Qur’an-Exegese – Asch-Schura – Vers 13

شَرَعَ لَكُم مِّنَ الدِّينِ مَا وَصَّى بِهِ نُوحًا وَ الَّذِي أَوْحَيْنَا إِلَيْكَ وَمَا وَصَّيْنَا بِهِ إِبْرَاهِيمَ وَمُوسَى وَ عِيسَى أَنْ أَقِيمُوا الدِّينَ وَ لاتَتَفَرَّقُوا فِيهِ كَبُرَ عَلَى الْمُشْرِكِينَ مَا تَدْعُوهُمْ إِلَيْهِ اللَّهُ يَجْتَبِي إِلَيْهِ مَن يَشَاء وَ يَهْدِي إِلَيْهِ مَن يُنِيبُ

Transliteration

Shara`a Lakum Mina Ad-Dīni Mā Waşşá Bihi Nūĥāan Wa Al-Ladhī ‚Awĥaynā ‚Ilayka Wa Mā Waşşaynā Bihi ‚Ibrāhīma Wa Mūsá Wa `Īsá ۖ ‚An ‚Aqīmū Ad-Dīna Wa Lā Tatafarraqū Fīhi ۚ Kabura `Alá Al-Mushrikīna Mā Tad`ūhum ‚Ilayhi ۚ Al-Lahu Yajtabī ‚Ilayhi Man Yashā’u Wa Yahdī ‚Ilayhi Man Yunību

Übersetzung

Er verordnete für euch die Religion, die Er Noah anbefahl und die Wir dir offenbart haben und die Wir Abraham und Moses und Jesus anbefohlen haben. Nämlich (die), in der Einhaltung der Religion treu zu bleiben und euch deswegen nicht zu spalten. Hart ist für die Götzendiener das, wozu du sie aufrufst. Allah erwählt dazu, wen Er will, und leitet dazu den an, der sich bekehrt.

Erläuterung

Schar‘ „شَرَعَ“: Der Begriff „Scharia“ steht im Prinzip für „leuchtender Weg“. Die Mündungswege in Flüsse werden auch „Scharia“ genannt; danach wurde dieser Begriff für die himmlische Scharia verwendet, da der leuchtende Weg der Glückseligkeit allein in göttlichen Religionen erlangt werden kann.[1]

Aldin „الدِّين“: Dieser Begriff steht im Prinzip für Demut und Ergebenheit gegenüber einem bestimmten Programm oder einer bestimmten Ordnung. Aus diesem Grund wird dieser Begriff in weiteren Bedeutungen wie beispielsweise Gehorsamkeit, Demut, Vergeltung, Rechnung usw. … verwendet.

Vasi „وَصَّى“: Der Begriff “Vermächtnis“ („vasiat“ im Persischen) steht in der Bedeutung, dass man einer Person eine Anleitung zusammen mit einer Weisung und einer Belehrung überreicht, damit diese Person danach handelt. In dessen Bedeutung ist auch die Anwendung dieser Anleitung enthalten, da nicht jeder willkürliche Auftrag übertragen wird. Man verwendet den Begriff Vermächtnis nämlich nur dann, wenn es für den Vermachenden eine große Bedeutung hat und seine besondere Aufmerksamkeit genießt.

Aghimu „أَقيمُوا“: Der Begriff Aufstand („ghiam“ im Persischen) hat die Bedeutung der Aufstellung einer finanziellen oder spirituellen Aktion und im Gegensatz zu „Gho’ud“(„ قعود“ im Persischen) mit der Bedeutung „Sitzen“. Daher bedeutet „Eghameh Din“ (Erhaltung der Religion) deren Bewahrung, sodass man sie befolgt und nach deren Vorgaben handelt.

Yajtaba „يَجْتَبي“: Der Begriff Selektion („ejteba’„ im Persischen) besitzt die Bedeutung „versammeln und zu sich ziehen“.

