Qur’an-Exegese – Al-Ankabut (29:57)

Seyed Mohsen Alebatool

Transliteration

Kullu Nafsin Dhā’iqatu Al-Mawti Thumma ‚Ilaynā Turja`ūna. Wa Al-Ladhīna ‚Āmanū Wa `Amilū Aş-Şāliĥāti Lanubawwi’annahum Mina Al-Jannati Ghurafāan Tajrī Min Taĥtihā Al-‚Anhāru Khālidīna Fīhā Ni`ma ‚Ajru Al-`Āmilīna.

Übersetzung

Jedes Lebewesen soll den Tod kosten; zu Uns sollt ihr dann zurückgebracht werden. Und jene, die glauben und gute Werke tun, sie beherbergen Wir in den oberen Gemächern des Paradieses, durch das Ströme fließen. Darin werden sie weilen immerdar. Herrlich ist der Lohn der (Gutes) Wirkenden (Al-Ankabut | 29:57 f.).

Erläuterung

Der Tod ist für die Menschheit eines der größten Geheimnisse. Obwohl die Bedeutung des Lebens für den Menschen klar und eindeutig ist, bleibt der Tod für ihn ein Mysterium, so dass die Menschen meist schon beim Hören des Wortes in Angst und Schrecken geraten. Hinzu kommt noch, dass es wenige Quellen gibt, um den Tod zu erforschen. Diejenigen, die den Tod schon erfahren haben, fanden nämlich nie die Gelegenheit, zurückzukehren und ihre Erfahrungen mit anderen zu teilen. Schon die Tatsache, dass man nicht zurückkehrt, beängstigt die Lebenden. Außerdem sorgt diese dafür, dass man den Tod für das Ende hält.

Der Qur’an hingegen befasst sich intensiv damit, dem Menschen den Tod zu erklären. Der Tod als Ende von Allem steht in Widerspruch zum Sinn der Schöpfung und der Göttlichkeit Gottes. Daher definieren die Lehren der Offenbarung den Tod und erklären, dass er – genauso wie das Leben – eine Schöpfung Gottes ist. Der Qur’an könnte – als die Botschaft des einen Gottes, der auch der Schöpfer von Leben und Tod ist – die beste Quelle sein, um die Wahrheit über den Tod offenzulegen.

Die Bedeutung des Todes

Der Tod ist aus Sicht des Qur’an nicht das Ende, sondern ein Tor zum Jenseits und zum ewigen Leben. Gemäß dem Qur’an bedeutet der Tod nicht das Ende, sondern gehört zum Wesen. Er bedeutet einen Transfer und Übergang zu einer anderen Welt. Der Qur’an sagt im Vers 2 der Sure Mulk: „Der den Tod erschaffen hat und das Leben, dass Er euch prüfe, wer von euch der Beste ist im Handeln“. Hier bezeichnet Gott den Tod – genauso wie das Leben – als eine seiner Schöpfungen. Wenn also der Tod das Ende bedeuten würde, würde er nicht mehr als eine Schöpfung bezeichnet werden können. In den islamischen Überlieferungen wird der Moment des Sterbens und des Leben-Lassens als „Ehtezar (احتضار, sterbend)“ bezeichnet. Dieses Wort bedeutet „dabei sein“ und betrifft die Anwesenheit des Todes. Der Tod kommt zu dem sterbenden Menschen als Geschöpf und nimmt ihn in eine andere Welt mit.

In vielen Qur’anversen wird der Tod als „Tawafa (توفی)“ definiert. Das bedeutet die Wiederrücknahme des Geistes und dessen Trennung vom Körper – durch Gott, den Todesengel oder dessen Vertretung. Diese Trennung bedeutet den Übergang von dieser Welt in eine andere und die Veränderung von einer Form in eine vollkommenere. Man kann es mit der Metamorphose der Schmetterlinge vergleichen: Erst ist er eine Raupe auf irgendeinem Ast, dann in einer Puppe und schließlich ein Schmetterling, der fliegen kann, obwohl er zuvor weder fliegen konnte noch die Schönheit eines Schmetterlings besaß.

