Selbsterkenntnis

Der Mensch ist eine Realität, die unterschiedliche wesentliche Dimensionen aufweist. Spricht der Mensch über sein Körpergewicht und sein Aussehen, so trifft er Aussagen über seine materielle und physische Dimension. Spricht er über sein Denken und seinen Verstand, so sagt er etwas über die immaterielle Dimension seines Wesens aus. Der Mensch umfasst als Wesen mehrere Dimensionen des „Ich“ und des „Selbst“. Neben diesen Dimensionen bestehen noch weitere Formen des „Selbst“ in der Natur: Das tierische Selbst, das pflanzliche Selbst und das seelische Selbst. Die wesentliche Dimension des Selbst, die den Menschen zum Menschen macht, ihn von einem Tier unterscheidet und ihn überlegener macht, ist dieses seelische Selbst und der in ihm vorhandene göttliche Hauch.

Eine der wichtigsten Lehren der monotheistischen Religionen, die durch die Propheten der Menschheit verkündet wurde und ihre Bedeutung und Relevanz im Laufe der Historie beibehalten hat und durch große Weisen der Welt zum Ausdruck gebracht wurde, ist der Satz: „Oh Mensch! Erkenne dich selbst.“ Imam Ali (a.s.) sagte im Zusammenhang mit der Wichtigkeit der Selbsterkenntnis den folgenden Ausspruch: „Die beste Erkenntnis ist die Selbsterkenntnis [1] und die Selbsterkenntnis ist die nützlichste Erkenntnis.“ [2]

Die notwendigste Erkenntnis für einen Menschen ist seine Erkenntnis im Bereich seines Selbst, seines Bewusstseins darüber, woher er gekommen ist, wohin er sich bewegt und mit welcher Strategie sein jenseitiges Leben bestrebt wird. Wer sich selbst nicht erkennt, sich seiner Mängel, seiner Schwächen und seiner potenziellen Fähigkeiten nicht bewusst ist, der wird nie nach Selbsterziehung, Selbstläuterung und Erlangung der menschlichen Vollkommenheit streben. In diesem Zusammenhang sagte Sokrates: „Bemühe dich nicht umsonst, um die seelenlosen, dürren Gegenstände zu erkennen. Erkenne dich selbst, denn die Erkenntnis des Selbst ist höher als die Erkenntnis der Geheimnisse der Natur.“ [3]

In dem Buch „Das ist meine Religion“ sagt Gandhi Folgendes: „Ich habe durch das Lesen der Upanishaden [4] drei Prinzipien verstanden, die ein ganzes Leben für mich eine Anweisung waren:

  1. In der Welt gibt es nur einen einzigen Weg zur Erlangung der Wahrheit und dieser ist die Erkenntnis des Selbst.
  2. Wer sich erkennt, der erkennt auch Gott.
  3. Es gibt nur eine wahre Macht, Freiheit und Gerechtigkeit und diese sind die Fähigkeit der Selbstbeherrschung, die Erlösung des Selbst von jedem anderen Menschen, von jeder anderen Sache und die Erreichung der Mäßigkeit im Wesen. Wer sich beherrscht, der wird andere Dinge auch beherrschen.“ [5]

Alexis Carrel, der bekannte westliche Physiologe und Biologe, sagte: „Wir haben bei der Herstellung der Instrumente des Komforts und der Schnelligkeit der Arbeit große Fortschritte gemacht. Aber wir haben keineswegs uns selbst gekannt. In Wahrheit haben wir uns selbst vernachlässigt und folglich konnten diese wissenschaftlichen Fortschritte uns nicht glücklich machen.“ [6]