Yonib „يُنيبُ“: bedeutet nach und nach zu einer Sache oder einer Person zurück zu kehren. Ebenso steht der Begriff für die absichtliche und bewusste Aussetzung an einem bestimmten Ort.

Erster Höhepunkt

شَرَعَ لَكُم مِّنَ الدِّينِ مَا وَصَّى بِهِ نُوحًا وَ الَّذِي أَوْحَيْنَا إِلَيْكَ وَمَا وَصَّيْنَا بِهِ إِبْرَاهِيمَ وَمُوسَى وَ عِيسَى

Zu Beginn dieses Verses wird das Volk seiner Exzellenz Mohammad (s.) folgendermaßen angesprochen: Er verordnete für euch die Religion, die Er Noah anbefahl. Dann wendet Gott sich dem Propheten Mohammad (s.) zu und offenbart, dass er ihm dieselbe Religion offenbart hat, die er Abraham, und Jesus anbefohlen hatte.

Einer der Aspekte, die man aus diesem Teil des Verses erlangt, besteht darin, dass die Scharia Gottes und der Religionen, welche an der Offenbarung festhalten, allein die erwähnte Scharia darstellt, also die Scharia von Noah und Abraham und Moses und Jesus und Mohammad (s.); wenn es nämlich eine abweichende Scharia wäre, so müsste sie in diesem Vers, in dem der allmächtige Gott die Universalität der islamischen Scharia offenbart, erwähnt werden. Die Bedeutung dieses Aspekts besteht darin, dass erstens vor Noah (a.) keine Scharia, also keine herrschenden Gesetze zur Behebung gesellschaftlicher Differenzen existierten. Daher gehört die Scharia des heiligen Noah (a.) zu der ältesten Scharia und umfasst eine langwierige Ära.

Und zweitens folgten alle Propheten, die von Noah (a.) bis Abraham (a.) gesandt wurden, der Scharia Noahs; und Propheten, die nach Abraham (a.) und vor Moses gesandt wurden, hielten sich an die Scharia Abrahams und befolgten sie; und die Propheten nach Moses und vor Jesus befolgten die Scharia Moses und die Propheten nach Jesus befolgten dessen Scharia.[2]

Der Koran kennt diese Propheten als im Besitz der Scharia „Ulu’l Azm“ Seiende und wenn es einen weiteren Ulu’l Azm Propheten gegeben hätte, wäre er in dieser Rangfolge, welche den Rang des Vergleichs islamischer Scharia mit anderen Scharia darstellt, aufgeführt. Also sind diese fünf Personen die großen Persönlichkeiten unter den Propheten und der siebte Vers der Sure Al-Ahzab bestätigt diese Aussage[3]:

وَإِذْ أَخَذْنَا مِنَ النَّبِيِّينَ مِيثَاقَهُمْ وَمِنكَ وَمِن نُّوحٍ وَإِبْرَاهِيمَ وَمُوسَى وَعِيسَى ابْنِ مَرْيَمَ

Und dann gingen Wir mit den Propheten den Bund ein und mit dir und mit Noah und Abraham und Moses und mit Jesus, dem Sohn der Maria. Und Wir gingen mit ihnen einen gewaltigen Bund ein.

Ein bemerkenswerter Aspekt liegt darin, dass der allmächtige Gott in diesem heiligen Vers die Scharia des Propheten Mohammad (s.) dazu bestimmt, offenbart worden zu sein; in Bezug auf die anderen Scharia verwendet er aber den Begriff Vermächtnis. Dieser Unterschied rührt von daher, dass der Begriff „Vermächtnis“ dann gebraucht wird, wenn man unter einigen Dingen auf etwas Besonderes hinweisen möchte, das viel Bedeutung und Achtung genießt und dies ist bei der Scharia Noahs und Abrahams durchaus der Fall; In deren Scharia werden nämlich unter Beachtung der Voraussetzungen damaliger Zeiten lediglich einige Aspekte angesprochen, welche von großer Bedeutung sind. Diese Thematik ist in Bezug auf die islamische Scharia jedoch nicht wahr;

