß verkürzen, die, wenn sie sich von den Leuten zu messen lassen, volles Maß verlangen.

Und dann jedoch, wenn sie es ihnen ausmessen oder auswägen, verkürzen sie es.“ (Al-Mutaffifin:1-3) In der Sure Al-Isra heißt es: „Und gebt volles Maß, wenn ihr abmesst, und wägt mit der richtigen Waage! Dies ist gut und hat ein besseres Ende.“ (Al-Isra:35) In einem anderen Vers heißt es: „Gebt volles Maß und lasst die Menschen nichts verlieren, was ihnen zusteht! Wiegt mit richtigen Waagen! Nehmt den Menschen nichts von dem, was ihnen zusteht, und richtet kein Unheil auf Erden an!“ (Asch-Schuara:181-183) Anmerkung der Redaktion: Eine wichtige Quintessenz, die aus diesen Versen hervorgeht, ist, dass ungerechte wirtschaftliche Beziehungen nicht in einem vermeintlich geschützten Betriebsbereich bleiben, sondern auch menschliche Beziehungen beeinflussen. Heutzutage können die großen internationalen Kapitalisten wie ein blutdürstiger Krake durch die Anwendung der Technologie, Technik und Werbung mit nur einem Beschluss die Wirtschaft eines Landes in die Knie zwingen und ihre Rivalen in einer Nacht pleitegehen lassen. Es ist erstaunlich, dass unsere Welt, die zivilisiert und rational zu sein behauptet, auf der einen Seite solchen Riesen erlaubt zu tun, was sie wollen, und auf der anderen Seite über die Gerechtigkeit und die Menschenrechte redet und für die hungrigen Millionen von Menschen der geplünderten Länder Krokodilstränen vergießt.

Anmerkungen: 1) Nahdsch-ul-Balagha, Weisheit 235. 2) Nahdsch-ul-Balagha, Weisheit 437. 3) Ibn Miskawayh, Ahmad Bin Muhammad: Tahzib-ul-Achlaq wa Tathir-ul- Aaraq, S. 40 f., sowie An-Naraqi, Mahdi: Dschami-us-Saadat, Bd. 1, S. 70 f. 4) Bihar-ul-Anwar, Bd. 78, S. 81. 5) Imam Khomeini: Scharhe Hadithe Dschunude Aql va Dschahl, S. 148. 6) Katuzyan, Nasir: Mabaniye Huquqe Omumi, S. 370. 7) Motahhari, Morteza: Nizame Huquqe Zan dar Islam, S. 157. 8) Nahdsch-ul-Balagha, Predigt 207. 9) Nahdsch-ul-Balagha, 53. Anweisung – Regierungsauftrag an Malik Al- Aschtar. 10) Awali Al-Laali, Bd. 4, S. 103. 11) Al-Amidi, Abdulwahid: Ghurar-al-Hikam wa Durar-al-Kalim, S. 99. 12) Allamah Tabatabai: Al-Mizan, Bd. 12, S. 331.