Fragen zu den menschlichen Trieben und zur Nachahmung

„Der allwissende Gott weiß, dass die meisten Menschen ihren Aggressionen, Gelüsten und Trieben ausgesetzt sind und dadurch Sünden begehen. Warum hat Er dennoch diese Begierden in den Menschen erschaffen?“

a) Die Philosophie des Vorhandenseins der Triebe

Das Stillen der verschiedenen körperlichen und psychischen Bedürfnisse des Menschen ist von vielen unterschiedlichen Kräften abhängig. Die Sexualitäts-, die Aggressions-, die Vorstellungs- und die Vernunftskraft haben alle jeweils bestimmte Funktionen im privaten und gesellschaftlichen Leben der Individuen. Betrachten wir alle Bereiche des menschlichen Seins, erkennen wir, wie wichtig das Vorhandensein dieser Bedürfnisse und Affekte für den Menschen sein können, vor allem dann, wenn wir uns das Ziel der Erschaffung des Menschen, sein Leben im Diesseits und im Jenseits, vor Augen führen. Zur genaueren Erläuterung von Bedürfnissen muss zunächst unterschieden werden zwischen physischem bzw. tierischem Verlangen sowie geistigen Neigungen.

1. Zu den geistigen Neigungen, die angeboren sind, gehören: Der Wunsch nach dem Erkennen Gottes, der Drang nach Vervollkommnung, nach tugendhaftem Handeln, die Liebe zum Guten, das Streben nach Wissen und nach Erkenntnis. Diese im Wesen der Menschen verankerten Neigungen verhelfen zur Vervollkommnung. Ohne diese höheren Bedürfnisse des Geistes und der Seele wäre der Mensch bedeutungslos und würde in seinem Verlangen einem Tier gleichen.

2. Die tierischen Bedürfnisse sind die materialistisch und physisch orientierten Begierden des Menschen, die seine Existenz sichern. Zweifellos wäre die Fortpflanzung, die das Fortbestehen der Menschen sichert, ohne die ursprüngliche Neigung zur Sexualität nicht möglich. In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass Triebe, wie der Sexualitätstrieb und der Aggressionstrieb, zu den wichtigsten Instrumenten der göttlichen Prüfung gehören. Entsprechend dem Verhalten des Menschen prägen sich die eher positiven und die eher negativen aus. Nicht zu vergessen ist, dass der Mensch den höchsten Platz der göttlichen Schöpfungen einnimmt und als einziger die Vollkommenheit erreichen kann. Die Bedingung für das Vorhandensein des Willens nach Vervollkommnung ist mit der Existenz unterschiedlicher Wege und Möglichkeiten verbunden, zwischen denen der Mensch letztendlich selbst entscheiden kann.

Mit anderen Worten ausgedrückt: Der Mensch müsste aus zwei gegensätzlichen Neigungen (z.B. transzendentale und materialistisch-orientierte Neigung) wählen, damit er sich aus freien Stücken für einen Weg entscheiden kann. So ist das Streben nach Vollkommenheit und nach der Erkenntnis freiwillig und dem Menschen überlassen. Ob er sich dem Guten oder dem Schlechten hinwendet, die Wege, die er einschlägt, stehen ihm offen. Deshalb sind die Triebe für die Entscheidungsfähigkeit überaus relevant. Zur wahren Erkenntnis kann der Mensch somit nur durch das parallele Existieren des Verstandes, des Herzens, und der Sexualitäts- und Aggressionskräfte gelangen. Wenn der Mensch die Kontrolle über die sinnlichen Begierden wahren kann, erlangt er die Möglichkeit, den Weg zum Paradies zu finden.