Die Vorteile der Selbsterkenntnis

  1. Wenn der Mensch sich gut kennt, hat er einen großen Schritt auf dem Weg Allahs unternommen. Allahs Gesandter sagte: „Wer sich selbst erkannt hat, hat in Wahrheit Allah erkannt.“ [7]
  2. Der Mensch begreift durch die Selbsterkenntnis die Würde der Seele und die Größe dieses großartigen göttlichen Geschöpfs und versteht, dass dieses wertvolle Wesen nicht gegen einen geringfügigen Preis getauscht und leicht aus der Hand gegeben werden sollte. Wenn der Mensch seinen Wert erkennt, lässt er sich nicht demütigen. Nur diejenigen, die ihre Größe und Würde nicht erkannt haben, lassen sich von dem schlechten Charakter und den Lastern beherrschen und verderben ihre reine Seele. [8]
  3. Der Mensch versteht durch die Selbsterkenntnis die Gefahren der seelischen Begierden und deren Gegensätzlichkeit zu seiner wahren Glückseligkeit und bereitet sich für den Widerstand gegen sie vor. Es ist offenkundig, dass jemand, der sich nicht kennt, gleich jemandem ist, der von den Feinden, deren Anwesenheit er ahnungslos ist, umringt wurde. Eine solche Person würde sich natürlich nicht für den Widerstand gegen die Feinde vorbereiten und anschließend den schweren Angriffe dieser Feinde ausgesetzt sein.
  4. Der Mensch versteht durch die Selbsterkenntnis verschiedene Fähigkeiten, die zur Entwicklung und zum Fortschritt seitens Allahs in der menschlichen Natur festgelegt wurden. Er wird dazu ermutigt, sich um die Entwicklung dieser Fähigkeiten zu bemühen, seine inneren Schätze hervorzubringen und sein Wesen zu manifestieren.
  5. Der Mensch bewertet sich durch die Erkenntnis des Selbst, reduziert die schlechten Eigenschaften und versucht, seine guten Eigenschaften zu stärken. Schließlich versteht er, was er im Leben tun und wie er sich verhalten muss. Imam Ali (a.s) sagte in diesem Zusammenhang: „Der Mensch wird durch seine Beachtung seines Selbst zur eigenen Verbesserung veranlasst.“ [9]

Aspekte der Selbsterkenntnis

1. Die Selbstbetrachtung: Es gibt im Heiligen Koran viele Verse, die den Menschen zur Selbstbetrachtung und zur Aufmerksamkeit auf seine wundervolle Schöpfung aufrufen. Zum Beispiel heißt es im Vers 5 der Sure Al-Tariq: „Der Mensch soll darüber nachdenken, woraus er erschaffen wurde.“

2. Die Entdeckung der Fähigkeiten: Jede Person besitzt unter der Beachtung der stabilen Aspekte seiner Natur und Persönlichkeit, die durch den Willen Allahs in ihrem Wesen festgelegt sind, spezifische Begabungen, die sie von anderen unterscheiden. Der Mensch sollte am Anfang diese Begabungen entdecken, damit er den Weg des Erfolgs unschwer gehen kann. Imam Ali (a.s.) sagte diesbezüglich: „Der Mensch, der seinen Wert nicht kennt, erleidet Vernichtung.“ [10] Das Problem vieler Menschen ist, dass sie ihre Fähigkeiten und psychische und körperliche Konditionen nicht erkannt haben oder nicht wissen, für welchen Zweck und für welche Zukunft sie erschaffen wurden.

3. Das Erkennen des eigenen Wertes: Einer der Aspekte der Selbsterkenntnis ist das Erkennen des Wertes und der Größe des Menschen. Der Mensch, der ein Lichtstrahl der göttlichen Seele und der Ort der Manifestation der göttlichen Eigenschaften ist; der Mensch, der Gottes Statthalter auf Erden ist und dem die Engel Dienst erweisen müssen. Wenn wir durch die Betrachtung des menschlichen Inneren unseren wesentlichen Wert entdecken, werden wir unsere Würde spüren, d.h. wir werden erkennen, dass die Demütigung mit solch einem wertvollen Geschöpf nicht vereinbar ist. Lügen, Heuchelei und Demütigung sind nicht kompatibel mit dem Menschen. Manchmal gerät der Mensch jedoch wegen seiner Unwissenheit und Vernachlässigung seiner menschlichen Identität in Störungen und wird zu einem Gefangenen seiner Begierde. [11]

4. Die Kompetenzen: Einer der Aspekte der Erkenntnis ist es, dass der Mensch nicht Höheres verlangt als seine Kompetenz tragen kann oder sich in die Bereiche, in denen er nicht spezialisiert ist, nicht vergeblich einmischen sollte. Imam Ali (a.s) sagte in diesem Zusammenhang: „Wer seine Stellung nicht überschreitet, den werden die Menschen ehren und wer seine Stellung überschreitet, den werden die Menschen verachten.“ [12] Ein weiterer Ausspruch lautet: „Wer sich auf sein Maß beschränkt, für den ist es langfristiger (dauerhafter).“ [13]

5. Die Empfindlichkeiten: Die Selbsterkenntnis kann nur dann erfolgen, wenn man sich seiner Mängel und Schwächen bewusst ist. Eine solche Erkenntnis wird uns ermöglichen, uns um die Beseitigung unserer Mängel zu bemühen, uns nicht in Selbstgefälligkeiten zu verwickeln, uns in Schwierigkeiten des Lebens rational zu verhalten und unsere eigenen Schwächen in Betracht zu ziehen. Imam Ali (a.s.) sagte: „Sei dir deiner selbst nicht unbewusst. Denn wer sich selbst unbewusst ist, wird sich jeder Sache unbewusst.“ [14]