Diese Scharia umfasst nämlich alle Dinge: Sie erwähnt sowohl die bedeutenden Aspekte des menschlichen Lebens als auch die weniger bedeutenden Aspekte. Aus diesem Grund sagt man, dass die Vorgaben des Islam aus fünf Bereichen bestehen: islamisch verpflichtend (vajeb), islamisch verboten (haram), islamisch empfohlen (mostahab), islamisch unbeliebt (makrooh) und islamisch zulässig (mabah), wobei vajeb und haram Gebote für Dinge darstellen, die von Bedeutung sind, und die Bedeutung von mostahab und markooh ist geringer als die Bedeutung von vajeb und haram und mabah ist ein praktisches Gebot, dessen Einhaltung oder Unterlassung keinen Unterschied macht.

Religionswissenschaftliche Gelehrte und Schriftsteller der Religionsgeschichte verwenden unter dem Titel „Religionen“ normalerweise Begriffe wie „die Religion Abrahams“, „die jüdische Religion“, „die christliche Religion“ und „die islamische Religion“ und sehen jeden einzelnen Propheten mit Scharia, welche in diesem Koranvers erwähnt werden, als Überbringer einer Religion an. Dies ist auch der Begriff, der unter den Menschen am meisten gebraucht wird. Der Koran aber besitzt einen besonderen Begriff und eine besondere Deutung, welche aus der besonderen Kenntnis des Koran rührt.

Aus der Sicht des Koran gibt es vom Anbeginn der Menschheit bis zu ihrem Ende nur eine Religion Gottes. Alle Propheten (ob sie eine Scharia besitzen oder nicht) haben zu einer monotheistischen Wahrheit eingeladen und trotz einiger Unterschiede sind die Prinzipien der Denkschule göttlicher Propheten, „Religion“ genannt, eins und sie unterscheiden sich allein in ihrer Scharia hinsichtlich der Voraussetzungen zu ihrer jeweiligen Zeit und des Standes der Bildung. Trotz all ihrer Unterschiede waren alle Propheten Überbringer einer Nachricht und gehörten einer einheitlichen Quelle und Religion an.

Diese einheitliche Religion wurde aufgrund der Talente und Kapazitäten menschlicher Gesellschaften zu verschiedenen Epochen offenbart bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Menschheit einen Punkt erreicht hat, an dem die Denkschule auf vollkommene Weise offenbart werden konnte und die Person, mittels derer diese Religion auf vollkommene Weise offenbart wurde, war seine Exzellenz Mohammad (s.). Diese Aussage wird dann erlangt, wenn man diese beiden Koranverse nebeneinander betrachtet:

لِكُلٍّ جَعَلْنا مِنْكُمْ شِرْعَةً وَ مِنْهاجاً

„Für jeden von euch haben Wir Richtlinien und eine Laufbahn bestimmt.“

(al-Ma`ida | 5:48)

وَ مَنْ يَبْتَغِ غَيْرَ الْإِسْلامِ ديناً فَلَنْ يُقْبَلَ مِنْهُ وَ هُوَ فِي الْآخِرَةِ مِنَ الْخاسِرينَ

„Und wer eine andere Religion als den Islam begehrt: nimmer soll sie von ihm angenommen werden. „

(Al-i-Imran | 3:85)

Die Religion, zu welcher die Menschen vom Anbeginn der Menschheit bis zum Ende eingeladen werden, wird aus der Sicht des Koran „Islam“ genannt. <إِنَّ الدِّينَ عِندَ اللّهِ الإِسْلاَمُ> <Wahrlich, die Religion bei Allah ist der Islam.> (Al-i-Imran | 3:19) Der Zweck liegt aber nicht darin, dass  sie zu allen Epochen mit diesem Namen bezeichnet wurde, sondern darin, dass die Religion eine essentielle Wahrheit besitzt, deren bester Repräsentant der Begriff „Islam“  mit der Bedeutung „dem heiligen Gott ergeben sein“ darstellt. Daher wird im Vers 67 der Sure Al-i-Imran über seine Exzellent Abraham Folgendes offenbart:

ما كانَ ابْراهيمُ يَهودِيّاً وَ لا نَصْرانِيّاً وَ لكِنْ كانَ حَنيفاً مُسْلِماً

„Abraham (a.) war weder Jude noch Christ; vielmehr war er lauteren Glaubens, ein Muslim.“

Ebenso offenbart der Koran in Vers 132 der Sure Al-Baqara über Jakob und seinen Kindern folgendes: „Allah hat für euch die Religion auserwählt, deshalb sterbt nicht anders als (Allah) ergeben zu sein.“

Die Propheten unterschieden sich aber in einem kleinen Teil ihrer Gesetze und Scharia. Der Koran sieht die Religion zwar als eine Einheit an, akzeptiert aber die Unterschiede in der Scharia und der Gesetze in einem kleinen Teil der Religion wie beispielsweise die Art der Verrichtung des Gebets und des Fastens usw. … .

Da aber die geistigen und praktischen Prinzipien, zu denen die Propheten eingeladen haben, eins waren und sie alle die Menschen zu einem höheren Ziel eingeladen haben, haben geringfügige Unterschiede in der Scharia und den Gesetzen keinen Einfluss auf die Essenz und Natur dieses Weges ausgeübt.

Die Unterschiede und Diskrepanzen der Lehren der Propheten untereinander sind programmbezogene Unterschiede, die in einem Land zwar einmal vollzogen werden, aber alle aus einer „Verfassung“ stammen. Daher unterscheiden sich zwar die Lehren in einigen wenigen Aspekten, sind aber gegenseige Ergänzungen und Pendants.

Die Unterschiede der Lehren der Propheten untereinander waren entweder Unterschiede zwischen höheren Klassen und niedrigeren Klassen oder Unterschiede in der praktischen Umsetzung eines Prinzips in unterschiedlichen Voraussetzungen und Situationen.

Man weiß, dass ein Schüler in einer höheren Klasse nicht nur mit Thematiken konfrontiert wird, die er vorher gar nicht kannte, sondern seine Auffassung von Thematiken, die er zuvor gewonnen hat und sich diese in seinen kindlichen Gedanken auf gewisse Art und Weise vorgestellt hat, vielleicht von Grund auf verändert. Die Lehren der Propheten sind ähnlich.

Der Monotheismus ist das erste Prinzip und der erste Stein des Gebäudes, welche die Propheten zu bauen begannen. Aber auch dieser Monotheismus besitzt Ränge und Stufen. Was sich ein normaler Mensch vom monotheistischen Gott in seinen Gedanken vorstellt, unterscheidet sich von dem, was sich im Herzen eines Mystikers abspielt.

Die praktische Umsetzung eines allgemeinen Prinzips unterscheidet sich auch in verschiedenen Situationen. Viele der Unterschiede in der Vorgehensweise der Propheten waren Unterschiede in der Art der Durchführung und nicht im Prinzip des Gesetzes. Außerdem verdeutlicht der Koran, dass die göttliche Religion die Natur und das natürliche Wesens des Menschen bedingt:

فَاقِمْ وَجْهَكَ لِلدِّينِ حَنيفاً فِطْرَةَ اللَّهِ الَّتى فَطَرَ النّاسَ عَلَيْها

„So richte dein Antlitz in aufrichtiger Weise auf den Glauben; (dies entspricht) der natürlichen Veranlagung, mit der Allah die Menschen geschaffen hat.“ (ar-Rum | 30:30)

Wie viele Wesensarten und Veranlagungen und Gemütsarten kann ein Mensch denn besitzen?! Die Tatsache, dass die Religion vom Anbeginn der Menschheit bis zum Ende einheitlich ist und eine Verbindung zum Wesen und Gemüt des Menschen besitzt, ist ein großes Geheimnis und eine glanzvolle Philosophie in sich und eröffnet uns eine besondere Vorstellung der Vervollkommnungsphilosophie.