Gemäß den Lehren der heiligen Schriften und den Worten der Propheten ist der Tod der Übergang vom Diesseits ins Jenseits. Der Tod ist eine Tatsache, dem der Mensch – egal welche materiellen Möglichkeiten ihm zur Verfügung stehen und ob er gesund ist – nicht entrinnen kann. Der Tod kennt kein Schwach oder Stark, Jung oder Alt, König oder Bettler; Arm oder Reich, Klug oder Dumm, Weiß oder Schwarz – wenn die Zeit gekommen ist, beginnt die Reise des Menschen von der vergänglichen Welt in die Ewigkeit. Da helfen auch keine festen Burgen und Türme. Der Qur’an sagt in Vers 78 der Sure an-Nisa (4): „Wo ihr auch sein mögt, der Tod ereilt euch doch, und wäret ihr in hohen Burgen“.

Die Rückkehr zu Gott

In Vers 156 der Sure Baqarah (2) heißt es: „Wahrlich, Allahs sind wir und zu Ihm kehren wir heim“. Dabei dürfen wir nicht außer Acht lassen, wie wir jedoch zu Gott zurückkehren. Wie wir vor Gott treten, hängt von unseren Taten ab. Wenn der Mensch fromm und enthaltsam gelebt hat, wird ihm Gott gütig und barmherzig entgegentreten. Doch falls er sich den Fleischeslüsten und Sünden ergibt, wird er einem rächenden Gott entgegentreten. In Vers 30 der Sure Qiyamah (75) wird für den Übergang des Menschen vom Diesseits ins Jenseits der Begriff Treiben (سوق) mit der Bedeutung „Leiten“ und „Anschieben“ benutzt. Das heißt hier, dass der Mensch zur Stunde seines Todes ungewollt zum Jenseits geschoben wird, also gegen seinen Willen. Außerdem kommt der Tod einmal und geschieht nur in einem Augenblick, und ein anderes Mal ganz langsam.

Die Ereignisse während des Todes

Der Qur’an erläutert die Langsamkeit des Todes und die Trennung der Seele vom Körper sowie die Formen des Sterbens. Er ruft alle Menschen auf, sich diesen Augenblick vor Augen zu halten und von falschen Glauben und Sünden zu entfernen (Anám | 6:93; Mohammed | 47:26. 28). Der Mensch gerät im Augenblick des Todes in die Situation, dass seine Lebensenergie aus dem Hals hinaussteigt. Der Qur’an nutzt diese Metapher, um die Furcht des Menschen vor dem Tod zu versinnbildlichen. Es ist, als ob der Feind über einen siegt, und man in jeder Hinsicht in die Enge getrieben worden ist (al-Ahzab | 33:11).

Weiterhin weist der Qur’an auf die Situation des „Mohtazar (محتضر, Sterbender)“ hin. Er beschreibt die traurigen, angsterfüllten und bemitleidenswerten Blicke der Angehörigen und Bekannten. Dabei bittet der Sterbende sie um Hilfe, Beistand und Rettung. Hier weist der Qur’an darauf hin, dass Gott den Sterbenden näher ist als ihre Verwandten und Bekannten, um zu zeigen, wie unbeholfen die Sterbenden und auch deren Angehörige sind. In diesem Augenblick fragen die Angehörigen verzweifelt, wer den Sterbenden heilen kann (Al-Qiyamah | 75:27). Im Augenblick des Todes, wenn alle Hoffnungen auf Heilung vergebens sind, sieht man ein, dass es kein Entrinnen vor dem Tod gibt. Und Sobald man das Jenseits sieht, und Himmel und Hölle betrachtet, sieht man ein, dass es kein Zurück mehr gibt (Al-Qiyamah | 75:28). Nun ist es Zeit, sich von Eigentum, Frau und Kindern und der Welt zu verabschieden, und alles, was man angesammelt hat, zurückzulassen, bevor sie – wie es der Qur’an erläutert – voneinander getrennt werden.

Sünder und Glaubenslose

Im Augenblick des Todes kommen die Engel zum Sterbenden und fangen an, ihm sein Leben zu nehmen (Al-An’am | 6: 61; As-Sadschdah | 32:11). Der Qur’an unterscheidet jedoch die Form der Erscheinung der Engel bei Gläubigen und Ketzern, denn in dem Augenblick durchlaufen die Ungläubigen eine harte Zeit und müssen ihr Leben auf einer erniedrigenden Weise lassen (an-Nahl | 16:28, und An´am | 6: 93) – während die Gläubigen frohen Mutes ihrem Schöpfer entgegentreten (an-Nahl | 16:32). Man darf nicht vergessen, dass Reue im Augenblick des Sterbens nichts mehr nützt. Wenn es Hoffnung auf Vergebung gibt, dann nur bis vor dem Sterben. Genau aus diesem Grund hat auch dem Pharao die Reue nichts mehr gebracht (Yunus | 10:90f.). Der Koran sagt im Vers 18 der Sure Nisa (4), dass im Augenblick des Todes, wo einem die Wahrheit über die Welt, das Leben und das Ergebnis seiner Taten offenbart wird, Reue nichts mehr bringen wird. Es nützt auch nichts mehr, wenn man bittet, wieder auf die Welt zurückkehren und den Tod hinauszögern zu dürfen. Denn den Tod kann man nicht aufschieben.