b) Die Sichtweise des Islam zu den menschlichen Trieben

Die islamische Betrachtungsweise in Bezug auf die Triebe des Menschen ist weder negativ noch ablehnend. All die menschlichen Instinkte bilden einen bedeutungsvollen Teil der weisen Schöpfung Gottes. Diesen inneren Antrieben werden sinnvolle, fordernde und hilfreiche Funktionen zugeordnet. Dem Islam zufolge dürfen jedoch körperliche Bedürfnisse nicht unkontrollierbar und uneingeschränkt sein und sich gegenüber den wesentlichen transzendental geprägten Neigungen hervorheben. Im Übrigen ist das richtige und gesunde Maß der Auslebung der Affekte und Gefühle auf dem Weg der menschlichen Entwicklung und Vervollkommnung eine vom Islam als notwendig betonte Angelegenheit.

c) Die Kontrolle der Bedürfnisse

Die menschlichen Bedürfnisse und Begierden besitzen eine relevante Eigenschaft: Sie sind kontrollierbar. Die Kontrolle, von der hier die Rede ist, kann nicht mit dem Unterdrücken der genannten Bedürfnisse gleichgesetzt werden. Vielmehr kann die eigene Kontrolle einer Zügellosigkeit entgegenwirken. Die nachfolgend aufgeführten Punkte sind einige wesentliche Faktoren, die für das Kontrollieren der Begierden von Bedeutung sind:

  1. Das Bestehen der geistigen Neigungen: Zu diesen Neigungen gehören beispielsweise das Gewissen und die angeborene Güte des Menschen, die mit exzessiven Neigungen kämpfen.
  2. Die Vernunft und die Weisheit: Das Wissen und die Weisheit sind die inneren Wegweiser des Menschen, die ihn auf dem rechten Pfad leiten können. Dadurch können die Begierden und das menschliche Verhalten vernünftig angeleitet und das Ego auf reinem Weg geformt werden.
  3. Die Rechtleitung der Propheten: Die Lehren der heiligen Propheten gehören zu den beachtlichsten Fundamenten, durch die wir Menschen die richtige Art und Weise des Umgangs mit Bedürfnissen lernen können. So hat beispielsweise das Gebet einen erzieherischen Einfluss auf die Sinnlichkeit, so dass sich die spirituelle Dimension des Menschen optimal entwickeln und prägen kann.
  4. Die Kraft des eigenen Willens: Die Menschen verfügen über einen eigenen Willen und dies ist einer der wertvollsten Gaben des allwissenden Gottes. Diese Willenskraft kann gestärkt werden, um die schwierigsten Herausforderungen zu überstehen. Jugendliche verfügen über ausgeprägte Triebe, gleichzeitig aber auch über eine beachtliche Willensstärke und Widerstandsfähigkeit. Eine reine Seele und transzendentale Neigungen sind markante Aspekte, die parallel zu den physischen Bedürfnissen existieren. Im Heiligen Qur’an werden Heranwachsende wie der Prophet Yusuf (a.s.) und die Gefährten der Höhle erwähnt, die durch ihren tatkräftigen Willen gegenüber den gewaltigen Stürmen der Triebe standhalten konnten und als große Vorbilder in die Geschichte der Menschheit eingingen.
  5. Gottes Hilfe und Unterstützung: Die Gnade und der Segen Gottes begleiten den reinen Menschen jederzeit und bedingungslos. So heißt es in der 29. Sure des Heiligen Qur’an (Al-Ankabut), im Vers 69: „Und diejenigen, die in Unserer Sache wettfeiern – Wir werden sie gewiss auf unseren Wegen leiten. Wahrlich, Allah ist mit denen, die Gutes tun.“ Gottes Gnade und Unterstützung ist laut dem Heiligen Qur’an nicht nur für Prophet Yusuf (a.s.) existent gewesen, sondern für alle Individuen, die sich von Sünden wahrhaftig distanzieren und auf einer reinen Ebene zu handeln versuchen.

d) Die Reue als Rückkehr zum Selbst

Es kann sein, dass zuweilen die eigene Willensstärke gegenüber den Trieben zu schwach ist, die eigentlichen Ziele besiegt werden und der Mensch Sünden begeht. Doch die Reue ist der Weg, die für jeden Vergebungssuchenden offensteht. So hat der erbarmungsvolle Gott den Menschen die Möglichkeit gegeben, jederzeit vom falschen Weg umzuschlagen und sich in Richtung der wahren Erkenntnis zu bewegen. Zusammenfassend kommen wir zu dem Entschluss, dass einerseits das Bestehen der unterschiedlichen Triebe und Bedürfnisse notwendig ist, und andererseits dem Menschen viele Möglichkeiten und Ressourcen gegeben wurden, durch die er sich entwickeln kann und nicht von seinen Bedürfnissen gelenkt wird.