Aus der Sicht des Koran ist die Reise zur Vervollkommnung der Welt und des Menschen und der Gesellschaft eine geleitete und zielgerichtete Reise und sie verläuft auf einer Linie, die „gerader Weg“ genannt wird und ist in Bezug auf ihrem Ursprung, ihrer Route und ihrem Ziel konkret bestimmt. Der Mensch und die Gesellschaft können verändert und ergänzt werden, aber der Weg und die Linie der Reise ist bestimmt und einheitlich und linear.

وَ انَّ هذا صِراطى مُسْتَقيماً فَاتَّبِعوهُ وَ لا تَتَّبِعُوا السُّبُلَ فَتَفَرَّقَ بِكُمْ عَنْ سَبيلِهِ

„Und dies ist Mein gerader Weg. So folgt ihm; und folgt nicht den (verschiedenen) Wegen, damit sie euch nicht weitab von Seinem Weg führen. Das ist es, was Er euch gebietet, auf daß ihr gottesfürchtig sein möget.“ (al-An‘am | 6:153)

Die Vollkommenheit des Menschen erfolgt nicht auf eine Weise, durch die er sich zu jeder Zeit auf einem Weg bewegt und von einer Reihe von Ursachen – industriell oder gesellschaftlich oder wirtschaftlich – beeinflusst wird und andauernd seine Route und Orientierung ändert. Die Tatsache, dass der Koran die Religion als einheitlich sieht und allein einen Hauptweg anerkennt und die Unterschiede in der Scharia und den Gesetzen als Seitenwege erachtet, beruht auf diesem philosophischen Prinzip.

Der Mensch gleicht auf seiner Reise zur Vollkommenheit einem Gleitzug, der sich auf dem Weg und in Richtung eines bestimmten Zieles befindet, den Weg aber nicht kennt. Nichtsdestotrotz trifft er einmal auf eine Person, die den Weg kennt und er fährt mithilfe der Weisung dieser Person dutzende Kilometer weit, bis er einen Punkt erreicht, an dem er wieder eine neue Weisung benötigt. Mithilfe einer Weisung von dieser neuen Person erlangt er einen neuen Horizont und legt mithilfe der neuen Weisung weitere dutzende Kilometer zurück, bis er allmählich selbst bessere Fähigkeiten zum Lernen erlangt und eine Person trifft, die ihm eine „Gesamte Karte“  des Weges überreicht, sodass er für immer mittels dieser Karte in seinen Händen unabhängig von Wegweisern ist.

Mit der Erläuterung dieses Aspekts verdeutlicht der Koran, dass der Weg des Menschen ein bestimmter und gerader Weg ist und alle Propheten trotz aller Unterschiede, die sie in den Leitungen und Wegweisungen aufgrund der Situation und zeitlichen und örtlichen Voraussetzung besitzen, in Richtung eines Zieles und eines Hauptweges anleiten.

Anhand dieser Thematik wird der Unterschied zwischen den Begriffen „Scharia“ und „Religion“ verdeutlicht und klar. In der Ausdrucksart des heiligen Koran wird die Scharia mit der Bedeutung verwendet, die persönlicher ist als die Bedeutung der Religion. Aus den vorherigen Koranversen wird deutlich, dass jede Art und jeder Weg der Anbetung des allmächtigen Gottes eine Religion darstellt, aber die von Gott akzeptierte Religion allein der Islam ist. Also besitzt die Religion aus der Sicht des Koran eine allgemeine und umfassende Bedeutung.

Die Religion steht für die göttliche Tradition und Verehrungsart, obgleich sie sich auf einen bestimmten Propheten oder ein bestimmtes Volk beziehen mag.