Weiterhin berichtet der Qur’an, dass in diesem Augenblick die Sünder ihre Sünden zugeben. Das beweist, dass einem in diesem Augenblick seine Stellung bewusst wird, die Hüllen fallen und nichts verborgen bleibt. Da werden sie die Wahrheit zugeben, und sich selbst verfluchen, weil sie ungläubig waren. Einige Tyrannen bitten darum, wieder auf die Erde zurückkehren zu dürfen, um ihre Taten wiedergutmachen zu können. Doch diese Einsicht im Moment des Erblickens der Wahrheit in der Stunde des Todes wird ihnen nichts nützen (al-A´raf | 7:37, Mu´minun | 23:99f.).

Das Leben nach dem Tod aus Sicht des Qur’ans

Eine Studie über den Qur’an zeigt, dass unter den Glaubensfragen im Islam keinem Thema – nach dem Monotheismus – so viel Beachtung geschenkt worden ist wie dem Jenseits und dem Leben nach dem Tod. Nichts wird so viel Wichtigkeit beigegeben wie dem Ablegen von Rechenschaft und der Belohnung oder der Wiederherstellung der Gerechtigkeit durch Sühne. Ein Beweis hierfür sind die über 1200 Verse über die Auferstehung und auch die letzten Suren des Qur’ans. Sie befassen sich ausführlich mit der Auferstehung, deren Vorkehrungen, Zeichen und Ergebnissen.

Der Begriff „Maad (Auferstehung)“ stammt von dem Wort „Oud“ – was Rückkehr bedeutet – ab. Im übertragenen Sinne bedeutet es so viel, wie Leben im Jenseits und nach dem Tod. Die Auferstehung im Islam bedeutet, dass alle Menschen, die in dieser Welt geboren werden, ein paar Jahre auf dieser Welt leben und dann sterben, im Jenseits wieder geboren werden, und vor dem Jüngsten Gericht stehen werden, und dann, je nachdem, was sie auf dieser Welt getan haben, in den Himmel oder in die Hölle kommen. Überall im Qur’an wird nach dem Glauben an Gott, auf den Glauben an ein Leben nach dem Tod hingewiesen. In fast 30 Versen werden diese beiden Themen gleichgestellt und auf „Glaube an Gott und das Jenseits“ oder Ähnliches hingewiesen.[1]

Die Auferstehung und der Glaube an das Jenseits sind die Grundlagen der Lehren aller Propheten Gottes, und der Prophet des Islams hat trotz aller Widersprüche der Ungläubigen alle zum Glauben an diese beiden Grundsätze aufgerufen. Dieses Streben der Propheten nach der Auferstehung danach, den Menschen das Leben nach dem Tod nahe zu bringen, zeigt, wie wichtig diese Glaubensgrundsätze im Leben des Menschen sind. Zweifellos hat der Glaube an das Jenseits eine direkte Auswirkung auf das Verhalten der Menschen und der Gesellschaft, und verändert das Leben der Menschen. Kenntnisse über das Verhältnis des Diesseits zum Jenseits und dass diese Welt eine Vorstufe des Jenseits ist, üben einen direkten Einfluss auf das Verhalten der Menschen aus. Wenn man weiß, dass die Taten auf dieser Welt sich in der anderen Welt widerspiegeln, wird man vorsichtiger und die Taten bedachter.

Die wichtigsten Auswirkungen des Glaubens auf das Leben nach dem Tod

  1. Sinngebung für das Leben

Eine der wichtigsten Auswirkungen des Glaubens an die Auferstehung ist, dass das Leben im Diesseits Sinn bekommt. Denn wenn es kein Leben nach dem Tod gäbe, wäre auch das Leben auf dieser Welt sinnlos. Wenn jemand nicht an das Leben nach dem Tod glaubt und den Tod als das Ende ansieht, verliert auch dieses Leben seinen Sinn. Das Leben bekäme eine Leere und wäre ziellos. Dann denkt man bei sich: Was soll all das Streben nach dem Besorgen von Haushalt, Wohnung, Auto und einer guten Arbeit? Und wenn dann die Antwort lautet: „Nichts, du wirst sterben und alles hört auf“, dann wird man depressiv oder bekommt Angst. Vielleicht ist dies der Grund, warum einige trotz Reichtum und Wohlstand Selbstmord begehen, weil diese Welt für sie sinnlos ist.