„Weshalb braucht der Mensch eine Instanz der Nachahmung (Mardscha at-Taqlid) als Vorbild? Was ist die Philosophie der Nachahmung?“

Das Erkennen und Verstehen der Wahrheit und Botschaft des Heiligen Qur’an ist nicht einfach zu erfassen. Deshalb brauchen die Lehren des Heiligen Qur’an eine genaue, detaillierte und professionelle Analyse, damit alle Richtlinien des bevorzugten Verhaltens entnommen werden können. Für das Verständnis des Heiligen Qur’an benötigt man bestimmte Voraussetzungen. Hierzu gehören das Vertraut sein mit dem Verständnis der Logik der Aussagen des Heiligen Qur’an, die Unterscheidungskompetenz zwischen den authentischen und unrichtigen Überlieferungen [Hadith] und das Potenzial zum richtigen Erfassen und Erschließen der Aussagen. Diese Kenntnisse erfordern langjährige Studien. Folglich stehen den Muslimen drei Wege bereit:

  1. Das Erlernen und Erforschen der islamischen Wissenschaften, also der Idschtihad.
  2. Das Anpassen des eigenen Verhaltens an die vorgegebenen Richtlinien aller Nachahmungsquellen, sodass das Verhalten in dem Sinne ausgeführt wird, wie es von allen als richtig gewertet wird. Dies wird als die Vorsichtsentscheidung [ihtiyat] bezeichnet.
  3. Die Nachahmung [taqlid] eines Gelehrten, der über die genannten Kenntnisse verfügt.

Es ist offensichtlich, dass für die Person, die den Zustand des Idjtihad erreicht hat, die anderen beiden Wege nicht notwendig sind. Doch bis der Mensch sich soweit bilden kann, ist eine Wahl zwischen den letzteren genannten Wegen erforderlich. Da die zweite Möglichkeit viele Informationen erfordert und das alltägliche Leben erschweren könnte, wird meist die zuletzt genannte Handhabe, also die Nachahmung eines Vorbilds, bevorzugt. Ein Beispiel kann dies eventuell vereinfacht zum Ausdruck bringen: Ein Ingenieur, der erkrankt, steht vor drei Wahlmöglichkeiten. Entweder muss er ein Medizinstudium über sich ergehen lassen, bevor er sich selbst diagnostizieren und heilen kann, anderenfalls besucht er die verschiedensten Fachärzte und vergleicht die vielen Diagnosen, oder er lässt sich von einem ihm bekannten und bewerten einzigen Facharzt helfen.

„Die Nachahmung ist wie ein bedingungsloses Akzeptieren. Der menschliche Verstand kann nichts grundlos annehmen. Sollte der Mensch demgemäß die Richtlinien mit seinem Verstand prüfen?“