Die Scharia steht aber für eine bestimmte Art und Weise, also eine Art und Weise, die für ein Volk der Völker oder aber einen Propheten der Propheten, der zur Scharia gesandt ist, bestimmt und vorbereitet wurde, wie beispielsweise die Scharia Noahs, die Scharia Abrahams, die Scharia Moses, die Scharia Jesus und die Scharia Mohammads (s.).

Also besitzt die Religion eine allgemeinere Bedeutung als die Scharia und aus diesem Grund kann eine Scharia nach der Erscheinung eines neuen Propheten abgeschafft werden, eine Religion aber mit ihrer allgemeineren Bedeutung nicht.

Zweiter Höhepunkt

أَنْ أَقيمُوا الدِّينَ وَ لا تَتَفَرَّقُوا فيهِ

Bleibt in der Einhaltung der Religion treu und spaltet euch nicht.

Die Bedeutung der „Einhaltung der Religion“ ist die Bewahrung der Religion und die  Religion wird bewahrt, indem man sie befolgt und deren Gebote einhält.

In diesem Vers offenbart der allmächtige Gott Folgendes: Wir haben allen erwähnten Propheten übergeben und offenbart, dass sie diese Religion, die ihnen offenbart wurde, einhalten müssen, dass sie sie nicht spalten dürfen, und dass sie die Einheit dieser Religion bewahren müssen und sich dabei nicht unterscheiden dürfen. Die Propheten haben den Menschen diese Nachricht, welche den Hauptinhalt ihrer Lehren ausmachte, auch vermittelt.

Aus diesem Grund sind alle Menschen dazu verpflichtet, die Religion Gottes vollkommen einzuhalten und in der Durchführung dieser Verantwortung keinerlei Prioritäten zu setzen, indem sie einen Teil der Religionsvorgaben einhalten und einen anderen Teil der Vorgaben ignorieren. Die Einhaltung der Religion liegt also darin, an alles, was der allmächtige Gott offenbart hat und alle Taten, die er als verpflichtend erachtet, zu glauben.

Außerdem muss man sagen, dass die Sammlung der Scharia, die Gott den Propheten gesandt hat, eine Religion darstellt, welche eingehalten werden muss und die man nicht spalten darf. Es gibt nämlich einen Teil der göttlichen Vorgaben, der in allen Religionen existiert hat und es ist offensichtlich, dass diese Vorgaben existieren, solange ein kluger und verantwortungsbewusster Mensch existiert, dem es obliegt, diese Vorgaben zu befolgen.

Es gibt aber auch einen anderen Teil der göttlichen Vorgaben, der in den vorigen Scharia existiert hat, in der folgenden Scharia aber abgeschafft wurde; diese Art von Vorgaben besitzen in Wirklichkeit ein kurzes Leben und beziehen sich nur auf ein bestimmtes Volk der Menschheit und das auch nur zu einer bestimmten Zeit. Die anderen sind aber inzwischen dazu verpflichtet, lediglich daran zu glauben – an sonst nichts. Es ist also nicht mehr verpflichtend, dass sie diese Vorgaben befolgen und die Bedeutung der Einhaltung dieser Vorgaben liegt lediglich darin, zu akzeptieren, dass diese Vorgaben zu einer Zeit existiert haben und Gültigkeit besaßen.

Leider sind aber nicht alle Menschen dieser Einladung der Propheten gefolgt und einige haben aus Launen heraus Spaltungen hervorgerufen, obwohl sie wussten, dass die Propheten dazu einladen, diese göttliche Religion nicht zu spalten. Und wenn man die Erfindungen der Menschen weglässt, erkennt man, dass all diese Dinge zu einer Religion gehören, eine Natur besitzen und eine Lehre sind.