Diejenigen, die ihre Existenz in dieser Welt eingeschränkt sehen, und glauben, dass nichts anderes als Tod und Ende auf sie wartet, beschweren sich, warum sie überhaupt auf die Welt gekommen sind und sagen: „Wäre ich doch überhaupt nicht auf die Welt gekommen.“ Diese sind dem Leben gegenüber pessimistisch, denn sie sehen nichts anderes in ihm als Probleme und Schwierigkeiten. Diese finden nichts darin, was ihnen Hoffnung gibt. Anders ist es mit denen, die an die Auferstehung glauben. Sie glauben, dass das Leben sich nicht auf diese Welt beschränkt. So bekommt das Leben, wegen des Glaubens an das Jenseits, einen Sinn. So ein Mensch glaubt, dass Gott ihn nicht sinnlos erschaffen hat, und er bald mit seinem Schöpfer wiedervereint wird. Genauso wie im Koran steht: „Glaubtet ihr denn, Wir hätten euch in Sinnlosigkeit geschaffen, und dass ihr nicht zu Uns zurückgebracht würdet“ (Al-Mu´minun | 23:115).

Eine Person, die an die Auferstehung glaubt, weiß, dass diese Welt nur ein Vorposten des ewigen Lebens ist und dass dieses Leben ein Ackerland für das Jenseits ist. Daher versucht dieser Mensch, die Probleme zu bekämpfen und ein heiliges Ziel anzustreben, denn er kennt die Natur der materiellen Welt und weiß, dass sie ein Spielzeug derer ist, die nur an das Materielle glauben. Der Qur’an sagt: „Dieses irdische Leben ist nichts als ein eitles Getändel und ein Spiel; doch das Leben hienieden ist nur ein vergängliches Gut im Vergleich zu dem künftigen; aber der Genuss des irdischen Lebens ist gar klein, verglichen mit dem künftigen“ (Al-´Ankabut | 29:64, Ra’d | 13:26, Al-Taubah | 9:38). So ist also eine der Wirkungen des Glaubens an das Leben nach dem Tod die Ziel- und Sinngebung des Lebens.

  1. Die Kontrolle der Triebe

Solange der Mensch in dieser Welt lebt, wird er von Trieben und vom Wollen bestimmt. Doch wenn er – im Schatten des Glaubens an das Jenseits – erkennt, dass er auf dieser Welt nur sehr kurz verweilt und ihr wenig Nutzen bringt, und er das von ihm Erstrebte nicht für immer behalten kann, wird er sich nicht den Trieben hingeben oder traurig sein, wenn er keine Reichtümer angesammelt hat. Auf dieser Welt sind die Wünsche groß und die Verzweiflung tief. Beide lauern auf den Menschen und bedrohen ihn. Doch wir können sie mit dem Gedenken an Gott und dem Glauben an das Jenseits in Schach halten. Der Prophet des Islams sagte einmal: „Gedenket dem Zerstörer der materiellen Gelüste“. Da wurde er gefragt: „Was ist das?“ Darauf sagte er: „Der Tod. Der Tod ist die erste Etappe zum Jenseits und die letzte Etappe des Lebens.“[2]

Imam Ali bezeichnet das Denken an den Tod als den Reformator des Menschen und den Erzieher der menschlichen Seele. Er sagt: „Sobald Ihr eine Untat begehen wollt, gedenket des Todes, des Zerstörers der Lüste und Lösers der Triebe und des Schneiders der Wünsche.“[3] Wir dürfen nicht vergessen, dass nicht nur die Vergänglichkeit dieser Welt und die Ewigkeit des Jenseits von Bedeutung sind. Wichtig ist, dass jeder Rechenschaft ablegen muss. Jeder, der Schlechtes getan hat, wird dementsprechend bestraft, aber: „Wer recht handelt, ob Mann oder Weib, und gläubig ist, dem werden Wir gewisslich ein reines Leben gewähren; und Wir werden gewisslich solchen ihren Lohn bemessen nach dem besten ihrer Werke.“ (Al-Nahl |16:97).