Es ist zweifellos, dass der Verstand und die Vernunft Prüfinstanzen sind, die nicht unbegründet und haltlos Entscheidungen treffen. Die Nachahmung ist jedoch in diesem Falle kein bedingungsloses Akzeptieren. Wenn ein Rechtsgelehrter [Mudjtahid] die Notwendigkeit der Fünftelabgabe [Khums] betont, bezieht er sich hierbei auf den 41. Vers der Sure Al-Anfal: „Und wisset, was immer ihr erbeuten möget, ein Fünftel davon gehört Allah und dem Gesandten und der Verwandtschaft und den Waisen und den Bedürftigen und dem Sohn des Weges, wenn ihr an Allah glaubt und an das, was Wir zu Unserem Diener niedersandten am Tage der Unterscheidung, dem Tage, an dem die beiden Heere zusammentrafen; und Allah hat Macht über alle Dinge.“ Dementsprechend akzeptiert der Imitator die Notwendigkeit der Khums nicht grundlos. Denn der Nachahmer ist sich im Klaren, dass es Pflichten gibt, die der zu erfüllen hat, und Taten, deren Ausübung widerrechtlich sein könnte. So sollte sich der Mensch bewusst innerhalb der Kenntnis seiner Aufgaben bewegen und sich erschließen, wie diese Aufgaben zu erfüllen sind. Hierbei braucht der Mensch einen Rechtsgelehrten, der sich mit diesen Fragestellungen auskennt. Auf dieser Grundlage handelt der Nachahmer bewusst und verstandesgemäß nach den Richtlinien des Rechtsgelehrten. Beziehen wir das zuvor genannte Beispiel mit dem erkrankten Ingenieur hierauf, würde das Aufsuchen des Arztes und die Ausführung der Therapie als eine weise Handlung angesehen werden und nicht als ein Mangel der Selbständigkeit bzw. als ein Mangel an eigenständiger Aufklärung.

„Taqlid bzw. die Nachahmung bezieht sich auf das Aufsuchen eines Wissenden. Der Grund, weshalb die Rechtsgelehrten die Menschen auf die Nachahmung hinweisen, ist, dass sie die Menschen als ungebildet und unwissend achten. Das ist der Grund, warum die heutige gebildete Generation nicht nach der Nachahmung greift. Weshalb besteht dann noch ein Grund, einen Rechtsgelehrten um Rat zu fragen?“

Zunächst ist es wichtig zu erwähnen, dass die Nachahmung keine negativen Zuschreibungen gegenüber den Menschen in sich birgt. Gemeint ist die Nachahmung in dem Sinne, dass ein Experte zum betroffenen Thema erfragt werden sollte. Jeder Mensch hat bestimmte Bildungsschwerpunkte. Wenn man einen Rechtsgelehrten nachahmt, so bedeutet dies nicht, dass man ungebildet oder unwissend sei. Nur im Bezug auf theologische Gesichtspunkte verfügt nicht jeder über detaillierte Kenntnisse. Jeder hat bestimmte intellektuelle Stärken und somit ist die Nachahmung nicht die Folge einer im negativen Sinne gemeinten Unwissenheit. Es ist heutzutage unmöglich, sich auf jedem wissenschaftlichen Gebiet auszukennen, seien es Naturwissenschaften, Rechtswissenschaften, Geisteswissenschaften oder Islamwissenschaften. So entstehen die individuellen Wissensschwerpunkte der Menschen. Infolgedessen ist jeder in seinem Bereich gelehrt. Die Nachahmung wird nicht nur von den Rechtsgelehrten vorgegeben. Sie ist verstandesgemäß ein Faktum, das nicht nur als Vorschrift angesehen werden sollte. Erst nachdem man sich einen Rechtsgelehrten ausgesucht hat und seine Anweisungen zu befolgen versucht, beginnt die Nachahmung.

Auf diese Weise ist die Nachahmung auch mit eigenständigen Denkprozessen verbunden. Die Qur’anverse und Überlieferungen betonen die Notwendigkeit der Nachahmung und das Befolgen des Verstandes. Im Heiligen Qur’an heißt es: „Und vor dir entsandten Wir (auch) nur Männer, denen Wir die Offenbarung gegeben haben; so fragt die, welche die Ermahnung besitzen, wenn ihr (etwas) nicht wisset.“(An- Nahl: 43) Imam Dschaafar As-Sadiq (a.s.) sagte einst: Diejenigen unter euch, die die Wächter der Religion sind, gegen unkontrolliertem Überschwang und den Lehren Gottes gehorsam bleiben, denen sollten die anderen nachahmen.“ [1] Zusammenfassend ergibt sich, dass das Vorurteil, die Rechtsgelehrten würden die Menschen als unwissend erachten, aus Missverständnissen entsteht, die die Beziehung zwischen den Menschen und den Rechtsgelehrten beeinträchtigten.

Anmerkung: [1] Sheikh Horre Ameli, Vasael Al-Shia, B. 27, S. 131.