Die Überreichung des Grundsatzes der Religion ist also eine der Aufgaben der Propheten, da der Grundsatz der Religion vom Anbeginn der Menschheit bis zum Ende aus einem einzigen Grundsatz besteht. Die Verzweigungen sind aber unterschiedlich. Jeder Prophet, der erscheint, besitzt die Ausschmückung als eine Aufgabe; er definiert also die Vermehrung und Deutungen der Menschheit. Daher ist die Ansicht, die unter einigen Menschen, die sich für intellektuell halten, verbreitet ist, derart, dass alle himmlischen Religionen in Bezug auf ihre Gültigkeit zu jeder Zeit gleich und wahrhaftig sind, eine falsche Annahme.

Andererseits muss man sagen, dass es korrekt ist, dass unter den Propheten Gottes keinerlei Differenzen und Streitigkeiten existieren. Die Propheten Gottes laden alle zu einem Ziel und einem Gott ein. Sie sind nicht erschienen, um widersprüchliche Orden und Gruppierungen unter den Menschen zu erschaffen. Diese Aussage bedeutet jedoch nicht, dass zu jeder Zeit mehrere Religionen existieren dürfen und der Mensch sich selbstverständlich zu jeder Zeit jede beliebige Religion aussuchen kann.

Im Gegenteil – die Bedeutung dieser Aussage liegt darin, dass der Mensch alle Propheten akzeptiert haben muss und weiß, dass die Propheten der Vergangenheit die Verwalter und vor allem Siegel und Gelehrten der darauf folgenden Propheten waren und die Propheten, die danach folgen, die Bestätigung der Propheten aus der Vergangenheit darstellen.

Die Voraussetzung des Glaubens an alle Propheten liegt also darin, dass man zu jeder Zeit der Scharia des Propheten dieser Zeit ergeben ist und es ist selbstverständlich notwendig, in der letzten Epoche die letzten Gebote, die seitens Gott mittels seines letzten Propheten offenbart wurden, zu befolgen und dies ist die Voraussetzung des Islam, also Gott ergeben zu sein und die Prophezeiungen seiner Gesandten zu akzeptieren.

Viele Menschen der heutigen Zeit sind der Auffassung, dass es für den Menschen ausreicht, Gott zu verehren und eine der himmlischen Religionen, die von Gott offenbart wurden, auszusuchen und dessen Gebote zu befolgen – die Form der Gebote besitzt aber keine große Bedeutung.

Sowohl seine Exzellenz Jesus ist ein Prophet als auch seine Exzellenz Mohammad (s.) und wenn man die Konventionen Jesu befolgt, ist es akkurat, einmal die Woche in die Kirche zu gehen und wenn man nach der Konvention seiner Exzellenz Mohammad (s.) als letztem Propheten handelt, ist es richtig, jeden Tag fünf Mal zu beten. Diese Menschen behaupten, es sei wichtig, dass der Mensch an Gott glaubt und eines der göttlichen Programme befolgt und nach ihm handelt.

Wir sehen diese Ideologie jedoch als ungültig an. Es stimmt zwar, dass in der Religion keinerlei Abneigung und Zwang besteht: <لا اكراه فى الدّين>, diese Aussage bedeutet jedoch nicht, dass die Religion Gottes zu jeder Zeit vielfach ist und wir das Recht besitzen, uns jede beliebige Religion auszusuchen. So ist das nicht; zu jeder Zeit existiert nämlich nur eine Religion Gottes.

Zu jeder Zeit, in der ein Prophet mit einer Scharia von Gott gesandt wurde, waren die Menschen dazu verpflichtet, seine Leitung zu nutzen und seine Gesetze und Vorgaben, ob bei der Verehrung oder in anderen Bereichen, nach ihm zu richten, bis seine Exzellenz Mohammad (s.), der letzte der Propheten, an der Reihe war. Wenn eine Person zu dieser Zeit einen Weg zu Gott finden möchte, muss er die Gebote der Religion Mohammads (s.) einhalten.