  1. Seelischer Frieden

Die Natur der Welt ist, dass der Mensch zumeist das, was er sich wünscht, nicht erreicht. Das Leben derjenigen, die nicht an das Jenseits glauben, ist eine kurze Zeit voller Qualen, Probleme und Schwierigkeiten. So überschatten Depressionen, Hoffnungslosigkeit, Unruhe, Unsicherheit, Leere und Ziellosigkeit diese Lebensweise. Der Qur’an sagt in diesem Zusammenhang: „Wer sich jedoch abkehrt von Meiner Ermahnung, dem wird ein Leben in Drangsal beschieden sein, und am Tage der Auferstehung werden Wir ihn blind auferwecken.“ (Ta-Ha | 20:124).

Um den Problemen Widerstand leisten zu können und die Hoffnung nicht aufzugeben, bedarf es einer standhaften Ideologie, die in der Lage ist, dem Menschen gegenüber den Problemen zum Widerstand zu verhelfen. Bei Gläubigen kann der Glaube an die Auferstehung dieser Herausforderung Herr werden. Der Qur’an sagt hier: „Ist denn der, dem Allah das Herz geweitet hat für den Islam, so dass er ein Licht von seinem Herrn empfängt (einem Ungläubigen gleich)? Wehe darum denen, deren Herzen verhärtet sind gegen den Gedanken an Allah! Sie sind es, die in offenkundigem Irrtum sind.“ (Az-Zumar | 39:22).

  1. Verantwortungsbewusstsein und ständige Bereitschaft

Eine der positiven Segnungen des Glaubens an die Auferstehung ist das Erwachen des Verantwortungsbewusstseins im Innersten des Menschen, so dass es sein Denken und Handeln beeinflusst. Er weiß, dass er für jede seiner Taten Rede und Antwort stehen muss. Der Qur’an erinnert – mit einem Ton, gemischt aus Schuld und Ablehnung – an die Verantwortung des Menschen gegenüber seinen Taten und sagt: „Wähnt der Mensch etwa, er solle ganz ungebunden bleiben?“ (Al-Quiamah | 75:36). Weiterhin erinnert der Qur’an den Menschen an das Leben nach dem Tod und die Rechenschaft für seine Taten am Jüngsten Tag. Gott spricht: „Darum, bei deinem Herrn, Wir werden sie sicherlich alle zur Rechenschaft ziehen. Um dessentwillen, was sie zu tun pflegten.“ (Al-Hidschr | 15:92f.).

Aber derjenige, der an die Auferstehung glaubt, weiß, dass seine Taten vor dem jüngsten Gericht, egal wie klein und unbedeutend sie sind, gemessen und bewertet werden, damit das Edle vom Unedlen getrennt wird. Er weiß, dass er beim Jüngsten Gericht über alles befragt wird, und dass seine Verantwortung sich nicht nur auf seine äußerlichen Taten beschränkt: „Allahs ist, was in den Himmeln und was auf Erden ist; und ob ihr das, was in eurem Gemüt ist, kundtut oder verborgen haltet, Allah wird euch dafür zur Rechenschaft ziehen; dann wird Er vergeben, wem Er will, und strafen, wen Er will; und Allah hat die Macht, alles zu tun, was Er will.“ (Al-Baqarah | 2:284). Ein solcher Mensch legt sogar auf die kleinsten Augenblicke seines Lebens großen Wert und sieht sich als einen Reisenden, der jeden Augenblick nutzen muss, um seinen Vorrat für das Jenseits besser zu nutzen.

  1. Gute Taten vollbringen und Sünden meiden

An das Leben nach dem Tod und das Fortwirken der Taten zu glauben, kann eine starke Abschreckung gegenüber Versuchungen und auch eine gute Motivation zu materiellem und immateriellem Einsatz im Dienst Gottes sein. Die Wirkung, die der Glaube an das Jenseits bei der Belehrung des sündigen und ungläubigen Menschen und auch bei der Ermutigung der gläubigen und aufopfernden Personen hat, ist tiefgreifender als normale Bestrafungen und Gerichte und normale Belohnungen. Denn eine der Eigenschaften des Jüngsten Gerichts ist, dass es hier keine Berufung oder Beziehungen gibt. Außerdem kann man nicht durch Wortspiele oder falsche Beweise die Richter in die Irre führen oder die Verhandlung in die Länge ziehen. Der Qur’an sagt hier: „Und fürchtet den Tag, da keine Seele als Stellvertreterin wird für eine andere Seele dienen dürfen, da keine Fürbitte für sie gelten und kein Lösegeld von ihr genommen werden wird; und es wird ihnen nicht geholfen werden.“ (Al-Baqarah, Vers 48). An einer anderen Stelle lesen wir: „Auf dass Allah jedem vergelte, was er gewirkt. Wahrlich, Allah ist schnell im Vergelten.“ (Ibrahim | 14:51).