6. Die Beziehung zu Allah und zur Welt: Eine der Dimensionen der Selbsterkenntnis ist, dass man die Beziehung zwischen sich und dem Schöpfer und die Beziehung zwischen sich und der Welt, die nach dem Tod kommen wird, erkennt. Imam Ali (a.s) sagte in diesem Zusammenhang: „Allah segne denjenigen, der weiß, woher er gekommen ist, wo er sich befindet und wohin er geht.“ [15]

7. Die Betrachtung der positiven Punkte: Die Erkenntnis der wichtigen Lebensaspekte, der persönlichen Erfolge und Siege ist eine weitere Dimension der Selbsterkenntnis. Manchmal fühlt man sich bei der Konfrontation mit alltäglichen Problemen schwach und hilflos und verliert sein Selbstvertrauen. In so einem Fall, in dem der Mensch den Glauben an sich selbst aus der Hand gegeben hat, wird ihm die Erinnerung an die vergangenen Erfolge und Siege in der Fortsetzung des Lebensweges voller Höhen und Tiefen, Hoffnung und Ausdauer bescheren.

Ein Test für die spirituelle Selbsterkenntnis

    Ja Nein Punkte
1 Haben Sie bis zum jetzigen Zeitpunkt über Ihre Schwächen ernsthaft nachgedacht?      
2 Sind Sie hinsichtlich der Erkennung Ihrer eigenen Schwächen so sorgfältig und aufmerksam, so wie Sie hinsichtlich der Schwächen anderer sind?      
3 Haben Sie all Ihre Bemühungen ausgeschöpft, um Ihre Schwächen zu verbessern?      
4 Nehmen Sie Kritik an und ziehen Sie von den Kritiken anderer Nutzen?      
5 Befolgen Sie moralische und religiöse Lehren? Kennen Sie alle Pflichten [Wadjibat] und erfüllen Sie diese?      
6 Fühlen Sie sich den religiösen Werten, wie z.B. Gottesdienst, Bittgebet, Wohltat usw. gebunden?      
7 Lesen Sie religiöse Publikationen?      
8 Wie reagieren Sie, wenn Sie zu einer Versammlung, in der Sünde begangen wird, eingeladen werden? Protestieren Sie dagegen?      
9 Macht es Sie traurig, wenn Sie Sünden begehen?      
10 Haben Sie für die Stärkung Ihrer Religiosität und Spiritualität einen bestimmten Plan (z.B. Teilnahme an religiösen Anlässen)?      
11 Sind Ihre Freunde und Bekannte religiös?      
12 Gab es eine religiöse Fragestellung in ihrem Leben, nach deren Antwort Sie gestrebt haben?      

Mit der Auseinandersetzung der folgenden Fragen kommen Sie der Erkenntnis Ihres persönlichen spirituellen Zustandes näher: Geben Sie jeder positiven Antwort 5 Punkte und zählen sie anschließend Ihre Punkte zusammen. Wenn Sie zwischen 60 und 45 Punkte erreichen, ist das sehr gut. Wenn Sie zwischen 45 und 30 Punkte erreicht haben, ist das mittelmäßig. Wenn Sie unter 30 Punkten liegen, ist ihr spiritueller Seelenzustand als eher schwach zu bezeichnen.

Maryam Erfaniyan

Anmerkungen: [1] Ghurar al-Hikam, H. 4631. [2] Ebd. H. 4640 und 4665. [3] Hasanzadeh Amoli: Marifate Nafs, B. 2, S. 302. [4] Die Upanishaden sind eine Sammlung philosophischer Schriften des Hinduismus und Bestandteil der Veda. [5] Motahhari, Morteza: Insane Kamil, S. 138; Falsafaye Achlaq, S. 195. [6] Kafi, Hassan, Schenakht-e Islam, B. 2, S. 529. [7] Bihar al-Anwar, B. 2, S. 32. [8] Ebd. S. 40. [9] Ghurar al-Hikam, B. 6, S. 176. [10] Nahdsch-ul-Balagha, Predigt 149. [11] Motahhari, Morteza: Talim wa Tarbiyat, S. 222 und 235. [12] Vgl. Ghurar al-Hikam, 4671 und Wasail-al-Schia, B. 11, S. 425. [13] Nahdsch-ul-Balagha, Predigt 31.