Der heilige Koran offenbart folgendes:

وَمَن يَبْتَغِ غَيْرَ الإِسْلاَمِ دِينًا فَلَن يُقْبَلَ مِنْهُ وَهُوَ فِي الآخِرَةِ مِنَ الْخَاسِرِينَ

Und wer eine andere Religion als den Islam begehrt: nimmer soll sie von ihm angenommen werden, und im Jenseits wird er unter den Verlierern sein. (Al-i-Imran | 3:85)

Wenn behauptet wird, dass die Bedeutung vom „Islam“ in diesem Vers nicht in unserer Religion liegt, weil damit die Ergebenheit Gott gegenüber gemeint ist, liegt die Antwort darin, dass Islam ja für Ergebenheit steht und der Islam die Religion der Ergebenheit ist; aber die Wahrhaftigkeit der Ergebenheit besaß zu jeder Zeit eine bestimmte Form und in der heutigen Zeit ist ihre Form die kostbare Religion, die mittels seiner Exzellenz Mohammad (s.), des letzten Propheten, offenbart wurde und selbstverständlich kongruiert der Begriff Islam damit.

Mit anderen Worten ist die Voraussetzung der Ergebenheit zu Gott die Akzeptanz seiner Gebote und es ist deutlich, dass man immer nach den letzten Geboten Gottes handeln muss und die letzten Gebote Gottes wurden mittels seines letzten Gesandten offenbart.

Dritter Höhepunkt

كَبُرَ عَلَى الْمُشْرِكينَ ما تَدْعُوهُمْ إِلَيْهِ

Das Ziel dieses Höhepunktes liegt darin, dass die Akzeptanz der monotheistischen Religion, zu der der Prophet des Islam (s.) die Menschen einlud, die Heiden teuer zu stehen kam. Aufgrund von Ignoranz und Fanatismus hatten sie sich über mehrere Jahre hinweg an Polytheismus und Götzenverehrung gewöhnt und in ihrem tiefen Inneren verankert, sodass die Einladung zum Monotheismus ein Schrecken für sie darstellte.

Außerdem werden die illegitimen Vorteile der heidnischen Führer mittels Polytheismus bewahrt, wobei der Monotheismus zum Aufstand der Unterdrückten führt und die Triebhaftigkeit und Unterdrückung der heidnischen Führer verhindert.

Vierter Höhepunkt

اللَّهُ يَجْتَبي‏ إِلَيْهِ مَنْ يَشاءُ وَ يَهْدي إِلَيْهِ مَنْ يُنيبُ

In diesem Höhepunkt äußert der allmächtige Gott seiner Exzellenz Mohammad (s.) gegenüber, dass er jeden Menschen nach seinem Belieben zur monotheistischen Religion – zu der Mohammad (s.) eingeladen hat – versammeln und anwerben kann, und er jeden Menschen nach seinem Belieben in dessen Richtung leiten kann.

Dieser Höhepunkt weist auf die Thematik hin, dass der allmächtige Gott nicht auf den Glauben der Heiden, die bei der Annahme des Glaubens so hochmütig sind, angewiesen ist.

Nichtsdestotrotz liegt die Leitung der Menschen in den Händen Gottes, wie auch die Selektion der Propheten in seinen Händen liegt; und der allmächtige Gott selektiert jeden Menschen nach seinem Ermessen und Belieben und leitet jeden Menschen, der sich zu ihm bekehrt.

Bei der Fertigstellung dieses Artikels wurden folgende Quellen verwendet:

  • Mofradat Alfaz Alkoran, Hossein ibn Mohammad Ragheb Esfahani;
  • Übersetzung des Tafsir Al-Mizan, Seyed Mohammad Bagher Mousavi Hamadani ;
  • Tafsir Nemooneh, Ayatollah Naser Makarem Shirazi ;
  • Tafsir Noor, Mohsen Ghara’ati.

[1]Ayatollah Makarem Shirazi, Tafsir Nemooneh, Bd. 20, S. 379.

[2]Übersetzung Tafsir Al-mizan, Allameh Tabatabai, Bd. 18, S. 38.

[3]Übersetzung Tafsir Al-mizan, Allameh Tabatabai, Bd. 18, S. 39.