  1. Tod in Unwissenheit oder Erkenntnis

In den schiitischen und sunnitischen Büchern für Überlieferungen steht: „Wer stirbt und den Imam seiner Zeit nicht kennt, so stirbt er, wie zu den Zeiten der Ignoranz“[4]. Ayatollah Dschawadi Amoli sagt in diesem Zusammenhang: „Der Tod ist das Ergebnis des Lebens des Menschen. Der Tod ist in den Lehren der Propheten Gottes nicht das Ende der Existenz des Menschen. Jeder, der sagt: „Ich sterbe und werde zunichte“, ist entweder Nihilist, oder zügellos, ist hoffnungslos oder lebt in den Tag hinein, denn aus seiner Sicht ist das Ende des Lebens der Untergang. Also muss man die schnell vergänglichen Lüste des Lebens genießen. Für ihn sind Recht und Unrecht, schön und hässlich, Verantwortung und Ehre egal. So einer sagt: „Das Ende des Lebens ist der Untergang.“ Doch die Propheten haben uns gelehrt, dass der Mensch den Tod empfängt. Wenn der Qur’an vom Tod spricht, dann sagt er: „Jedes Lebewesen soll den Tod kosten“ (Al-Ankabut | 29:57). Wenn Ihr Durst habt und ein Glas Wasser oder Sirup trinkt, lasst Ihr das Wasser oder den Sirup verschwinden, oder das Wasser oder der Sirup euch? Trinkt Ihr das Wasser oder das Wasser euch? Habt ihr es verdaut oder verdaut es euch? Der Qur’an sagt: „Jedes Lebewesen soll den Tod kosten.“

Der Tod bedeutet Veränderung und der Mensch kostet diese Veränderung und erreicht eine Stabilität. Wenn nun der Mensch in Unwissenheit gelebt hat, so wird er auch in Unwissenheit sterben. Und wenn das Leben des Menschen voller Erkenntnis ist, so wird auch sein Tod in Weisheit geschehen, denn wie schon gesagt, ist der Tod ein Extrakt des Lebens, und der Mensch kostet den Extrakt seines Lebens. Wenn nun unser Leben schön und ertragreich gewesen ist, so wird dieses ein süßer Extrakt sein. Aus diesem Grund heißt es in den Überlieferungen: Es gibt für den Gläubigen nichts Süßeres als den Tod. Wenn uns nun bewusst ist, dass wir mit dem Tod nicht sterben, sondern nur eine Veränderung erfahren und zur Stabilität gelangen, dann versuchen wir unsere Taten mit der Ewigkeit in Einklang zu bringen. Wenn uns diese Lehre bewusst wird, hat das Weltliche keinen Anreiz mehr für uns. Dann werden wir niemandem mehr Unrecht tun und gegenüber Unrecht nicht schweigen. So eine Welt wird von Gerechtigkeit erfüllt sein.

Literaturangaben

  • Javadi Amoli, Abdollah. Tafsir Tasnim. Qom. Esra-Verlag. 6. Auflage. 1386 der iranischen Zeitrechnung.
  • Tabatabaei, Mohammad Hossein. Übersetzung der Tafsir Al-Mizan. Qom. Islamischer Verlag. 5. Auflage. 1374 der iranischen Zeitrechnung.
  • Makarem Shirazi, Naser. Tafsir Nemouneh. Teheran. Dar al-Ketab Aleslami. 10. Auflage. 1371 der iranischen Zeitrechnung.

 

[1] Ayatollah Makarem Shirazi: Botschaft des Korans, Bd. 5, S. 17.

[2] Allameh Madschlisi: Bahar al-Anwar, Bd. 6, S. 133.

[3] Nahdsch-ul-Balagha: Rede 99.

[4] Sheikh Sadough: Kamaloddin va Tamamolnamah, S. 409, Hur al-Ameli: Vasaelolshiah, Bd. 16, S. 246, Sahih Moslem, Bd. 3, S. 478, al-Begheihi, al-Sonan al-Kobra, Bd. 8, S. 156.